mini|Das Kloster Disentis mini|Orgel in der Klosterkirche St. Martin Als geistiges und kulturelles Zentrum des katholischen Romanischbündens übte das Kloster Disentis mit seiner Musikgeschichte einen nachhaltigen Einfluss auf die katholische Musikkultur und die kulturelle Identität der Region aus. Das Kloster Disentis war über lange Zeit das Zentrum der katholischen Musikkultur in Graubünden und es besitzt eine eigene Musikbibliothek.
Liturgischer Gesang – Gregorianische Choräle Um das Jahr 800 sangen im Kloster bereits 164 Mönche die gregorianischen Choräle. Auch heute, 1200 Jahre später, singen die Mönche keine gewöhnlichen Kirchenlieder, sondern Psalmen – in der besonderen Form des gregorianischen Gesangs.
Der gregorianische Gesang ist die älteste kontinuierlich überlieferte musikalische Form des Abendlandes und erklingt bis heute in der Liturgie der katholischen Kirche. Er eignet sich besonders für ein spirituelles Erlebnis, da Wort und Melodie eng miteinander verbunden sind. Darin verschmilzt die Aussage des Texts – des Bibelworts – mit den melodischen Motiven des einstimmigen, unbegleiteten Gesangs. Die Musik lenkt dabei nie vom Text ab, sondern entsteht aus dem engen Zusammenspiel mit den Worten und steht ganz im Dienst des Bibelworts. Durch den gesungenen Vortrag wird das gesprochene Wort vertieft und erhält eine neue Dimension an Ausdruckskraft und Präsenz. Im gregorianischen Gesang wird das liturgische Gebet zu einem ganzheitlichen Akt, der den Menschen in seiner Gesamtheit erfasst und zu einem spirituellen Erlebnis führt.
Abt Thüring von Attinghausen (1237–1253) liess die Choräle in Quadratnotation umschreiben – eine frühe Form der Notenschrift, die sich im 12. Jahrhundert entwickelte. Sie hielt neben der Tonhöhe auch unterschiedliche Tonlängen und rhythmische Elemente fest. Zudem führte Abt Thüringer von Attinghausen die Begleitung des Gesangs durch eine kleine Portativorgel ein. Damit trat ein Instrument zum einstimmigen Choral hinzu.
Förderung des Volksgesangs Neben dem einstimmigen liturgischen Gesang spielten insbesondere die geistlichen Volkslieder eine zentrale Rolle. Im Zuge der Rekatholisierung im 17. Jahrhundert wurden die geistlichen Volkslieder sowohl von den rätischen Kapuzinermönchen als auch vom Benediktinerkloster Disentis intensiv gefördert, das sich in jener Zeit zu einem bedeutenden Wallfahrtsort und Zentrum katholischer Musikkultur entwickelte.
Unter Anleitung eines Priesters sang die Gemeinde Psalmen und strophenreiche Lieder auswendig. Dieser einstimmige geistliche Gesang wuchs zu einer lebendigen Volkskultur heran: Er war einerseits eng mit dem Kirchenjahr und seinen Festen verknüpft und begleitete andererseits die Menschen zugleich im Alltag – bei der Hausarbeit oder bei der Tätigkeit auf den Feldern.
Bis ins 17. Jahrhundert waren sowohl die lateinischen liturgischen Gesänge als auch das deutschsprachige Kirchenlied in der Surselva weit verbreitet. Im Zuge der katholischen Reform des 17. Jahrhunderts förderten zahlreiche gedruckte Flugschriften die Verbreitung geistlicher Lieder in surselvischer Sprache. Diese erreichten auch die Schulen und den Bauernalltag.
Musikalische Ausbildung für Mönche und Klosterschüler Fürstabt Christian von Castelberg (1566–1584) holte musikkundige Mönche aus anderen Klöstern, um seine Gemeinschaft im mehrstimmigen, polyphonen «Cantus figuratus» auszubilden. 1570 liess er eine Orgel in der Klosterkirche errichten.
Die eigentliche Blütezeit erlebte das Kloster unter Abt Augustin Stöcklin (1631–1641), einem Reformer, Humanisten und vielseitigen Historiker. Er gründete eine Klosterschule mit obligatorischem Musikunterricht, aus der ein Klosterchor hervorging, und förderte, indem er bedeutende Musiker beherbergte. In dieser Zeit wurde eine grössere Orgel in der Klosterkirche eingebaut, die jedoch 1799 beim Einfall der Franzosen zerstört wurde.
Eine Handschrift aus dem Jahr 1632 belegt, dass Klosterschüler neben dem Gesang auch in der Instrumentalmusik unterrichtet wurden, insbesondere im Geigen- und Lautenspiel. Sie sangen auch deutschsprachige Lieder aus Friedrich Spees Lyriksammlung Trutznachtigall sowie aus dem 1685 in Vals erschienenen Liederbuch Geistlicher Blumengarten mit instrumentaler Begleitung. Friedrich Spee (1591–1635), ein bedeutender rheinischer Dichter des konfessionellen Zeitalters, wurde in der Zeit der Aufklärung vor allem als Kritiker des Hexenwahns und Gegner der Hexenprozesse rezipiert. In seinem dichterischen Hauptwerk Trutznachtigall thematisierte er die Sehnsucht des Menschen nach Gott.
Verbreitung von Liederbüchern: Druckerei des Klosters Disentis Die ersten gedruckten Liederbücher in surselvischer Sprache hiessen Cancans spirituals (1674, Vrin) und Cancan devotiusas (1685). Daneben waren auch zwei deutschsprachige Werke verbreitet: das 1685 in Vals erschienene Liederbuch Geistlicher Blumengarten sowie die 1634 veröffentlichte Lyriksammlung Trutznachtigall des rheinischen Dichters Friedrich Spee. Ergänzt wurde dieses Repertoire durch weitere Lieder und Handschriften, teils aus dem Mittelalter, sowie durch geistliche Gesänge in Form von Flugblättern in surselvischer Sprache. All dies mündete schliesslich in ein weiteres Werk Consolaziun, das bedeutendste Gesangbuch im katholischen Graubünden. mini|Erste Auflage der «Consulaziun» 1690 in Trun, gedruckt von der Klosterdruckerei Disentis Die erste Auflage der Consolaziun wurde – wie das Titelblatt belegt – von Benediktinermönchen 1690 in der ambulanten Druckerei der Wallfahrtskirche «Nossadunna Dalla Glisch» (Maria Licht) in Trun gedruckt. Diese 1672 eingeweihte Kirche zählte neben der Klosterkirche zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten der Surselva, wo – wie auch in Oberhalbstein – zahlreiche Wallfahrtskirchen und -kapellen bestanden. In Trun richtete das Kloster Disentis eine ambulante (mobile) Druckerei ein; dort hatte Pater Placidus Rüttimann aus Vals das deutschsprachige Liederbuch Geistlicher Blumengarten drucken lassen.
Vom Kloster Disentis aus wurden die Mess- und Gesangbücher mit ihren strophenreichen Liedern in die einzelnen Kirchgemeinden der Region verbreitet.
Musikpflege im Zuge der Eingliederung des Kantons Graubündens in die Schweiz 1812 ging aus der instrumentalen Musikpflege im Kloster Disentis die «Musica Militaris dils students claustrals da Mustér» hervor – eine Art Feldmusik der Klosterschule.
Kurze Zeit davor hatte Napoleon Bonaparte 1803 die Eingliederung des Kantons Graubündens in die «Confederation Helvetica» durchgesetzt. In der Folge förderte die Berner Aristokratie gezielt ein nationales Bewusstsein und organisierte zu diesem Zweck drei Alphirtenfeste. Diese sollten den Zusammenhalt zwischen Stadt und Land stärken sowie die Sitten und Ideale der Vorfahren im kollektiven Gedächtnis verankern. Auch in Graubünden fanden bis 1848 drei bedeutende integrative Säkulärfeiern statt. Ihr Ziel war es, ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein zu schaffen, indem die bündnerische Geschichte in Analogie zur schweizerischen Historie umgedeutet wurde – als Befreiungstradition mit Gründungs- und Schlachtdaten sowie mythischen Heldenfiguren der Alten Eidgenossenschaft.
Im Rahmen der bündnerromanischer Rockmusik (1970er und 1980er) Infolge der 1968er-Bewegung entstand auch in Europa eine alternative Musikszene, die Volksmusik neu interpretierte. In den 1970er Jahren entwickelte sich in Disentis/Mustér rund um Benedetto Vigne, Schüler der Klosterschule Disentis – eine kleine Rockszene aus Gymnasiasten.
Mitte der 1980er Jahre prägte eine Aufbruchsstimmung die Szene, etwas mit dem «Festival dalla musica romontscha» in Disentis/Mustér (ab 1984) mit Auftritten im Kloster Disentis/Mustér.
Öffentliche Musikauftritte Das Kloster erlebte in der Mitte des 18. Jahrhunderts einen weiteren Höhepunkt: Abt Frank von Frankenberg (1742–1763) pflegte engen Kontakt zum habsburgischen Hof in Wien. Die Klosterkirche wurde zum «theatrum sacrum», einem geistlichen Konzertsaal, in dem an kirchlichen Festtagen festliche Messen ausgeführt wurden. Auch Opern und Theaterstücke gehörten zum Repertoire und Aufführungen der Klosterschüler.
Der Chor des Gymnasiums und Internats Kloster Disentis heute Mit rund 100 Sängerinnen und Sängern zählt der Chor des Gymnasiums und Internats des Klosters Disentis zu den bekanntesten Schulchören der Schweiz und wurde für sein Projekt «Ut unum sint» mit dem Lily-Waeckerlin-Preis für Jugend und Musik 2015 ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich von der Stiftung Accents an innovative und qualitativ hochwertige Jugendmusikprojekte verliehen. Neben Chortourneen mit Auftritten in Disentis und Chur gehört die feierliche Gestaltung von Gottesdiensten zu den zentralen Aufgaben des Chors.
Absolventen der Klosterschule Duri Sialm (1891–1961), rätoromanischer Komponist aus Disentis Ernst Pfiffner (1922–2011), Komponist aus Basel Gion Antoni Derungs (1935–2012), rätoromanischer Komponist aus Vella Ursina Giger (* 1985), rätoromanische Jazzsängerin und Komponistin aus Disentis Flavio Bundi (* 1987), Chorleiter und Komponist aus Ilanz
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Kloster Disentis Kategorie:Musik (Kanton Graubünden) Kategorie:Kirchenmusikgeschichte