Die Geißelung Christi (it. Flagellazione) ist ein Gemälde in Öl auf Leinwand von Pietro di Galeotto (* um 1450, † 1483). Entstanden ist die Geißelung im Jahr 1480. Sie ist das einzige Gemälde, das dem Künstler mit Sicherheit zugeordnet werden kann.

Historie Das Bild wurde als Gonfanon (Prozessionsbanner) von der Bruderschaft des hl. Franziskus (Confraternita di San Francesco), einer Flagellantenbruderschaft in Perugia, in Auftrag gegeben. In einem Inventar von 1582 heißt es, dass das Gonfanon in Prozessionen „vor dem Kreuz und der Figur des hl. Franziskus getragen“ werden solle. Es wurde von Pietro di Galeotto zwischen April und September 1480, zu welchem Zeitpunkt seine Entlohnung dokumentiert ist, fertiggestellt. Heute befindet es sich in der Sakristei des Oratoriums der Flagellantenbruderschaft des hl. Franziskus (Oratorio della Confraternita dei Disciplinati di San Francesco) in Perugia.

Motiv Das Motiv des Bildes ist die Geißelung Christi nach , und . Die Wahl des Motivs ist für eine Flagellantenbruderschaft naheliegend. Die Geißelung wurde von Pontius Pilatus nach seiner Handwaschung befohlen. Sie war nach römischem Recht die Einleitung der Kreuzigung und ist Teil der Passion Jesu. Die künstlerische Darstellung der Geißelung scheint erst ab dem 9. Jahrhundert vorzukommen und basiert vermutlich auf Psalterillustrationen. Ab dem 12. Jahrhundert trägt Jesus nur noch sein Lendentuch und wird dem Betrachter gegenüberstehend gezeigt. Ab dieser Zeit werden in den bildlichen Darstellungen auch die körperlichen Leiden Jesu thematisiert; ab dem späten Mittelalter werden die Kriegsknechte als roh und gewalttätig beschrieben.

Bildbeschreibung Das Gemälde ist in kalten, fast silbrigen Tönen gehalten.

Figuren In der Bildmitte steht Jesus in frontaler Ansicht dem Betrachter gegenüber. Seine Unterarme sind hinter seinem Rücken gebunden. Um seine Oberarme sind Stricke gewunden, mit denen er an eine direkt hinter ihm stehende Säule gefesselt ist. Er trägt nur ein flatterndes graublaues Lendentuch. Seine Züge zeigen Spuren der Pein, Schmerzenstränen laufen über sein Gesicht. Auf dem Kopf trägt er die Dornenkrone, auch wenn ihm diese gemäß der biblischen Überlieferung erst nach der Geißelung aufgesetzt wurde (). Darüber wird sein Heiligenschein als fast transparente goldene Scheibe dargestellt.

Links und rechts von ihm stehen zwei Henkersknechte. Der Scherge links im Bild steht wie Jesus fast frontal zum Betrachter, sein linkes Bein ist vorgestreckt. Das Gewicht des Körpers liegt auf dem rechten Bein, seine beiden Arme holen in einer kräftigen Bewegung zum Schlag auf Jesus aus, wobei die Sicht auf das Schlaginstrument in seinen Händen verdeckt ist. Seine Gesichtszüge scheinen von Wut und Anstrengung verzerrt. Er trägt eine sehr knappe Bruoch, darüber eine kurze Tunika, die vorne durch einen Gurt zusammengehalten wird. Seine Kleidung ist wie die seines Kameraden rechts im Bild in einem kalten Grüngrau gehalten. Sein Kopf ist mit einer bronzefarbenen Kappe oder einem Helm bedeckt. Der rechte Fuß steckt in einem Halbschuh, der linke Schuh, der schräg vor ihm liegt, ist ihm vom Fuß gefallen.

Der Henkersknecht auf der rechten Seite steht halb abgewendet vom Betrachter nach links gewendet. Das linke Bein hat er angewinkelt angehoben und stützt seine linke Hand, die ein Seilende hält, auf das Knie. Mit der rechten Hand hält er das andere Ende des Seils gespannt, anscheinend möchte er die beiden Seilenden mit seinem linken Knie als Unterlage verknoten. Den Kopf hat er stark nach links gewendet, so dass die ganze linke Gesichtshälfte und das rechte Auge sichtbar sind. Sein Gesicht zeigt ein maliziöses Grinsen. Auch er trägt eine Bruoch, die aber weiter geschnitten ist als die seines Kameraden, sowie eine Tunika. Sein Kopf ist unbedeckt, er hat eine Stirnglatze und am Hinterkopf schulterlanges Haar. Wie sein Kamerad trägt er Halbschuhe.

Sehr expressiv werden Knochen, Muskeln und Sehnen der drei Figuren dargestellt; besonders prononciert wird die Schulter- und Halspartie Jesu gezeigt.

Architektur Die Geißelung findet auf einer kleinen überdachten Veranda statt, die nach hinten und an den Seiten von einer niedrigen Brüstungsmauer begrenzt wird. Sie ist sehr schmal und bietet gerade genug Platz für die drei Männer. Am linken und rechten Bildrand sind Pfeiler angedeutet, die das Dach tragen. Der Boden ist mit großen Fliesen bedeckt, die in der Mitte der Veranda drei konzentrische Achtecke bilden, von denen eines im Winkel von 22,5° (eine Sechzehnteldrehung) gegenüber den beiden anderen verdreht ist. Die Fliesen um diese Oktogone herum sind quadratisch und mit breiten Fugen voneinander getrennt. Die Säule, an die Jesus gefesselt ist, stützt wie die Pfeiler links und rechts die Decke. Sie steht ein wenig nach rechts versetzt und somit nicht exakt konzentrisch mit den Oktogonen. Über dem Kopf Jesu ist eine kleine Inschrift dargestellt, eine seltene Variante der weit gebräuchlicheren Buchstabenfolge , die üblicherweise aber nur in Kreuzigungsdarstellungen auf einem kleinen Querbalken oberhalb des Hauptes Jesu gezeigt wird.

Hintergrund Zwischen den Figuren öffnet sich der Blick auf eine weite Landschaft, die den Mittel- und Hintergrund des Gemäldes bildet. Im Mittelgrund erheben sich links und rechts Felsmassen, während sich in der Bildmitte ein Tal öffnet, wo ein sich in der Ferne zwischen Bergen verlierendes Gewässer zu erkennen ist, auf dessen Oberfläche ein Boot dahingleitet. Dahinter geht der Horizont unmerklich in den Himmel über.

Bemerkenswerte Details Der Künstler lässt erhebliches Interesse an Einzelheiten erkennen. So stellt er sehr realistisch die physiologische Wirkung der Armfesseln auf den Körper Jesu dar; sie rufen wie eine Aderpresse Schwellung und Rötung der Haut hervor. Unter der Dornenkrone tropft Blut hervor, auch sind die durch die Dornen verursachten Risse in der Kopfhaut zu erkennen. Die Tränen im Gesicht Jesu werden mit großer Sorgfalt außerordentlich realistisch dargestellt. Die Narbe auf der Stirnglatze des rechts stehenden Henkersknechts ist ein weiteres wirklichkeitsnahes Detail. Auffallend sind die an den Spitzen durchlöcherten Schuhe der Henkersknechte, die die Zehen sehen lassen. Schließlich ist noch die Textur des Seiles zu erwähnen mit den sehr detailliert gezeichneten Seilenden.

Weitere Informationen zum Bild Auf dem Foto nicht zu erkennen bzw. nicht abgebildet sind Details, die sich in der Folge einer im Jahr 2003 durchgeführten Restaurierung zeigten. So zieht sich ein in Fragmenten erhaltener ca. 10 cm breiter Rand mit goldenen Ziermotiven auf grünem und rotem Grund um das Gemälde. Bei der reflektographischen Untersuchung wurden Spuren einer Unterzeichnung entdeckt, die nicht immer der endgültigen Ausführung entspricht. So trug etwa der rechte Henkersknecht im Entwurf ein Stirnband auf dem Kopf.

Auf der Rückseite der Leinwand findet sich die Aufschrift .

Bei der Restaurierung wurden Wurmlöcher festgestellt, die zeigen, dass das Gemälde irgendwann mit einem hölzernen Träger in Kontakt gewesen sein muss.

Zuschreibung und Rezeption mini|hochkant=0.7|Donato Bramante, 1450 Das Gemälde wurde lange Zeit weitgehend ignoriert; 1822 bezeichnete es ein C. Gambini in einem frühen Reiseführer als „ein schönes Werk der Schule von Perugia“ („bell’opera di scuola perugina“), 1872 hielt es dann ein M. Guardabassi für das Werk „eines im 16. Jahrhundert lebenden deutschen Künstlers“. Der Kunsthistoriker Umberto Gnoli hielt das Gemälde 1923 für zerstört.

Der Kunsthistoriker Luciano Bellosi schrieb das „wiederentdeckte“ Bild im Jahr 1977 dem eher als Architekten bekannten Donato Bramante (* 1444, † 1514) zu, der in der Tat auch als Maler tätig war. Möglicherweise wurde Bellosi dazu durch das hier gezeigte Gemälde Bramantes von 1450 verleitet, das motivisch erhebliche Ähnlichkeiten mit einem Ausschnitt und auch Details der Geißelung zeigt. Bereits im folgenden Jahr wies G. Mulazzani in einer Arbeit über das malerische Œuvre Bramantes diese Vermutung zurück; Francesco Mancini konnte dann wiederum ein Jahr später auf der Grundlage von Dokumenten die heute akzeptierte Zuschreibung an Pietro di Galeotto vornehmen.

Die Bedeutung von Pietro di Galeotto als einer der Hauptpersonen der Kunst Umbriens im 15. Jahrhundert wurde bereits von dem italienischen Arzt Annibale Mariotti (* 1738, † 1801) beschrieben, der im Jahre 1788 die Geschichte der Kunst Perugias dokumentierte. Auch wenn er keines der Werke Pietros kannte, führten ihn seine Forschungen zu dem Schluss, dass er ein Künstler war, der sich durchaus mit Pietro Perugino (* um 1450, † 1523) messen konnte. Dies werde durch die unbestritten sehr hohe Qualität dieses Meisterwerkes bestätigt.

Zeichnung mini|hochkant=0.7|Zeichnung von Johann Anton Ramboux Der deutsche Künstler Johann Anton Ramboux (* 1790, † 1866), der viele Kunstwerke Italiens graphisch dokumentierte, schuf in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Bleistiftzeichnung der Geißelung auf Vergépapier. Sie befindet sich seit 1868 im Bestand des Städel Museums in Frankfurt am Main, das als Entstehungszeitraum die Jahre 1818 bis 1843 angibt. Die Blattgröße beträgt 266 mm × 198 mm. Oben rechts auf der Zeichnung trug Ramboux die Anmerkung „mi pare di Alunno“ ein, auf deutsch „scheint mir von Alunno“, womit der Maler Niccolò di Liberatore (* zwischen 1430 und 1435, † 1502) gemeint ist, der auch als Nicolò Alunno bekannt ist.

Einzelnachweise keytoumbria.com, abgerufen am 9. März 2026. Heinrich Krauss, Eva Uthemann: Was Bilder erzählen. Die klassischen Geschichten aus Antike und Christentum. 6., durchgesehene Auflage. Verlag C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62408-7. S. 301 f. Francesco Federico Mancini: Catalogo delle opere. I.17 Flagellazione. In: Vittoria Garibaldi, Francesco Federico Mancini (Hrsg.): Perugino – il divin pittore. Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Galleria Nazionale dell'Umbria vom 28. Februar bis 18. Juli 2004. Silvana Editoriale, Cinisello Balsamo 2004, ISBN 88-8215-683-4. S. 206. Hannelore Sachs, Ernst Badstübner, Helga Neumann: Wörterbuch der christlichen Ikonographie. 8., veränderte Auflage. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2004, ISBN 3-7954-1653-1. Gertrud Schiller: Iconography of Christian Art. Volume 2 The Passion of Jesus Christ. Aus dem Deutschen von Janet Seligman. The New York Graphic Society Ltd., Greenwich, Connecticut 1972, ISBN 0-85331-324-5. Deutsche Originalausgabe: Ikonographie der christlichen Kunst. Band 2 Die Passion Jesu Christi. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1968. Die Seitenangaben beziehen sich auf die englischsprachige Ausgabe. Webseite des Städel Museums, Frankfurt am Main, abgerufen am 10. März 2026.

Kategorie:Gemälde (15. Jahrhundert) Kategorie:Passionsbild Kategorie:Italienische Renaissance (Malerei) Kategorie:Kunstwerk der Renaissance Kategorie:Gemälde (Neues Testament) Kategorie:Geißelung in der Kunst