Das Leseband ist ein Konzept der schulischen Leseförderung, bei dem eine tägliche, fest im Stundenplan verankerte Lesezeit von etwa 20 bis 25 Minuten durchgeführt wird. Ziel ist die systematische Förderung der Leseflüssigkeit sowie des Leseverständnisses von Schülerinnen und Schülern. Das Konzept wird seit den 2020er Jahren in mehreren deutschen Bundesländern im Rahmen bildungspolitischer Programme oder Schulentwicklungsmaßnahmen umgesetzt.

Die Lesezeit findet unabhängig vom jeweiligen Unterrichtsfach statt und wird von der jeweils unterrichtenden Lehrkraft begleitet. Häufig werden dabei strukturierte Lautleseverfahren eingesetzt.

Entstehung und Verbreitung

mini| Verbreitung des Lesebands in Deutschland (Stand 2026). Dunkelblau: landesweite Einführung; Hellblau: teilweise Einführung von Pilotprogrammen und Einzelprojekten; Grau: keine landesweite Einführung.

Die Ursprünge des Lesebands liegen in Forschungsarbeiten zur Förderung der Leseflüssigkeit. Aufbauend auf empirischen Studien entwickelte der Literatur- und Lesedidaktiker Steffen Gailberger ein Konzept einer täglichen, strukturierten Lesezeit im Unterricht.

Pilotphase in Hamburg (2015–2018) Das erste Leseband wurde 2015 im Rahmen der Bund-Länder-Initiative Bildung durch Sprache und Schrift (BiSS) an sechs Hamburger Grundschulen eingeführt. Ziel war eine systematische Förderung der Leseflüssigkeit durch eine tägliche Lesezeit von etwa 20 Minuten. Das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet und evaluiert.Kuhn, Annette: Leseförderung: Wie sich der „Teufelskreis des Nichtlesens“ durchbrechen lässt. Deutsches Schulportal, 2023.

Ausweitung innerhalb Hamburgs (2018–2023) Im Rahmen der Folgeinitiative „BiSS-Transfer“ wurde das Leseband schrittweise auf zahlreiche Hamburger Grundschulen übertragen. Inzwischen beteiligen sich rund zwei Drittel der Hamburger Grundschulen an dem Programm.Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung Hamburg: Evaluation BiSS-Lesetraining.

Übernahme durch andere Bundesländer (ab 2020) Ab den frühen 2020er Jahren griffen weitere Bundesländer das Konzept auf. Modellprojekte und regionale Programme entstanden unter anderem in Nordrhein-Westfalenhttps://www.bildung-chancen.de/lies-mit/https://www.auridis-stiftung.de/lesebandnrw/, Rheinland-Pfalzhttps://bildung.rlp.de/grundschule/lernbereiche/deutsch/leseband-rheinland-pfalz und Brandenburghttps://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/themen/sprachbildung/projekt-leseband-brandenburg.

Landesweite Programme (ab 2023) In Bremen und Baden-Württemberg wurden 2023 landesweite Leseband-Programme eingeführt. Zum Schuljahr 2024/25 führte Mecklenburg-Vorpommern eine verbindliche tägliche Lesezeit an allen Grundschulen ein, die sich am Hamburger Modell orientiert.Freie Hansestadt Bremen: Das Bremer Leseband.

Weitere Länder wie Schleswig-Holstein oder Thüringen starteten Pilotprogramme oder Schulversuche.

Aktuelle Entwicklung (seit 2024) Das Leseband wird inzwischen in vielen deutschen Bundesländern umgesetzt oder erprobt. Parallel dazu wird das Konzept wissenschaftlich weiter untersucht und durch Fortbildungsprogramme für Lehrkräfte verbreitet.

Umsetzung in den deutschen Bundesländern

Bundesland Einführung / Beginn Status der Umsetzung Informationsseite Quelle Baden-Württemberg 2023 landesweite Einführung https://km-bw.de https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/wissenschaftlich-erprobtes-lesetraining-an-grundschulen-landesweit Bayern – keine landesweite Einführung des Lesebandes; allerdings landesweite Umsetzung einer Fachintegrierten Leseförderung (FiLBY) https://www.km.bayern.de https://www.lesen.bayern.de/filby/ Berlin 2024 keine landesweite Einführung; Teilnahme von 40 Startchancen-Grundschulen https://www.berlin.de/sen/bildung/unterstuetzung/startchancen-programm/handreichung-leseband.pdf Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie (Berlin): Handreichung Leseband. 2024.https://www.isq.berlin/wordpress/evaluation/leseband-und-matheband/ Brandenburg 2023 keine landesweite Einführung; Start mit 200 Grund- und weiterführenden Schulen https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/themen/sprachbildung/projekt-leseband-brandenburg Bremen 2023 Kontinuierliche landesweite Einführung an allen Grundschulen und an ersten weiterführenden Schulen in den Jahrgangsstufen 5–6 https://www.bremen.de/bildung/leseband Freie Hansestadt Bremen: Das Bremer Leseband. Bildungsressort Bremen. Hamburg 2015 keine landesweite Einführung; zunächst Pilotprojekte an sechs Grundschulen, später Ausweitung auf weitere Schulen https://deutsches-schulportal.de/unterricht/leseband-lesefoerderung-hamburg-biss-transfer-wie-sich-der-teufelskreis-des-nichtlesens-durchbrechen-laesst/ Kuhn, Annette: Leseförderung: Wie sich der „Teufelskreis des Nichtlesens“ durchbrechen lässt. Deutsches Schulportal, 2023. Hessen – keine landesweite Einführung; einzelne Schulprojekte https://kultusministerium.hessen.de Mecklenburg-Vorpommern 2024 landesweite Einführung des Lesebands an Grundschulen https://www.bildung-mv.de/schule/schularten/grundschule/leseband/ Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung Mecklenburg-Vorpommern: Handreichung für die Arbeit mit dem Leseband. 2024. Niedersachsen – keine landesweite Einführung, Ausnahme: Bildungsregion Südniedersachsen https://www.mk.niedersachsen.dehttps://www.suedniedersachsenstiftung.de/projekt/leseband/ Nordrhein-Westfalen 2022 keine landesweite Einführung; einzelne Leseband-Projekte und Initiativen zur täglichen Lesezeit, vor allem in den Regierungsbezirken Detmold und Münster https://www.schulministerium.nrw https://www.bildung-chancen.de/lies-mit/https://www.auridis-stiftung.de/lesebandnrw/ Rheinland-Pfalz 2024 landesweite Einführung; Besonderheit: zusätzliche Einführung an 72 Förderschulen inkl. wissenschaftlicher Evaluation https://bildung.rlp.de/grundschule/lernbereiche/deutsch/leseband-rheinland-pfalz https://www.uni-koblenz.de/de/bildungswissenschaften/institut-fuer-grundschulpaedagogik/ab-sprachbildung/benjamin-uhl/forschungsprojekte/leseband-l Saarland 2025 landesweite Einführung einer täglichen Lesezeit an Grundschulen https://www.saarland.de/mbk Ministerium für Bildung und Kultur Saarland: Informationen zur Einführung des Lesebands. Sachsen – keine landesweite Einführung https://www.schule.sachsen.de Sachsen-Anhalt 2025 keine landesweit verpflichtende, aber kontinuierliche freiwillige Einführung https://mb.sachsen-anhalt.de https://www.bildung-lsa.de/informationsportal/unterricht/schulformuebergreifende_themen/deutsch_als_ziel__und_bildungssprache/lesefoerderung.htm Schleswig-Holstein 2024 keine landesweite Einführung, aber Start des Pilotprogramms „Leseband.SH“ https://fachportal.lernnetz.de/sh/faecher/deutsch/leseband-sh.html Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein: Leseband.SH – Handreichung. 2024. Thüringen 2025 keine landesweite Einführung, aber Beginn eines Pilotprojekts mit mehreren Grundschulen https://bildung.thueringen.de/aktuell/neun-schulen-starten-mit-einfuehrung-des-lesebands Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport: Neun Schulen starten mit Einführung des Lesebands. 2025.

Konzept

Das Leseband basiert auf der Annahme, dass Lesekompetenz eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiches Lernen in allen Unterrichtsfächern darstellt. Regelmäßige Übungsphasen sollen dazu beitragen, grundlegende Leseprozesse zu automatisieren.

Typische Merkmale des Konzepts sind:

eine tägliche Lesezeit von etwa 20 bis 25 Minuten Durchführung unabhängig vom jeweiligen Unterrichtsfach ritualisierte Abläufe (z. B. festgelegter Beginn und Abschluss der Lesezeit) Einsatz evidenzbasierter Lesefördermethoden Nutzung differenzierter Lesetexte regelmäßige Diagnose der Leseflüssigkeit.

Methoden (Lautleseverfahren)

Im Leseband werden häufig sogenannte Lautleseverfahren eingesetzt. Diese gelten in der Lesedidaktik als wirksame Methode zur Förderung der Leseflüssigkeit.

Zu den häufig verwendeten Lautlesemethoden gehören unter anderem:

Vorlesen und Zuhören Vorlesen und Mitlesen Chorisches Lesen Lautlesetandem (Tandemlesen) Würfellesen Hörbuchlesen Vorlesetheater.

Diese Verfahren sollen insbesondere Lesegenauigkeit, Lesegeschwindigkeit und Prosodie fördern und dadurch die Grundlage für verbessertes Textverständnis schaffen.

Forschung

Die wissenschaftliche Grundlage des Lesebands bildet Forschung zur Bedeutung der Leseflüssigkeit für das Leseverstehen. Studien zeigen, dass automatisiertes Dekodieren eine wichtige Voraussetzung für die Verarbeitung komplexer Texte darstellt.

Empirische Untersuchungen zu Lautleseverfahren belegen positive Effekte auf die Entwicklung der Leseflüssigkeit und teilweise auch auf das Leseverständnis.Rosebrock, Cornelia; Nix, Daniel; Rieckmann, Carola; Gold, Andreas (2011): Leseflüssigkeit fördern. Lautleseverfahren für die Primar- und Sekundarstufe. Seelze: Klett Kallmeyer.

Eine Studie des Forschungsverbunds um Steffen Gailberger untersuchte langfristige Effekte von Lautleseverfahren auf verschiedene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern und zeigte signifikante Verbesserungen der Leseflüssigkeit.Gailberger, Steffen; Pohlmann, Britta; Reichenbach, Laura; Thonke, Franziska; Wolters, Jonna (2021): Zum nachhaltigen Einfluss von Lautleseverfahren auf Leseflüssigkeit, Leseverstehen, Rechtschreibung sowie Kompetenzen jenseits des Deutschunterrichts. In: Gailberger, Steffen; Sappok, Christopher (Hrsg.): Weiterführende Grundlagenforschung in Lesedidaktik und Leseförderung. Bochum.

Weitere Untersuchungen zu Lautlesetandems wurden unter anderem am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache durchgeführt.Beck, Luna (2017): Gemeinsam fit im Lesen. Lautlese-Tandems im Schulunterricht. Köln: Mercator-Institut.

Stiftungsnetzwerk Leseband

Die bundesweite Verbreitung des Lesebands wird unter anderem durch das Stiftungsnetzwerk Leseband unterstützt. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss mehrerer Stiftungen, die Schulen und Bildungsverwaltungen bei der Einführung des Konzepts unterstützen.

Zu den beteiligten Stiftungen gehören:

Auridis Stiftung Beisheim Stiftung Bertelsmann Stiftung Crespo Foundation Unternehmerstiftung für Chancengerechtigkeit Reinhard Mohn Stiftung Zentrum für Bildung und Chancen im Kreis Gütersloh.

Medien

Eine Sammlung von Informations- und Praxisvideos zum Leseband ist über eine öffentlich zugängliche Playlist verfügbar:

https://www.youtube.com/playlist?list=PLW4GBioTGP1-9nifdcr0KE_UPGcORFDYW

Mittlerweile existieren zudem eine Reihe von Handreichungen zur praktischen Umsetzung von Lesebändern:

Handreichung Berliner Lesebandhttps://www.berlin.de/sen/bildung/unterstuetzung/startchancen-programm/handreichung-leseband.pdf Handreichung für die Arbeit mit dem Leseband Mecklenburg-Vorpommernhttps://www.bildung-mv.de/export/sites/bildungsserver/.galleries/dokumente/schule/240125_Handreichung_fuer_die_Arbeit_mit_dem_Leseband.pdf Handreichung Leseband Rheinland-Pfalzhttps://bildung.rlp.de/fileadmin/user_upload/grundschule.bildung.rlp.de/Aktuelle_Nachrichten/Leseband_Grundschule_20240626.pdf Handreichung Leseband.SH https://transparenz.schleswig-holstein.de/dataset/fcd6328c-9b0d-456c-a3c2-56fa85e6939d/resource/a3380a1e-ca12-4077-a96b-6e8564389d9d/download/handreichung_leseband_sh_august_2024_barr.pdf

Literatur

L. Beck (2017): Gemeinsam fit im Lesen. Lautlese-Tandems im Schulunterricht. Köln. A. Bertschi-Kaufmann, T. Graber (2016): Lesekompetenz – Leseleistung – Leseförderung. Stuttgart. V. Boll, J. Scholz (2012): Leseförderung durch Hörbücher und durch Vorlesen im Vergleich. Eine empirische Studie in Grund- und Hauptschulen. Lüneburg. Juliane Dube (2021): Abenteuer Lese.Reise: Vorlesen und Mitlesen. Leseförderung am Modell. In: Lehren und Lernen. Zeitschrift für Schule und Innovation in Baden-Württemberg, S. 69–74.