mini| László Krasznahorkai (1990) Melancholie des Widerstands (ungarischer OT.: Az ellenállás melankóliája) ist der Titel eines 1989 publizierten Romans von László Krasznahorkai. Erzählt werden die Tage des Terrors in einer ungarischen Stadt. Tünde Eszter, die intrigante Gründerin der Sauberkeitsbewegung für Ordnung und Sicherheit, nutzt die durch einen Zirkus ausgelösten Unruhen für einen Machtwechsel. Die deutsche Übersetzung von Hans Skirecki erschien 1992.im Ammann Verlag Zürich
Inhalt
Überblick Die Haupthandlung des Romans spielt an zwei Tagen und Nächten Anfang Dezember in einer kleinen maroden Stadt mit einer lethargischen und verängstigten Bevölkerung in der ungarischen Tiefebene nahe der rumänischen Grenze.Im Roman werden zur geographischen Einordnung u. a. Vésztő (Kreis Szeghalom im Komitat Békés.), Sarkad (im Komitat Békés), und Kötegyan (im Bezirk Sarkad im Komitat Békés) genannt. In dieser Region, in der Stadt Gyula, wurde der Autor geboren.
Nachts kommt ein Zirkus auf dem Marktplatz an und bietet als Attraktion die Besichtigung eines Wals an. Begleitet wird die Besatzung, der Direktor, das „Faktotum“, und ein gnomenhafter Artist, Herzog genannt, von etwa dreihundert bedrohlich wirkenden Männern. Sie sehen den dämonischen Fürsten als ihren geistigen Führer an und setzen in der folgenden Nacht dessen Vernichtungsdoktrin mit Terroraktionen in die Tat um. Tünde Eszter, die 52-jährige Gründerin der „Sauberkeitsbewegung für Ordnung und Sicherheit“, nutzt diese Gelegenheit, die Macht in der Stadt zu übernehmen. In einem riskanten intriganten Doppelspiel wartet sie den geeigneten Zeitpunkt ab, lässt die Zerstörungen und Übergriffe der Chaos-Rebellen sich bis zu einem gewissen Grad entwickeln, um dann mit der Hilfe des von der Komitat-Stadt herbeigerufenen Militärs den Aufruhr niederschlagen und sich als Retterin feiern zu lassen. Für ihre skrupellos durchgeführten Aktionen setzt sie geschickt die anderen Protagonisten ein: György Eszter, ihren getrennt von ihr lebenden Mann, den ehemaligen Direktor des Konservatoriums, der sich von der Gesellschaft in die Welt der Harmonien zurückgezogen hat, dessen jungen Freund, Jonas Valuska, einen verträumten Briefträger, der bei der Betrachtung des Sternenhimmels vom vollkommenen göttlichen Kosmos schwärmt, und dessen Mutter, Frau Pflaum, eine ängstliche, in ihrer mit viel Zierrat geschmückten Wohnung lebende Frau, die in der Nacht Opfer einer Gewalttat wird. Am Schluss feiert die neue Stadtregentin sie als Heldin des Widerstandes gegen den Terror.
Kapitelübersicht Motto: Es vergeht, aber es geht nicht vorüber.Variation des Zitats „Alles geht vorbei, aber du bleibst“ aus der Geschichte des Königs mit dem Ring. https://www.weiseworte.com/tag/auch-das-geht-vorueber/
Teil 1: „Außergewöhnliche Zustände. Aufbau“.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 9–94. 1. Abschnitt: Frau Pflaum kehrt mit einem Ersatzzug, von lüsternen Blicken der Männer belästigt, vom Besuch ihrer Schwestern auf dem Land in ihre Wohnung in der Stadt zurück und sieht die Ankunft des Zirkuswagens.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 9–55. 2. Abschnitt: Tünde Eszter besucht Frau Pflaum, um deren Sohn für die Beeinflussung ihres Mannes zu bewegen, den Vorsitz ihrer Sauberkeitsbewegung für Ordnung und Sicherheit zu übernehmen.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 56–94.
Teil 2: „Die Werckmeisterschen Harmonien. Die Welt“.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 95–405. Die Abschnitte dieses Roman-Teils folgen, meistens in zeitlicher Parallelführung, abwechselnd den Wegen und Beobachtungen der Hauptfiguren. 3. Abschnitt: Jonas Valuska demonstriert in der Nacht in Hagelmayers Kneipe „Pfeffer und Co.“ den Gästen die Planetenbewegungen. Am Morgen besucht ihn Tünde Eszter und beauftragt ihn mit der Botschaft an ihren Mann, den Vorsitz ihres Vereins zu übernehmen.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 97–145. 4. Abschnitt: György Eszter geht auf die mit einer Drohung verbundene Forderung seiner Frau ein, verlässt zum ersten Mal nach 30-jähriger Beschäftigung mit seiner Harmonielehre das Haus, ist über den Verfall der Stadt erschüttert und sagt den Herren Volent, Mádai und Nadabán die formale Übernahme des Vorsitzes zu. Er will sich jedoch in seinem Haus verbarrikadieren, um sich dort, zusammen mit Valuska, vor den zerstörerischen Kräften und der Bedrohung der Außenwelt zu schützen.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 146–208. 5. Abschnitt: Valuska berichtet Frau Eszters Gipfelrat von seiner erfolgreichen Mission und seinen Befürchtungen eines Aufruhrs der Herzog-Anhänger. Tünde beginnt ihre Intrige: Auf seinem Weg zu Eszter wird Valuska von Randalierern festgehalten und weggeführt.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 209–262. 6. Abschnitt: György Eszter nagelt die Fenster seines Hauses mit Brettern zu und wartet auf Valuska.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 263–308. 7. Abschnitt: Valuska erlebt als Gefangener der Randalierer deren Zerstörungen und Übergriffe und erkennt seine Kosmos-Harmonie als Illusion. Nach dem Ende des Aufruhrs erzählt ihm Harrer, Tündes Assistent, nach ihm werde gefahndet, und rät ihm zu fliehen.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 309–353. 8. Abschnitt: György Eszter erfährt von Valuskas Zug mit den Terroristen durch die Stadt und sucht nach ihm, um ihn vor der Verhaftung zu schützen. Auf seinem Weg sieht er Frau Pflaums Leiche. Im Rathaus wird er Zeuge der Verhöre und erlebt seine Frau in ihrer neuen Rolle im Tribunal.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 354–405.
Teil 3: „Sermo Super Sepulchrum, Abbau“.Rede über dem Grab. 9. Abschnitt: 14 Tage nach der Beendigung des Aufruhrs durch eine Militäreinheit hat Tünde Eszter ihr Ziel erreicht und die Macht im Rathaus übernommen. Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt, der Beerdigung Frau Pflaums, hält sie die Rede.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 408–445. 10. Abschnitt: Beschreibung der biochemischen Prozesse der Verwesung, „wie auch dieses Buch jetzt, hier, an diesem Punkt, aufgelöst wird vom letzten Wort“.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 446–452.
Valuska János Valuska ist der 35-jährige Sohn Frau Pflaums. Er lebte in der Wohnung seiner Mutter, bis sie ihn vor acht Jahren drängte, eine eigenes Zimmer beim Ehepaar Harrer zu beziehen. Sie ist mit der Entwicklung ihres Sohnes, der als Briefträger arbeitet, von der Harmonie des Kosmos träumt und seine Freizeit als Bummelant in der Stadt und den Kneipen verbringt, unzufrieden. Zu Beginn des zweiten Romanteils wird der Bewunderer des Sternenhimmels, in dem er die Verbindung des Alls mit der Erde sieht, in Hagelmayers Kneipe „Pfeffer und Co“. wieder einmal von den ihn als Spinner belächelnden Gästen zu einer Demonstration der Mond-Erde-Sonne-Konstellationen animiert und dafür mit einem Glas Wein belohnt. Frau Harrer, die Haushälterin György Eszters, hat ihn als Boten für den zurückgezogen lebenden Musiker engagiert, um ihm das Mittagessen vom Hotel Komló zu bringen. Dadurch sind die beiden Männer, trotz ihres unterschiedlichen Weltbildes, Freunde geworden. In seiner positiven Sicht erscheint Valuska auch der gigantische auf dem Marktplatz ausgestellte Wal wie ein Wunder und ein Beweis für den Reichtum der Schöpfung, im Gegensatz zu Eszter, der, als er ihm von seiner Entdeckung erzählt, das Tier als Ungeheuer und Missgeburt bezeichnet.
Valuska ist von dem Wal fasziniert und schlüpft in der Nacht zu seiner erneuten Besichtigung in den Zirkuswagen. Dabei hört er ein Gespräch des Direktors mit einer geheimnisvollen körperlich behinderten Person mit Namen „Herzog“, deren Worte vom Fahrer und Kartenverkäufer, dem athletischen „Faktotum“ bruchstückhaft übersetzt werden. Herzog fordert vom Direktor seine Freiheit und droht mit seiner dämonischen Macht über seine Anhänger, die Besucher aus den Dörfern, um die Stadt zu zerstören. Sein Ziel sei es, „alle Dinge völlig und ganz“ in Trümmer zu legen.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 237.
Valuskas ist jetzt der Überzeugung, dass seine optimistische Bewertung der Lage der Welt und auch die Verklärung des Zirkus falsch war und dass die schlimmen Prophezeiungen Eszters stimmen. In Herzogs Untergangsvisionen entdeckt er eine „ganz erschreckende Tiefe“ und empfindet ihren „sehr fremden und sehr grausamen Klang“, weil sie „eine freie und bodenlosen Hemmungslosigkeit beinhalten; ihr die abhängige Beschränktheit des Denkens gegenüberzustellen“ erscheint ihm „hoffnungslos“, denn es kommt ihm vor, „als wäre der Herzog aus den Schatten der Dinge entstanden, wo die Regeln der spürbaren Welt nicht mehr gelten“. Herzog sei „reine Unwirklichkeit und reine Unnahbarkeit, und deshalb wirk[-]e seine Ausstrahlung so stark, was auch seine enorme Autorität unter den ‚Seinen‘ erklär[e]“.László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 253, 254. Valuska kann jedoch Tünde Eszters Gipfelrat mit seiner Warnung nicht überzeugen.
Auf dem Weg zu Eszters Haus umringt ihn ein Trupp der Randalierer und zieht ihn mit sich. Er begreift, dass er „vergeblich geforscht“ hat: „was er gesucht, ist dahin, verschlungen von der Erde, von diesem Marsch, von der Verschwörung der Einzelheiten.“László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 262. Er wird von den wütenden Terroristen gezwungen, ihrem Zerstörungszug durch die Stadt zu begleiten, und er erlebt, wie sie Fensterscheiben einschlagen, in Wohnungen, Geschäfte und in ein Krankenhaus eindringen, deren Einrichtungen verwüsten, die Bewohner verprügeln und vergewaltigen. Schließlich erlahmt ihr Zorn und ihre Kraft. Sie ziehen ab und lassen Valuska in einer Wäscherei zurück. Er findet die Aufzeichnungen seines Wächters, aus denen er die Motive ihrer blinden Zerstörungswut erfährt: „[E]s gab kein Kommando, es gab kein Abwägen, es gab kein Risiko und keine Gefahr, denn es gab nichts mehr zu verlieren, denn alles war unerträglich und unausstehlich, also unduldbar geworden […] wir waren ein einziger Körper und ein einziger Blick, eine einzige zerstörungshungrige, unerbittliche, tödliche Leidenschaft. Und nichts konnte uns widerstehen […] Aber nichts war uns genug in der unbewussten Wut des Betrogenseins, der Bedrängnis, der kläglichen Besinnung, und weil wir den wahren Gegenstand unseres Entsetzens und unserer Verzweiflung vergebens suchten und nicht fanden, fielen wir mit um so hemmungsloserem Zorn über alles her, was sich uns in den Weg stellte.“László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2011, S. 332, 333. Dann beschreibt der Protokollant des Aufruhrs die genüssliche Jagd auf eine kleine Familie und ihre Liquidierung, als sie sich schon im Bahnhofsgebäude gerettet fühlte.