Joseph Müller (* 30. Mai 1839 zu Ehrenbreitstein; † 18. Juni 1880 in Berlin) war ein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in wichtigen Positionen wirkender Musikbibliothekar und Musikredakteur.

Leben und Wirken Müller besuchte das Gymnasium zu Koblenz, das er 1861 mit dem Zeugnisse der Reife verließ, um sich danach in Bonn philosophischen und historischen Studien zu widmen. Der Klassische Philologe Friedrich Ritschl nahm ihn unter die Sekretäre der Universitätsbibliothek auf. Die bibliothekarische Tätigkeit sagte ihm so sehr zu, dass er den Entschluss fasste, das bibliothekarische Fach zu seinem Beruf zu machen.

Zunächst musste er eine Hofchronistenstelle bei Graf Nostiz in Böhmen annehmen und trat dann in Prag als Volontär bei der dortigen Universitätsbibliothek ein. Ende 1867 wurde er vom Oberbibliothekar der Königsberger Universitäts-Bibliothek Prof. Hopff dorthin berufen und ihm interimistisch die dritte Kustosstelle angeboten. Hopff konnte gegen den durchsetzungsfähigen Willen des Ersten Bibliotheks-Kustos die Müller versprochene spätere Fixierung dieser Stelle nicht einhalten, und so verlor Müller diese Anstellung im Herbst 1869 wieder.

Müller hatte aber die letzten Monate seines dortigen Aufenthaltes zur Katalogisierung der großen, bisher ungeordneten Gotthold’schen musikalischen Bibliothek, welche von der Universitätsbibliothek aufbewahrt war, genutzt. Diesen Katalog ließ er als völlig unbekannter Autor auf eigene Kosten drucken. Friedrich Chrysander, dem dieser Katalog in die Hände fiel, schrieb daraufhin ein Empfehlungsschreiben für Müller an den Künstlerischen Direktor der Berliner Königlichen Musikhochschule, Joseph Joachim, der sich 1871 gerade um ein neues qualitatives Konzept der Hochschule mit entsprechendem Personal bemühte, und fand „in diesem Buche den ersten wirklich wissenschaftlichen Musikkatalog“.Siehe dieses Schreiben in der Bibliothek des Staatlichen Instituts für Musikforschung (Preußicher Kulturbesitz), Berlin, SIMPK: D-Bim: Brief-Nachlass Joseph Joachim, SM 12/1957-1305, Kasten 9, Doc. orig. Friedrich Chrysander 29, zitiert bei Dörte Schmidt/Franziska Stoff,Akademische Präsentation und institutioneller Kontext. Joseph Joachims Projekt einer Hochschule für Musik als Universität und die Geschichte ihrer Bibliotheken, Sammlungen und Archive, in: Musikwissenschaft 1900-1930. Zur Institutionalisierung und Legitimierung einer jungen akademischen Disziplin, herausgegeben von Wolfgang Auhagen, Wolfgang Hirschmann und Tomi Mäkelä, Hildesheim 2017, S. 110-61. In dem dokumentarischen Anhang zu diesem Beitrag ab S. 153 wird auch ein von Chrysander recherchierter und formulierter Lebenslauf Müllers als Ergänzung zu dessen Empfehlungsschreiben abgedruckt, vom 12. 12. 1871, der hier verwertet wurde. Auch Philipp Spitta äußerte sich seinem Nachruf auf Müller 1880 über diesen Katalog enthusiastisch, er sei „eine der besten bibliographischen Leistungen unserer Zeit und in seiner Art ein Meisterwerk“.Philipp Spitta, Traueranzeige für Joseph Müller in der von Chrysander redigierten Allgemeine musikalische Zeitung 1880, vom 30. Juni, S. 414. Joachim folgte der Empfehlung Chrysanders und bestellte Müller zum Sekretär und Bibliothekar an die Berliner Musikhochschule, wo er, allerdings von Krankheiten geplagt, dieses Amt von Mai 1872 bis zu seinem frühen Tod sorgfältig und gewissenhaft ausführte, indem er die Grundlagen für den Aufbau und den Fortbestand der bis heute existierenden Bibliothek (Musikabteilung der Bibliothek der Universität der Künste Berlin) legte.

Ab Juli 1871 hatte ihm Chrysander bereits die Redaktion der bis Juni von ihm selbst redigierten Allgemeine musikalische Zeitung (AmZ) übertragen. Müller übte die bedeutende und arbeitsreiche Funktion bis Ende 1874 aus. Zu den Beiträgen des Redakteurs Müller in der von ihm redigierten Zeitschrift schrieb der Bearbeiter der Bände für das Répertoire international de la presse musicale, Karl Kügle: „Nur einige wenige Aufsätze über historische Themen lassen sich zweifelsfrei als Werke von Joseph Müller identifizieren, so ein Bericht über die Festlichkeiten zu Ehren von Marie Antoinette in Freiburg im Jahr 1770, ein Beitrag über das Musikverlagswesen in Italien um 1700 und eine Rezension zur altgriechischen Musik. Es darf jedoch davon ausgegangen werden, dass eine beträchtliche Anzahl unsignierter Beiträge aus der Zeit seiner Redaktionsführung ebenfalls von ihm verfasst wurde.“Siehe Karl Kügle, Einleitung zum 4-bändigen RIPM-Katalog der AmZ (2. und 3. Serie, 1863-82), Baltimore 1995, S. XX, online: https://ripm.org/assets/files/introductions/AMZintroor.pdf.

Im Laufe des Jahres 1874 wurde Müller gerichtlich verurteilt, weil einer Klage von Robert Eitner, dem Redakteur der Monatshefte für Musik-Geschichte und Vorsitzenden der von ihm gegründeten und geleiteten Gesellschaft für Musikforschung (1863–1904) stattgegeben worden war. Müller hatte Eitner eines monopolistischen, großsprecherischen, falsche Tatsachen vortäuschenden und eigennützigen Verhaltens bezichtigt, wofür er wegen Verleumdung verurteilt wurde. Wegen dieser Affäre kam es auch zu einem Zerwürfnis mit Chrysander, der ab 1875 wieder die Redaktion der Allgemeinen musikalischen Zeitung übernahm.

Müller war anfänglich auch Mitarbeiter der von Robert Eitner herausgegebenen Monatshefte für Musik-Geschichte, bis es 1872 zum Bruch und anschließend zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kam. Er eröffnete dort eine kleine Serie: Beiträge zur Literatur und Geschichte der Tonkunst (Jahrgang II, Hefte 1 und 3) und wurde als Unterzeichner des Aufrufs zur Rettung der nachgelassenen Bibliothek von Otto Jahn für deutsche Bibliotheken genannt (zusammen mit Eitner und Otto Kade, Jahrgang II, Heft 1).

Zu dem mit Heinrich Bellermann und Gustav Jacobsthal über die Berliner Singakademie (in deren Montagsabenden bei Eduard Grell gemeinsam ältere Gesänge in alten Tongeschlechtern und reiner Stimmung gesungen wurden) befreundeten Joseph Müller (er hatte Jacobsthals Dissertationsschrift über die Mensuralnotenschrift des 12. und 13. Jahrhunderts in Auszügen in der AmZ veröffentlicht und deren Rezension durch Eduard Krüger veranlasst) gibt es auch sein Schicksal betreffende Mitteilungen in den Briefen von Jacobsthal an Bellermann.Siehe die auszugsweisen Zitate aus diesen Briefen in: Peter Sühring, Gustav Jacobsthal, ein Musikologe im deutschen Kaiserreich. Musik inmitten von Natur, Geschichte und Sprache. Eine kultur- und ideengeschichtliche Biographie mit Dokumenten und Briefen, Hildesheim 2012, passim.

Schriften Die musikalischen Schätze der Königlichen und Universitäts-Bibliothek zu Königsberg in Preußen aus dem Nachlasse Friedrich August Gotthold’s: nebst Mittheilungen aus dessen musikalischen Tagebüchern; ein Beitrag zur Geschichte und Theorie der Tonkunst, Bonn 1870.

Literatur Dörte Schmidt/Franziska Stoff, Akademische Präsentation und institutioneller Kontext. Joseph Joachims Projekt einer Hochschule für Musik als Universität und die Geschichte ihrer Bibliotheken, Sammlungen und Archive, in: Musikwissenschaft 1900 1930. Zur Institutionalisierung und Legitimierung einer jungen akademischen Disziplin, herausgegeben von Wolfgang Auhagen, Wolfgang Hirschmann und Tomi Mäkelä, Hildesheim 2017, S. 110-61, online: https://www.udk-berlin.de/fileadmin/2_dezentral/Universitaetsbibliothek/Universitaetsbibliothek/PDF/SD_Schmidt_Stoff.pdf

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