Edward Festus Mukuka Nkoloso (* 1919 in Luwingu, Nordrhodesien; † 1989) war ein sambischer Lehrer, Aktivist im antikolonialen Widerstands sowie Führungsfigur des Afrikanischen Nationalkongresses von Nordrhodesien (NRANC) und späterer Sicherheitsfunktionär der United National Independence Party (UNIP). Seine vielfältigen Verdienste stehen jedoch im Schatten eines satirischen Projekts, dem er seinen Nachruhm verdankt: 1964, im Vorfeld der sambischen Unabhängigkeit, rief er die „Zambia National Academy of Science, Space Research and Philosophy“ ins Leben und kündigte an, mit sambischen „Afronauten“ in den Wettlauf ins All einzusteigen. Der ironische Unterton entging westlichen Medien vollständig – man nahm das Vorhaben für bare Münze und sah darin ein reales, primitives afrikanisches Raumfahrtprogramm.

Biographie Nkoloso wurde 1919 im Norden Nordrhodesiens als Sohn eines Dorfvorstehers in das Bemba-Kriegergeschlechts geboren; als Kind erhielt er die für diesen Stamm typische Narben an den Schläfen. Er durchlief eine Missionsausbildung mit Theologie, Latein und Französisch und gedachte ursprünglich Geistlicher werden. Der Zweite Weltkrieg durchkreuzte diese Pläne – für die britische Armee eingezogen, diente er im Northern Rhodesian Regiment in Abessinien und Burma und stieg dort im Nachrichten- und Kommunikationskorps auf. Für seinen Einsatz im Weltkrieg erhielt er 1985 die Sowjetische Jubiläumsmedaille „Vierzig Jahre Sieg im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“.

Nach seiner Rückkehr verweigerte ihm die Kolonialverwaltung die Genehmigung für eine eigene Schule; er gründete sie dennoch und wurde dafür strafrechtlich belangt. Dass der Kriegsdienst den Lebensverhältnissen der Schwarzen im Land keinerlei Verbesserung gebracht hatte, empfand er als bittere Enttäuschung und prangerte öffentlich die Vernachlässigung afrikanischer Veteranen an. Als Lehrer für Latein, Naturwissenschaften und Mathematik wechselte er mehrfach die Schule – an einer von ihnen führte er, nachdem afrikanischen Lehrern das Recht auf Mittagspause bestritten worden war, die gesamte Schülerschaft in einem Protestmarsch an, was ihn seine Anstellung kostete.

Als Verkäufer im politisch umkämpften Copperbelt engagierte er sich fortan im Ndola Urban Advisory Council, einer der wenigen Institutionen mit begrenzter afrikanischer Mitsprache: Er wandte sich gegen Steuererhöhungen für Afrikaner, forderte gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit und den Aufbau sozialer Infrastruktur und schlug 1955 eine gemischtrassige Schule vor. In diesen Jahren kam er zunehmend mit marxistischem Gedankengut in Berührung. 1956 protestierte er gegen die Störung afrikanischer Gräber durch einen europäischen Vorarbeiter und geriet in eine Verhaftungswelle gegen Gewerkschafter. Als „unter Aufsicht stehende Person“ in seinen Heimatdistrikt Luwingu zurückgeschickt, wurde er dort Distriktpräsident des African National Congress (ANC) und organisierte 1957 eine Kampagne zivilen Ungehorsams gegen Kolonialverwaltung und Häuptlinge – um ihn als Freiheitskämpfer entstand bald ein ausgeprägter Personenkult. Seine Festnahme in Luwingu, bei der er schwer misshandelt worden sein soll, brachte eindrucksvolle Gefängnisbriefe hervor, durch die sein Fall über seinen damals in London lebenden Freund Kenneth Kaunda internationale Aufmerksamkeit erlangte.

Nkoloso stieg zum führenden Mitglied von Kaundas neu gegründeter United National Independence Party (UNIP) auf, saß während der Cha-Cha-Cha-Unabhängigkeitskampagne wiederholt im Gefängnis und diente der Partei als „National Steward“. Aus der Zeit unmittelbar vor der Unabhängikeit stammt eine besonders spektakuläre Episode: Nkoloso und UNIP-Aktivisten entwendeten aus der Leichenhalle von Lusaka den Körper einer weißen Frau, beschmierten ihn mit Ziegenblut und brachten ihn zu der ausschließlich Weißen vorbehaltene Bar des Ridgeway Hotel. Als sie die Leiche fallen ließen, erlosch das Licht; Nkoloso rief, man habe soeben Premierminister Welenskys Frau getötet und werde nun über die Anwesenden herfallen – die Weißen ergriffen die Flucht, und Nkoloso und seine Genossen bedienten sich ungestört an der Bar.

Nach der Unabhängigkeit 1964 leitete er als Sonderbeauftragter Kaundas das African Liberation Center (ALC), das Freiheitskämpfer aus den noch kolonisierten Nachbarländern militärisch ausbildete; vor seiner Ernennung zum Direktor des ALC hatte er bereits erfolglos für das Amt des Bürgermeisters von Lusaka kandidiert. Im ALC nahm er seine Aufgaben ernst, vertrat die Befreiungsbewegungen wirkungsvoll und leitete das Zentrum bis zu seiner Pensionierung 1972, bevor es von einer Reihe aktiver Offiziere der Armee übernommen wurde, die zugleich die Befreiungskomitees der OAU repräsentierten. Politisch zunehmend an den Rand gedrängt, bekleidete er fortan nur noch untergeordnete Posten, nahm in seinen Sechzigern noch ein Jurastudium Universität Sambia auf und arbeitete zuletzt als Sicherheitsbeauftragter. Nkoloso starb 1989.Zu seiner Biographie vgl. Kenneth D. Kaunda: Dominion Status for Central Africa?, London 1958, S. 6; Hugh Macmillan: The Lusaka Years. The ANC in Exile in Zambia, 1963–1994, Auckland Park 2012, S. 20f., 98; Lucy Gasser: Reaching for the Stars: The Zambian Space Programme and Alternative Imaginaries of Space Travel. In: interventions 26/6 (2024), S. 755–775, hier: S. 762, 765. Stephen Chan: The Economic Transformation and Political Economy of Zambia. The Search for Modernity, Equity and Principle, Cham 2025, S. 2.; auch: Namwali Serpell: The Zambian “Afronaut” Who Wanted to Join the Space Race. Online auf newyorker.com, 11. März 2017 [Zugriff am 19. August 2026].

Das Afronautenprogramm Nkoloso ist heute vor allem für sein oft missverstandenes „Weltraumprogramm“ bekannt, das er 1964, kurz vor Sambias Unabhängigkeit, als satirischen Ausdruck nationaler Selbstbehauptung präsentierte. In seinem programmatischen Artikel „We’re Going to Mars! – With a Spacegirl, Two Cats and a Missionary“ behauptete er, Sambia sei den USA und der Sowjetunion wissenschaftlich „sechs oder sieben Jahre“ voraus: Die junge Matha Mwamba sollte als erste „Afronautin“ zusammen mit zwei Katzen und einem Missionar zum Mars fliegen – Letzterer allerdings mit der Auflage, den „Eingeborenen“ dort das Christentum nicht aufzuzwingen, eine unübersehbare Persiflage kolonialer Missionsrhetorik. Nkoloso verschränkte bewusst wissenschaftliches Vokabular mit religiöser und theatralischen Sprache – er sprach vom Vordringen in den „Siebten Himmel“ und warnte vor „satanischen Plänen“ der Supermächte gegen sein Programm.

Diese Diskursvermischung unterlief die koloniale Entgegensetzung von „rationaler“ westlicher Wissenschaft und angeblich „irrationalem“ Afrika – zumal der Westen seine eigene Rationalität verherrlichte, zugleich aber den kolonisierten Völkern das unwissenschaftliche System der christlichen Spiritualität aufzwang. Gleichzeitig entlarvte er die koloniale Logik des Wettlaufs ins All: Indem er die Fortschrittsrhetorik des Kalten Krieges auf die Spitze trieb und Sambia zum technologischen Vorreiter erklärte, kehrte er die gewohnte Hierarchie um und machte sichtbar, dass technischer Fortschritt keineswegs neutral ist, sondern als Instrument zur Behauptung und Legitimierung globaler Überlegenheit dient. Westliche Medien erkannten den satirischen Kern überwiegend nicht und berichteten stattdessen als exotische Kuriosität – manche Kommentatoren verunglimpften Nkoloso gar als Hexendoktor und „obersten Schamanen des Landes“.Nedine Moonsamy: Reduce, Reuse, Recycle – Methods of Speculation in African Popular Culture. In: Grace A. Musila (Hrsg.): Routledge Handbook of African Popular Culture, London/New York 2022, S. 184–203, hier: S. 195f.; Lucy Gasser: Reaching for the Stars: The Zambian Space Programme and Alternative Imaginaries of Space Travel. In: interventions 26/6 (2024), S. 755–775.

Edward Mukuka Nkoloso gilt in der Rückschau verschiedentlich als früher Exponent eines afrikanisch geprägten Retro- bzw. Afrofuturismus. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts hat sein Afronautenprogramm wiederholt künstlerische Rezeption erfahren – in Film, bildender Kunst, Musiktheater und Tanz. Besondere Resonanz fanden dabei der 2012 erschienene Bildband Afronauts: An African Space Fantasy der spanischen Photographin Cristina de Middel sowie der 2014 entstandene Kurzfilm Afronauts der ghanaischen Filmschaffenden Nuotama Frances Bodomo.Hugh Macmillan: The Lusaka Years. The ANC in Exile in Zambia, 1963–1994, Auckland Park 2012, S. 295, Anm. 21; Magalí Armillas-Tiseyra: Afronauts: On Science Fiction and the Crisis of Possibility. In: Cambridge Journal of Postcolonial Literary Inquiry, 3/3 (2016), S. 273–290; Paul Wilson: The Afronaut and Retrofuturism in Africa. In: ASAP/Journal 4/1 (2019), S. 139–166; W. Ian W. Bourland: Afronauts: Race in Space. In: Third Text 34/2 (2020), S. 209–229; Ranka Primorac: Against “African Popular Literature”, or: The Weeping Woman. In: Grace A. Musila (Hrsg.): Routledge Handbook of African Popular Culture, London/New York 2022, S. 92–109, hier: S. 99; Nedine Moonsamy: Reduce, Reuse, Recycle – Methods of Speculation in African Popular Culture. In: ebd., S. 184–203, hier: S. 195–197.

Literatur

Hugh Macmillan: The Lusaka Years. The ANC in Exile in Zambia, 1963–1994, Auckland Park 2012. Lucy Gasser: Reaching for the Stars: The Zambian Space Programme and Alternative Imaginaries of Space Travel. In: interventions 26/6 (2024), S. 755–775.

Fußnoten

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