mini|Schematische Darstellung der Meeresströmungen und der Bathymetrie der Baffin Bay, unterteilt in die Abschnitte westliche und östliche Baffin Bay.

Der Baffinstrom (, auch: Baffin Current) ist eine kalte, südwärts gerichtete Meeresströmung an der Westseite der Baffinbucht. Er transportiert vor allem kaltes, salzarmes arktisches Wasser entlang des Kontinentalschelfs und -hangs der Baffininsel südwärts durch die Davisstraße in die Labradorsee, wo er in den Labradorstrom übergeht. Als westlicher Randstrom der zyklonalen Baffinbucht-Zirkulation bildet der Strom die wichtigste Verbindung zwischen dem Arktischen Ozean und dem subpolaren Nordatlantik auf dem Weg über den Kanadisch-arktischen Archipel (CAA) und ist damit eine Schlüsselkomponente im Süßwasser- und Wärmehaushalt des nordatlantischen Klimasystems.Jérôme Cuny, Peter B. Rhines, Ron Kwok (2005): Davis Strait volume, freshwater and heat fluxes. In: Deep-Sea Research Part I Oceanographic Research Papers. Band 52 (2005), Ausgabe 3, S. 519–542. DOI:10.1016/j.dsr.2004.10.006.Charles C.L Tang, Charles K. Ross, Tom Yao, Brian Petrie, Brendan M. DeTracey, Ewa Dunlap (2004): The circulation, water masses and sea-ice of Baffin Bay. In: Progress in Oceanography. Band 63 (2004), Ausgabe 4, S. 183–228. DOI:10.1016/j.pocean.2004.09.005.

Entstehung und Verlauf

mini|Bathymetrische Karte der westlichen Arktis (A), einschließlich des kanadischen Arktischen Ozeans (B). mini|Zirkulation von Pazifischem und Atlantischem Wasser im Arktischen Ozean

Die Zirkulation in der Baffinbucht ist zyklonal (gegen den Uhrzeigersinn gerichtet): An der Ostseite strömt der Westgrönlandstrom (West Greenland Current, WGC) nordwärts. Dieser führt warmes, salzreiches Wasser atlantischen Ursprungs aus der Irmingersee sowie kühleres grönländisches Schelfwasser mit sich. In der nördlichen Baffinbucht, auf Höhe des Smithsunds (etwa 75–78° N), biegt der WGC westwärts ab. Dort mischt er sich mit kaltem, süßem Arktischen Wasser (Polar Water, PW), das durch die flachen Passagen des Kanadisch-Arktischen Archipels in die Baffinbucht eintritt: durch die Naresstraße (Schwellentiefe rund 220 m), den Jonessund (rund 190 m) und den Lancastersund (rund 125 m).Andreas Münchow, Kelly K. Falkner, Humfrey Melling (2015): Baffin Island and West Greenland Current systems in northern Baffin Bay. In: Progress in Oceanography. Band 132 (2015), S. 305–317. DOI:10.1016/j.pocean.2014.04.001.Humfrey Melling, Tom A. Agnew, Kelly K. Falkner, David A. Greenberg, Craig M. Lee, Andreas Münchow, Brian Petrie, Simon J. Prinsenberg, Roger M. Samelson & Rebecca A. Woodgate (2008): Fresh-water fluxes via Pacific and Arctic outflows across the Canadian polar shelf. In: Robert R. Dickson, Jens Meincke, Peter Rhines (Hrsg.): Arctic–Subarctic Ocean Fluxes: Defining the Role of the Northern Seas in Climate. Springer, Dordrecht, 2008. ISBN 978-1-4020-6773-0, S. 193–247. Aus dieser Vermischung geht der eigentliche Baffinstrom hervor, der entlang der Ostküste der Baffininsel südwärts strömt.

Hydrographische und Schiffsmessungen zeigen, dass der Baffinstrom eine Strömung ist, die die größte Geschwindigkeit in den oberen 300 Metern hat. Der Schelf der Baffininsel ist dabei vergleichsweise schmal (50–75 km) mit einem steilen Kontinentalhang, über dem die Strömung konzentriert ist. Das vom Baffinstrom transportierte Wasser zeichnet sich durch niedrige Temperaturen (nahe dem Gefrierpunkt) und geringe Salinität aus (Salzgehalt unter 33,5 Practical Salinity Units (PSU) in den oberen Schichten) und ist damit deutlich leichter als das umgebende Atlantikwasser in der östlichen Baffinbucht.

Wassermassen und Quellen

Der Baffinstrom integriert mehrere Zuflüsse arktischen Ursprungs. Das durch den Kanadisch-Arktischen Archipel (CAA) einströmende Wasser enthält nachweislich einen erheblichen Anteil an Wasser pazifischen Ursprungs, das aus der Beringstraße über den Arktischen Ozean in den CAA gelangt ist.E. P. Jones, J. H. Swift, L. G. Anderson, M. Lipizer, G. Civitarese, K. K. Falkner, G. Kattner, F. McLaughlin (2003): Tracing Pacific water in the North Atlantic Ocean. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 108 (2003), Ausgabe C4, Artikel 3116. DOI:10.1029/2001JC001141.Kumiko Azetsu-Scott, Brian Petrie, Philip Yeats, Craig Lee (2012): Composition and fluxes of freshwater through Davis Strait using multiple chemical tracers. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 117 (2012), Ausgabe C12. DOI:10.1029/2012JC008172.

Dieses Pazifikwasser macht einen erheblichen Teil des Stromvolumens aus und ist die wichtigste Süßwasserquelle, die durch den Kanadischen Arktischen Archipel (CAA) nach Süden in die Baffinbucht transportiert wird.Igor A. Dmitrenko, Sergei A. Kirillov, Bert Rudels, Nicolas-Xavier Geilfus, Jens Ehn, David G. Babb, David A. Lilien, Dorthe Dahl-Jensen (2023): Modification of Pacific water in the northern Canadian Arctic. In: Frontiers in Marine Science. Band 10 (2023), Ausgabe 23, 1181800. DOI:10.3389/fmars.2023.1181800. Beim Eintritt in die Arktis folgt dieses Wasser dem Alaska-Zweig entlang des Kontinentalhangs der Beaufortsee, reichert sich an und verändert seine Zusammensetzung, bevor es über Kanäle wie den Lancastersund und den Jonessund wieder austritt.Yevgeny Aksenov, Michael Karcher, Andrey Proshutinsky et al. (2016): Arctic pathways of Pacific Water: Arctic Ocean Model Intercomparison experiments. In: JGR Oceans, Band 121, Ausgabe 1 (2016), S. 27–59. DOI:10.1002/2015JC011299. Die Vermischung mit Atlantikwasser findet hauptsächlich innerhalb des CAA statt, wo wärmere, salzreichere atlantische Zuflüsse aus dem Osten mit der pazifischen Komponente interagieren und eine Schichtstruktur bilden. Das Pazifikwasser befindet sich dabei in der oberen Halokline (typischerweise in 25–180 m Tiefe). Diese Vermischung verstärkt die Salzgehalts- und Temperaturprofile des Stroms nach der Modifizierung. Zu den sekundären Süßwasserzuflüssen zählen erhebliche Beiträge aus arktischen Flüssen, insbesondere dem Mackenzie River, der terrigene Sedimente und Wasser mit niedrigem Salzgehalt in die Beaufortsee transportiert, sowie Schmelzwasser von Meereis und lokalen Gezeitengletschern. Diese Zuflüsse reduzieren den Salzgehalt der oberen Wasserschichten zusätzlich und beeinflussen so die Gesamtdichte und die Strömungseigenschaften.

Die oberen 100 bis 300 Meter der gesamten Baffinbucht werden von kaltem, süßem Polar Water (Arktischem Wasser) dominiert, wobei die kältesten und süßesten Ausprägungen entlang des westlichen Schelfs und Hangs im Baffinstrom zu finden sind. Darunter befindet sich in 300 bis 800 Metern Tiefe das West Greenland Intermediate Water (WGIW) atlantischen Ursprungs, und unterhalb von 1200 Metern das Baffin Bay Deep Water (BBDW).

Transport

mini|Karte der aktuellen Meeresoberflächenzirkulation in der Baffin Bay. Direkte Strömungsmessungen mittels akustischem Doppler-Profilstrommesser (Acoustic Doppler Current Profilers, ADCP) während einer Expedition der United States Coast Guard im Jahr 2003 ergaben für den Baffinstrom einen südwärts gerichteten Volumentransport von 5,1 ± 0,24  Sverdrup (Sv). Dieser Wert umfasst Beiträge aus der Naresstraße (rund 1,0 ± 0,2 Sv) und dem Lancastersund (rund 1,0 ± 0,2 Sv). Der begleitende Süßwassertransport des Baffinstroms betrug 187 mSv (Millisverdrup), deutlich mehr als der Süßwassertransport des entgegenströmenden Westgrönlandstroms mit 72 mSv.

Da der Baffinstrom die Davisstraße im Westen passiert und der Westgrönlandstrom im Osten nordwärts eintritt, ergibt sich über die gesamte Davisstraße ein netto südwärts gerichteter Volumentransport. Messungen eines VerankerungsarraysOzeanographische Verankerungen GEOMAR-Website, abgerufen am 22. Februar 2026. in der Davisstraße über den Zeitraum 2004–2010 bestimmen den mittleren Nettotransport auf −1,6 ± 0,5 Sv und den Netto-Süßwassertransport auf −93 ± 6 mSvB. Curry, C. M. Lee, B. Petrie, R. E. Moritz, R. Kwok (2014): Multiyear volume, liquid freshwater, and sea ice transports through Davis Strait, 2004–10. In: Journal of Physical Oceanography. Band 44 (2014), Ausgabe 4, S. 1244–1266. DOI:10.1175/JPO-D-13-0177.1. (das Minuszeichen kennzeichnet die südwärts gerichtete Komponente). Die Variabilität ist jedoch beträchtlich: Sowohl auf saisonaler als auch auf interannualer Zeitskala schwanken die Transporte stark, und Ende 2010 kehrte sich der Nettotransport kurzzeitig sogar um.Paul G. Myers, Laura Castro de la Guardia, Chuanshuai Fu, Laura C. Gillard, Nathan Grivault, Xianmin Hu, Craig M. Lee, G. W. K. Moore, Clark Pennelly, Mads Hvid Ribergaard, Joy Romanski (2021): Extreme high Greenland Blocking Index leads to the reversal of Davis and Nares Strait net transport toward the Arctic Ocean. In: Geophysical Research Letters. Band 48 (2021), Ausgabe e2021GL094178. DOI:10.1029/2021GL094178. Neuere Modellstudien bestätigen, dass der Volumentransport entlang der Baffin Island-Küste durch arktische Zuflüsse beeinflusst wird und saisonalen Schwankungen unterliegt, mit einem Maximum in den Monaten Juni bis August und einem Minimum von Oktober bis Dezember.Xuan Shan, Michael A. Spall, Clark Pennelly, Paul G. Myers (2024). Seasonal Variability in Baffin Bay. In: Journal of Geophysical Research: Oceans, Band 129 (2024), Ausgabe 10, e2024JC021038. DOI:10.1029/2024JC021038.

Strömungsgeschwindigkeiten des Baffinstroms liegen bei 15–20 cm/s; unter starker Antriebslage können Extremwerte von bis zu 2 m/s erreicht werden. Der Strom weist zudem eine ausgeprägte mesoskalige Variabilität auf: Wirbel mit horizontalen Skalen von rund 10 km und vertikaler Erstreckung von 400 m sind häufig und können bis zu 1 Sv rezirkulieren.

Zusammenhang mit dem Labradorstrom

mini|Baffinstrom und Labradorstrom mini|Eisberge in der kanadischen Datenbank für Eisbergdrift. Am nördlichen Ende des Labradorschelfs fließen der Baffinstrom, der Ausfluss aus der Hudsonstraße und Reste des Westgrönlandstroms zusammen und bilden den Labradorstrom.Elodie Duyck, Nicholas P. Foukal, Eleanor Frajka-Williams (2025): Circulation of Baffin Bay and Hudson Bay waters on the Labrador shelf and into the subpolar North Atlantic. In: Ocean Science. Band 21 (2025), Ausgabe 1, S. 241–260. DOI:10.5194/os-21-241-2025. Untersuchungen mit Oberflächendriftern über den Zeitraum 1990–2023 zeigen, dass die aus der Baffin- und der Hudsonbucht stammenden Wassermassen überwiegend auf dem Labradorschelf verbleiben und das Innere der Labradorsee nicht direkt erreichen, sondern erst südlich des Flemish Pass in den subpolaren Nordatlantik eingetragen werden. Dieser Befund hat Konsequenzen für die Frage, inwieweit verstärkter arktischer Süßwassereintrag die Tiefenkonvektion in der Labradorsee und damit die atlantische meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) beeinflussen kann.

Eisbergtransport

mini|Eisberge in der Baffin Bay Der Baffinstrom spielt eine zentrale Rolle für den Transport von Eisbergen, die an den Auslassgletschern der westgrönländischen Küste kalben. Die Eisberge treiben zunächst mit dem Westgrönlandstrom nordwärts durch die östliche Baffinbucht, bevor sie im nördlichen Teil der Baffinbucht westwärts in den Baffinstrom eintreten und mit ihm südwärts durch die Davisstraße gelangen. Von dort setzen sie ihren Weg im Labradorstrom bis zur Neufundlandbank fort – ein Weg von rund 1800 Seemeilen, der durchschnittlich zwei bis drei Jahre dauert.Iceberg migration Website Environment and Climate Change Canada: Iceberg migration. Government of Canada, Ottawa, 2015, abgerufen am 23. Februar 2026. Die Region entlang der Ostküste Labradors und Neufundlands, die besonders viele Eisberge passieren, wird als Iceberg Alley bezeichnet.