Das Kernkraftwerk Lubiatowo-Kopalino lässt das polnische Staatsunternehmen Polskie Elektrownie Jądrowe (PEJ) an der polnischen Ostseeküste errichten. Es ist nach dem Kernkraftwerk Żarnowiec, welches nie in Betrieb ging und in den 1990er-Jahren aufgegeben wurde, das erste Kernkraftwerk zur Stromerzeugung in Polen.
Standort Die namensgebenden Dörfer Lubiatowo und Kopalino gehören zur Gemeinde Choczewo in der Woiwodschaft Pommern nordwestlich von Gdańsk (Danzig) rund 250 km von der Grenze zu Deutschland entfernt. Foto- und Videoaufnahmen des künftigen Betreibers zeigen im Winter 2025/2026 einen gerodeten Bauplatz inmitten dichten Küstenwaldes unweit des Ostseestrandes.
Eckdaten alt=Eine 3D-Modellzeichnung eines Kernreaktors vom Typ AP1000.|links|mini|Computergeneriertes 3D-Modell eines AP1000-Blocks ohne Angabe eines konkreten Projekts. Geplant sind an dem Standort drei Reaktoren mit einer elektrischen installierten Nettoleistung von jeweils 1,117 GW. Vorgesehen sind Druckwasserreaktoren des Typs AP1000 des US-Unternehmens Westinghouse Electric Company, wie sie 2023 und 2024 als Blöcke 3 und 4 des Kernkraftwerks Vogtle in den USA ans Netz gingen.
Der Start des Leistungsbetriebs der polnischen Reaktoren am Standort Lubiatowo-Kopalino ist für die Jahre 2036 bis 2038 vorgesehen. Planung und Bau der Anlage hat PEJ dem US-amerikanischen Unternehmen Bechtel Corporation übertragen, das die Vogtle-Reaktoren nach dem Chapter 11-Verfahren von Westinghouse fertiggestellt hatte.
Geschichte Die grundsätzliche Entscheidung, das Kraftwerk an dem Standort zu errichten, fiel 2023. Bereits ein Jahr zuvor, am 8. Februar 2022, hatte Polen gemäß der Espoo-Konvention Deutschland und andere Anrainerstaaten über das Vorhaben informiert. Daraufhin wurde in Deutschland eine formelle Umweltverträglichkeitsprüfung eingeleitet, an dem sich die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern beteiligen. Mecklenburg-Vorpommern hat nach Angaben des Bundesumweltministeriums die Federführung übernommen. Noch 2023 wurde laut PEJ der Vertrag mit dem Konsortium Westinghouse-Bechtel unterzeichnet. Im Spätherbst 2025 begannen die Arbeiten zur Vorbereitung des eigentlichen Kraftwerksbaus: Das Gelände wurde eingezäunt, gerodet und nivelliert. Im Dezember 2025 gab die EU-Kommission grünes Licht für die staatlichen Beihilfen der Republik Polen.
Finanzierung und Kosten Ende 2025/Anfang 2026 wurde mit Kosten von 178 Milliarden Złoty (umgerechnet 42 Milliarden Euro) gerechnet, wobei 30 Prozent (60 Milliarden Złoty/14 Milliarden Euro) der Investitionskosten vom polnischen Staat als Beihilfe bereitgestellt werden sollen und der Rest über Fremdkapital weltweiter privater und staatlicher Investoren. Das von der EU-Kommission bestätigte Finanzierungsmodell geht von Kosten von 0,5 Złoty pro Kilowattstunde erzeugter Elektroenergie aus, das waren im März 2026 11 Euro-Cent. Brüssel hat zudem Polen zugestanden, das Kraftwerk im Betrieb finanziell zu unterstützen, wenn der am Strommarkt zu erzielende Preis unter einen „Ausübungspreis“ fällt. Übersteigt der Marktpreis diesen Ausübungspreis, so zahlt PEJ die Differenz an den polnischen Staat.
Kühlung Für das Kraftwerk sind keine Kühltürme vorgesehen. Stattdessen soll das Kühlwasser aus der Ostsee entnommen und das erwärmte Wasser dorthin zurückgeleitet werden. Bei Druckwasserreaktoren wie dem AP1000 kommt das Kühlwasser mit den Produkten der Kernspaltung nur im Primärkreislauf in Berührung, der sich von der Umwelt abgeschottet im Containment befindet. Mit der Ostsee in Kontakt kommt das erwärmte Wasser des Sekundärkreislaufs, das nicht radioaktiv belastet ist.
PEJ plant unterirdische Rohrleitungen für Entnahme und Abgabe des Kühlwassers, die mit Tunnelvortriebsmaschinen unter dem Strand und unter dem Meeresboden gebaut werden sollen. Ob dieses Bauwerk vom Strand aus sichtbar ist, lässt PEJ offen.
Bahnanschluss und Bahnausbau alt=Ein Bahnhofsgebäude aus Backstein mit Spitzdach.|mini|Bahnhofsgebäude von Steknica: In der Nähe dieses Ortes soll die Neubaustrecke von der Bahnstrecke Pruszcz Gdanski-Leba abzweigen. Im Rahmen des Projekts soll das Streckennetz der polnischen Bahn in der Region modernisiert und erweitert werden – auch für Reisende und Fracht unabhängig von Bau und Betrieb des Kernkraftwerks. Für das Kraftwerk ist ein eigener Bahnanschluss an einer Neubaustrecke vorgesehen, um während der Bauphase und später während des Betriebs Ausrüstung, Material und Personal zum Kraftwerk und von dort weg transportieren zu können. Details zu dem Projekt hat der polnische Eisenbahn-Infrastrukturbetreiber PKP Polskie Linie Kolejowe 2025 bekanntgegeben. Es sind laut PLK „Nettoinvestitionen“ von 1,44 Milliarden Złoty (330 Mio. Euro zum Kurs im März 2026) aus dem Haushalt des polnischen Staats bis 2029 vorgesehen. Geplant ist, den 32 km langen Abschnitt Lębork–Łeba der Bahnstrecke Pruszcz Gdański–Łeba auszubauen und zu elektrifizieren. Laut PLK wird dieser Abschnitt aktuell nur im Sommer befahren; nach dem Ausbau sei ein Ganzjahresbetrieb mit bis zu 120 km/h möglich.
In der Nähe des Bahnhofs Steknica solle eine 30 km lange Neubaustrecke abzweigen, die annähernd parallel zum Küstenverlauf über das Kraftwerk zum Bahnhof Choczewo führen soll. Vorgesehen sind sechs Haltepunkte oder Bahnhöfe am Kraftwerk sowie in Szczenurze, Sarbsk, Osetnik, Lubiatowo-Kopalino und Jackowo. Diese Strecke soll für 160 km/h gebaut und ebenfalls elektrifiziert werden. Zudem ist vorgesehen, die Strecke so anzulegen, dass sie von Güterzügen mit einer Länge von bis zu 750 m und einer Achslast von 221 kN befahren werden kann.
Dritter Teil des Bahnprojekts ist die Reaktivierung der seit 1992 ungenutzten Bahnstrecke Wejherowo–Choczewo, die einst als Kleinbahn angelegt wurde („Lauenburger Bahnen“).
Schiffsanleger („Marine Off-Loading Facility“) Um Bauteile über den Seeweg anliefern zu können, soll ein rund ein Kilometer langer Schiffsanleger gebaut werden, den PEJ als „Marine Off-Loading Facility“ (etwa: Meeresentladeanlage) bezeichnet. Die Anlage soll auch nach Betriebsaufnahme des Kraftwerks genutzt werden, um Fracht für und aus dem Kraftwerk an- und abtransportieren zu können. So ist geplant, den Brennstoff für die Reaktoren standardmäßig auf dem Seeweg anzuliefern (Quelle siehe Verweis 9 – „Facts and myths“).
Netzanschluss Die erzeugte elektrische Energie soll ins Netz des polnischen Übertragungsnetzbetreibers PSE eingespeist werden. Dafür sollen zwei neue Umspannwerke und 400 Kilometer Leitungen errichtet werden. Die Umspannwerke sollen im Dorf Biebrowo, das zu Choczewo gehört, sowie auf dem Gebiet der „Dreistadt“ Gdańsk (Danzig)/Gdynia (Gdingen)/Sopot gebaut werden. Neben dem 400-kV-Höchstspannungsnetz soll auch das lokale Verteilnetz ausgebaut werden.
Radioaktive Abfälle Zu den radioaktiven Abfällen, die im Betrieb entstehen, äußert sich der angehende Betreiber insofern, dass er die rechtliche Lage in Polen darlegt und auf den vorhandenen Entsorgungsweg für schwach- und mittelaktive Abfälle verweist. Nach polnischem Recht dürfen verbrauchte Kernbrennstoffe nicht dauerhaft am Standort eines Kernkraftwerks entsorgt werden. Dafür sei ein Zwischenlager vorgesehen, in das die verbrauchten Brennelemente nach mehrjähriger Lagerung in einem Abklingbecken verbracht werden sollen. Zudem sehe der „Nationale Plan für die Entsorgung radioaktiver Abfälle und abgebrannter Kernbrennstoffe“ ein Oberflächenlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle sowie ein Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle und abgebrannte Kernbrennstoffe vor. PEJ erwähnt zudem das bestehende polnische Endlager in Różan für schwach- und mittelradioaktive Abfälle unter anderem aus Industrie, Medizin und dem Forschungsreaktor Maria in Otwock. Dieses Endlager befindet sich in Masowien etwa 80 km von Warschau entfernt. Gemäß der Klassifizierung der Internationalen Atomenergie-Organisation handelt es sich bei um ein Oberflächenlager für die Endlagerung radioaktiver Abfälle und verbrauchter, versiegelter kurzlebiger radioaktiver Quellen, schwach- und mittelradioaktiver Quellen sowie für die Zwischenlagerung langlebiger Materialien.
Daten der Reaktorblöcke Das Kernkraftwerk Lubiatowo-Kopalino soll drei Blöcke umfassen. Reaktor-block Reaktortyp/ -modell thermischeLeistung el. Netto-leistung el. Brutto-leistung Baubeginn(geplant) Netzsyn-chronisation Kommer-zieller Betrieb(geplant) Abschal-tung 1 DWR / AP1000 1250 MW (2028) (2036) 2 DWR / AP1000 1250 MW (2037) 3 DWR / AP1000 1250 MW (2038)
Anmerkungen Der offizielle Baubeginn ist das Datum, an dem der erste Beton für die Fundamentplatte des Reaktorsicherheitsbehälters gegossen wird.
Einzelnachweise
LubiatowoKopalino LubiatowoKopalino Kategorie:Bauwerk in der Woiwodschaft Pommern Kategorie:Gmina Choczewo