Die Folketingswahl in Grönland wird seit 1953 regelmäßig abgehalten. Dabei werden zwei in Grönland gewählte Abgeordnete in das Folketing, das Parlament des Königreichs Dänemark, gewählt.
Gesetzliche Grundlage und aktuelles Wahlrecht Die aktuelle Fassung des Gesetzes Nr. 845 zur Folketingswahl in Grönland von 1988 stammt von 2023. Wahlberechtigt sind mündige dänische Staatsbürger ab 18 Jahren, die in Grönland als Wähler registriert sind. Dies sind die Personen, die ihren Wohnsitz in Grönland haben sowie auf Antrag im Ausland lebende Personen, die ihren letzten Wohnsitz in Grönland hatten. Man kann sowohl für eine Partei als auch als parteiloser Kandidat mit oder ohne Kandidatenverbund kandidieren, wobei parteilose Kandidaten 100 Unterschriften für ihre Kandidatur vorweisen können müssen. Eine Partei muss jedoch im Inatsisartut vertreten sein, um Kandidaten aufstellen zu können. Die zwei Mandate fallen anschließend der Partei oder dem parteilosen Kandidaten(verbund) zu mit den höchsten Quotienten, wenn die Stimmen durch 1 und 2 geteilt werden (D’Hondt-Verfahren). In der Praxis heißt dies, dass die Partei mit den meisten Stimmen das erste Mandat gewinnt. Wenn diese mindestens doppelt so viele Stimmen wie die zweitplatzierte Partei erreicht, gewinnt sie auch das zweite Mandat, ansonsten fällt dieses an die zweitplatzierte Partei.Bekendtgørelse af lov om folketingsvalg i Grønland (Nr. 1167, 8. September 2023). Retsinformation.
Geschichte Grönland war von 1721 bis 1953 eine Kolonie Dänemarks. Mit einer Änderung des dänischen Grundgesetzes am 5. Juni 1953 wurde Grönland dekolonisiert und eigenständiger Teil des Königreichs Dänemark. Im Grundgesetz wurde festgeschrieben, dass von den 179 Abgeordneten des Folketings je zwei auf den Färöern und in Grönland gewählt werden sollen. Zugleich wurde das Gesetz Nr. 173 zur Folketingswahl in Grönland eingeführt. Anfangs war Grönland in zwei Wahlkreise geteilt, die den früheren Inspektoraten Nordgrönland und Südgrönland entsprachen.Rigsdagsårbog 1952/53 II. S. 518–522. folketingstidende.dk. Erst 1964 wurde auch in den Landesteilen Nord- (Avanersuaq) und Ostgrönland (Tunu) das Wahlrecht eingeführt.Folketingstidende 1963/64 I. Anhang C. S. 675–684. folketingstidende.dk. 1974 wurden die beiden Wahlkreise vereinigt, sodass seither alle grönländischen Kandidaten in ganz Grönland gewählt werden können.Folketingstidende 1973/74 II. Anhang C. S. 257–266. folketingstidende.dk. Erst Ende der 1970er Jahre wurden die heutigen grönländischen Parteien gegründet. Bis einschließlich 1998 trat jeder Kandidat mit einem oder zwei persönlichen Stellvertretern an; seither fungieren die nächstplatzierten Kandidaten der jeweiligen Partei als Stellvertreter.Lov om ændring af lov om folketingsvalg i Grønland. (Nr. 822, 25. November 1998). Retsinformation.
Politische Streitigkeiten Da die vier nordatlantischen Mandate mit den aus Dänemark stammenden Abgeordneten gleichberechtigt sind, können diese bei engen politischen Entscheidungen das Zünglein an der Waage sein. Während die färöischen Abgeordneten bereits Parteien angehörten, waren die beiden grönländischen Abgeordneten bis in die 1970er Jahre unabhängig und auch der Abgeordnete der Schleswigschen Partei enthielt sich üblicherweise. Bei der Folketingswahl 1960 erreichten die Socialdemokratiet und Radikale Venstre zusammen 87 Mandate und die färöische Schwesterpartei der Socialdemokratiet, Javnaðarflokkurin, erreichte ein Mandat. Dadurch, dass der in Grönland gewählte Däne Mikael Gam von Viggo Kampmann zum Grönlandminister ernannt wurde, erreichte die Regierung Kampmann II eine knappe Mehrheit von 89 zu 88 Mandaten.Henrik S. Nissen: Velstand og velfærd. Gyldendal og Politikens Danmarkshistorie.Folketingsvalget 1960. Danmarkshistorien.
Etwas Ähnliches geschah bei der Folketingswahl 1971: Die bisherige Mitte-Rechts-Koalition aus Radikale Venstre, Det Konservative Folkeparti und Venstre verlor ihre Mehrheit und kam nur noch auf 88 Mandate, während die Socialdemokratiet und die Socialistisk Folkeparti zusammen 87 Mandate erreichen konnten. Die Wahl auf den Färöern fand erst zwei Wochen später statt, sodass bis dahin keine Mehrheit erreicht war. Koalitionsverhandlungen zwischen Radikale Venstre und Socialdemokratiet scheiterten ebenfalls. Der in Grönland gewählte Knud Hertling unterstützte die Socialdemokratiet, während Moses Olsen zwar andeutete, ebenfalls eine linke Regierung zu unterstützen, sich damit aber noch zurückhielt. Nach der Wahl auf den Färöern erreichten beide Seiten jeweils 89 Mandate und Moses Olsen, der sich schließlich politisch am meisten auf Seiten der Socialistisk Folkeparti sah, verlieh der Regierung Krag III die notwendige Mehrheit. Knud Hertling wurde zum Grönlandminister ernannt und ist bis heute der einzige ethnische Grönländer, der je in Dänemark ein Ministeramt bekleidet hat. Der Verlauf wurde vor allem in Dänemark als großer politischer Skandal angesehen und Moses Olsen musste nach Drohungen zeitweise an einer geheimen Adresse wohnen.Folketingsvalget 1971. Danmarkshistorien.Kaare R. Skou: Kaare: Fire mandater med stor vægt. TV 2 (22. Januar 2008).Kurt Kristensen: Grønland kan for 3. gang blive kongemager. Sermitsiaq.AG (13. März 2026).Tim Knudsen: Nordatlantiske tunger på vægtskålen. Kristeligt Dagblad (18. Juni 2015).
Üblicherweise dürfen die nordatlantischen Abgeordneten zwar Regierungen stützen, allerdings ist es unüblich, dass diese sich in dänische politische Angelegenheiten einmischen. Gegen dieses ungeschriebene Gesetz hatte vor allem Moses Olsen verstoßen, dessen Stimme bei jeder Abstimmung notwendig war, um die Gesetzesvorschläge der Regierung durchzubringen.Ulrik Pram Gad, Annemette Nyborg Lauritsen, Jon Rahbek-Clemmensen, Ella Sigrid Loft, Mette Marie Stæhr Harder, Søren T. Thuesen: De grønlandske folketingsmedlemmer. Trap Grønland.Lars Bille, Ulrik Gad: grønlandske folketingsmedlemmer. Danmarks Nationalleksikon. Seit der Einführung der Parteien in Grönland sind normalerweise alle grönländischen Abgeordneten wie die färöischen entweder dem linken oder dem rechten Block zuzuordnen. Jedoch bildeten die vier nordatlantischen Abgeordneten von 2001 bis 2011 die Nordatlantische Gruppe im Folketing, die allerdings keinem Fraktionszwang unterlag. Auch bei der Folketingswahl 2022 erreichte die Regierung Frederiksen II nur die notwendige Mehrheit, weil alle vier nordatlantischen Abgeordnete die über die politische Mitte gebildete Koalition unterstützten, ebenso wie dies bereits 1998, 2007, 2011 und 2015 der Fall gewesen war. Im Voraus der Folketingswahl 2026 drohten die grönländischen Parteien damit, nicht mehr automatisch einen Block zu unterstützen, solange dies nicht mit Zugeständnissen zugunsten Grönlands einhergeht.Thomas Prakash, Lasse Lindegaard: Blå eller rød blok? Partier sår tvivl om de grønlandske mandater. DR (28. Februar 2026).
Die Anwesenheit der grönländischen und färöischen Abgeordneten hat somit häufig zu politischen Debatten geführt, sodass auf den Färöern 2025 und in Grönland 2026 die Abschaffung der nordatlantischen Mandate vorgeschlagen wurde.Anders Dall: Opbrud: Politikere i Grønland og Færøerne vil genoverveje at sende mandater til Folketinget. DR (18. März 2026).
Statistik
Wahl Gewählte Kandidaten (Anzahl Kandidaten)Nordgrönland Südgrönland 1953 Frederik Lynge (3) Augo Lynge (5) 1957 Frederik Lynge (2) Augo Lynge (1) 1960 Mikael Gam (5) Nikolaj Rosing (3) 1964 Knud Hertling (2) Nikolaj Rosing (2) 1966 Knud Hertling (1) Nikolaj Rosing (4) 1968 Knud Hertling (2) Nikolaj Rosing (2) 1971 Knud Hertling (1) Moses Olsen (3) 1973 Lars Emil Johansen (2) Nikolaj Rosing (2)Vereinigung der Wahlkreise und Einführung von Kandidatverbünden Wahl Kandidatenverbund 1(Vorläufer Atassut) Kandidatenverbund 2(Vorläufer Siumut) Gewählte Kandidaten 1975 42,8 % (2) 57,2 % (2) Lars Emil Johansen (KV 2)Nikolaj Rosing (KV 1) 1977 47,7 % (3) 52,3 % (3) Lars Emil Johansen (KV 2)Otto Steenholdt (KV 1)Einführung der Parteien Wahl Atassut (A) Demokraatit (D) Inuit Ataqatigiit (IA) Partii Naleraq (PN)Naleraq (N) Siumut (S) Sonstige Kandidatenverbünde/Einzelkandidaten Gewählte Kandidaten 1979 44,9 % (4) — — — 44,1 % (3) Sulisartut Partiiat (SP): 11,0 % (2) — Otto Steenholdt (A)Preben Lange (S) 1981 48,9 % (4) — — — 37,7 % (3) — 13,4 % (2) Otto Steenholdt (A)Preben Lange (S) 1984 43,5 % (3) — 13,7 % (2) — 42,8 % (3) — — Otto Steenholdt (A)Preben Lange (S) 1987 41,3 % (3) — 12,5 % (2) — 43,3 % (2) Issittup Partiia (IP): 3,0 % (2) — Hans Pavia Rosing (S)Otto Steenholdt (A) 1988 38,7 % (3) — 17,3 % (2) — 40,1 % (2) Issittup Partiia (IP): 3,9 % (1) — Hans Pavia Rosing (S)Otto Steenholdt (A) 1990 36,6 % (3) — 17,0 % (3) — 42,8 % (1) Issittup Partiia (IP): 1,9 % (1) 1,7 % (1) Hans Pavia Rosing (S)Otto Steenholdt (A) 1994 34,7 % (3) — — — — Akulliit Partiiat (AP): 7,4 % (1) 57,8 % (4) Hans Pavia Rosing (KV)Otto Steenholdt (A) 1998 36,1 % (4) — 20,7 % (3) — 36,5 % (3) Akulliit Partiiat (AP): 0,4 % (1) 5,4 % (2)0,1 % (1) Hans Pavia Rosing (S)Ellen Kristensen (A) 2001 22,1 % (3) — 30,8 % (3) — 25,9 % (3) — 19,0 % (2)2,1 % (2) Kuupik Kleist (IA)Lars Emil Johansen (S) 2005 16,4 % (4) 21,3 % (2) 25,0 % (4) — 33,6 % (4) — 3,6 % (2) Lars Emil Johansen (S)Kuupik Kleist (IA) 2007 16,3 % (4) 18,3 % (4) 33,2 % (4) — 32,2 % (4) — — Juliane Henningsen (IA)Lars Emil Johansen (S) 2011 7,6 % (4) 12,6 % (4) 42,6 % (4) — 37,2 % (4) — — Sara Olsvig (IA)Doris Jakobsen (S) 2015 7,6 % (2) 9,2 % (4) 39,2 % (4) 5,2 % (2) 38,9 % (5) — — Aaja Chemnitz (IA)Aleqa Hammond (S) 2019 5,5 % (2) 11,3 % (4) 34,4 % (4) 7,8 % (3) 30,3 % (4) Nunatta Qitornai (NQ): 8,1 % (1)Suleqatigiissitsisut (SA): 2,6 % (2) — Aaja Chemnitz (IA)Aki-Matilda Høegh-Dam (S) 2022 3,8 % (2) 19,0 % (2) 25,2 % (3) 12,5 % (3) 38,6 % (4) — 0,9 % (1) Aki-Matilda Høegh-Dam (S)Aaja Chemnitz (IA) 2026 10,9 % (4) 19,0 % (6) 29,2 % (6) 25,1 % (5) 16,8 % (6) — — Naaja H. Nathanielsen (IA)Qarsoq Høegh-Dam (N)
In einigen Fällen wechselten die Abgeordneten der jeweiligen Legislaturperiode nach der Wahl. So starb Frederik Lynge kurz nach der Wahl 1957 im Amt und wurde durch seinen Stellvertreter Elias Lauf ersetzt. Dasselbe Schicksal ereignete seinen Kollegen Augo Lynge 1959 beim Untergang der Hans Hedtoft, woraufhin der Stellvertreter Nikolaj Rosing den Sitz übernahm. Dieser verstarb 1976 im Amt und wurde durch seinen Stellvertreter Ole Berglund ersetzt. Vor allem im 21. Jahrhundert kommt es häufiger dazu, dass Abgeordnete für einige Wochen – beispielsweise aufgrund eines Doppelmandats – verhindert sind und deswegen von ihren Stellvertretern vertreten werden. 2016 kam es erstmals zu einem Parteiwechsel, als Aleqa Hammond erst die Siumut verließ und sich 2018 der Nunatta Qitornai anschloss. Aki-Matilda Høegh-Dam verließ 2025 die Siumut und trat (wie ihre Stellvertreterin Elvira Kûitse) der Naleraq bei. Von 1979 bis 2022 gelang es der Siumut jedes Mal ein Mandat zu erringen, bis sie es 2026 an die Naleraq verlor. Das zweite Mandat wurde bis 1998 von der Atassut erzielt und ab 2001 von der Inuit Ataqatigiit.
Die Politiker mit den längsten Amtsperioden sind Otto Steenholdt, der zwischen 1977 und 1998 rund 21 Jahre lang im Folketing saß, Lars Emil Johansen, der von 1973 bis 1979 und 2001 bis 2011 rund 16 Jahre im Parlament vertreten war, Nikolaj Rosing, der von 1959 bis 1971 und von 1973 bis 1976 rund 15 Jahre Abgeordneter war, sowie Hans Pavia Rosing mit einer Amtszeit von 14 Jahren zwischen 1987 und 2011.
Die grönländischen Abgeordneten sind häufig vergleichsweise jung: Lars Emil Johansen war 27 Jahre, Ellen Kristensen war 25 Jahre, Juliane Henningsen war 23 Jahre und Aki-Matilda Høegh-Dam war 22 Jahre alt, als sie erstmals ins Folketing gewählt wurden.
Weblinks Wahlbücher der Folketingswahlen (mit Ergebnissen aus Grönland). Danmarks Statistik.
Einzelnachweise
Gronland Kategorie:Parlamentswahl in Grönland