Freedom Jazz Dance: The Bootleg Series, Vol. 5 ist ein Musikalbum von Miles Davis. Die 1966–68 in New York City entstandenen Aufnahmen erschienen am 21. Oktober 2016 auf Columbia Records/SONY. Die 3-CD-Edition erschien anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des zweiten Studioalbums des Miles-Davis-Quintett Miles Smiles als Band 5 der Bootleg-Series. Diese 3-CD-Box dient als Ergänzung zu Miles Davis Quintet 1965–68: The Complete Columbia Studio Recordings. Während die Box alle Originalmaster sowie weitere vollständige Takes enthielt, bietet diese Veröffentlichung ungeschnittene Session-Bänder.
Hintergrund Fast zwei Drittel der Drei-CD-Box Freedom Jazz Dance: The Bootleg Series, Vol. 5 sind „Making-of“-Dokumentationen des Miles-Davis-Albums Miles Smiles von 1967, eines seiner besten Werke, das in „Best-of“-Listen oft übersehen würde, meint Michael J. Agovino. Der Rest von Freedom Jazz Dance enthält Aufnahmen, die dann auf Nefertiti (1967) und Water Babies (1976) erschienen sind.
Man erlebt, wie die Band die sechs Stücke des Projekts entwickelte, aufgenommen im Oktober 1966, sowie drei Kompositionen aus späteren Veröffentlichungen. Ebenfalls enthalten sind eine alternative Version von „Masqualero“ aus dem 1967 erschienenen Album Sorcerer (nicht zu verwechseln mit der Version auf The Complete Columbia Studio Recordings von 1998), eine Interpretation von „Country Son“ nur mit Rhythmusgruppe aus dem 1968 erschienenen Album Miles in the Sky, ein selbst aufgenommenes Tonband, auf dem Miles Davis dem zu Besuch weilenden Wayne Shorter eine Idee am Klavier vorführt, und sechs Sekunden, in denen Miles Tony Williams während der Aufnahme eines Schlagzeugsolos berät, das später an „Agitation“ aus dem 1965 erschienenen Album E.S.P. angehängt wurde. mini|Ron Carter (links), Miles Davis und Tony Williams in Juan-les-Pins (1963) Ron Carters Basslinie für „Freedom Jazz Dance“ wird ausführlich behandelt; es ist der 24. Oktober 1966, und Miles Davis und Bassist Ron Carter feilen an einer Basslinie, als Miles ihn unterbricht und ihn sanft ermahnt: „Nein“, krächzt Miles, „das ist zu gewöhnlich. Komm schon.“ Carter sagt irgendwann: „Ich verstehe das nicht.“ Miles fährt fort: „Spiel E vermindert … fang mit einem B an“, und schließlich sagt er, wie so oft auf diesem Album, zum Produzenten Teo Macero im Regieraum: „Spiel das, Teo.“ Nach elf Takes – und 23 Minuten Gerede, Proben und einigem Hin und Her – begeben sich Miles, zusammen mit Carter, dem Saxophonisten Wayne Shorter, dem Pianisten Herbie Hancock und dem Schlagzeuger Tony Williams (bekannt als das „Zweite große Quintett“), an die Arbeit an Eddie Harris’ Soul-Jazz-Klassiker „Freedom Jazz Dance“, der im folgenden Jahr auf dem Album Miles Smiles erscheinen sollte.
Die Dialoge am Set sind oft derb („Das war ein Scheißding!“; „Hör auf, da oben zu kichern, du Arschloch!“); manchmal langatmig („Wayne, was geht? Willst du was trinken? Oder einen Hamburger?“); aber meistens kernig, so Agovino. „Hey Wayne“, sagt Miles, diesmal in seinem Stadthaus in der West 77th Street, „ich dachte daran, einen Blues zu schreiben … so in F und dann nach As-Dur, weißt du?“, bevor er die Idee auf einem E-Piano weiterentwickelt. Während einer Aufnahme von „Orbits“ sagt er: „Lass dir Zeit, Tony.“ Bei „Gingerbread Boy“: „Herbie, spiel die Akkorde nicht mit der linken Hand, nur mit der rechten.“ Miles ist fürsorglich, aber ganz klar der Chef. Während er „Dolores“ durchspielt, sagt er zu Herbie: „Spiel nichts, bis du bereit bist“, worauf Hancock antwortet: „Willst du das da nicht drin haben? Ich fand’s süß.“ Miles sagt: „Nein.“
Titelliste Miles Davis Quintet: Freedom Jazz Dance: The Bootleg Series, Vol. 5 (Columbia 88985357372)
CD 1 Freedom Jazz Dance (Session Reel) (Eddie Harris) 23:15 Freedom Jazz Dance (Master Take) (Eddie Harris) 7:14 Circle (Session Reel) 11:45 Circle (Take 5 – Closing Theme Used on Master Take) 5:23 Circle (Take 6 – Released Master Take Excluding Closing Theme) 5:48 Dolores (Session Reel) (Wayne Shorter) 5:17 Dolores (Master Take) (Wayne Shorter) 6:23
CD 2 Orbits (Session Reel) (Wayne Shorter) 14:44 Orbits (Master Take) (Wayne Shorter) 4:41 Footprints (Session Reel) (Wayne Shorter) 5:48 Footprints (Master Take) (Wayne Shorter) 9:52 Gingerbread Boy (Session Reel) (Jimmy Heath) 3:44 Gingerbread Boy (Master Take) (Jimmy Heath) 7:45 Nefertiti (Session Reel) (Wayne Shorter) 11:05 Nefertiti (Master Take) (Wayne Shorter) 8:04
CD 3 Fall (Session Reel) (Wayne Shorter) 19:44 Fall (Master Take) (Wayne Shorter) 6:40 Water Babies (Session Reel) (Wayne Shorter) 8:33 Water Babies (Master Take) (Wayne Shorter) 5:09 Masqualero (Alternate Take / Take 3) (Wayne Shorter) 7:59 Country Son (Rhythm Section Rehearsal) 7:43 Blues In F (My Ding) 7:29 Play Your Eight (Miles Speaks) 0:06
Wenn nicht anders vermerkt, stammen die Kompositionen von Miles Davis.
Rezeption mini|Wayne Shorter Wenn je eine Band von Miles Davis die intensive Analyse verdient hat, die in The Bootleg Series Vol. 5 zum Ausdruck kommt, dann ist es sein zweites großes Quintett. Mit diesem „Mann am Horn“ als zentralem Impulsgeber sei das Zusammenspiel zwischen Pianist Herbie Hancock, Saxophonist und Komponist Wayne Shorter, Bassist Ron Carter und Schlagzeuger Tony Williams in der Geschichte des Jazz nahezu beispiellos. Doch die Entstehungsprozesse ihrer Werke hier zu verfolgen, sei fast genauso faszinierend wie das fertige Produkt selbst, meint Doug Collette in All About Jazz. Die freie und ungezwungene Interaktion der fünf Musiker (oftmals auch mit Produzent Teo Macero), sowohl verbal als auch instrumental, sei völlig unbefangen und geradezu furchtlos: Vielleicht mangele es ihnen nicht an Ideen, daher würde auch keine Scheu davor bestehen, Passagen zu kürzen und längere Stücke auf das Wesentliche zu reduzieren. Eine Ausnahme von dieser Faustregel bilde Shorters „Footprints“. Im Gegensatz zu vielen anderen Stücken, die auf Miles Smiles, Nefertiti und Water Babies vollständig zu hören sind, biete das Quintett von „Footprints“ lediglich Skizzen: Anstatt sich den Luxus einer tiefgründigen Erkundung der melodischen, harmonischen und rhythmischen Möglichkeiten zu gönnen – was sie der Konzertbühne vorbehalten –, würden Davis & Co. im Studio nur an der Oberfläche kratzen. Es klinge fast so, als ob sie sich alle einig wären, dass es keine endgültige Version geben könne.
Die alternativen Takes und die lebhaften Gespräche würden den Hörer direkt ins Studio versetzen, während sich der künstlerische Prozess entfaltet, schrieb Michael J. Agovino (Pitchfork Media). Genau das unterscheide „Freedom Jazz Dance“ von früheren Ausgaben dieser faszinierenden Reihe, die allesamt Live-Konzerte waren und die Entwicklung von Miles’ Gruppen auf der Bühne zeigten. Doch hier sei das Studio das Labor. Man könnte argumentieren, dass dieser Band [der Bootleg Series] überflüssig sei („Gib Wayne die Hälfte von dem Hamburger, Bobby“). Neue Jazz-Hörer oder insbesondere Miles-Davis-Fans könnten sich irritiert fühlen, vor allem, wenn sie die Stimmen der Bandmitglieder nicht erkennen oder die Bedeutung von Teo Macero nicht verstehen („Teee-o? Teee-o?“ „Ich brauche moralische Unterstützung, Teo – unmoralisch.“). mini|hochkant=1.15|Tony Williams (1986) Für Einsteiger seien Miles Smiles, Nefertiti und Live in Europe 1967: The Bootleg Series Vol. 1 mit ziemlicher Sicherheit bessere Einstiegspunkte, so Agovino. Doch diese Dokumentation verdeutliche den künstlerischen Prozess einer der einflussreichsten Bands der amerikanischen Musikgeschichte. Man könne hören, wie Wayne Shorters „Footprints“, vielleicht der Höhepunkt von Miles Smiles, von einer langsameren Version zu der perfekt abgestimmten, ätherischen Masteraufnahme reifte. Oder wie Tony Williams, gerade einmal 20 Jahre alt im Oktober 1966, sich acht Monate später mit dem unveröffentlichten Session-Mitschnitt von „Nefertiti“ vom großartigen zum spektakulären Musiker entwickelte. Er sei bei einer Probe der Rhythmusgruppe von „Country Son“ ebenso faszinierend wie Ron Carter.
Wer sich auf drei CDs zum Genießen freue, würde bitter enttäuscht; er erhalte nicht einmal die ursprünglich auf den Alben Miles Smiles, Nefertiti und Water Babies veröffentlichten Mastertakes auf einer CD zum unterbrechungsfreien Hören, schrieb Werner Stiefele in Rondo. Denn das Ziel der Edition sei etwas anderes: Sie gebe einen wunderbaren Werkstattbericht. Dieser wiederum sei eine kleine Lektion für alle, die den Legenden glaubten, Miles Davis und seine Musiker seien ins Studio gekommen, hätten irgendwelche Notenskizzen – sofern vorhanden – überflogen, zu den Instrumenten gegriffen und Meisterwerke eingespielt. Vor allem Musiker könnten aus diesen Sessions viel über die Genauigkeit beim Erarbeiten von Stücken lernen. Fans wiederum könnten sich freuen, ein klein wenig von der Studioatmosphäre zu erhaschen und ihren Stars bei der Arbeit zuzuhören.
Einzelnachweise
Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Miles-Davis-Album Kategorie:Album 2016