mini|Orlacher Missale Einband Das sogenannte Orlacher Missale ist eine liturgische Handschrift, vermutlich des 11. Jahrhunderts.Ältestes Buch im Salzkammergut wird in Bad Goisern ausgestellt. In: Ischler Woche vom 9. November 2005, S. 21. Der auf Pergament geschriebene Codex ist ein notiertes Messbuch, welches liturgische Texte, Rubriken sowie umfangreiche musikalische Notationen vereint, die für die Durchführung der Messfeier im gesamten Kirchenjahr erforderlich waren.
Das Temporale (Kirchenjahr oder auch Herrenjahr) enthält die Messtexte Tag für Tag für das gesamte liturgische Jahr, organisiert um Weihnachten und Ostern. Das Sanctorale folgt dem liturgischen Jahr anhand der Gedenktage der Heiligen. Schließlich werden Votivmessen, die für bestimmte Anliegen oder mit einer bestimmten Intention des Priesters gefeiert werden, am Ende des Messbuchs angefügt.
Der umfangreiche Kalender am Anfang bietet eine Fülle von Informationen über die ursprüngliche liturgische Nutzung sowie spätere Nutzungen mit Ergänzungen, die über Jahrhunderte lang eingefügt wurden. Aufgrund paläographischer Merkmale und der Federzeichnungen kann das Messbuch auf den Beginn des 12. Jahrhunderts datiert werden. mini|Neumen im Orlacher Missale
Historische Einordnung Das Messbuch erhielt den Namen „Orlacher Messbuch“, da es liturgisch mit der kleinen Pfarrkirche von Orlach (Unterfranken, Diözese Würzburg, Landkreis Schwäbisch Hall, Baden-Württemberg) verbunden war. Das kann aus zusätzlichen Einträgen im Kalender geschlossen werden. Diese beziehen sich direkt auf die Kirchweihe der Kirche von Orlach (dem heiligen Kilian geweiht) und mehrere namentlich bekannte Gemeindemitglieder aus Orlach sowie auf einen Zusatzvermerk zur Gründung der St.-Margarethen-Kapelle in Altenberg im Jahr 1067 durch Bischof Adalbero von Würzburg.
Der ursprüngliche Kalender enthält einen Eintrag über die Weihe der Augsburger Kirche am 28. September. Eine entsprechende Erwähnung für die Kirche von Würzburg fehlt. Auch der restliche Kalender spiegelt diese Augsburger Nutzung wider. Das „Orlacher Messbuch“ entstand also vermutlich an einem Ort, der unter dem direkten liturgischen Einfluss der Augsburger Kirche stand. Stilistisch kann man den Kodex mit der alten Abtei Ellwangen (Diözese Augsburg, unmittelbar an die Diözese Würzburg angrenzend) in Verbindung bringen. Ein weiterer möglicher Entstehungsort ist die Abtei Zwiefalten (gegründet 1089 durch Wilhelm von Hirsau und Adalbero von Würzburg). Diese gehörte zwar zur Diözese Konstanz, lag aber in unmittelbarer Nähe zu Ulm, das zur Diözese Augsburg zählte. Aus wissenschaftlicher Sicht eindeutig ist das gemeinsame kulturelle Gebiet der Entstehung des Kodex im späten 11. oder frühen 12. Jahrhundert: Schwaben und das benachbarte Unterfranken, eine Region, die von drei Diözesen geteilt wurde.
Verwendung Eindeutig kann man drei verschiedene Verwendungsorte des Missale identifizieren – vornehmlich aus den Nachträgen, die die Schrift an neue Bedürfnisse anpassten: Die Pfarrkirche Orlach, eine franziskanische Institution und die Pfarrkirche Altenberg.
Handschriftenkunde Kodikologie Einband Das Buch ist in einem deutschen, weiß blindgeprägten Schweinsledereinband des 16. Jahrhunderts über abgeschrägten Holzdeckeln gebunden. In der Mitte befindet sich ein blind geprägtes ornamentales Medaillon, eingefasst in konzentrische Rechtecke und Blindlinien.
Lagenstruktur und Kollation Der Kodex besteht ursprünglich aus 29 Lagen, darunter eine unvollständige Lage mit drei Blättern und drei im 15. Jahrhundert eingefügte Lagen mit insgesamt 17 Blättern. Die Lagensignaturen erscheinen als arabische Zahlen oder römische Ziffern am unteren linken Rand des ersten Blattes jeder Lage.
Paläographie Textschrift Geschrieben in karolingischen Minuskeln kann man Merkmale des 11. als auch des 12. Jahrhunderts erkennen. Vermutlich stammt das Missale von einem einzigen Verfasser, der allerdings unterschiedliche Schrifttypen verwendet. So haben Gesangstexte beispielsweise immer eine kleinere Schriftgröße. Die Nutzung von unterschiedlichen Schriftgrößen zur Unterscheidung von Texten ist kein unübliches Verfahren bei Missalen. Vor allem zum Kalender und den Votivmessen wurden später Elemente von verschiedenen Schreibern hinzugefügt.
Musik und Notenschrift Auf mehr als der Hälfte der Blätter befindet sich Musik. Der Kodex enthält musikalische Notation in Form diastematischer, linienloser Neumen der St.-Galler-Tradition. Es wird angegeben, wie die Silben eines Textes auf bestimmte Tonhöhen oder Tonfolgen zu singen sind. Im Vergleich zur modernen Notenschrift werden Neumen nicht auf einem vertikalen Koordinatensystem notiert, das die Tonhöhe exakt angibt. Bisher wurden 23 Alleluia-Gesänge transkribiert. Die Neumen wurden insgesamt von vier verschiedenen Schreibern verfasst. Zwei davon waren bei der Entstehung des Missale dabei. Zwei weitere haben viel später einzelne Texte mit Neumen versehen.
Illustration mini|Initiale „V“ mit zoomorphen Elementen im Orlacher Missale Der Kodex enthält feine Federzeichnungen in roter und brauner Tinte. Auffällig ist eine große verzerrte Initiale „V“ mit zoomorphen Elementen und eine große Kreuzigungsinitiale „T“, die das „Te igitur“ im Messkanon eröffnet. Ersten Analysen zufolge kann eine Verbindung zur oberrheinischen Buchmalerei hergestellt werden, einschließlich Zentren innerhalb der Diözese Konstanz. Parallelen bestehen zu Kodizes, die mit der Abtei Zwiefalten verbunden sind, besonders zum dreibändigen Passionale. Weitere stilistische Vergleiche lassen sich mit einem Lektionen-Epistolar herstellen, welches für die Abtei St. Georgen im Schwarzwald angefertigt wurde. mini|"Te Igitur" im Orlacher Missale
Provenienz Im 12. Jahrhundert wurde das Missale in der Pfarrkirche von Orlach verwendet. Im 13. und 14. Jahrhundert gelangte die Handschrift vermutlich in franziskanischen Besitz. Nachträge im Kalendarium, die sich auf Franziskusfeste beziehen, lassen dies annehmen. Im 14. und 15. Jahrhundert wurde das Missale in Altenberg, der Filiale von Orlach, verwendet. Eine ausführliche Notiz zur Kirchweih am 6.7. durch den Würzburger Bischof Adelbero von Lambach weist im Kalender darauf hin. Auf der Innenseite des Einbands findet sich ein Bibliothekseintrag.
Der Kodex gehörte später Sir Thomas Phillipps (1792–1872), der Sammlung des British Rail Pension Fund, J. Paul Getty Junior (Wormsley Library), mehreren Antiquariats- und Ausstellungssammlungen und einer privaten europäischen Sammlung. Schließlich ging der Kodex an einen privaten österreichischen Sammler. Im Jahr 2026 ging er in den Besitz des European Heritage Project über.Barbara Stühlmeyer: Ein Messbuch erzählt Geschichte. In: Die Tagespost, 16. Juli 2026, S. 18.
Literatur Julia Gehring: Das Orlacher Missale. Studien zu einer Handschrift des frühen 12. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Alleluia-Melodien für die Sonntage nach Pfingsten. Magisterarbeit, Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, Weimar 2003, zwei Bände (Textband und Notenband). Julia Schell: Das Orlacher Missale. In: Olaf Mückrein, Werner Zager (Hrsg.): Von Canossa nach Worms – 900 Jahre Wormser Konkordat. Worms Verlag, Worms 2022, ISBN 978-3-947884-86-5, S. 109–115. Ältestes Buch im Salzkammergut wird in Bad Goisern ausgestellt. In: Ischler Woche vom 9. November 2005, S. 21.
Einzelnachweise
Kategorie:Handschrift (12. Jahrhundert) Kategorie:Missale Kategorie:Braunsbach Kategorie:Handschrift (Christentum) Kategorie:Geschichte (Landkreis Schwäbisch Hall)