Die Patria-Affäre war die bislang größte Schiffskatastrophe vor der Küste Palästinas, weshalb auch die Bezeichnung Patria-Katastrophe verwendet wird. An Bord des Schiffes Patria befanden sich Juden, die vor der Verfolgung und Ermordung aus dem nationalsozialistischen Deutschen Reich geflohen waren. Der Leiter des Ausschusses für jüdische Überseetransporte, Berthold Storfer, organisierte die Flucht für etwa 3500 Juden nach Palästina. Angesichts dieses Menschenandranges bereitete die britische Mandatsverwaltung für Palästina die Deportation der Ankömmlinge mit der Patria nach Mauritius vor. Als jedoch die zionistische Untergrundorganisation Hagana den britischen Transport in einer Sabotageaktion mit einer Bombe aufhalten wollte, sank das Schiff am 25. November 1940 im Hafen von Haifa. Etwa 250 Menschen kamen ums Leben. Die Umstände und Verantwortlichkeiten konnten nicht vollständig geklärt werden. Die Flüchtlingstransporte von Storfer, der Bombenanschlag auf die Patria und die anschließende Deportation eines Teils der Flüchtlinge nach Mauritius führten zu kritischen Kontroversen in der Öffentlichkeit. Das Leiden der Flüchtlinge wurde teilweise zu einem zionistischen Martyrium verklärt. mini|Patria im Hafen von Marseille, 1934

Hintergrund Seit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 und besonders während des Zweiten Weltkrieges wanderten tausende Juden aus dem Deutschen Reich und Europa in das britische Mandatsgebiet Palästina aus. Da die britische Regierung für die Einwanderung von Juden (Alija) strikte Quoten festgelegt hatte bzw. zeitweise jede Einwanderung vollständig verboten hatte, war die Einwanderung jenseits der Quoten nach britischem Recht illegal. Ihr begegnete die Mandatsmacht dadurch, dass jüdische Flüchtlinge aufgegriffen und in Internierungslager verbracht wurden.

Auf jüdischer Seite wurde die illegale Einwanderung aus der Diaspora ins Mandatsgebiet von Teilen des Jischuvs und der jüdischen Diaspora unterstützt. Die zionistische Jugendbewegung Hechaluz und der Revisionistische Zionismus bildeten noch während des Arabischen Aufstandes (1936–1939) formale Gremien dafür. Nach dem Anschluss Österreichs und dem Novemberpogrom wurde die illegale Einwanderung zunehmend als Rettung von Juden vor der nationalsozialistischen Verfolgung angesehen. Mit dem White Paper und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges entstanden zwei Strömungen im Jischuv zum Umgang mit der britischen Mandatsverwaltung und deren Bruch der Balfour-Deklaration. Die „Moderaten“ wollten angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung auf Gewalt gegen die Mandatsmacht verzichten, während die „Aktivisten“ den Kampf fortsetzen wollten.

Im Deutschen Reich begann Adolf Eichmann mit der Wiener Zentralstelle für jüdische Auswanderung (gegründet 1938) in Zusammenarbeit mit reichsdeutschen jüdischen Organisationen die Auswanderung von Juden zu beschleunigen. Dabei war er bereit, verdeckt große Bestechungsgelder an Konsularbeamte zu zahlen und bei der Beschaffung von Visa, Fluchtschiffen und Transportmöglichkeiten zu unterstützen. Das wurde auf Anregung von Reinhard Heydrich für das ganze Reich übernommen und im Januar 1939 die Reichszentrale für jüdische Auswanderung in Berlin eröffnet. Im Juni 1940 wurden jüdische Vertreter von Eichmann und dem Leiter der Reichszentrale Kurt Lischka aufgefordert, einen generellen Plan mit dem Ziel der vollständigen Auswanderung aller reichsdeutschen Juden vorzulegen.

Im Frühling 1940 verdichteten sich in den britischen Geheimdienstberichten Informationen über eine zunehmende illegale Einwanderung (alija bet) entlang der Donau über das Schwarze Meer und das Mittelmeer ins Mandatsgebiet. Die Beteiligung der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien und anderer deutscher Behörden bekräftigte die Vermutung, dass die Förderung der Vertreibung und jüdischen Neuansiedlung im Mittleren Osten die britische Position in der Region schwächen sollte. Die Donauanrainer und die Türkei weigerten sich mit Verweis auf den freien Schiffsverkehr und unter dem dominierenden Einfluss des Deutschen Reiches die Route zu sperren. Die britische Marine konnte sich kriegsbedingt kaum mit Flüchtlingsbooten beschäftigen. Die Briten sahen dadurch die strikten Zuwanderungsbeschränkungen des White Papers von 1939 und damit die Beziehungen zur arabischen und islamischen Welt in Gefahr. Angesichts der schwachen Position des Foreign Office und der Marine schmiedete das Kolonialministerium Pläne für eine Deportation und Internierung illegaler Flüchtlinge in britische Kolonien. Dafür könnte laut dem Hohen Kommissar für Palästina Harold MacMichael die Patria genutzt werden, die im Hafen von Haifa lag. Das französische Passagierschiff war nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1918) von den Briten beschlagnahmt worden. Am 24. Oktober informierte der Hohe Kommissar für Palästina, dass die British India Steam Navigation Company nunmehr die Patria betreibe. Sie sollte in Haifa für die Deportation von Flüchtlingen nach Mauritius bereit liegen. Bis dahin waren die Ankommenden in Haifa zunächst auf ihren Schiffen (z. B. Hilda und Sakarya) festgehalten, dann in das Internierungslager Atlit gebracht und später entlassen worden. Ihre Aufnahme verringerte dabei durch Anrechnung die Quote der Einwanderungszertifikate.

Storfers Flüchtlingstransporte Berthold Storfer erwarb im Spätsommer 1940 die drei Schiffe Emily, Betty und Kenisbury, die zum Transport von Flüchtlingen notdürftig ausgerüstet wurden und in Panama unter den neuen Namen Atlantic, Pacific und Milos registriert wurden. Sie sollten im August 1940 etwa 3500 Flüchtlinge von Tulcea nach Palästina bringen, die zunächst ab Wien von der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft (DDSG) entlang der Donau aufgenommen werden sollten. Sowohl die Abfahrt der DDSG-Schiffe als auch die Ausrüstung der drei Seeschiffe verzögerte sich deutlich. Auf ihrer Reise wurden die Passagiere bei den Zwischenstopps von den lokalen jüdischen Gemeinschaften unterstützt. Storfer hatte keine ausreichenden Vorbereitungen für die Verpflegung und die heimliche Anlandung in Palästina getroffen. + Die drei Flüchtlingstransporte (Storfer)Nach Ofer und Patek; Rohwer (nennt den Zeitpunkt der Aufbringung „vor Haifa“ mit 14. November)FlüchtlingsschiffePassagierzahl (Plan)Donauschiffe der DDSGAbfahrt TulceaZwischenstoppsAnkunft HaifaBesonderheiten Atlantic≈ 1800 Schönbrunn und HeliosIstanbul, Kreta, Limassol (interniert 12. Nov.)15 Tote (Typhus) Pacific≈ 1000 UranusVarna, Kreta ? Milos≈ 700 MelkPiräus ? Die Pacific und die Milos erreichten unentdeckt die Küste Palästinas, wo sie von den Briten beschlagnahmt und nach Haifa gebracht wurden. Unter den Passagieren war eine große Zahl von Flüchtlingen aus der früheren Tschechoslowakei. Obwohl sie jüdischen Glaubens waren, verstanden sich viele davon nicht als Juden oder gar als Zionisten, sondern wollten sich den tschechoslowakischen Exil-Streitkräften im Kampf gegen Deutschland anschließen.

Die Atlantic verließ am 7. Oktober Tulcea und wurde, wegen Treibstoffmangels vollständig ausgeschlachtet, am 12. November vor Limassol treibend von der britischen Marine beschlagnahmt. Auf Zypern wurde sie für die Weiterfahrt notdürftig versorgt und erreichte erst am 24. November Haifa. Dort waren die Passagiere von Pacific und Milos bereits zur Deportation auf die Patria gebracht worden und am gleichen Tag folgten 130 Passagiere der Atlantic dorthin.

Versenkung der Patria mini|Kenternde Patria in Haifa mini|Gräberfeld der Opfer in Haifa

Am 3. November berichtete Moshe Shertok, der Leiter der jüdischen Vertretung in Palästina, der für die Vergabe von Einwanderungszertifikaten zuständigen Jewish Agency, die voraussichtliche Ankunft mehrerer Schiffe mit Tausenden von illegalen Flüchtlingen. Es wurde zu Recht befürchtet, dass die Briten die Ankömmlinge nach Mauritius deportieren wollten. Ben Gurions politischer Ansatz „Mit Britannien gegen Hitler, gegen Britannien wegen des Weißbuchs“ erwies sich als ungenügend und es wurden erfolglos verschiedene Formen der politischen Einflussnahme auf die britische Mandatsbehörde und die Regierung in London unternommen. Ein Generalstreik wurde am 20. November abgehalten, aber am gleichen Tag verkündete die Mandatsverwaltung, dass die Ankömmlinge in eine britische Kolonie deportiert werden sollten. Die Patria sollte abfahrbereit noch auf die Passagiere der Atlantic warten.

Währenddessen gab es auch eine militantere Strömung bis in die zionistische Führungsschicht. Elijahu Golomb (Kommandeur der Hagana), Shaul Avigur (Kommandeur des Mossad le-Alija Bet) und Jisrael Galili befürworteten mit Unterstützung von Berl Katznelson einen Sabotageakt auf die Patria. Ohne dass eine politische Entscheidung vorlag, entschied sich die Hagana für einen Anschlag. Inwieweit Mosche Shertok und andere einflussreiche Persönlichkeiten dies förderten oder stillschweigend nicht verhinderten ist unklar. (Shertok übernahm in einem Brief an einen Rabbi 22 Jahre später die „Verantwortung“.) Spätestens am 18. November begann die operative Planung für einen Bombenanschlag unter Jitzchak Sadeh, einem hohen Hagana-Kommandeur. Das Schiff sollte beschädigt, aber nicht versenkt werden. Die Irgun, eine rivalisierende Untergrundorganisation der revisionistischen Zionisten, plante unabhängig davon einen Torpedoanschlag. Monya Mardor leitete die Hagana-Operation vor Ort und besprach als Werftarbeiter verkleidet mit Hans Wandel und Erich Frank, den Hechalutz-Führern an Bord der Patria, die Ausführung. Beim ersten Versuch zündete die Sprengladung nicht. Beim zweiten Versuch war die Sprengladung falsch berechnet und für die Außenwand des Schiffes zu stark. Die Patria kenterte und sank am 25. November innerhalb von fünfzehn Minuten.

Briten, Araber und Juden beteiligten sich an der Rettung der Schiffbrüchigen. Die genaue Zahl der Todesopfer ist unklar, da einige Überlebende im Chaos untergetaucht und unter den Vermissten registriert sein könnten. Die Briten bargen zunächst 156 Leichen und gingen von 112 Vermissten aus. 172 Verletzte wurden registriert. Generell geht man von etwa 250 Opfern aus, von denen etwa 200 Migranten und der Rest Besatzungsmitglieder und britische Polizisten waren (Dalia Ofer und Yaacov Nir gehen von 267 Opfern aus). Die Überlebenden wurden größtenteils ins Internierungslager Atlit und wenige ins Gefängnis Akkon gebracht.

Gegen die harsche Kritik des Regionalkommandeurs Feldmarschall Archibald Wavell und des hohen Kommissars für Ägypten und Sudan Miles Lampson entschied die Regierung, 1581 Überlebende der Patria in Palästina zu lassen. Man könne sie aus Gründen des Mitgefühls nicht erneut den Gefahren auf Hoher See aussetzen, und sie wurden auf die Zahl der Einwanderungszertifikate angerechnet.

Internierung auf Mauritius mini|Krankenstation Beau Bassin Gefängnis, 1940 Die Flüchtlinge der Atlantic, die deportiert werden sollten, leisteten bei ihrer Abholung passiven Widerstand und wurden unter Gewalteinsatz teilweise halbnackt zur Einschiffung nach Haifa gebracht. Mit den niederländischen Schiffen Newzealand und Johan de Witt, begleitet von mehreren Kriegsschiffen, erfolgte die Deportation als feindliche Ausländer (enemy allien) in den Indischen Ozean. Bei der erzwungenen Ausreise wurden letzte Besitztümer wie Eheringe und Armbanduhren bei der Zollkontrolle gestohlen oder konfisziert. (Die britische Mandatsverwaltung stellte 1945 für die konfiszierten Gegenstände einen Betrag von 3000 Britischen Pfund zur Verfügung, nachdem der Vorgang in den Vereinigten Staaten publik gemacht wurde.) Auf See starben 41 Menschen, 22 davon an Typhus. 849 Männer, 635 Frauen und 96 Kinder aus der Gruppe der Atlantic-Passagiere erreichten am 26. Dezember 1940 Mauritius, wo sie im Zentralgefängnis von Beau Bassin interniert wurden. Von den Internierten waren 640 aus Österreich, 294 aus der Tschechoslowakei, 172 aus Polen, 151 aus der Freien Stadt Danzig und 192 Staatenlose sowie weitere aus weiteren Staaten.