Villa Bella war ein Tanzlokal im Berliner Stadtteil Oranienburger Vorstadt, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den bekanntesten Vergnügungsstätten der Stadt zählte. Das Etablissement bestand seit Anfang der 1840er Jahre und wurde insbesondere im Zusammenhang mit dem Tanz- und Vergnügungsleben sowie der zeitgenössischen Prostitutionsdebatte wahrgenommen.
Lage und Vorgeschichte mini|Lage des Villa Bella (Bildmitte) im Stadtplan von Berlin 1841 (Ausschnitt des Morin-Plans)Das Villa Bella befand sich in der Chausseestraße vor dem ehemaligen Oranienburger Tor, neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof im Bereich der heutigen Grundstücke Chausseestraße 118 bis 122. Auf dem Stadtplan von Berlin aus dem Jahr 1841 ist das Lokal bereits eingezeichnet, bevor es in der zeitgenössischen Literatur Erwähnung findet. An diesem Ort hatten zuvor, bis ungefähr 1840, die sogenannten Letz’schen Anlagen bestanden, ebenfalls ein Tanzlokal.Bloch, Iwan und Loewenstein, Georg: Die Prostitution. Band 2, erste Hälfte, Louis Marcus Verlagsbuchhandlung, Berlin 1925, S. 391.
Entstehung und Bekanntwerden Die Eröffnung erfolgte zu einem wirtschaftlich günstigen Zeitpunkt: Seit 1810 wurden in Berlin keine neuen Konzessionen für den Betrieb von Bordellen mehr vergeben, und im April 1843 trat eine ministerielle Verfügung in Kraft, nach der bestehende Konzessionen bereits bei geringfügigen Verstößen widerrufen werden konnten. Ende 1844 wurden die noch bestehenden Berliner Bordelle durch eine Allerhöchste Kabinettsorder mit sofortiger Wirkung geschlossen. In der Folge verlagerte sich ein Teil dieses Wirtschaftszweiges in Tanzlokale und Vergnügungsstätten; die damals so genannten Tanzdirnen und ihre männlichen Kunden bildeten den größten Teil ihrer Kundschaft.Paul Martell: Zur Geschichte der Prostitution der Stadt Berlin. In: Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexualpolitik, Band 16, Heft 2, A. Marcus & E. Weber, Berlin/Köln 1929, S. 140–141. Entscheidend für das Bekanntwerden des Villa Bella war jedoch die Zerstörung des größten und beliebtesten der Berliner Tanzlokale, des Colosseum in der Alten Jakobstraße 64, durch einen Brand am 21. März 1843.Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung, Nr. 87, 28. März 1843, S. 710. Neben der Friedrichstädtischen Halle war es vor allem das Villa Bella, dem es gelang, Stammgäste des Colosseum an sich zu ziehen.Stieber, Wilhelm: Die Prostitution in Berlin und ihre Opfer. A. Hofmann & Comp., Berlin 1846, S. 140. Durch ein verhältnismäßig hohes Eintrittsgeld — das nur die männlichen Gäste zu zahlen hatten — wurden mittellose Bevölkerungsschichten ferngehalten, und der Wirt konnte einen durchschnittlichen Umsatz von 4 Talern und 15 Silbergroschen je männlichem Gast erzielen.Stieber, Wilhelm: Die Prostitution in Berlin und ihre Opfer. A. Hofmann & Comp., Berlin 1846, S. 144. Ab diesem Zeitpunkt findet das Lokal vielfältige Beachtung in der zeitgenössischen Literatur.
Publikum und Betrieb Friedrich Sass beschrieb die soziale Zusammensetzung des Publikums wie folgt:„Die Villa bella wird von Vielen der Friedrichstädt'schen Halle noch vorgezogen, weil sie behaupten, daß es dort ‚gemüthlicher‘ zugehe. […] Das männliche Publikum besteht deshalb in der Regel aus Studenten, Kaufmannsdienern, Künstlern, Lebemännern […] aus Friseuren und natürlich auch aus eleganten Taschendieben und Spitzbuben. Das weibliche Publikum ist durch die Bank dem Opfer der Prostitution verfallen […]“Sass, Friedrich: Berlin in seiner neuesten Zeit und Entwicklung. Julius Koffka, Leipzig 1846, S. 113.Eine ausführliche Schilderung des nächtlichen Betriebs lieferte der Polizeibeamte und Journalist Wilhelm Stieber:„Das eigentliche Treiben beginnt erst gegen 10 Uhr. Ein Theil der Gäste tanzt dann die verschiedenen Tänze in ununterbrochener Reihenfolge und mit kurzen Pausen durch, ein anderer bleibt in den Nebensälen in traulicher Unterhaltung sitzen. Gegen Mitternacht erfolgt eine lange Pause, während welcher gespeiset wird. Jeder Gast nimmt dann die Schöne, welche ihm ein besonderes Interesse eingeflößt hat, und führt sie zu Tische. […] Nach dem Essen beginnt der Tanz von Neuem und währt gewöhnlich bis drei und vier Uhr Morgens. Ein großer Theil der Gäste entfernt sich aber schon vorher und zwar gewöhnlich paarweise, indem die Eßgefährtin ihren Gefährten meist auch in seine Wohnung zu begleiten pflegt. Bei dem zweiten Theile des Tanzes pflegt es in der Regel etwas stürmisch herzugehen, weil dann die Gemüther von dem beim Essen genossenen Weine schon mehr erhitzt sind“Stieber, Wilhelm: Die Prostitution in Berlin und ihre Opfer. A. Hofmann & Comp., Berlin 1846, S. 143–144.Nicht selten endete der Abend mit einer Prügelei, so wie auch in den anderen Tanzlokalen.
Rezeption Das Villa Bella erlangte rasch überregionale Bekanntheit. In zeitgenössischen Reiseführern wurde es als Ziel für Besucher mit dem „Verlangen […], niedere Regionen kennen zu lernen“ empfohlen.Förster, Ernst: Handbuch für Reisende in Deutschland. J. G. Cotta'sche Buchhandlung, München 1847, S. 174. Noch vor der zeitgenössischen Sachliteratur fand das Lokal auch in der Belletristik Erwähnung. Der Schriftsteller August Brass widmete in seinem Sozialroman Die Mysterien von Berlin ein ganzes Kapitel der Schilderung einer Nacht im Villa Bella.Brass, August: Die Mysterien von Berlin. Band 4, Ferdinand Reichardt & Co., Berlin 1844, S. 3–13. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wurde das Villa Bella in sozialwissenschaftlichen und historischen Arbeiten als Beispiel für die Prostitution im Berlin des 19. Jahrhunderts herangezogen.Ivan Bloch/Georg Loewenstein: Die Prostitution, Bd. 2, Erste Hälfte, Louis Marcus, Berlin 1925, S. 391; Klaus Bergmann (Hrsg.): Schwarze Reportagen: Aus dem Leben der untersten Schichten vor 1914, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 88.
Schließung Das Villa Bella erwies sich als zu klein, um das abgebrannte Colosseum dauerhaft zu ersetzen. Nachdem ihm zudem mit dem Neuen Colosseum in der verlängerten Kommandantenstraße ein weiterer Konkurrent erwachsen war,Stieber, Wilhelm: Die Prostitution in Berlin und ihre Opfer. A. Hofmann & Comp., Berlin 1846, S. 145. wurde der Betrieb im Frühjahr 1846 nach etwa sechs Jahren eingestellt.Novellen-Zeitung, Nr. 115, 9. September 1846, S. 87.
Namensgleiches Lokal Im Jahr 1869 eröffnete in der Gitschiner Straße 16 ein weiteres Tanzlokal unter dem Namen Villa Bella.Berliner Gerichts-Zeitung, Nr. 126, 27. Oktober 1870.Berliner Gerichts-Zeitung, Nr. 138, 24. November 1870. Dieses erreichte jedoch keine vergleichbare Bekanntheit und blieb in der zeitgenössischen Berichterstattung weitgehend unbeachtet.
Literatur August Brass: Die Mysterien von Berlin. Band 4, Ferdinand Reichardt & Co., Berlin 1844. Friedrich Sass: Berlin in seiner neuesten Zeit und Entwicklung. Julius Koffka, Leipzig 1846. Wilhelm Stieber: Die Prostitution in Berlin und ihre Opfer. A. Hofmann & Comp., Berlin 1846. Ernst Förster: Handbuch für Reisende in Deutschland. J. G. Cotta'sche Buchhandlung, München 1847. Adolf Streckfuß und Leo Fernbach: 500 Jahre Berliner Geschichte. Albert Goldschmidt, Berlin 1900. Iwan Bloch und Georg Loewenstein: Die Prostitution. Band 2, Erste Hälfte. Louis Marcus Verlagsbuchhandlung, Berlin 1925. Paul Martell: Zur Geschichte der Prostitution der Stadt Berlin. In: Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexualpolitik, Band 16, Heft 2, A. Marcus & E. Weber, Berlin/Köln 1929, S. 133–144. Klaus Bergmann (Hrsg.): Schwarze Reportagen: Aus dem Leben der untersten Schichten vor 1914. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1984.
Zeitungen und zeitgenössische Quellen Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung, Nr. 87, 28. März 1843. Novellen-Zeitung, Nr. 115, 9. September 1846. Europa. Chronik der gebildeten Welt, Nr. 11, 13. März 1847. Berliner Gerichts-Zeitung, Nr. 126, 27. Oktober 1870. Berliner Gerichts-Zeitung, Nr. 138, 24. November 1870.
Einzelnachweise
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