Lili Cassel-Wronker (* 5. Mai 1924 in Berlin, Deutsches Reich als Lili Cassel; † 10. Januar 2019 in Mount Holly, New Jersey) war eine jüdische, deutsch-amerikanische Illustratorin und Kalligraphin.
Biografie Lili Cassel kam in Berlin als Tochter von Josef Cassel und Edith, geborene Basch, zur Welt und hatte eine Schwester, Evi. Ihr Vater war als „Spez. Arzt für Haut- und Harnleiden, Licht- und Röntgenbehandlung“ tätig. Die Familie wohnte in Wilmersdorf, wo Cassel auch zur Schule ging, bis im April 1933 durch das „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ die Zahl jüdischer Schüler an den Schulen begrenzt wurde. Sie besuchte noch drei Jahre eine katholische Schule und wurde 1936 von der reformpädagogischen Privaten Jüdischen Waldschule Kaliski aufgenommen. Dort waren Kunst, Musik und Theater wichtige Unterrichtsbestandteile. Außerdem wurden Hebräisch und Englisch unterrichtet.
Im September 1938 entzog der NS-Staat allen jüdischen Ärzten die Approbation.Reichsbürgergesetz#Vierte Verordnung vom 25. Juli 1938 Nachdem schon seit 1933 die Krankenkassen keine Erstattung für Behandlung bei jüdischen Ärzten mehr vorgenommen hatten, war damit der Erwerb des Lebensunterhalts nicht mehr nur schwierig, sondern unmöglich. Kurz darauf folgten die Novemberpogrome. Der Familie Cassel gelang die Emigration. Lili und ihre Schwester Evi wurden auf die Stoatley Rough School in Haslemere in Südengland geschickt. Das von Hilde Lion gegründete Internat nahm in dieser Zeit viele Kinder aus Deutschland und Österreich auf. Auch der Vater ging nach Großbritannien und lebte in London. Die Mutter und die Großmutter zogen vorerst nach Brüssel.
1940 folgte die Emigration in die Vereinigten Staaten, wo die Familie wiedervereint wurde. Der Vater konnte dort aber keine Anerkennung seiner Approbation erreichen und musste als Pfleger arbeiten. Die Familie wohnte in Queens, New York City, und Lili Cassel besuchte die Washington Irving High School, wo sie täglich Kunstunterricht erhielt. Sie studierte an der Art Students League of New York und arbeitete einige Zeit bei der New York Times, bevor sie sich als Illustratorin selbständig machte. 1946 wurde sie eingebürgert.
mini|Erich Wronker als Kind (rechts, mit den Großeltern und Schwester), auf dem Balkon der Villa in Königstein, etwa 1927 1952 traf sie in New York Erich Wronker, der als Drucker bei den United Nations arbeitete, nachdem er über Israel und Ägypten in die Vereinigten Staaten geflüchtet war. Sein Großvater Hermann Wronker, ermordet im KZ Auschwitz, war Mitgründer der Kaufhaus-Wronker-Kette gewesen, die 1934 arisiert worden war. Als 3- und 6-jährige Kinder waren sich Lili und Erich bereits einmal in Königstein im Taunus in der Villa der Familie Wronker begegnet. Sie heirateten noch im selben Jahr und bekamen in der Folge einen Sohn und eine Tochter. In ihrer Wohnung betrieben sie eine Handpresse, mit der sie gemeinsame Projekte verwirklichten. Erich Wronker starb 1996.
Neben ihrer Tätigkeit als Illustratorin lehrte Cassel-Wronker an der New School for Social Research und der Johns University in Queens Kalligraphie. Sie war Gründungsmitglied der Society of Scribes in New York, einer Non-Profit-Organisation, die Anerkennung und Verständnis für Kalligraphie als Bildende Kunst fördert. Die Gesellschaft wurde 1974 in ihrer Wohnung gegründet, gemeinsam mit Elizabeth Boucher, Carlos Byron, Cherie Cone, Abigail Chapman, Peter Chronis, Paul Freeman, Bob Hostetter, Sigfried Heiles, Leona Kaufman, Alice, Frances Manola, Clark Mills, Polly McFarlin, Emily Shields, Milly Van Leuven, Nancy Westheimer und Emanuel Weiner.
Nach dem Krieg besuchte Cassel-Wronker mehrmals Deutschland. Seit dem Jahr 2000 war sie als Stifterin dem Jüdischen Museum in Berlin verbunden. 2008 nahm sie als Zeitzeugin an Workshops teil, in denen sie Jugendlichen über ihr Leben berichtete. 2007 hatte sie auf Einladung der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung eine Reise nach Deutschland unternommen, auf der sie unter anderem das Städel und das Jüdische Museum in Frankfurt besichtigte und die Oberbürgermeisterin Petra Roth traf. Sie besuchte dabei auch die Villa in Königstein, in der sie als Kind erstmals ihren späteren Mann getroffen hatte. Die Villa Romberg der Wronkers gehört inzwischen der Stiftung. Bemühungen um eine Wiedergutmachung der durch die Arisierung verlorenen Vermögenswerte waren den Überlebenden der Familie nicht gelungen.
Cassel-Wronker starb 94-jährig am 10. Januar 2019 in einem Krankenhaus in Mount Holly, nahe ihrem Zuhause in Medford in New Jersey. Bereits Jahre vor ihrem Tod hatte sie die Beschriftung für ihren Grabstein entworfen. Ihren Kindern sagte sie dazu: „This is nothing to cry about, I just hate ugly lettering.“
Werk Cassel-Wronker war als Illustratorin für Bücher, Buchcover und Schutzumschläge sowie als Kalligraphin tätig. Bevorzugt arbeitete sie in Schwarz und Weiß, wobei sie tintenführende Stifte oder Tinte und Feder verwendete. Dabei setzte sie auch nicht-europäische Exemplare ein.Kurzfilm “Love Is a Fine Pen” auf YouTube, von Chhaya Bhanti und Terrence Tessaro Sie selbst beschrieb ihren Stil als „linear and realistic“.
Ihre kalligraphischen Arbeiten in hebräischer Schrift erschienen in Büchern zur Bildenden Kunst und in Magazinen. Im Rahmen ihrer Unterrichtstätigkeiten nahm sie auch ein Video über die Geschichte des hebräischen Alphabets auf. Sie war mit Elly Gross befreundet, die sie bei einem Besuch in Israel 1948 mit Franzisca Baruch, Jakob Steinhardt, Ismar David, Henri Friedlaender und Emmanuel Grau bekannt machte. Neil Yerman, ein US-amerikanischer Sofer und Künstler, schätzte sie als herausragend unter den Hebräisch-Kalligraphen ein.
Eines ihrer ersten Buchprojekte war 1947 das Kinderbuch The Rainbow Mother Goose. Es wurde vom American Institute of Graphic Arts zu den 50 besten Büchern des Jahres gezählt. Sie illustrierte weitere Kinderbücher und gestaltete Buchcover für die World Publishing Company. In den 1940er bis 1960er Jahren gestaltete sie hunderte von Schutzumschlägen, darunter: Einstein: A Pictorial Biography (1955) von William Cahn, Jolly Jingles for the Jewish Child (1947) von Ben Aronin und The Adventures of Ellery Queen: Eleven Problems in Crime Deduction (1947). Dabei gestaltete sie oft auch Illustrationen im Buchinneren.
A London Diary Als Kind hatte sie anlässlich eines Besuchs beim Vater in London um den Jahreswechsel 1939/40 ein comicartiges Tagebuch mit englischem Text und bunten Zeichnungen gestaltet, das sich an Mr. und Mrs. Rains in New York richtet, wohin die Ausreise schon geplant war. A London Diary zeigt bereits das Talent der künftigen Illustratorin. Auf dem Titelblatt zeichnet sie ein Selbstporträt, bei dem sie mit Stift und Zeichenblock auf einem Sperrballon der Londoner Luftabwehr sitzt. Das Heft berichtet detailreich auf 23 Seiten über den Besuch verschiedener Veranstaltungen, aber auch das Londoner Straßenleben und die Verdunkelung. Auf der letzten Seite brechen sie und ihre Schwester Evi in Richtung New York, angedeutet durch Hochhäuser, auf. Es schließt mit dem Satz: „We are leaving you, the holidays and a country in war, for a stormy sea and the country of thousand possibilities. We only wish that no mine will undermine our hopes.“
Das Originalmanuskript überließ Cassel-Wronker 2008 zusammen mit einem Briefkonvolut dem Deutschen Exilarchiv als Schenkung. Dort wurde es 2025 von Peter Graf im Verlag Das kulturelle Gedächtnis in deutscher Übersetzung herausgegeben. Ein Vorwort von Ursula Krechel erläutert historische und biografische Zusammenhänge.
Nachlass Mehrere Vorlässe und Nachlässe von Cassel-Wronker sind in verschiedenen Institutionen archiviert.
Die Lili Wronker Family Collection (1843–2002) liegt beim Leo Baeck Institute in New York. Dort sind Unterlagen über die ganze Familie hinterlegt. Dazu gehören auch Dokumente zur Stoatley Rough School sowie Erinnerungen von ihr und Mitschülerinnen und -schülern.
Ein Briefkonvolut und das London Diary schenkte sie 2008 dem Deutschen Exilarchiv in Frankfurt. Sie war ab 2000 Stifterin für das Jüdische Museum Berlin, wo unter anderem ein illustrierter Brief an ihr Kindermädchen Leni aus dem Jahr 1933 ausgestellt ist.
Das Surrey History Centre bewahrt verschiedene Dokumente aus der Zeit an der Stoatley Rough School auf, darunter ein Skizzenbuch von ihr und ein Photoalbum von einem Schultreffen 1992, wo sich ehemalige Schülerinnen und Schüler, darunter Cassel-Wronker, trafen. Außerdem eine Photokopie eines illustrierten Briefs an ihre Mutter in Belgien 1939, worin sie über das Schulleben berichtet.
Publikationen (Auswahl)
(posthum)
Weblinks
Eintrag in Deutsche Biographie Online-Schaukasten in Jüdisches Museum Berlin, Brief von Lili Cassel an ihr ehemaliges Kindermädchen Leni, Berlin, 8. Mai 1933. Kurzfilm “Love Is a Fine Pen” auf YouTube, von Chhaya Bhanti und Terrence Tessaro Nachruf in der New York Times, 2019, englisch
Einzelnachweise
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