mini|Roeland van Laer (1598–1635/1640): Bentvueghels in einer Osteria – Die Bentvueghels und ihre Ode an Venus und Bacchus (um 1626). Museo di Roma im Palazzo Braschi Die Bentvueghels – auch Bentvuegels oder Bentvogels geschrieben – waren eine lose organisierte Gemeinschaft vorwiegend niederländischer und flämischer Künstler. Sie waren von etwa 1620 bis 1720 in Rom tätig. Die Gruppe bezeichnete sich selbst auch als „Schildersbent“, was so viel wie „Malerclique“ bedeutet. Der Name „Bentvueghels“ ist ebenfalls niederländisch und lässt sich als „Bande von Vögeln“ oder „Vogelschwarm“ übersetzen. Dies deutet auf das Selbstverständnis der Mitglieder als bunte, regellose Schar hin. Zu den Mitgliedern zählten Maler, Radierer, Bildhauer, Goldschmiede und Dichter. In ihrer rund hundertjährigen Geschichte zählte die Vereinigung insgesamt etwa 480 Mitglieder.

Geschichte mini|Jan Miel (1599–1663): Marktszene in Prati außerhalb Roms mit der Kuppel des Petersdoms im Hintergrund, auf der linken Seite im Vordergrund Karnevalisten (um 1650). The Phoebus Foundation, Antwerpen Seit dem 16. Jahrhundert zogen es viele niederländische Künstler vor, zur Ausbildung nach Italien zu reisen. Der Rom-Besuch galt als Höhepunkt der künstlerischen Laufbahn und wurde nach der Veröffentlichung von Karel van Manders Schilder-Boeck im Jahr 1604 für junge niederländische und flämische Künstler zu einem regelrechten Pflichtprogramm. Die Reise war beschwerlich und gefährlich. Viele Künstler verbrachten Jahre damit, nach Italien zu gelangen, und finanzierten die Reise mit ihren künstlerischen Fähigkeiten. Manche kehrten nach ihrer Ankunft in Rom nie mehr in die Heimat zurück.

Die neu hinzugekommenen Künstler wurden „Bentvueghels“ genannt, wenn sie ihre bereits in Rom ansässigen Landsleute aufsuchten. Die Bruderschaft besaß kein offizielles Gründungsdatum und keine Statuten. Im April 1623 wurde jedoch ein Gründungsfest gefeiert. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten die Landschaftsmaler Cornelis van Poelenburgh und Bartholomeus Breenbergh, die Caravaggisten Paulus Bor und Wouter Pietersz. II. Crabeth sowie der 1616 in Rom angekommene Maler Leonaert Bramer aus Delft. Die Vereinigung hatte überwiegend eine soziale Funktion: Sie diente als Treffpunkt und Netzwerk für die gleichgesinnten Künstler aus den Niederlanden, bot gegenseitige Unterstützung bei Krankheit oder Konflikten mit Behörden und Justiz und verteidigte die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber der päpstlichen Macht und deren Institutionen. In den Treffen wurde Niederländisch gesprochen. Deutsche Künstler waren willkommen, Künstler anderer Nationen hingegen nicht, wenngleich auch Joachim von Sandrart und Valentin de Boulogne Mitglieder wurden.

Die meisten Mitglieder ließen sich in den Pfarrbezirken Santa Maria del Popolo und San Lorenzo in Lucina im Norden Roms nieder. Oft lebten mehrere Künstler unter einem Dach. In ihren besten Zeiten zählte die Gemeinschaft rund fünfhundert Mitglieder. Die bedeutendste Persönlichkeit der frühen Schildersbent war Pieter van Laer, der 1625 nach Rom kam. Die Italiener gaben ihm wegen seiner unproportionierten Körperstatur den Spitznamen „Il Bamboccio“, die hässliche Puppe. Dieser Name wurde später zum Markenzeichen eines neuen Malstils, der Bambocciata: eine Genremalerei, die das Alltagsleben der unteren Schichten Roms und der Campagna festhielt. Viele Bentvueghels schlossen sich diesem Stil an und bildeten gemeinsam die Gruppe der Bamboccianti.

Einweihungsritual und Bent-Taufe mini|Unbekannter Maler: Initiation eines Bentvueghels in Rom (um 1669). Rijksmuseum Amsterdam Um Mitglied der Bentvueghels zu werden, musste ein Kandidat ein Einweihungsritual durchlaufen: die sogenannte Bent-Taufe. Dazu mussten mindestens sieben Mitglieder anwesend sein. Während der Zeremonie wurde ein Tableau vivant aufgeführt, bei dem eines der Mitglieder die Rolle des Weingottes Bacchus übernahm. Ein sogenannter Veldpaap, ein Feldpriester, vermittelte dem Novizen die Regeln der Kunst. Dabei erhielt das neue Mitglied einen Bent-Namen, einen Spitznamen, der es für die gesamte Dauer der Mitgliedschaft begleiten sollte. Dieser Name verwies oft auf eine körperliche Eigenschaft oder einen Charakterzug und hatte häufig einen derb-humoristischen Ton: Dirck van Baburen hieß beispielsweise „Biervlieg“, Otto Marseus van Schrieck „Snuffelaer“, Cornelis van Poelenburch „Satiro“ und Bartholomeus Breenbergh „het Fret“, also „das Frettchen“. Mit dieser Namensgebung wurde die Tradition der Akademien parodiert, die ihre Mitgliedernamen oft vom Geburtsort ableiteten.

Die Feiern, die das gesamte Bankett auf Kosten des Novizen umfassten, dauerten mitunter bis zu 24 Stunden, manchmal angeblich sogar drei Tage und Nächte. Am Ende des Rituals zogen die Bentvueghels gemeinsam durch die Stadt zum frühchristlichen Mausoleum Santa Costanza. Sie hielten es irrtümlicherweise für einen Bacchustempel, da die Sarkophage und Mosaiken dort Motive der Weinlese und des Weingottes zeigten. Dort brachten sie vor dem Porphyrsarkophag der Constantina, der heute in den Vatikanischen Museen aufbewahrt wird, Libationen zu Ehren des Bacchus dar. In einer Nische nahe dem Sarkophag lassen sich bis heute die eingravierten Namen zahlreicher Bentvueghels mit ihren Spitznamen ablesen.

Die Rituale wurden von Zeitgenossen unterschiedlich bewertet. So berichtete Joachim von Sandrart in seiner zwischen 1675 und 1679 erschienenen „Teutschen Academie der Edlen Bau-, Bild- und Malerey-Künste“, dass seine Taufe durchaus begründete Diskurse umfasste, die von Franzosen, Italienern, Deutschen und Niederländern in den jeweiligen Landessprachen geführt wurden. Trotz des ausschweifenden Charakters der Feiern wurde also ein intellektueller Anspruch aufrechterhalten. Auch Cornelis de Bruijn, der 1674 das Initiationsritual durchlief, verfasste einen Bericht darüber und veröffentlichte 1698 einige Stiche dazu.

Verhältnis zur Accademia di San Luca mini|Domenicus van Wijnen: (1661–nach 1690) Minerva verteidigt die Bentvueghels gegen Hass und Neid (um 1689) Die Bentvueghels standen in dauerhafter Spannung zur Accademia di San Luca in Rom, der offiziellen Künstlerakademie. Diese verfolgte das Ziel, die Arbeit der Künstler über jene der Handwerker zu stellen, und erhob dafür entsprechende Lizenzgebühren. Im Jahr 1635 berief der damalige Akademieprinzipal Pietro da Cortona eine Sitzung ein, um eine Berufslizenzsteuer zu diskutieren. Der Konflikt zog sich über Jahre hin, bis die Akademie nach dem Tod von Papst Urban VIII. im Jahr 1644 schließlich nachgeben musste und den Bentvueghels das Recht zugestand, ihre Gemälde auf der Straße zu verkaufen, ohne Steuern zu entrichten. Dies wurde als empfindliche Niederlage der Accademia di San Luca gewertet – zumal viele Bentvueghels mittlerweile die Protektion großer römischer Familien und Prälaten genossen. Einige Mitglieder der Bent gehörten dennoch beiden Organisationen an, darunter Pieter van Laer selbst. Jan Miel wurde sogar im Jahr 1648 als erster nordeuropäischer Künstler in die Accademia di San Luca aufgenommen.

Mit ihrer Gattungswahl, insbesondere den volkstümlichen Bambocciate, provozierten die Bentvueghels auch inhaltlich die akademischen Kreise Roms. Kritiker wie Salvator Rosa verurteilten sowohl die Sujets als auch die Käuflichkeit dieser Bilder, obwohl sie bei angesehenen Sammlern und Mäzenen wie Kardinal del Monte, Vincenzo Giustiniani, den Familien Barberini und Pamphilj sowie Königin Christina von Schweden begehrt waren.

Auflösung Im Jahr 1720 verbot Papst Clemens XI. alle nicht genehmigten Festgelage in Rom. Da auch die bacchischen Zeremonien der Bentvueghels unter dieses Dekret fielen, verlor die Bruderschaft ihre wichtigste Funktion als geselliger Treffpunkt, obwohl sie über Jahrzehnte hinweg von der päpstlichen und städtischen Obrigkeit toleriert worden war. In der Folgezeit löste sie sich rasch auf.

Bedeutung und Nachwirkung Die Bentvueghels hatten erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Genremalerei, insbesondere durch die von Pieter van Laer begründete Bambocciata-Tradition. Diese stellte das Alltagsleben der römischen Unterschicht in kleinen Kabinettstücken dar. Dieser Stil beeinflusste spätere Rokokomaler wie Pietro Longhi und Giuseppe Maria Crespi und wirkte bis ins 19. Jahrhundert fort. Die Bentvueghels vereinten die Einflüsse des niederländischen Goldenen Zeitalters mit dem revolutionären Realismus Caravaggios und schufen damit eine eigenständige Bildsprache, die sowohl in Rom als auch nach ihrer Rückkehr in die Niederlande großen Anklang fand.

Das Centraal Museum in Utrecht widmete den Bentvueghels von Februar bis Juni 2023 die erste große Ausstellung ihrer Geschichte. Die Schau trug den Titel „De Bentvueghels. Een berucht kunstgenootschap in Rom“ und umfasste über hundert Kunstwerke aus musealen Sammlungen auf der ganzen Welt, darunter Leihgaben aus Berlin, Budapest, Braunschweig, Florenz, Hamburg, Kassel, London, Madrid, München, New York und Rom.

Wichtige Mitglieder mini|Pieter van Laer (1599–nach 1641): Self-Portrait with Magic Scene (1635/1637). The Leiden Collection, New York City Zu den bekannten Mitgliedern der Schildersbent gehörten neben den Gründungsmitgliedern Cornelis van Poelenburgh und Bartholomeus Breenbergh unter anderem Pieter van Laer (Bent-Name: Il Bamboccio), Dirck van Baburen (Biervlieg), Arnold Houbraken, Samuel van Hoogstraten, Jan Miel (Bieco und Honingh-Bie), Jan Baptist Weenix, Jan Asselijn sowie der Deutsche Joachim von Sandrart. Auch der Bildhauer Francis van Bossuit soll Mitglied gewesen sein und trug angeblich den Bent-Namen „Waarnemer“. Leonaert Bramer lebte mit Wouter Crabeth II. unter einem Dach und ist ebenfalls als Gründungsmitglied belegt.

Die früheste bekannte Dokumentation der Mitgliederliste findet sich in Arnold Houbrakens Werk „De groote schouburgh der Nederlantsche konstschilders en schilderessen“ aus dem Jahr 1718, in dem Houbraken, der selbst nie nach Italien gereist war, die Mitglieder mit ihren Bent-Namen in seinen biografischen Skizzen aufführt, wo immer es möglich ist. Die Ursprungsmitglieder der Gruppe wurden außerdem in einer Reihe von Zeichnungen um das Jahr 1620 festgehalten. Die Hamburger Kunsthalle besitzt acht solcher Porträtzeichnungen, die von einer anonymen Hand stammen und als eine Art gezeichnetes Album Amicorum der Gründungsmitglieder interpretiert werden. Im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam befindet sich eine anonyme Zeichnung, die fünf Mitglieder der Schildersbent mit ihren Spitznamen zeigt.

Literatur

Liesbeth M. Helmus: De Bentvueghels. Een berucht kunstgenootschap in Rome 1620–1720. Uitgeverij Unieboek/Het Spectrum, Amsterdam 2023. Godefridus J. Hoogewerff: De Bentvueghels. Den Haag 1952. Francis Haskell: Patrons and Painters: Art and Society in Baroque Italy. Yale University Press, New Haven / London 1980. David A. Levine: The Bentvueghels: Bande Académique. In: IL60: Essays Honoring Irving Lavin on his Sixtieth Birthday. Hrsg. von Marilyn Aronberg Lavin. Italica Press, New York 1990, S. 207–219. David A. Levine: Schildersbent. In: Grove Art Online. Oxford University Press 2007. Seymour Slive: Dutch Painting 1600–1800. Yale University Press, New Haven 1995. Thomas Kren: Chi non vuol Baccho. Roeland van Laer's burlesque painting about Dutch artists in Rome. In: Simiolus. 11, 2, 1980, S. 63–80. Martin Lottermoser: Zu den Zeichnungen der Bentvueghels im Dresdener Kupferstich-Kabinett. In: Dresdener Kunstblätter. 67, 3, 2023, S. 4–13. Gert Jan van der Sman: The living conditions and social networks of northern Netherlandish painters in Italy, c. 1600–1700. In: Simiolus 43, 1/2, 2021, S. 87–118. Miriam Kolk: Eeuwige handtekeningen. De namen van de Bentvueghels in de Santa Costanza. In: Roma Aeterna. 5, II, 2017, S. 76–81. Sandra Janssens: Between Conflict and Recognition: the Bentvueghels. In: Jaarboek Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen. 2001, S. 57–85.

Weblinks