mini|Manuel Puig (1979) Die Engel von Hollywood (spanischer Titel: Pubis angelicalbezieht sich auf eine Textstelle gegen Ende des Romans, s. u. (Manuel Puig: Die Engel von Hollywood. Suhrkamp Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 1985, S. 255.), in freier Übersetzung: „engelhafte Scham“) ist der Titel eines 1979 publizierten Romans von Manuel PuigAussprache: pu(i)tsch.. Erzählt wird die Geschichte der Argentinierin Anna, ihrer Beziehungsprobleme und Emanzipationsdiskussionen über die männlichen und weiblichen Rollenbilder vor dem Hintergrund der Militärjunta- und der Perón-Herrschaft in den 1970er Jahren. Eingeblendet in diese Rahmenhandlung sind ihre Wunschträume und die bis zu einem dystopischen Überwachungsstaat gesteigerten Albträume, in denen sie ihre eigenen Lebenssituationen verarbeitet. Die deutsche Übersetzung von Annliese Botond erschien 1981.
Inhalt
Überblick Die ca. 30-jährige Theater-Managerin Anna ist nach den politischen Unruhen in Argentinien und der Kündigung ihres Arbeitsplatzes nach Mexiko emigriert. In der im Oktober 1975 spielenden Rahmenhandlung wird sie wegen ihrer Krebserkrankung in einem Sanatorium behandelt und reflektiert dort ihr Leben: einmal in ihrem Tagebuch und in Gesprächen mit ihrer Freundin Beatriz (Kp. 1) und ihrem aus Argentinien angereisten ehemaligen Liebhaber Pozzi, zum zweiten in ihren Träumen.
Durch die immer stärker dosierten, sedierenden Schmerzmittel verstärkt sich die Traumhandlung im Lauf des Romans. In ihren Phantasien projiziert Anna ihre Wünsche nach physisch-psychischer Harmonie mit einem idealen Partner und ihre Ängste vor der Beherrschung durch Bedürfnisse und Kräfte innerhalb und außerhalb ihrer Person auf eine sich von einer schönen „Herrin des Hauses“ zu einer Filmschauspielerin und schließlich zu einer Sexualtherapeutin verändernden Figur. Dabei wandert sie mit ihren weiblichen Rollenbildern durch die Zeiten: von den 1930er Jahren bis zu einem totalitären Staat in einem zukünftigen Polarzeitalter.
In den Phantasien verarbeitet Anna Themen ihres Lebens: Emanzipations- und Beherrschungswünsche durch einen sie beschützenden und dominierenden Idealmann. Schönheit und elegante Garderobe, Gefangenschaft, Betäubung und Überwachung durch einen reichen, sie mit Luxus verwöhnenden Ehemann (Kp. 1). Karriere als bewunderte Filmschauspielerin. Sehnsucht nach einer idealen Liebesbeziehung. Flucht mit Liebhabern, die sich als Spione und Verräter entpuppen. Gefangenschaften und Befreiungen. Verfolgung und Überwachung durch ein totalitäres dystopische System. Wunsch, sich mit der Tochter zu versöhnen.
Am Ende des Romans scheint die Operation erfolgreich verlaufen zu sein und Anna lädt ihre Mutter und ihre Tochter ein, sie zu besuchen und sich mit ihnen zu verständigen.
Vorgeschichte Anna wird Ende des Zweiten Weltkriegs in Buenos Aires geboren und in einer wohlhabenden Mittelstandsfamilie sozialisiert: zwischen den Wünschen einer emanzipierten berufstätigen Frau und einem traditionellen Rollenbild als Ehefrau eines reichen Mannes im häuslichen, familiären Bereich (Kap. 2). Ihr Vater, ein Professor, der sie in der Eigenständigkeit unterstützt und dessen Rat sie in Gedankengesprächen immer wieder sucht, stirbt, als sie 15 Jahre alt ist. Nach der Vorstellung der Mutter soll sie zwar zur Absicherung eine Berufsausbildung abschließen, dann aber heiraten. Sie studiert Philologie und Musik, um als Lehrerin arbeiten zu können, wird wegen ihrer Schönheit umworben, heiratet mit einer „Traumhochzeit“ den erfolgreichen Ingenieur Fito und gebärt ihre Tochter Clarita. Ihr Mann entspricht ganz den Vorstellungen ihrer Mutter: Beschützer der Frau, gesellschaftlich vernetzt, willensstark, unerschütterlich und dazu attraktiv, gutaussehend. Anstelle eines schlecht bezahlten Berufs kann sie den gewohnten, gehobenen Lebensstandard mit zwei Dienstboten, Abonnements für die Oper und drei Monaten Ferien am Meer führen. Dafür erwartet Fito von ihr, durch Auftritte auf Partys und als Gastgeberin seine geschäftlichen Beziehungen ausbauen zu helfen. Sie fühlt sich in dieser Gesellschaftsrolle unwohl, es kommt zu Spannungen zwischen den Partnern und schließlich 1971 zur Trennung. Sie verwirklicht nun ihren bisher unterdrückten Emanzipationswunsch, findet eine Anstellung im Management des Teatro Colón und studiert am Konservatorium. Durch private Beziehungen gerät die politisch nicht aktive Frau emotional in die Machtkämpfe zwischen den revolutionären linken und den national-konservativen Gruppierungen. Sie hat eine zweijährige Affäre mit dem verheirateten Rechtsanwalt Juan José Pozzi, der in der Zeit der politischen Unruhen während der Militärdiktatur (s. Historischer Hintergrund) als vom Kommunismus enttäuschter Sozialist und später Linksperonist politische Gefangene verteidigt. Gleichzeitig wird sie von dem, von ihr „Beelzebub“ genannten, reichen Farmers Alejandro umworben, einem Musikliebhaber, der sie mit Juwelen und ihre Mutter mit einem kostbaren Pelz beschenkt. Anna ist wie andere Angestellte des Theaters, vermutlich auch wegen ihrer Beziehung zu Pozzi und der Eifersucht Alejandros, von den Repressalien der Militärjunta gegen Studenten und Künstler betroffen und emigriert nach ihrer Kündigung 1973 nach Mexiko.
Rahmenhandlung (Mexiko 1975) Während ihres Sanatoriumsaufenthalts reflektiert Anna in ihrem TagebuchKap. 1, 5, 10, 13 ihr von der politischen Entwicklung in Argentinien mitbestimmtes Leben und ihre Emanzipationsbemühungen. Im Oktober 1975, während der Haupthandlungszeit des Romans besuchen sie zwei Personen: Beatriz und Pozzi. Beatriz Mit ihrer Freundin Beatriz,in den Kap. 1, 3, 14, 16 die in einer Frauenbewegung aktiv ist und vergewaltigte Frauen verteidigt, bespricht sie nicht nur den Verlauf der ärztlichen Behandlung und ihre Überlebenschancen, sondern v. a. Emanzipationsfragen. Während Beatriz für ein selbstbewusstes, unabhängiges Leben der Frauen als Lösung plädiert, ist Anna durch ihre eigenen Erfahrungen im Zwiespalt der Gefühle, die sie in ihrem Tagebuch beschreibt: die männliche Dominanz und das Unterwerfungsbedürfnis der Frau in einer Beziehung, ihre Sehnsucht nach dem starken, attraktiven Mann (Kap. 2). Beatriz versucht Anna auch für den Plan ihres ehemaligen Geliebten Pozzi zu gewinnen, ihren Freund Alejandro, ein Mitglied der Militärjunta-Regierung und später ein Peronist des rechten Flügels, aus Buenos Aires an ihr Krankenlager zu locken, um ihn in Geiselhaft für den Austausch mit inhaftierten argentinischen Genossen zu nehmen.
Pozzi Pozzi erzählt Anna bei seinen Besuchen,Kap. 2, 6, 7, 9, 12 er wolle vorerst in Mexiko-Stadt bleiben und bemühe sich um eine Lehrstelle für Gesellschaftstheorie an der Universität. Sie erneuern ihre sexuelle Beziehung und dies erweckt in ihr die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben (9. Kap.). In ihrer Einschätzung seiner politischen Aktivitäten und seiner Haltung zu den Peronisten und den Terroristen ist sie unsicher, ebenso in der Einschätzung seines Entführungsplans (2. Kap.). Pozzi rechtfertigt seine Verbindungen zu den Linksperonisten mit seiner Enttäuschung über die kommunistischen Bewegungen in Europa, die Abweichungen von einem sozialistischen Humanismus und seine Hoffnungen auf eine pragmatische soziale Politik im Peronismus. Aber im Rechtsperonismus sieht er eine Gefahr (6. Kap.) Er beteuert, nur Studenten, Professoren, Journalisten usw., aber keine Terroristen sollten mit der Entführung freigepresst werden. Sie lehnt jedoch diese Kampfmethode ab, hat Mitleid mit Alejandro und fürchtet die Reaktionen des Regimes gegen ihre Mutter und ihre Tochter in Argentinien.
Als Anna seine Nähe zu den Peronisten kritisiert und nicht auf seine Wünsche eingeht, erhöht Pozzi den Druck auf sie: Er werde nach Argentinien zurückkehren und weiter für die Inhaftierten kämpfen. Sie sei, wie er erfahren habe, unheilbar krank und solle vor ihrem Tod ihrem Leben noch einen Sinn geben, indem sie seine Genossen unterstützt. Sie zweifelt an der Wahrheit seiner Aussagen, fühlt sich von ihm instrumentalisiert und bricht ihre Beziehung zu ihm ab (12. Kap.). Am Ende der Romanhandlung erreicht sie die Nachricht, dass Pozzi sich in Buenos Aires in ihre Wohnung, zu der er noch einen Schlüssel hatte, mit Genossen verstecken wollte, von der Polizei entdeckt und in einem Schusswechsel getötet wurde (14. Kap.). Sie würde ihn gerne als Märtyrer und nicht als Terroristen in Erinnerung behalten: „Wie es zerfällt, dieses Land…So viele Anstrengungen…armer Pozzi, soviel arbeiten, soviel studieren…und dann so enden.“Manuel Puig: Die Engel von Hollywood. Suhrkamp Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 1985, S. 236.
Beatriz erzählt im letzten Kapitel der erschöpften Freundin, sie sei erfolgreich operiert worden, und macht ihr Hoffnung auf ein neues Leben in Mexiko-Stadt. Anna lädt ihre Mutter und ihre Tochter ein, sie zu besuchen und sich mit ihnen zu verständigen (16. Kap.).
Traumhandlungen Herrin des Hauses Annas Traumphantasien beginnen (1. Kp.) an einem Frühlingsmorgen 1936 in Österreich. Die außergewöhnlich schöne, junge „Herrin des Hauses“ wird nach ihrer glanzvollen Hochzeitsfeier in Wien von ihrem reichen Ehemann, einem Waffenmagnaten, auf einer luxuriös ausgestatteten Insel gefangen gehalten. Dort lässt er sie unter Drogen setzen, u. a. zum Sex mit ihr. So verbringt sie ihre Tage und Nächte in einem Wechsel zwischen einem dumpfen Wachzustand und einem mit Träumen beladenen Schlaf. Auf dem Hochzeitsball hat sich die Herrin beim Tanz in Theo, einen Angestellten ihres Mannes, verliebt (3. Kap.). Sie sieht in ihm ihre vollkommene Paarergänzung, einen Engel und Gedankenleser, der die Zukunft kenne. Theo lässt sich auf der Insel, verkleidet, als Wächterin Thea anstellen und beginnt mit der Herrin eine Liebesbeziehung (4. Kap.). Er verrät ihr, dass er sowjetischer Agent ist, und überredet sie, mit ihm zu fliehen. Er würde sich aus seinem Dienst lösen und sie könnten mit ihren Juwelen ein neues Leben in einem anderen Land beginnen. Sie fliehen, die Herrin als Dienstmädchen verkleidet, auf einem Boot und erschießen den Kapitän, als er den Betrug bemerkt. Ihre Reise über die Donau führt sie nach Southampton und von dort auf einem Transatlantik-Luxusdampfer in die USA. An Bord entdeckt ein berühmter Filmproduzent die Herrin als schönste Frau der Welt und bietet in einem Brief Theo, als ihrem vermuteten Mann, einen Filmvertrag an. Dieser hat jedoch einen anderen Plan. Er will sich nicht, wie er versprochen hat, von dem sowjetischen Geheimdienst trennen, sondern vielmehr die Herrin an seine Gesinnungsgenossen ausliefern. Er besticht einen Matrosen, mit seiner Frau bei einem Landgang auf die Insel Madeira das Schiff unerkannt zu verlassen. Sie hört dieses Gespräch, schüttet Theo ein Schlafmittel in seinen Kaffee und stößt ihn, als er über das Deck torkelt, über die Reling. Der Regisseur wird Zeuge dieses „Unfalls“ und macht ihr ein Angebot als Hollywood-Star. Ihr Kind, das sie von Theo erwartet, könnte, wenn es ein schönes Mädchen wird, gut vermarktet werden.
Filmdiva Die ehemalige Herrin wird eine berühmte Filmschauspielerin, muss aber einen genauen Zeitplan und Vorschriften für ihre Privatlebens befolgen. Insgeheim hat sie während der Rückfahrten vom Studio zu ihrem Haus verbotenen Sex mit dem schwarzen Chauffeur (6. Kap.).
Sieben Jahre nach dem Beginn ihrer Karriere macht die inzwischen fast 30-jährige Schauspielerin Urlaub auf einer Hazienda in Mexiko.Angaben zur zeitlichen Einordnung: 1945 Tod des amerikanischen Präsidenten ›Franklin D. Roosevelt‹, Kriegsende Sie beginnt eine Liebesbeziehung mit einem anderen Gast, einem amerikanischen Drehbuchautor. Als er ihr eine Paar-Therapie vorschlägt, bei der sie alle ihre Geheimnisse preisgeben müsse, zweifelt sie an seiner Liebe und läuft aus dem Haus, er folgt ihr. Auf der Straße werden die beiden vom Auto einer rivalisierenden Schauspielerin überfahren. (7. Kap.).
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Polarzeitalter