Ernest Peter Hennock (* 6. Juni 1926 als Ernst Peter Henoch in Berlin; † 10. September 2012 in Großbritannien) war ein aus Deutschland stammender britischer Sozialhistoriker und Hochschullehrer.Nachrufe: Paul Laxton, in: Urban History 40 (2013), S. 726-729; Wolfgang Hofmann, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte 33 (2013), S. 144–148.

Leben und Werk Hennock wuchs in Berlin in der nicht religiösen jüdischen Familie Henoch auf, die Mitte der 1920er-Jahre zum Protestantismus konvertierte.

Mit Hilfe der anglikanischen St. Matthew’s Church in Worthing, einer Stadt an der Küste Südenglands, gelang es ihm im Januar 1939 zusammen mit seinen Bruder Rolph nach England zu fliehen. Von 1944 bis 1947 diente er in der britischen Armee, beim Eintritt erhielt er den Namen Ernest Peter Hennock.

Nach dem Krieg studierte Hennock Geschichte an der Universität Cambridge, wo er ein Bachelor- und ein Masterexamen ablegte. Auch die Promotion erfolgte in Cambridge. Die 1956 eingereichte Doktorarbeit erschien in überarbeiteter und erweiterter Form erst 1973 unter dem Titel Fit and proper persons: ideal and reality in nineteenth-century urban government. Dort untersuchte er die soziale Zusammensetzung der städtischen Verwaltungen in Birmingham und Leeds. Stationen der Assistententätigkeit waren die Universitäten Keele und Sussex. Von 1976 bis zur Emeritierung 1993 war er Professor für Moderne Geschichte an der Universität Liverpool.Vgl. den autobiografischen Artikel: Myself as Historian, in: Peter Alter (Ed.), Out of the Third Reich. Refugee Historians in Post-War Britain, London/New York 1997, p. 73–97. Eine begonnene unveröffentlichte Autobiografie mit dem Titel Professing befindet sich im Privatbesitz der Familie.

Ausgehend von seiner Dissertation war zunächst die moderne Stadtgeschichte Forschungsschwerpunkt. Von diesem Ausgangspunkt aus erweckten Armenfürsorge, Gesundheitspolitik und Sozialversicherung sein Interesse. Bedeutend sind vor allem seine jahrzehntelangen Veröffentlichungen zum Vergleich des britischen und deutschen Sozialstaats im 19. Jahrhundert. Sein diese Forschungen zusammenfassendes Hauptwerk The Origin of the Welfare State in England and Germany, 1850-1914 veröffentlichte er im Alter von über 80 Jahren.

Mit den westdeutschen Sozialhistorikern stand er in engem Austausch, insbesondere mit Gerhard A. Ritter, der ähnlichen vergleichenden Fragestellungen nachging.Vgl. Gerhard A. Ritter: Der Sozialstaat. Entstehung und Entwicklung im internationalen Vergleich, Zweite Auflage, München 1991. Die Bände der „Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914“ würdigte er noch bis kurz vor seinem Tod in mehreren ausführlichen Sammelrezensionen.P.E. Hennock: Social Policy under the Empire – Myth and Evidence, in: German History 16 (1998), S. 58–74; ders., Social Policy in the Bismarck Era: A Progress Report; in: German History 21 (2003), S. 229–238; ders., Sozialpolitik. Description and Documentation: The Quest for Clarity, in: German History 28 (2010), S. 214–218.

Familie Die Mutter Lilli Therese, geb. Aufseesser (1899–1935), starb früh. Sie war die einzige Tochter des Berliner Weinhändlers und Kunstsammlers Julius Aufseesser (1878–1942)Vgl. Julius Aufseesser: Aus meinem Sammlerleben, Berlin 1925. und seiner Frau Therese, geb. Schlesinger (gest. 1917). Die Heirat mit dem Vater erfolgte 1921.

Der Vater Johann Eduard „Eddy“ Henoch (1887–1941) war das dritte von vier Kindern von Abraham und Hedwig Henoch. Sein Unternehmen zur Fabrikation von Büromaterialien ging während der Weltwirtschaftskrise bankrott. Einige Monate nach der Flucht seiner beiden Söhne im Jahr 1939 begab sich der Witwer ins damals sowjetische Riga, wo er nach Einmarsch der deutschen Truppen umkam. mini|Stolperstein für Ernest Peter Hennock Der Bruder Rolph Henoch (1922–2011) flüchtete 1939 zusammen mit Peter Hennock nach England, begab sich dann aber als 17-Jähriger bald allein nach den Vereinigten Staaten und ließ sich in New York nieder. Er wurde Geschäftsführer und später Eigentümer einer Firma für Puppen und Kleidung. Zuletzt lebte er mit seiner Frau Liesel, geb. Karpfen, in Florida.

Peter Hennock war ab 1954 verheiratet mit Elspeth, geb. Rodger, einer Schottin, die er über kirchliche Zusammenhänge kennengelernt hatte. Sie hatten drei Kinder, John (* 1957), Mary (* 1958) und Martin (* 1960). Die Ehe wurde um 1980 geschieden. In zweiter Ehe war Hennock verheiratet mit Elisabeth, geb. Zuckermann (gest. 2004), die vor den Nationalsozialisten aus Wien geflüchtet war.

Im Juli 2019 wurde für den Vater, den Bruder und Peter Hennock vor der Fasanenstraße 32 in Berlin, dem letzten Wohnort der Familie, Stolpersteine verlegt (alle unter dem Namen Henoch).Vgl. die ausführlichen Biografien auf der Seite der Stolpersteine.

Veröffentlichungen (Auswahl) Fit and proper persons: ideal and reality in nineteenth-century urban government, London 1973. Poverty and Social Theory: The Experience of the 1880s’ in: Social History 1 (1976), p. 67–91. British Social Reform and German Precedents. The Case of Social Insurance 1880–1914, Oxford 1987.Rezension von Lothar Machtan und Florian Tennstedt in: Bulletin. German Historical Institute London 11 (1989), No. 3, p. 12–19. ISBN 0-19-820-127-3 Vaccination policy against smallpox, 1835–1914: a comparison of England with Prussia and Imperial Germany, in: Social History of Medicin 11 (1998), p. 49–71. The Origin of the Welfare State in England and Germany, 1850–1914. Social Politics Compared, Cambridge 2007.Rezension von Wolfgang Ayaß in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 95 (2008), S. 504. ISBN 978-0-521-59770-8

Einzelnachweise

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