mini|hochkant|Gustav Ludwig Gustav Heinrich Wilhelm Rudolph Ludwig, italienisch Gustavo Ludwig (geboren 1852 oder am 7. August 1854 in Nauheim; gestorben am 16. Januar 1905 in Venedig), war ein deutscher Arzt und Kunsthistoriker.

Leben Ludwig war Sohn eines Arztes und studierte ab 1872 Medizin in Heidelberg, Leipzig, München und Würzburg. Er legte 1876 in Leipzig das Staatsexamen ab, war für einige Zeit Assistent von Carl Gerhardt und diente auch als Chirurg im 7. Königlich Sächsischen Landwehrregiment. Anschließend praktiziert er rund zwanzig Jahre lang als Arzt am Deutschen Krankenhaus () in London. Hier zählten zahlreiche kleinere jüdische Kaufleute zu Ludwigs Patienten, die er nach altjüdischen Gebräuchen und Sitten behandeln musste. Unter seinen Patienten befanden sich auch einzelne Bildersammler, so dass er begann sich für alte Kunst zu interessieren und bald jede freie Minute damit verbrachte öffentliche und private Kunstgalerien zu besuchen.

Er wurde so bereits in London als Sammler von Kunstwerken und antiquarischen Kuriositäten bekannt. Ludwig hatte dem Industriellen Henry Doetsch beim Zusammentragen seiner umfangreichen Gemäldegalerie geholfen, die 1895 in London versteigert wurde. Nach dessen Tod beendete er selbst seine Tätigkeit als Arzt. Seit Mitte der 1890er Jahre litt er stark unter den Folgen seiner Arthritis- oder Gichterkrankung, so dass er es vorzog England zu verlassen, um seine körperlichen Leiden zu lindern. Er bereiste Europa, sammelte in bedeutenden Galerien grafische Dokumente, hielt sich kurzzeitig bei Theodor Frimmel in Wien auf und ließ sich 1896 in Venedig nieder.

Ludwig war vom 29. Juli 1880 bis zu seinem Tod Mitglied des Royal College of Physicians (M.R.C.P.) in London.

Kunstforschung Die letzten zehn Jahre seines Lebens widmete Ludwig der Kunstgeschichte. Er bewohnte ein einfaches Zimmer im Gasthof „Cappello Nero“ hinter dem Uhrturm der Piazza San Marco in Venedig. Er setzte seine Ersparnisse für seine Forschungen ein, legte sich eine Bibliothek mit Spezialliteratur zu, kaufte Fotografien von Werken venezianischer Maler an und fertigte selbst Neuaufnahmen von Bildern an, wenn seine Gesundheit es zuließ. Bei seinen Studien über die alte orientalische und jüdische Kolonie in Venedig kamen ihm seine Erkenntnisse aus der Tätigkeit in London zugute, die ihm nun manches verdeutlichten. Im venezianischen Staatsarchiv fand er bisher unbekannte Dokumente über das Leben venezianischer Künstler und arbeitete dort unter anderem mit Pietro Paoletti zusammen.

Ludwig unternahm zahlreiche Reisen zu auswärtigen Sammlungen und nutzte die zwei Bände des 1871 in London erschienenen Werkes A History of Painting in north Italy, Venice, Padua, Vicenza, Verona, Ferrara, Milan, Friuli, Brescia. von Giovanni Battista Cavalcaselle und Joseph Archer Crowe, die ihm als Vorbild dienten. Er verfasste für das Repertorium für Kunstwissenschaft und die Jahrbücher der Königlich Preußischen Kunstsammlungen mehrere Aufsätze, so unter anderem zu Bonifazio de’ PitatiGustav Ludwig: Bonifazio di Pitati da Verona, eine archivalische Untersuchung. In: Jahrbuch der Königlich Preussischen Kunstsammlungen. Band 22, 1901, Teil I, S. 61–78 und Teil II: Die Schüler Bonifazios. S. 180–200 () und Teil III: Die Datierung der aus Bonifazios Werkstatt stammenden Bilder. Band 23, 1902, S. 36–66 ()., über Antonello da Messinas Einfluss auf die Malerei in Venedig oder Giovanni Bellinis Bild von der Auferstehung ChristiGustav Ludwig, Wilhelm Bode: Die Altarbilder der Kirche S. Michele di Murano und das Auferstehungsbild des Giovanni Bellini in der Berliner Galerie. In: Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlungen. Band 24, 1903, S. 131–146 (). oder der Madonna am See.Gustav Ludwig: Giovanni Bellinis sogenannte Madonna am See in den Uffizien, eine religiöse Allegorie. In: Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen. Band 23, 1902, S. 163–186 ().

Sein besonderes Interesse galt der Periode des Quattrocento und dem Maler Vittore Carpaccio und dessen Zyklus zur Legende der Hl. Ursula. Ludwig traf auf Pompeo Molmenti, der sich ebenfalls mit diesem Maler beschäftigt und vier Publikationen zu Carpaccio veröffentlicht hatte. Aus ihren gemeinsamen Studien entstand die Idee, eine möglichst umfassende Monografie über diesen Maler zu verfassen. Ludwig verstarb jedoch, als das Werk noch unvollendet war und Molmenti stellte es 1906 allein fertig.

Zuletzt beschäftigte er sich mit seinem Aufsatz Venezianischer Hausrat zur Zeit der Renaissance, in dem er sich mit einer Art Toilettespiegel () befasste, der zugleich als Halter für Zubehör zur Herstellung aufwändiger Frisuren diente.

Grablegung Ludwig wurde 1905 zunächst auf dem Friedhof auf der Insel San Michele in einem ärmlichen Grab beigesetzt. Als seine Bekannten davon erfuhren, setzten sie sich dafür ein, ihm dort, wo er zu ruhen gewünscht hatte, eine würdige Grabstätte einrichten zu lassen. Am 24. April 1906 wurde der Sarg an die vom Munizipalrat der Stadt bestimmte Stelle überführt und dort beigesetzt. Kaiser Wilhelm II. sorgte mit einem Geldbetrag dafür, dass für ihn dort eine Grabtafel errichtet wurde, die dem Arbeiten aus der Werkstatt der Lombardi nachempfunden war und von Michelangelo Guggenheim (1837–1914) entworfen und ausgeführt wurde. Durch zahlreiche Spenden seiner Verehrer wurde zudem die Veröffentlichung eines Teiles seines Nachlasses – zahlreiche unpublizierte Urkunden venezianischer Künstler der Renaissance aus dem venezianischen Staatsarchiv – finanziert.

Die Angaben zu seinen Lebensdaten sind unterschiedlich: Georg Gronau, der ein Bekannter von Ludwig war, schrieb:

Häufig wird auch der 7. August 1854 als Geburtsdatum angeben. Der Grabstein gab aber das Jahr 1852 an, ebenso wie es auch in weiteren Literaturbeiträgen zu finden ist. Nach anderen Angaben soll er knapp 48 Jahre alt gewesen sein und als möglicher Geburtsort wird Essen angegeben (). Danach wäre er um 1857 geboren.

Er selbst gab an, dass all seine Geschwister an der Schwindsucht gestorben seien.

Schriften (Auswahl) mit Pietro Paoletti: Neue archivalische Beiträge zur Geschichte der venezianischen Malerei. In: Repertorium für Kunstwissenschaft. Band 22, Spemann, Berlin 1899, S. 87–93, 255–278, 427–457 () und Band 23, 1900, Heft 3, S. 173–192 (), Heft 4, S. 274–286 (). Neue Funde im Staatsarchiv zu Venedig. In: Jahrbuch der Königlich Preussischen Kunstsammlungen. Beiheft zum 24. Band, 1903, S. 110–118. mit Fritz Rintelen: Venezianischer Hausrat zur Zeit der Renaissance. In: Italienische Forschungen. Band 1. Bruno Cassirer, Berlin 1906, S. 169–183 (). mit Fritz Rintelen: Restello, Spiegel und Toilettenutensilien in Venedig zur Zeit der Renaissance. In: Italienische Forschungen. Band 1. Bruno Cassirer, Berlin 1906, S. 187–314 (). mit Pompeo Molmenti: Vittore Carpaccio, la vita e le opere. Ulrico Hoepli, Mailand 1906 ().

Literatur

Georg Gronau: Nekrolog Gustav Ludwig. In: Repertorium für Kunstwissenschaft. Band 28, Heft 3, 1905, S. 289–293 (). Wilhelm Bode: Nachruf an Dr. Gustav Ludwig. In: Italienische Forschungen. Band 1, Bruno Cassirer, Berlin 1906, S. 363–368 ().

Martin Gaier: »Die heilige Ursula hängt mir schon ellenlang zum Hals heraus.« Gustav Ludwig tra storia artistica e culturale 1895–1905. In: Susanne Winter (Hrsg.): Presenze tedesche a Venezia. Rom 2005, ISBN 88-8498-260-X, S. 131–175.

Martin Gaier: Kunstforschung, Fotografie und Kunsthandel um 1900. Gustav Ludwigs Korrespondenzen mit Wilhelm Bode, Aby Warburg und anderen. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-422-98634-3.

Weblinks

Gustav Ludwig: der fotografische Nachlass khi.fi.it

Einzelnachweise

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