Mit der Fahrt der Pentcho versuchten über 500 jüdische Menschen über die Donau, das Schwarze Meer und das Mittelmeer auf einem seeuntüchtigen alten Flußraddampfer aus dem deutschen Einflussbereich durch illegale Einwanderung (Alija Bet) nach Palästina zu gelangen. Die Fahrt begann am 18. Mai 1940 in Bratislava und endete durch Schiffbruch im Oktober 1940 auf der unbewohnten Insel Kamilonísi (Καμηλονήσι). Die Passagiere wurden von der italienischen Marine gerettet und auf Rhodos und später in Ferramonti di Tarsia als feindliche Ausländer (enemy alien) interniert. Nur eine auf Rhodos zurückgebliebene vierköpfige Familie wurde bei der Deportation der Juden von Rhodos 1944 nach Auschwitz gebracht.
Hintergrund Der Revisionistische Zionismus unter Zeev Jabotinsky betrieb in den 1930er Jahren die illegale Einwanderung Alija Bet nach Palästina. Die Jugendbewegung Betar rekrutierte und bildete Jugendliche paramilitärisch diszipliniert für ein Leben im Palästina aus, während die Irgun an potentiellen Untergrundkämpfern und die Neue Zionistische Organisation (NZO) an politischen Anhängern interessiert war. Die Auswahl von Migrationskandidaten wurde zusätzlich erschwert, weil aus humanitären Gründen verfolgte Juden und aus finanziellen Gründen zahlungskräftige jüdische Emigranten zu berücksichtigen waren. Durch die politischen Umwälzungen (Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich, Münchener Abkommen sowie die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren) erhöhte sich der antisemitische Auswanderungsdruck entlang der Donau und insbesondere in Wien, Prag und Bratislava. Die Koordination und Unterstützung der einzelnen lokalen Auswanderungsvorhaben durch NZO-Büros in London und Bukarest erwies sich als schwierig. Mit dem Überfall auf Polen (Ausbruch des Zweiten Weltkriegs) wurden Transportmöglichkeiten immer knapper, teurer und unsicherer. Die Zentralstellen für jüdische Auswanderung (u. a. Wien und Prag) förderten zu der Zeit noch die Auswanderung auch durch die verdeckte Unterstützung bei der Beschaffung von Visa und Schiffen. Ein geplanter und schon angezahlter Transport der slowakischen Betar auf dem Schiff St. Bruek kam nicht zustande und die angedachte Mitnahme dieser Gruppe auf der Sakariya scheiterte aus Geldmangel.
Geschichte mini|hochkant|Alexander Citron
Die NZO in Bukarest erwarb den altersschwachen in Italien registrierten Donauraddampfer Stefano im Jahr 1939. Nach Umbauten und Reparaturen sollte das Schiff etwa 300 Passagiere von Bratislava ans Schwarze Meer bringen können. Während der Umbauten wurde die Stefano als Unterkunft für einen Teil der Passagiere der Sakariya genutzt, damit einige Frauen und Kinder im Winter 1940 auf einem beheizbaren Schiff ausharren konnten. Wegen der Gefahr eines italienischen Kriegseintritts wurde der notdürftig reparierte Raddampfer im neutralen Bulgarien unter dem neuen Namen Pentcho registriert. Als Kapitän wurde der invalide und morphiumsüchtige Weißrusse Markeyevitch angeheuert. Zoltan Schalk wurde für die behördlichen Genehmigungen und den Außenauftritt zuständig, während Alexander Citron im Alter von 22 Jahren das Kommando über die Passagiere führte. Für die Passagiere wurde ein Pro-Forma-Visum für die Einreise nach Paraguay beschafft. Zusätzlich zu den geplanten ca. dreihundert Betar-Mitgliedern mussten aus finanzieller Not der finanzierenden NZO Bukarest etwa einhundert meist zahlungskräftige Passagiere zusätzlich mitgenommen werden. Am 18. Mai 1940 begann die Fahrt der Pentcho donauabwärts.
Donaufahrt Auf Druck der SS wurden am 7. Juni in Bezdan zusätzlich noch 101 aus dem KZ Dachau entlassene größtenteils ältere Juden aufgenommen, die entweder „auf der Donau oder in der Donau“ – so die Drohung der SS – das Schwarze Meer erreichen würden. In einem Statusreport nach Bukarest gab Citron an, es wären 514 Passagiere an Bord zusammengepfercht, von denen zwölf Kinder unter fünf Jahren, fünfzehn Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren, 130 Frauen und 98 alte Männer wären.
Nach mehreren Verzögerungen wurde die Pentcho wochenlang in Dobra, einem kleinen Hafenort in Serbien vor dem Eisernen Tor (Karpatendurchbruch) interniert. Es wurde wahrscheinlich befürchtet, dass das Schiff in den Stromschnellen sinken würde und damit der Schiffsverkehr auf der Donau, die zum Transport des für Deutschland kriegswichtigen rumänischen Öls wichtig war, wegen einer Schiffsladung voll Juden zum Erliegen kommen könnte. Unter den älteren Flüchtlingen wurden Pläne für eine Rückkehr nach Bratislava oder für die Internierung im jugoslawischen Kladovo (wo schon der Kladovo-Transport untergekommen war, dessen Flüchtlinge später von den Deutschen liquidiert wurden) besprochen und Citron, der sich dagegen stellte, fürchtete eine Rebellion, so dass er wichtige Maschinenteile des Schiffs entfernen und verstecken ließ. Nach einem gescheiterten Ausbruchsversuch wurde die Pentcho am 14. August von dem Schlepper Cibija aus dem Hafen gezogen und an beiden Seiten von je einer Barke stabilisiert und vor Kollision geschützt durch die Stromschnellen gebracht. Auf der unteren Donau wurde dem Raddampfer die bulgarische Registrierung entzogen. Ende August lag das Schiff zwischen dem rumänischen Giurgiu und dem bulgarischen Russe ohne Treibstoff und Verpflegung fest, bis es auf Intervention des Bischofs von Russe versorgt wurde. Dort konnte Jan Guttmann heimlich das Schiff verlassen und ihm gelang die Flucht zu Fuß nach Griechenland.
Schwarzes Meer und Ägäis Bei der Ankunft in Sulina am 14. September hatte sich die Situation in Rumänien verfinstert. Der achsenfreundliche Ion Antonescu hatte die Abdankung von Karl II. erzwungen und mit der militant antisemitischen Eisernen Garde die Macht übernommen. Citron und Schalk mussten den Passagieren nun gestehen, dass es den oft versprochenen Transfer auf ein seegängiges Schiff nicht gab, und dass die Weiterfahrt mit der seeuntüchtigen Pentcho ohne Seekarten, Funkgerät und nur mit einem Rettungsboot weitergehen müsse. Nach einer Woche und notdürftigen Reparaturarbeiten wurde die Pentcho von rumänischen Wachbooten ins Schwarze Meer geleitet. Die Hafeneinfahrt in Istanbul zur Versorgung und Reparatur von Sturmschäden wurde verweigert, da die türkischen Behörden Komplikationen mit dem Deutschen Reich und dem Vereinigten Königreich vermeiden wollten. Daher mussten sie nach Lesbos weiterfahren. Dort wurden sie von einem griechischen Kanonenboot abgefangen und nach Mytilini gebracht, wo das kuriose Schiff freundlich empfangen wurde. Auf der Weiterreise lief es Piräus an, wo es von der lokalen jüdischen Gemeinde auf Kosten des Joint Distribution Committee versorgt wurde, während die griechischen Behörden zur Weiterfahrt drängten. Vor Astypalea, das unter italienischer Verwaltung stand, durchfuhren sie unwissentlich und wegen des geringen Tiefgangs unbeschadet ein Minenfeld und wurden dann von einem italienischen Torpedoboot abgefangen und in den Hafen gebracht, wo sie von italienischer Seite freundlich behandelt wurden.
Auf der Weiterfahrt begann man aus Mangel an Süßwasser (das auf der Donau zuvor noch frei verfügbar gewesen war) ein Gemisch mit Meerwasser zur Dampferzeugung zu verwenden, um die knappen Wasservorräte zu strecken. Auf dem Weg nach Kreta versagte dadurch der Dampfradantrieb, weil die Boilerleitungen sich zugesetzt hatten. Das Schiff konnte mit einem improvisierten Segel aus Bettlaken noch die unbewohnte Insel Kamilonísi (Καμηλονήσι) erreichen, wo es auf ein Riff auflief und einen Tag später sank. Mit geborgenen Vorräten und Ausrüstung konnten sich die Passagiere notdürftig an Jom Kippur, dem 9. Oktober 1940, auf der Felsinsel einrichten. Brackwasser konnte zum Kochen gefunden werden.
Im einzigen Rettungsboot machten sich fünf Schiffbrüchige (darunter Schalk und Imrich Lichtenfeld, der spätere Begründer des Selbstverteidigungssystems Krav Maga) auf, um nach Kreta zu rudern und Hilfe zu holen. Sie wurden von einer Fairey Swordfish des britischen Flugzeugträgers HMS Illustrious gesichtet und kurz darauf von dem Zerstörer HMS Nubian geborgen. Die Fünf wurden nach Alexandria gebracht und interniert. Vier schlossen sich im Frühjahr 1941 den Streitkräften der tschechoslowakischen Exilregierung an. Über das Rote Kreuz wurde die italienische Marine auf die zurückgebliebenen Schiffbrüchigen aufmerksam gemacht und diese wurden von ihr nach Rhodos gebracht.
Weiteres Schicksal Auf Rhodos herrschten zunächst chaotische Verhältnisse, da die Insel kriegsbedingt von Italien kaum versorgt werden konnte. Die Mangelernährung und das kalte Wetter führten zu mehreren Todesopfern und bei einem missglückten Fluchtversuch ertranken zwei Flüchtende. Erst am Weihnachtsabend wurden die Internierten aus dem Stadion von Rhodos in das improvisierte campo di concentramento San Giovanni di Rodos gebracht. Nach der Eroberung Kretas durch Deutschland Ende 1941 waren die Seewege dann wieder sicherer und am 12. Januar 1942 begannen die Italiener die Internierten, die auf Rhodos eine Belastung darstellten, nach Italien ins Internierungslager Ferramonti di Tarsia zu bringen, wo sie als feindliche Ausländer (enemy alien) relativ gut behandelt wurden. Am 14. September 1943 erreichte die britische 8. Armee das Lager und die Gefahr, dass deutsche Truppen noch ein Massaker anrichten würden, war gebannt. Die Passagiere der Pentcho ergriffen dann teilweise die Gelegenheit und übernahmen in der Gegend Hilfsarbeiten, eröffneten kleine Geschäfte oder gingen in DP-Lager bei Neapel. Währenddessen versuchte Citron seine Gruppe zusammen zu halten. Am 28. Mai 1944 konnte er mit 350 Pentcho-Passagieren von Tarent über Ägypten legal nach Palästina aufbrechen.
Die Familie Fahn hatte zunächst das Glück als gesuchte Gerbereispezialisten auf Rhodos bleiben und dort arbeiten zu können. Im Juli 1944 wurden sie aber von den Deutschen mit den anderen ortsansässigen Juden von Rhodos deportiert. Regina Fahn und ihr Sohn wurden unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. Sidney und Rudolf Fahn wurden zur Zwangsarbeit selektiert und nur Sidney überlebte den Holocaust.
Überlieferung Tagesbefehle von Citron, Tagebucheinträge des Passagiers Karol Hoffmann sowie Bilder von der Reise sind erhalten. Der Journalist John Bierman führte noch zusätzliche Interviews mit Beteiligten und veröffentlichte 1984 das Buch Odyssey. Citron, der den Namen Yehoshua Halevi annahm, beschrieb die Vorgänge in seinen Memoiren auf Hebräisch.
Literatur
Filme
Stefano Cattini: Pentcho, Dokumentarfilm, 2018, (Italien, UK; 95 min)
Weblinks
The Pentcho castaways. Jews of Rhodes. Eclipse of a Community. 1944-2024 Desperate to Flee the Nazis, Jewish Refugees Escape Europe on a Rickety Steamboat, Survive a Shipwreck. United States Holocaust Memorial Museum Steamship Pentcho: A shipwreck forgotten at the bottom of the Aegean Sea. Scuba Hellas – Under Water World Pentcho. Grafische Nachbildung von Rhys Hamphrys
Einzelnachweise
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