Ścinawa [] (deutsch Steinau an der Oder) ist eine Kleinstadt in der Stadt- und Landgemeinde Ścinawa im Powiat Lubiński der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen.

Geographie mini|links|Steinau an der Oder, nordnordöstlich von Liegnitz, auf einer Landkarte von 1905 Die Stadt liegt in der Region Niederschlesien, am linken Ufer der Oder, an der Mündung ihres Nebenflusses Kalter Bach (), 35 Kilometer nordöstlich von Legnica (Liegnitz) und 16 Kilometer nordwestlich von Wołów (Wohlau).

Die Niederung, durch die die Oder von Lubiąż (Leubus) 30 Kilometer lang in Richtung Norden fließt, wird als „Steinauer Oderdurchbruchstal“ () bezeichnet. Die Stadt wird im Osten vom Odertal und im Süden von der Żimnica begrenzt. Sie nimmt eine Fläche von 13,5 km² ein, die Fläche der Gemeinde beträgt 151 km².

Geschichte mini|hochkant|Rathaus mit historischem Glockenturm mini|Ortsansicht mit einem Fragment der alten Stadtmauer mini|Steinau (Steinaw), südlich von Köben (Koben), südwestlich von Winzig und westnordwestlich von Wohlau (Wolaw), im Herzogtum Wohlau (Ducatus Wolanus), auf der Schlesienkarte von Petrus Schenk, 1710 mini|Neue Oderbrücke mini|Kalter Bach, im November 2009

In der Nähe des wichtigen Oderübergangs und am Schnittpunkt zweier wichtiger Handelswege entstand schon früh eine Siedlung. Sie wurde in einer Urkunde des Papstes Innozenz III. vom 22. November 1202 als „Stinav“ im Zusammenhang mit den Zehntzahlungen an das Zisterzienserinnenkloster Trebnitz erstmals erwähnt. Für das Jahr 1248 ist ein Pfarrer von „Stinaw“ belegt und für das Jahr 1259 ein Vogt von „Stinavia“. Eine herzogliche Burg am Oderübergang ist für das Jahr 1251 nachgewiesen, in deren Nähe sich auch die ältere slawische Siedlung befand. Unweit davon wurde Mitte des 13. Jahrhunderts die Stadt Steinau, die damals zum Herzogtum Glogau gehörte, von Herzog Konrad II. gegründet und nach Neumarkter Recht ausgesetzt. Ein Hospital zum Heiligen Geist in Steinau wird schon 1282 urkundlich erwähnt, denn am 21. Januar des Jahres verschreibt Konrad II. demselben etliche Morgen und Freiheiten „umb die Steinau gelegen“.Heinrich Schubert zu: Hermann Neuling, Schlesiens ältere Kirchen etc., Breslau 1884, S. 124, in: Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Alterthum Schlesiens, Band 26, Breslau 1892, S. 435 (Google Books).

Im Jahr 1274 entstand das selbständige Teilherzogtum Steinau, dessen Herzog Johann von Steinau 1329 sein Herzogtum als ein Lehen der Krone Böhmen unterstellte, wodurch es dem Heiligen Römischen Reich eingegliedert wurde. Obwohl der polnische König Kasimir der Große 1335 mit dem Vertrag von Trentschin auf Schlesien verzichtet hatte, versuchte er ab 1343 mehrmals, dieses zurückzugewinnen. Während mehrere schlesische Herzogtümer an der Grenze zum Herzogtum Großpolen erobert wurden, gelangten polnische Truppen bis nach Steinau, das sie anzündeten und die 1290 errichtete Stadtmauer auch verwüsteten. Während des Wiederaufbaus der Stadt wurden die Stadtrechte 1348 erneuert. Bei dieser Gelegenheit erhielt die Stadt ihre regelmäßige Anlage, mit dem rechteckigen Ring (56 × 93 m) in der Stadtmitte, wie es für Neugründungen der deutschen Ostkolonisation üblich war. 1365 gelangten Stadt und Herzogtum an das Herzogtum Oels und Anfang des 15. Jahrhunderts an die Herzöge von Brieg und Liegnitz und später an das Herzogtum Wohlau.

Seit Gründung der Stadt war deren Wirtschaftsstruktur vorwiegend durch ihre Lage an der Oder bestimmt. Neben der Fischerei bildeten seit 1375 die Odermühlen eine sichere Erwerbsgrundlage. Unter anderem waren es eine Mehlmühle, eine Papiermühle und eine Tuchwalke, aus der sich später das Tuchmachergewerbe entwickelte.Heinrich Schubert: Die ehemaligen Odermühlwerke bei Steinau a. d. Oder. In: Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Alterthum Schlesiens. Band 16, Breslau 1882, S. 150–156 (Google Books).

Zu einem wirtschaftlichen Niedergang der Stadt kam es im Dreißigjährigen Krieg, der Steinau große Zerstörungen brachte. Neben den materiellen Schäden kam noch hinzu, dass zahlreiche Bewohner ums Leben gekommen waren oder nach 1648 aus religiösen Gründen auswanderten. Am 11. Oktober 1633 hatte der kaiserliche Feldherr Albrecht von Waldstein in der Nähe der Stadt gegen die Schweden, Brandenburger und Sachsen gekämpft und ein schwedisches Korps von 5000 Mann und 60 Geschützen unter General von Thurn gefangen genommen.Franz Taeglichsbeck: Die Gefechte bei Steinau an der Oder vom 29. August bis 4. September 1632 – Das Treffen bei Steinau an der Oder am 11. Oktober 1633 – Eine kriegsgeschichtliche Untersuchung auf Grund urkundlicher Quellen sowie der gleichzeitigen und späteren Literatur, bei Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Berlin 1889 (Google Books). Historische Dokumente berichten, dass in Steinau zwar drei Kirchen, aber nur zwei Wohnhäuser übrig geblieben waren.

Nach dem Tod des Herzogs Georg Wilhelm I., mit dem das Geschlecht der Schlesischen Piasten erlosch, fiel Steinau 1675 zusammen mit dessen hinterlassenen Herzogtümern als erledigtes Lehen in den unmittelbaren Besitz der Krone Böhmen, die seit 1526 die Habsburger innehatten. Anschließend hatten die Evangelischen unter den Maßnahmen der Gegenreformation zu leiden. 1701 wurde ihnen die Stadtpfarrkirche weggenommen, die aber schon 1707 aufgrund der Altranstädter Konvention zurückgegeben wurde. Für die zahlenmäßig kleine katholische Gemeinde wurde zunächst im oberen Stockwerk des Rathauses eine Josephinische Kuratialkapelle eingerichtet.

Nach dem Ersten Schlesischen Krieg 1742 fiel Steinau zusammen mit dem größten Teil Schlesiens an Preußen. Im 18. Jahrhundert erlebte das Tuchmachergewerbe eine Blütezeit. Für das Jahr 1749 sind 118 Tuchmachermeister belegt. Die insgesamt über 400 Tuchmacher produzierten jährlich 14.000 Stück Leinen. Von wirtschaftlicher Bedeutung war auch die Bierbrauerei sowie die bereits 1633 gegründete Schwarzfärberei, in der ab 1720 auch Blaudrucke hergestellt wurden. Am 15. Oktober 1849 wurde das neu gegründete Königliche evangelische Schullehrer-Seminar eröffnet. Jungklaaß: Das Königliche evangelische Schullehrer-Semina zu Steinau a. d. O. – Erster öffentlicher Bericht 1853, Druck: Oscar Beyer, Steinau a./O. 1853, S. 2 (Google Books).

Trotz eines Stadtbrands 1880 brachte das 19. Jahrhundert für die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung, der auch mit einem raschen Bevölkerungswachstum verbunden war. 1874 wurde Steinau an die Eisenbahnstrecke Breslau–Glogau angeschlossen; 1898 folgte die Verbindung Liegnitz–Rawitsch. Durch den Ausbau des Oderhafens sowie durch eine neue Oderbrücke erlangte der Ort eine bessere Verkehrsanbindung. Es entstanden auch zahlreiche neue Betriebe sowie eine Eisenhütte. Um 1910 hatte Steinau eine evangelische Kirche, eine katholische Kirche, eine Synagoge, ein Schullehrer-Seminar, eine Präparandenanstalt, eine Höhere Mädchenschule, eine gewerbliche und kaufmännische Fortbildungsschule, zwei Krankenhäuser, ein Waisenhaus, ein Elektrizitätswerk, eine Kreis- und Stadtsparkasse, eine Spar- und Darlehenskasse, Likör-, Maschinen-, Mineralwasser-, Möbel-, Ofen-, Seifen-, Schäfte-, Tonwaren- und Zuckerfabrikation, eine Brauerei, Holzsägewerke, eine Metallgießerei, eine Molkerei, Mühlen, Ziegeleien und Getreidehandel sowie Kram- und Viehmärkte.

Nach den Preußischen Verwaltungsreformen war Steinau 1815 der Provinz Schlesien eingegliedert worden. Ab 1816 war Steinau Sitz des Kreises Steinau, der 1932 mit dem Landkreis Wohlau zusammengelegt wurde. 1879 wurde der Ort Sitz des Amtsgerichtes Steinau an der Oder.

Um 1935 gab es in Steinau u. a. vier Hotels, 18 Gasthöfe und Restaurants, drei Cafés, zwei Bankhäuser, zwei Bierbrauereien, zwei Buchdruckereien, eine Gerberei, eine Gurkeneinlegerei, zwei Holzsägewerke, eine Kokosweberei, vier Maschinenfabriken, zwei Molkereien, vier Mühlen, einen Schiffsbauer, eine Seifenfabrik, eine Seilerei, eine Trinkhalm-Fabrik, zwei Viehhandlungen, eine Wagenfabrik, zwei Zeitungsverlage, eine Zementwarenfabrik und eine Zuckerfabrik.Klockhaus' kaufmännisches Handels- und Gewerbe-Adressbuch des Deutschen Reichs für Industrie, Handwerk, Handel und Gewerbe, Band 1 B, Berlin 1935, 2. Teil, Provinz Schlesien, S. 1765–1766 (Google Books).

Im Jahr 1945 gehörte die Stadt Steinau zum Kreis Wohlau im Regierungsbezirk Breslau der preußischen Provinz Niederschlesien im Deutschen Reich.

Vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Steinau wegen seiner wichtigen Lage zur Verteidigung des Oderübergangs als Festung deklariert, weshalb vor der Stadt zahlreiche Betonbunker errichtet wurden. Am 23. Januar 1945 begannen schwere Kämpfe mit der Roten Armee.Earl Frederick Ziemke: Stalingrad to Berlin. The German defeat in the East. Office of the Chief of Military History, United States Army, Washington 1968. S. 439–441, Kapitel 20 The Defense of the Reich (ibiblio.org). Am 25. Januar wurde die Oderbrücke gesprengt. Unter schweren Verlusten bildeten Truppen der Roten Armee einen Brückenkopf und drangen in die Stadt ein, die von der Wehrmacht im Häuserkampf erbittert verteidigt wurde. Etwa 3000 deutsche und mindestens ebenso viele sowjetische Soldaten starben bis zur Eroberung der Stadt am 4. Februar 1945. Nach den Kämpfen lagen 1121 Häuser in Trümmern, was 75 % der Bebauung entsprach. Das örtliche Schloss aus dem 19. Jahrhundert wurde dem Erdboden gleichgemacht, vom Rathaus blieb nur der Turm erhalten. Die Ringbebauung wurde stark in Mitleidenschaft gezogen; dort blieben nur fünf Gebäude erhalten.

mini|links|Am Ring: Plattenbauten, Parkplätze, unbebaute Flächen Nach Beendigung der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs wurde Steinau 1945 – wie der größte Teil Schlesiens – von der Sowjetunion der Volksrepublik Polen zur Verwaltung überlassen. Von der polnischen Administration wurde die Stadt in Ścinawa umbenannt. Die einheimische Bevölkerung wurde, soweit sie nicht vorher geflohen war, von der polnischen Verwaltungsbehörde weitgehend aus Steinau vertrieben. Die neu angesiedelten Bewohner waren teilweise Zwangsumgesiedelte aus Ostpolen, das an die Sowjetunion gefallen war.

Zum Wiederaufbau und teilweisen Umbau kam es erst nach längerer Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Stadt eine Seifenfabrik, eine Gurkeneinlegerei und eine Zuckerfabrik wieder in Betrieb genommen. In den 1960er Jahren wurden ein neues Rathaus und am Ring eine neue Häuserreihe im sozialistischen Stil errichtet. Zu den größeren Unternehmen gehören: Zakład Gospodarki Komunalnej (Stadtwerke), Total Polska (Energie), Incana S.A. (Zulieferer Bauindustrie), dazu kommen Dienstleistungsunternehmen, Verkaufs- und Servicestellen, Großhändler sowie Tankstellen. In der Gemeinde Ścinawa sind über 500 Unternehmen registriert. Trotzdem gibt es im Zentrum bis heute leere Plätze, wo früher Gebäude standen. Ein erheblicher Teil der Einwohner pendelt zur Arbeit außerhalb von Stadt und Gemeinde.

In den Jahren 1945–1950 gehörte die Stadt zur Woiwodschaft Breslau, in den Jahren 1975–1998 zur Woiwodschaft Legnica und seit 1998 zum Powiat Lubiński der Woiwodschaft Niederschlesien.

Im Frühjahr 2010 wurde Ścinawa von einem starken Oder-Hochwasser heimgesucht.

Einwohnerentwicklung