mini|hochkant|Die Eingliederung Bayerns in das Frankenreich und die Errichtung der Awarenmark (Marcha orientalis, erstmals 996 erwähnt als „Ostarrichi“) unter Karl dem Großen mini|Territoriale Entwicklung Bayerns seit 1789 Die Geschichte Bayerns umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des deutschen Bundeslandes Freistaat Bayern und historischer bayrischer Reiche von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Rechnet man die Zeit vom ersten bairischen Stammesherzog bis zum heutigen Freistaat Bayern, ist Bayern eines der ältesten noch bestehenden politischen Gebilde in Europa.
Überblick Zur Zeit des römischen Kaisers Augustus wurde das keltisch besiedelte Gebiet Altbayerns südlich der Donau Teil der Provinz Raetia des Römischen Reiches. Nach dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft bildete sich aus den aus dem Norden eingedrungenen Germanen und vereinzelt bereits ansässigen romanisierten Kelten (Boier) über Jahrhunderte hinweg der Stamm der Baiern (siehe Bajuwaren). Die walsche Bevölkerung assimilierte sich in einem Jahrhunderte währenden Prozess; Orts-, Flur- und Gewässernamen wie Walchensee künden noch heute von der vormals keltoromanischen Besiedelung.
Seit dem Jahr 555 ist die Existenz eines bairischen Stammesherzogtums belegt, das unter den Merowingern Teil des fränkischen Herrschaftsbereichs wurde. Eine der ersten bayrischen Herrscherdynastien waren die Agilolfinger. Mit dem Verfall des merowingischen Königtums konnten die bairischen Herzöge im 7. Jahrhundert autonom herrschen, doch zu Anfang des 8. Jahrhunderts setzten die Karolinger die fränkischen Ansprüche wieder durch. Der Sieg Karls des Großen über Baiernherzog Tassilo III. im Jahr 788 markierte das Ende des „älteren Stammesherzogtums“. Die Karolinger regierten als Könige oder Unterkönige Bayerns. Sie siegelten Urkunden aus dieser Zeit als Könige von Bayern oder setzten zur Herrschaftsausübung bisweilen Statthalter (Präfekten) ein.
Der Niedergang der Karolinger ermöglichte ein Wiederaufleben der Eigenständigkeit der bairischen Herzöge im „jüngeren Stammesherzogtum“. Der Streit mit den Ottonen führte zu erneuter Abhängigkeit vom deutschen Königtum: 976 wurde Herzog Heinrich „der Zänker“ von seinem Vetter, dem römisch-deutschen König und Kaiser Otto II., nach einem gescheiterten Aufstand abgesetzt; Baiern verlor – unter anderem durch die Errichtung des Amtsherzogtums Kärnten mit seinen italienischen Marken – fast die Hälfte seines Territoriums.
Ab 1070 kam es unter den Welfen zu einem kurzzeitigen Wiedererstarken der Macht der bairischen Herzöge, bis der Streit zwischen dem Welfen-Herzog Heinrich dem Löwen und dem deutschen König Friedrich Barbarossa aus dem Geschlecht der Staufer 1180 mit dem Sturz Heinrichs endete: Weite Teile der ehemaligen Marcha orientalis bzw. Ostarrichis – zu einem erheblichen Teil das Gebiet des heutigen Österreichs – wurde von Bayern abgetrennt, das Herzogtum Steiermark wurde errichtet, das restliche Baiern erhielt der bisherige Pfalzgraf Otto I. aus dem Geschlecht der Wittelsbacher als neuer Herzog verliehen. Damit endete auch die Geschichte des „jüngeren Stammesherzogtums“.
Von 1180 bis 1918 wurde Bayern als Territorialherzogtum von den Wittelsbachern regiert. In dieser Zeit erlebte Bayern eine Periode zahlreicher Teilungen in Einzelherzogtümer, die erst durch das Primogeniturgesetz von 1506 ein Ende fanden. In der Gegenreformation nahm Bayern eine führende Stellung ein und ging aus dem Dreißigjährigen Krieg mit Gebietsgewinnen und 1623 mit dem Aufstieg zum Kurfürstentum hervor. Während des Spanischen und des Österreichischen Erbfolgekrieges wurde das absolutistisch regierte Bayern jeweils von Österreich vorübergehend besetzt.
Zur Zeit Napoleons stand Bayern anfangs auf der Seite Frankreichs und konnte durch Säkularisation und Mediatisierung große Gebietsgewinne erreichen. 1806 erfolgte die Erhebung zum Königreich. Durch den rechtzeitigen Wechsel auf die Seite der Gegner Napoleons konnte Bayern auf dem Wiener Kongress 1814 als Siegermacht einen großen Teil der Gebietsgewinne behalten.
König Ludwig I. baute München zur Kunst- und Universitätsstadt aus. Aufgrund seiner Anordnung vom 20. Oktober 1825 wurde die Schreibweise des Landesnamens mit „y“ verbindlich, auch als Ausdruck der glühenden Verehrung des Königs für alles Griechische.König Ludwig lässt „Baiern“ mit Y schreiben, Beitrag des SWR. Im Zuge der Märzunruhen musste er 1848 wegen einer Affäre mit der Tänzerin Lola Montez abdanken. Ludwig II. ging wegen des Baues von Schloss Neuschwanstein und anderer Schlösser als Märchenkönig in die Geschichte ein. An der Seite Österreichs erlitt Bayern 1866 im Preußisch-Österreichischen Krieg eine Niederlage gegen Preußen. 1871 wurde Bayern Teil des neu gegründeten Deutschen Kaiserreiches, erhielt aber so genannte Reservatrechte (eigenes Post-, Eisenbahn- und Heereswesen).
1918 brach die Wittelsbachermonarchie in der Novemberrevolution zusammen. In der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 wurde der „Freistaat Bayern“ ausgerufen; revolutionäre sozialistische Gruppen gewannen für kurze Zeit Einfluss und es kam zu zwei Revolutionsphasen. Im Frühjahr 1919 bestand kurzzeitig die Münchner Räterepublik. Nach deren Niederschlagung wurde Bayern zu einem Hort rechtsgerichteter, antidemokratischer Kräfte, denen es als „Ordnungszelle“ der Weimarer Republik galt. So kam es 1923 in München zu einem Putschversuch Hitlers und der NSDAP.
Zwischen 1933 und 1945 verlor Bayern als Verwaltungseinheit im NS-Staat zwar weitgehend seine Bedeutung, übernahm aber eine gewisse Vorreiterrolle bei nationalsozialistischen Maßnahmen (vgl.: München „Hauptstadt der Bewegung“, Nürnberg „Stadt der Reichsparteitage“; KZ Dachau). Im Zweiten Weltkrieg erlitten bayerische Städte wie Würzburg, München oder Nürnberg starke Zerstörungen.
Nach der Besetzung durch die US-Armee stellte General Eisenhower mit der Proklamation Nummer 2 vom 28. September 1945 Bayern unter der US-Militärregierung offiziell als Staat wieder her.
Der Freistaat Bayern wurde 1949 ein Land der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Es begann ein wirtschaftlicher Aufschwung und eine Entwicklung des noch weitgehend von der Landwirtschaft geprägten Bayern zum Industriestaat bis hin zur modernen Dienstleistungsgesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts.
Ur- und Frühgeschichte
Die Urgeschichte Bayerns umfasst den Zeitraum der schriftlosen Quellen auf dem Gebiet des heutigen Freistaates, das heißt von frühesten Nachweisen der Anwesenheit des Menschen während des Mittelpleistozäns bis in die späte Latènezeit (1. Jahrhundert v. Chr.).
Dem schließt sich die Frühgeschichte an. Es gibt hier zwar vereinzelte Schriftquellen, diese spielen jedoch gegenüber dem Erkenntnisgewinn aus archäologischen Quellen noch eine untergeordnete Rolle.
Antike Ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. gründeten die keltischen Stämme im Alpenvorland erste befestigte, stadtähnliche Siedlungen. In dem Oppidum von Manching lebten damals bereits etwa 5.000 bis 10.000 Kelten innerhalb einer Stadtbefestigung. Fentbach bildete den Hauptort der Catenaten. Östlich des Inns lebten die Noriker, westlich davon die Vindeliker und in Böhmen die Boier. Um 60 v. Chr. drangen die Sueben und andere Germanen in das Gebiet zwischen Main und Alpen ein und zerstörten und plünderten alle Siedlungen der Kelten. Der Großteil der Überlebenden wanderte ab. Nachdem die Invasoren wieder nach Westen abgezogen waren, lebten nur noch kleine Dorfgemeinschaften in der Region. 15 v. Chr. hatten es daher Drusus und Tiberius leicht, mit den Augusteischen Alpenfeldzügen den Stamm der Vindeliker zu besiegen und das Gebiet zwischen Inn, Donau und Bodensee als Raetia und östlich des Inns als Noricum dem Römischen Reich unter Kaiser Augustus anzugliedern. Auf 160 Kilometer durchzog den heutigen Freistaat der Obergermanisch-Raetische Limes. 233 n. Chr. fielen die Alamannen in Raetia ein. Augsburg und Regensburg wurden gegründet. Mit der Völkerwanderungszeit endete Mitte des 5. Jahrhunderts die römische Herrschaft über Süddeutschland.Irmgard Köhler, Josef Blasi: Markt Schwaben – Ortsgeschichte eingebunden in die bayerische Geschichte, S. 15, 2002.
mini|Karte der Provinzen Raetia (gelb umrandet) und Noricum (rot) im Römischen Reich und Germania magna (Droysens Historischer Handatlas, 1886)
In Folge entstand das Volk der Bajuwaren. Man geht davon aus, dass der Volksstamm im Gebiet zwischen Donau und Alpen, also ihrem späteren Siedlungsgebiet selbst, durch vermischen verschiedener Volksgruppen entstand. Zum einen lebten hier Vindeliker und Boier, Reste der keltischen Ur-Bevölkerung und die Nachkommen römischer Siedler. Dazu kamen alemannische, fränkische, thüringische, ostgotische und langobardische Einwanderer und zurückgebliebene germanische Söldner der römischen Grenztruppen.
Durch Siege gegen die Alamannen (um 507) und Thüringer (529–534) eroberten die Franken den Norden Bayerns, die heutige Region Franken.
Das bairische Stammesherzogtum
Das ältere bairische Stammesherzogtum, Christianisierung mini|Das bairische Stammesherzogtum um 788
Das bayerische Voralpenland hieß bei den Römern noch Rätien. Nach der Eroberung Italiens durch den König der Ostgoten Theoderich fiel auch diese Provinz, der Raum zwischen Donau, Iller, Alpen und Inn, die zur Diözese Italia gehört, an die Goten. In den Jahren 507 und 511 setzte Theoderich einen Herzog (dux) für Rätien ein. Schon ein Jahr zuvor, 506, wurden die Provinzen nördlich der Alpen darauf verpflichtet, fliehende Alamannen in ihrem Gebiet aufzunehmen. Gleichzeitig wurden die Franken davor gewarnt, jene zu verfolgen. Archäologisch wurden in Unterhaching und Straubing Zeugnisse einer fürstlichen Oberschicht für das erste Drittel des 6. Jahrhunderts nachgewiesen.
Im Jahr 536 trat König Witichis den Voralpenraum an die Franken ab, um sie als Bündnispartner zu gewinnen.Brigitte Haas-Gebhard: Die Baiuvaren. Archäologie und Geschichte. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2013, S. 94 Der fränkische König Theudebald setzte im Jahr 548 Garibald I. aus dem ursprünglich fränkischen Geschlecht der Agilolfinger als Herzog von Baiern ein. Das bairische Stammesherzogtum lässt sich namentlich ins Jahr 551/555 zurückverfolgen. In der Gotengeschichte des Jordanes heißt es: „Jenes Gebiet der Schwaben hat im Osten die Baiern, im Westen die Franken …“. 555 heiratete Garibald I. die langobardische Königstochter Walderada. Auch die folgenden Herrscher des „Älteren Stammesherzogtums“ gehörten zu den Agilolfingern. Das Herrschaftsgebiet wurde in diesem Zeitraum nach Osten bis zur Enns und nach Süden bis ins heutige Südtirol erweitert.Zum Geltungsgebiet bairischen Rechts im späteren Südtiroler Raum s. Hannes Obermair: Das Recht der tirolisch-trientinischen ‚Regio‘ zwischen Spätantike und Frühmittelalter. In: Concilium Medii Aevi 9 (2006), S. 141–158, DOI:10.2364/1437905809107.
Veränderungen gab es im Osten auch durch den Abzug der Langobarden aus Pannonien nach Norditalien und das Nachrücken der Awaren und später der Slawen auf das Gebiet des heutigen Böhmens. Im 8. Jahrhundert kam durch Unterwerfung des slawischen Karantanien das heutige Kärnten unter bairische Herrschaft. Sitz der lange weitgehend unabhängig regierenden Herzöge war Regensburg. Mit der Lex Baiuvariorum entstand um 741/743 das erste kodifizierte bairische Stammesrecht.