Vaim, der erste nach seiner Ehrung mit dem Literaturnobelpreis 2023 veröffentlichte Roman Jon Fosses, erzählt von der Beziehung einer Frau, Eline, zu zwei Männern, Jatgeir und Frank, deren Partnerin sie nacheinander und abwechselnd wird. In den rückblickenden Ich-Erzählungen der beiden Partner und eines dritten Mannes entstehen Beziehungs- und Weltbilder, die über eine realistische Beschreibung hinausgreifen und den Alltag der Figuren an der norwegischen Westküste mit mythologischen und religiösen Anspielungen überschreiben.
Fosse hat mehrfach seine religiös durchwirkten Themen in Romanzyklen veröffentlicht. Auch der neue Roman ist nur der erste Teil einer Vaim–Trilogie: Der zweite Band soll unter dem Titel „Vaim. Das Hotel“ im Dezember 2026, der abschließende dritte Band mit dem Titel „Vaim. Die Zeitung“ im November 2027 erscheinen.Jon Fosse: "Vaim", auf radiodrei.de
Handlung
I. mini|Schärenlandschaft mit der Inselgruppe Sotra (rot) westlich von Bergen (Norwegen) Im ersten Teil erzählt der ältere Junggeselle Jatgeir, von dem, was er dieses Jahr in der Stadt besorgen wollte: Nadel und Faden für das Annähen von Knöpfen, im Sommer eher ein Vorwand für die mehrstündige Fahrt übers Wasser, wenn er nicht arbeiten brauche. Mit seinem kleinen Kutter motort er eines morgens von seiner Heimatinsel Vaim an der norwegischen Westküste nach Bjørgvin (Bergen). Er ist überrascht über den hohen Preis von 250 Kronen für eine Nadel und eine halbvolle Garnrolle, aber zahlt ihn seiner Eitelkeit wegen, um nicht als armer Schlucker dazustehen. Als Probe auf die Ehrlichkeit der Leute auf der Insel Sartor,Westlich von Bergen es gibt es eine langestreckte Inselgruppe namens Sotra, die zu „Sator“ in der Erzählung inspiriert haben könnte. wo er die beiden Sachen vielleicht sogar umsonst bekäme, kauft er sie während der Rückfahrt im Örtchen Sund noch einmal – für den gleichen Wucherpreis von 250 Kronen. Er nennt sich einen „Dummbeutel“ und „Tölpel“, fühlt sich hilflos, verspottet und erniedrigt. Später erinnert er sich, dass Nadel und Faden höchstwahrscheinlich zu Hause in der Kommode liegen oder er sie in Vaim im Dorfladen hätte kaufen können.
Sein Boot hat er vor langer Zeit nach seiner heimlichen und dadurch doch öffentlichen Liebe „Eline“ getauft, die dann als junge Frau Vaim verließ und sich mit ihrem späteren Mann in Sund niederließ. Jatgeir ist sprachlos und verwirrt als Eline plötzlich im Hafen von Sund am Kai steht. Er glaubt sich in einem Traum, gesteht ihr seine Liebe und kann sich diese Momente nur als Wunder erklären. Sie drängt ihn, zusammen den Ort noch bei Nacht übers Wasser zu verlassen, um Frank, ihrem Mann, zu entkommen und wieder in Vaim zu leben. Nach dem doppelt verrückten Kauf von Nadel und Faden, den Werkzeugen für einfachste Ordnung, geht für Jatgeir dieser Tag mit dem größten Wunder zu Ende: Eline bringt Nadel und Faden und die Chance auf ein gemeinsames Leben mit. Am Ende des Tages „scheint ihm das Schicksal zum Ausgleich gnädig gestimmt.“Jon Fosse: „Vaim“ Navigieren zwischen Nähe und Distanz
Er hat aus Schüchternheit nie eine Frau kennenlernen können und sich damit abgefunden, aber aus dem Dorf trifft er sich etwa einmal die Woche mit seinem Freund Elias. Daher erschreckt ihn der Gedanke, mit einer anderen Person – und dann mit Eline! – im Haus seiner Eltern zu leben. Aber mit der Entschlossenheit Elines „herrschte hier gewissermaßen ein anderer Wille, alles war irgendwie auf einmal verändert“, Schicksal eben.
II. Im zweiten Teil, der viele Jahre später spielt, nachdem Jatgeir mit Eline in Vaim zu leben begonnen hat, erlebt Elias eine übersinnliche Begegnung mit seinem Freund: Eines Abends klopft es mehrfach geheimnisvoll an seiner Haustür, vor der aber niemand steht. Dann öffnet er zum dritten Mal, als er das Gefühl hat, dass „ich wen zum Reden bräuchte“ und er trotz der jahrelangen Besuchspause bei Jatgeir „mal kurz zu [ihm] rüber“ gehen könnte – da steht Jatgeir vor der Tür, betritt kurz Elias‘ Haus und verlässt es unmittelbar nach wenigen Worten wieder. angeregt macht sich Elias zu einem kurzen Spaziergang auf. Am Anleger stehen ein paar Männer, die ihn informieren, dass Eline Jatgeir tot im Wasser neben seinem Kutter treibend gefunden habe – im Ertrinken noch scheint er seinem früheren Freund Elias besucht zu haben, von dem er sich glücklich verabschiedet – die Erzählung habe sich hier „zur Gespenstergeschichte hin geöffnet.“
III. mini|Siedlung Høgøyna auf Lillesotra (2016) Im dritten Teil erzählt Frank, der von Eline verlassene Ehemann, von ihrem Kennenlernen und ihrer sich unmittelbar zeigenden Dominanz: „Jetzt gehst du zu dem Tisch da und dann trinkst du aus […] Jetzt mach, was ich gesagt habe, sagt sie.“ Von der Ehe erzählt er nur das Ende, dass er eines Abends nach der Rückkehr vom Fischen einen kurzen Brief in der Küche fand, in welchem sie ihm mitteilte, dass sie ihn verlassen habe. Nach Jahren sieht er sie nach dem Tod ihres zeitweiligen Partners Jatgeir überraschend wieder: Eline holt ihn ab, um mit ihm in Jatgeirs Haus in Vaim zu wohnen. „Nein, das hätte ich ja nie für möglich gehalten, dass ich mit ihr, die mich verlassen hatte, zusammenziehen und mit ihr in Vaim, leben würde […] und ich begreife überhaupt gar nichts mehr.“ Nach Jahren des gemeinsamen Lebens findet er sie eines Morgens tot im Bett und kümmert sich um ihre Beisetzung in der Nähe von Jatgeirs Grab: „Obwohl ich all diese Jahre über Eline nachgedacht habe, bin ich nie zu einem anderen Schluss gekommen, als dass all das wundersam war, ich habe sogar gedacht, das müsste auf meinem Grabstein stehen – Alles war wundersam.“
Form der Erzählung Der kurze Roman besteht aus drei chronologisch aufeinander aufbauenden und rückblickenden Ich-Erzählungen, die das Präsens nur in der Wiedergabe der Gespräche nutzen. In dieser scharfen Perspektivierung des Erzählten, dem Verzicht auf einen auktorialen Erzähler, erhält die Beobachtung, das innere Erleben, und die Konstruktion der Welt für die jeweilige Figur ein besonderes Gewicht.„Die Persönlichkeit des Erzählers, sein Standpunkt in der dargestellten Welt, seine Haltung zu den erzählten Begebenheiten werden damit Gegenstand der Erzählungen. [Es ist] die scharfe Perspektivierung des Erzählten, welche durch die Ich-Erzählsituation gefördert wird. Die genauere raum-zeitliche Fixierung des Erzählers in der dargestellten Wirklichkeit lässt die Konturen des Erzählten schärfer werden. Hinzu kommt, dass die Individualität oder Typik der Persönlichkeit des Erzählers ein eigentümliches Licht auf die betrachtete Szene wirft.“ Franz K. Stanzel: Typische Formen des Romans, 12. Aufl., Vandenhoeck& Ruprecht, Göttingen 1993 (1. Aufl. 1964), S. 30 f. ISBN 3-525-33464-8 Durch die dominierende Chronologie einerseits und die Abrundung der Themen andererseits ist der Text kein Bewusstseinsstrom, sondern eher in Gespräch mit dem Leser, das kurze Rückblenden einschließt: Der Text sei „eher ein Reden denn ein Schreiben […] – nein: eher ein Denken denn ein Reden. Als flössen Gedanken aufs Papier – und von dort direkt in die Seele der Leserin. [Eine] textbedingte Geordnetheit.“
Die drei Ich-Erzähler strukturieren ihre Erzählungen der Verständlichkeit wegen mit Kommata, aber sie setzen in ihren Texten keine Punkte, wodurch der Roman seine Offenheit, seine Nichtfestlegung, seine Nichtentschiedenheit signalisiert.Der Punkt am Satzende habe heute nicht nur die Funktion, einen Gedanken abzuschließen, sondern sei oft auch ein emotionales Statement: „The period is beeing deployed as a weapon to show irony, syntactic snark, insincerity, even aggression.“ Dan Bilefsky: Period. Full stop. Point., The New York Times, 9. Juni 2016 Diese Offenheit tritt In der Figurenrede als häufige Suche nach den richtigen Worten auf: Alle drei Männer sind Wortprobierer, zeigen ihre Benennungsunsicherheiten in den mehrfachen Ansätzen, ein Gefühl oder ein Ereignis „richtig“ zu bezeichnen: „Das Stilmittel der Wiederholung [gibt] das Kreisen, Kreißen und Widerkäuen von Gedanken wieder.“ Damit verweisen sie auch die Leser auf die mögliche Inkongruenz von Darstellung und Dargestelltem, auf die unsichere Bedeutungen hinter den Worten, auf ein erforderliches Neudenken: Der Text ist mal märchenhaft, mal surreal, mal banal.
So sucht beispielsweise Jatgeir mehrfach eine treffende Selbstbeschreibung: Er sei kein „Jungspund“ mehr, eher „ein älterer Mann“, vielleicht auch „ein später Jüngling“; er sei ein „Tölpel, ja was für ein Schimpfwort könnte für mich passen“. Und überlegt: Verliebtheit – „das Wort kann ich nicht leiden, aber das ist schon das treffende Wort und ich muss es benutzen“ und mit dem Auftritt Elines gerät sein Weltbild ins Wanken – Weltbild, „was für ein Wort“! Gutes Schlafen sei der reinste Segen – „das war auch wieder so ein Wort“. Die Jahre ohne Eline sind für Jatgeir „ein Zwischenzustand, oder wie man das jetzt nennen sollte.“ In gleicher Weise Suchende sind aber auch Eline, Elias und Frank.
Textur der Motive mini|Die Schicksalsgöttinen spinnen den goldenen Faden (John Melhuish Strudwick 1885) Vaim ist der erste Band einer neuen Trilogie, in dem drei Frauen und drei Männer auftreten; die Männer wiederholen jeder für sich mehrfach, wie „wundersam“ das ist, was sie erleben, eine Dreifaltigkeit des Schicksals, die auf eine symbolische Dimension verweist.Seit prähistorischen Zeiten hat das Dreieck als Form und die Dreiheit als Typ der Wiederholung eines Phänomens eine in allen Religionen auftretende kosmische Bedeutung, beispielsweise in Griechenland konkretisiert in Göttertriaden, im Christentum überformt in der Dreifaltigkeit Gottes. Vgl. Manfred Lurker: Wörterbuch der Symbolik, 2. erw. Aufl., Stuttgart: Kröner 1983, S. 143 ISBN 3-520-46402-0 Auf den ersten Blick scheinen die hier im Roman auftretenden drei Frauen eher negative Charaktere zu repräsentieren:Jatgeir und Frank erleben Eline aber auch positiv, haben Sehnsucht nach ihr oder vermissen sie. Jon Fosse: Vaim, Rowohlt 2025, S. 43, 47, 130, 135. Die Verkäuferinnen in Bjørgvin (Bergen) und im Kolonialwarenladen in Sund fordern einen ungeheuren Preis für das, was Jatgeir zum Leben braucht. Die erste Verkäuferin in Bjørgvin wird vom Erzähler danach distanzierend eine „unnachgiebige Frauensperson“, eine „großmäulige Madame“ genannt, nach dem zweiten Einkauf werden auch die Artikel der anderen „mächtigen“ Verkäuferin großgeschrieben. Eline nimmt von Anfang an das Ruder in die Hand: Mit Eline an Bord „herrschte hier gewissermaßen ein anderer Wille“, als wäre alles „schon beschlossene Sache“, „wo bin ich jetzt nur rein geraten, denn die hässliche Wahrheit ist ja, dass Eline gerade ihren Koffer holt“. Elias urteilt im Rückblick, dass Jatgeir mit Eline „nicht mehr sagen [konnte], was er wollte“ und Frank stellt später fest: „Wenn Eline sich mal etwas vornahm, ja dann lief es so, wie sie wollte.“ Auch für Jolinde Hüchtker ist Vaim die Geschichte Elines, „die die Initiative hat und die Männer einsammelt.“Jon Fosse Vaim, auf perlentaucher.de
„Die Männer in diesem Buch […] wirken wie Treibholz in der Strömung.“ Alle drei, Jatgeir, Elias und Frank, stoßen mit ihren Erlebnissen an die Grenze dessen, was sie verstehen können: „Wunder über Wunder … unbegreiflich … unfassbar, nicht zu glauben“ (Jatgeir), „wundersam … unheimlich nicht zu glauben oder zu verstehen“ (Elias) und, auf den Punkt gebracht: „Es ist, als hätte ich keine andere Wahl, keinen eigenen Willen […] soviel hat mich das Leben gelehrt […] Elines Wille herrscht, jetzt wie früher, jetzt wie immer.“ (Frank) Die drei sind offenbar in der Hand von Schicksalskräften – für Frank Dietschreit wird Vaim damit zu einem „märchenhaft verschrobenen und spirituell aufgeladenen Roman“ und Franz Haas meint in der Neue Zürcher Zeitung vom 8. Januar 2026, zwischendurch werde es „ein wenig überirdisch.“
Struktur der magischen Welt