Das Mädchen Manuela ist ein 1933 erschienener Roman der deutsch-ungarischen Schriftstellerin Christa Winsloe. Er entstand im Anschluss an ihr Bühnenstück Gestern und heute (1930) sowie an die von Leontine Sagan und Carl Froelich inszenierte Verfilmung Mädchen in Uniform (1931).Gabriele von Glasenapp: Beyond Romy and Lilli. In: Petra Josting u. a. (Hrsg.): German-Language Children's and Youth Literature in the Media Network 1900–1945. Palgrave Macmillan, Stuttgart 2024, S. 111. Der Roman ist in einem preußisch geprägten Mädchenpensionat angesiedelt und steht im Kontext der literarischen und filmischen Bearbeitungen des Stoffes in der späten Weimarer Republik.
Handlung Der Roman schildert die Lebensgeschichte der vierzehnjährigen Manuela von Meinhardis, der Tochter eines preußischen Offiziers. In ihrer Kindheit wächst sie in enger emotionaler Bindung zu ihrer Mutter auf, die ihr Schutz und Geborgenheit bietet. Auch den Tod ihres geliebten Bruders Ali kann sie im familiären Umfeld verarbeiten. Nachdem ihr Vater den Militärdienst aufgibt und als Zivilist tätig wird, kommt es jedoch zu einem erneuten Umzug der Familie. In der neuen Umgebung verschlechtern sich die familiären Verhältnisse zunehmend. Manuela fühlt sich isoliert, hat kaum Freundinnen und die Beziehung der Eltern ist von Spannungen geprägt.Christa Winsloe: Das Mädchen Manuela. Der Roman von Mädchen in Uniform. Allert de Lange, Amsterdam 1933, S. 100. Mit dem frühen Tod der Mutter verliert sie schließlich ihre wichtigste Bezugsperson. Ihr Verhalten und insbesondere ihr Verhältnis zu Fritz, einem Mitschüler, wird von der Familie missverstanden. Um mögliche gesellschaftliche Missbilligung zu vermeiden und ihre weitere Erziehung sicherzustellen, beschließen ihr Vater und ihre Tante, sie gegen ihren Willen in das Potsdamer Prinzessin-Helene-Stift zu schicken, ein Internat für höhere Töchter. Die Entscheidung wird innerhalb der Familie damit begründet, dass Manuela dort zu einem „ordentlichen Menschen“ erzogen werden solle und die Familie zugleich entlastet werde.Justyna Gorny: Bilder aus der Schulzeit. Weibliche Adoleszenz bei Marlen Haushofer, Christa Winsloe und Grete von Urbanitzky. In: Marlen Haushofer: Texte und Kontexte. Forum: Österreich. Frank & Timme, Berlin 2022, S. 149. Das Mädchen erscheint dabei weniger als eigenständige Persönlichkeit denn als erzieherische Aufgabe, deren Entwicklung durch die Institution geregelt werden soll.Justyna Gorny: Bilder aus der Schulzeit. Weibliche Adoleszenz bei Marlen Haushofer, Christa Winsloe und Grete von Urbanitzky. In: Marlen Haushofer: Texte und Kontexte. Forum: Österreich. Frank & Timme, Berlin 2022, S. 149. Die Einrichtung dient der Erziehung junger Mädchen aus Offiziersfamilien und verfolgt das Ziel, sie zu pflichtbewussten Ehefrauen und Müttern von Soldaten zu erziehen.Justyna Gorny: Bilder aus der Schulzeit. Weibliche Adoleszenz bei Marlen Haushofer, Christa Winsloe und Grete von Urbanitzky. In: Marlen Haushofer: Texte und Kontexte. Forum: Österreich. Frank & Timme, Berlin 2022, S. 147. Dabei orientiert sich das Erziehungsideal an der traditionellen gesellschaftlichen Rolle der Frau, die auf Familie, Haushalt und religiöse Pflichterfüllung ausgerichtet ist.Robert Baar, Marita Kampshoff: Professionalität, amouröses Begehren und Schule - Rekonstruktion von Lehrerinnenbildern in europäischen Filmen der 1960er und 2010er Jahre. In: Dominique Matthes, Hilke Pallesen (Hrsg.): Bilder von Lehrer*innenberuf und Schule. Studien zur Schul- und Bildungsforschung, Bd. 79. Springer VS, Wiesbaden 2022. Der Alltag im Internat ist von strenger Disziplin, festen Regeln und militärisch geprägten Erziehungsprinzipien bestimmt.Gabriele von Glasenapp: Beyond Romy and Lilli. In: Petra Josting u. a. (Hrsg.): German-Language Children's and Youth Literature in the Media Network 1900–1945. Palgrave Macmillan, Stuttgart 2024, S. 924. Gefühle und persönliche Bedürfnisse sollen zugunsten von Gehorsam und Ordnung unterdrückt werden.
In diesem Umfeld entwickelt Manuela eine besondere Zuneigung zu der Lehrerin Elisabeth von Bernburg, die sich im Gegensatz zu den übrigen Lehrkräften durch einen verständnisvolleren und menschlicheren Umgang mit den Schülerinnen auszeichnet.Gabriele von Glasenapp: Beyond Romy and Lilli. In: Petra Josting u. a. (Hrsg.): German-Language Children's and Youth Literature in the Media Network 1900–1945. Palgrave Macmillan, Stuttgart 2024, S. 925. Während einer Festaufführung im Internat wird Voltaires Zaire aufgeführt, in dem Manuela die männliche Rolle des Kreuzritters Nérestan übernimmt. Nach der erfolgreichen Aufführung gesteht sie, durch Alkohol und den Bühnenerfolg berauscht, öffentlich ihre Liebe zu Fräulein von Bernburg.
Das Liebesgeständnis wird von der Internatsleitung als schwerer Verstoß gegen die moralischen Regeln der Anstalt gewertet. Manuela wird von ihren Mitschülerinnen isoliert und Fräulein von Bernburg wird von der Oberin angewiesen, jeden weiteren Kontakt mit ihr strengstens zu vermeiden. Die Oberin verbietet den Schülerinnen außerdem ausdrücklich, weiterhin mit Manuela zu sprechen und droht bei Zuwiderhandlungen mit Strafen. Die erzwungene soziale Isolation stürzt Manuela in eine tiefe Verzweiflung. Am Ende des Romans sieht sie keinen Ausweg mehr aus ihrer Situation und stürzt sich aus dem Fenster des Internatsgebäudes.
Figuren Manuela von Meinhardis
Manuela von Meinhardis ist die Protagonistin des Romans. Sie wächst in enger Bindung zu ihrer Mutter auf und empfindet deren Schutz und Fürsorge als sichere Grundlage. Nach dem Tod der Mutter erlebt Manuela emotionale Verluste, die sie stark prägen. Schon vor dem Aufenthalt im Internat entwickelt Manuela emotionale Bindungen zu älteren Frauen. Zunächst zu Eva, der Mitschülerin ihres älteren Bruders und nach dem Tod der Mutter zu Frau Inge, der Mutter von Fritz.Christa Winsloe: Das Mädchen Manuela. Der Roman von Mädchen in Uniform. Allert de Lange, Amsterdam 1933, S. 79 u. 127.
Nach dem Tod ihrer Mutter wird sie gegen ihren Willen in das Potsdamer Prinzessin-Helene-Stift geschickt. Dort herrschen strenge Regeln, Uniformzwang und preußischer Drill. Die Schülerinnen werden für ihre künftigen Rollen als Ehefrauen und Soldatenmütter erzogen. Manuela fällt es schwer, sich den strengen Regeln des Internats anzupassen. Sie kann zu Beginn nicht einmal die Mitschülerinnen in ihren Uniformen unterscheiden. Darüber hinaus wird sie stark entpersonalisiert. Schrank, Bett, Waschkabine und Kleidungsstücke werden ihr nur noch als „Nummer 55“ zugewiesen.Justyna Gorny: Bilder aus der Schulzeit. Weibliche Adoleszenz bei Marlen Haushofer, Christa Winsloe und Grete von Urbanitzky. In: Marlen Haushofer: Texte und Kontexte. Forum: Österreich. Frank & Timme, Berlin 2022. Diese Form der Disziplinierung steht im Gegensatz zu ihrem Bedürfnis nach persönlicher Zuwendung und individueller Entfaltung.
Besondere Bedeutung erhält ihre emotionale Bindung zu Fräulein von Bernburg, einer jungen Lehrerin, die ihr Verständnis und Zuneigung entgegenbringt. Nach der Aufführung des Theaterstücks Zaire von Voltaire gesteht sie öffentlich ihre Liebe zu Fräulein von Bernburg, was von der Internatsleitung als schwerer Regelverstoß gewertet wird. In der Folge wird Manuela von ihren Mitschülerinnen isoliert und der Kontakt zu Fräulein von Bernburg strikt unterbunden, was sie in eine tiefe persönliche Krise stürzt.
Die emotionale Belastung durch Isolation und Trennung von Fräulein von Bernburg führt schließlich zu Manuelas Selbstmord, als sie sich aus dem Fenster stürzt. Elisabeth von Bernburg Fräulein Elisabeth von Bernburg ist Lehrerin am Prinzessin-Helene-Stift und eine zentrale Bezugsperson für Manuela. Sie ist die Tochter eines höheren Offiziers und gehört damit selbst einer gesellschaftlichen Elite an, die stark von preußischen Tugenden geprägt ist.Kerstin Fest: Yesterday and/or Today. Time, History and Desire in Christa Winsloe's Mädchen in Uniform. In: German Life and Letters 64 (2012) H. 4, S. 468.
Unter den Schülerinnen genießt sie große Beliebtheit, da sie als gerecht und fürsorglich gilt. Im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen bemüht sie sich um einen menschlichen Umgang mit den Mädchen und zeigt ihnen persönliche Zuwendung, etwa indem sie ihnen vor dem Schlafengehen einen Gute-Nacht-Kuss gibt.Christa Winsloe: Das Mädchen Manuela. Der Roman von Mädchen in Uniform. Allert de Lange, Amsterdam 1933, S. 155 u. 165. Gleichzeitig sieht sie sich verpflichtet, ihre pädagogischen Aufgaben gegenüber allen Schülerinnen gleichermaßen zu erfüllen und keine einzelne Schülerin zu bevorzugen. Besonders Manuelas emotionale Bindung zu ihr wird von der Lehrerin anerkannt, wenn auch als unmöglich in Bezug auf eine romantische Beziehung.Justyna Gorny: Bilder aus der Schulzeit. Weibliche Adoleszenz bei Marlen Haushofer, Christa Winsloe und Grete von Urbanitzky. In: Marlen Haushofer: Texte und Kontexte. Forum: Österreich. Frank & Timme, Berlin 2022, S. 151. Nach dem Bekanntwerden von Manuelas Liebesgeständnis wird ihr von der Internatsleitung offiziell der Kontakt zu Manuela untersagt.
Im Roman erscheint Fräulein von Bernburg als letzte in einer Reihe von Mutterfiguren, zu denen sich Manuela hingezogen fühlt. Trotz ihres vergleichsweise verständnisvollen Umgangs mit den Schülerinnen bleibt sie an die institutionellen Regeln des Internats gebunden und kann sich dem autoritären System letztlich nicht entziehen.
Die Oberin Die Oberin des Prinzessin-Helene-Stifts ist die Hauptvertreterin der traditionellen, preußisch geprägten Erziehung. Sie wird als strenge, beinahe militärische Figur mit männlich klingender Stimme beschrieben und nutzt Zucht und Disziplin, um die Mädchen zu zukünftigen Soldatenmüttern zu erziehen. Häufig tritt sie mit einem Stock auf, der ihre autoritäre Stellung zusätzlich unterstreicht.
Sie überwacht die Einhaltung der Regeln, greift bei Verstößen zu strengen Maßnahmen und interpretiert Manuelas Liebesgeständnis als moralische Gefahr. Unter ihrer Leitung werden die Schülerinnen in Uniformen gedrillt, in Reih und Glied aufgestellt und zu Gehorsam erzogen. Persönliche Bedürfnisse der Kinder werden weitgehend ignoriert und emotionale Bindungen gelten als störend für die Ordnung des Hauses.
Die Oberin symbolisiert das autoritäre System des Internats und den preußischen Drill, der das Individuum dem Kollektiv unterordnet.
Fräulein von Kesten Fräulein von Kesten ist Gouvernante am Prinzessin-Helene-Stift und eine Nebenfigur, die das preußische System in seiner Härte verkörpert. Als Mitglied des pädagogischen Personals unterstützt sie die strenge Disziplinierung der Schülerinnen und überwacht die Einhaltung der Internatsregeln. Sie wird als klein, bucklig und zwergenhaft beschrieben, was sie dazu bringt, ihren persönlichen Frust in die Erziehung der Schülerinnen zu investieren.
Von Kesten ist die Tochter eines preußischen Offiziers, die aufgrund ihres unglücklichen Aussehens dem Vaterland nicht durch Kinder dienen kann. Sie wendet sich daher der „richtigen“ Erziehung der Mädchen zu, um die preußische Tugend weiterzugeben.
Die Mitschülerinnen Die Mitschülerinnen des Internats sind überwiegend Töchter von Offizieren oder Angehörigen höherer Gesellschaftsschichten und wachsen in einem stark reglementierten Umfeld auf, in dem Individualität und persönliche Gefühle weitgehend unterdrückt werden. Sie entwickeln teilweise heimliche Freundschaften und Zuneigungen untereinander, doch die strengen Regeln des Internats verhindern, dass sie Manuela in ihrer extremen Verzweiflung unterstützen können.
Entstehung und Veröffentlichung