mini|hochkant=1.4|Mailand, Via De Amicis, 14. Mai 1977: Giuseppe Memeo richtet während einer Protestkundgebung eine Pistole auf die Polizei; Foto von Paolo Pedrizzetti. Dieses Bild wurde zum Symbol der bleiernen Jahre.

Die bleiernen Jahre () bezeichnen in Italien einen historischen Zeitraum zwischen Ende der 1960er und Anfang der 1980er Jahre, in dem es zu einer Radikalisierung der politischen Dialektik kam, die zu Straßengewalt, bewaffneten Kämpfen und Terrorismus führte. An manchen Stellen wird die Zeit auch als „Bürgerkrieg geringer Intensität“ bezeichnet. Der Konflikt trug sich größtenteils zwischen linksextremen sowie rechtsextremen Terrorgruppen und dem italienischen Staat aus.

Der Ausdruck stammt aus dem gleichnamigen Film von Margarethe von Trotta aus dem Jahr 1981, der sich mit ähnlichen historischen Ereignissen in Westdeutschland befasste. Dieser Ausdruck kann auch in einem breiteren internationalen Kontext gesehen werden, der verschiedene terroristische Aktivitäten wie die Strategie der Spannung, die Operation Gladio und Stay-behind-Organisationen sowie die Unterstützung diktatorischer Regime wie die Operation Condor umfasst, die während des Kalten Krieges, dem Fernkonflikt zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion, in verschiedenen Ländern durchgeführt wurden.

Einige der Aspekte der bleiernen Jahre sind bis heute nicht restlos geklärt und bieten immer wieder Spielraum für Spekulationen und Theorien.

Politischer und sozialer Kontext Von 1968 bis zum Anschlag auf der Piazza Fontana Der Zeitraum dieser sogenannten Ära ist nicht genau definiert. Er wird in der Regel vom Ende der 1960er bis zum Beginn der 1980er Jahre angesetzt, wobei die als Anfang und Ende betrachteten Jahre je nach den politischen Überzeugungen des Historikers variieren können. Als Beginn wird in der Regel der Bombenanschlag auf der Piazza Fontana angesehen, der von Mitgliedern der neofaschistischen Ordine Nuovo durchgeführt, anfangs allerdings Linken wie dem Anarchisten Giuseppe Pinelli angelastet wurden.

Der erste Fall einer gewalttätigen Auseinandersetzung der 68er-Bewegung mit den Ordnungskräften ereignete sich am 1. März 1968 in Rom während der Schlacht von Valle Giulia; es war die erste Auseinandersetzung, bei der die kämpfenden Studenten nicht zurückwichen, sondern sich den Polizeikräften entgegenstellten. Als erstes Todesopfer der Bleiernen Jahre gilt häufig der Polizeibeamte Antonio Annarumma, der am 19. November 1969 in Mailand getötet wurde, während die erste Aktion im Rahmen der Strategie der Spannung, die diese Jahre prägte, das faschistische Attentat auf der Piazza Fontana am 12. Dezember 1969 in Mailand war, ohne die Bombenanschläge vom 25. April desselben Jahres in Mailand zu berücksichtigen, bei denen es keine Toten gab.

Diese Zeit war geprägt von gewalttätigen Ausschreitungen einiger außerparlamentarischer linker Organisationen wie Lotta Continua, Movimento Studentesco und anderer, die in den 1970er Jahren aktiv waren. Es bildeten sich aber auch terroristische Organisationen der extremen Linken wie Prima Linea und die Roten Brigaden sowie andere außerhalb Italiens aktive Gruppen wie die Rote Armee Fraktion (RAF) in Westdeutschland. In dieser Zeit waren auch einige rechtsextreme Terroristengruppen wie die Avanguardia Nazionale und die Ordine Nuovo sowie ihre Splittergruppen Nuclei Armati Rivoluzionari und Terza Posizione aktiv, die sich im politischen Kampf den linksextremen Gruppen entgegenstellten. mini|200x200px|Symbol der Ordine Nuovo Als zentraler Ideengeber und Inspiration für den italienischen Neofaschismus galten der Philosoph Julius Evola sowie dessen Unterstützer Pino Rauti, der mit dem Segen Evolas Ordine Nuovo gründete. Clemente Graziani erarbeitete früh die Strategien, die Neofaschisten später nutzen sollten. Der Terrorist und Ideologe Franco Freda, der als assoziiertes Mitglied der Ordine Nuovo und Ideengeber für Terza Posizione galt, propagierte als selbsternannter „Nazi-Maoist“ eine Querfront-Strategie zwischen Rechts- und Linksextremismus und war vor allem während der bleiernen Jahre einflussreich. mini|200x200px|Symbol der Nuclei Armati Rivoluzionari Die Neofaschisten vertraten die Auffassung der sogenannten Strategie der Spannung: Durch Terrorangriffe auf zivile Ziele und das willkürliche Töten von Zivilisten sollten mehrere Ziele erreicht werden. Einerseits sollten die Anschläge unter falscher Flagge ausgeübt werden, also den linken Kräften angehangen und somit die öffentliche Meinung und die Reaktion des Staats gegen diese gelenkt werden. Andererseits sollte durch die Destabilisierung entweder der Staat zu autoritären Maßnahmen angeleitet werden und somit nach Rechts rücken oder der Staat so entscheidend geschwächt werden, dass der Nährboden für einen Militärputsch nach Vorbild des Obristenregimes in Griechenland, das 1967 via Militärputsch die Macht übernahm und eine rechtsautoritäre Militärdiktatur aufbaute, geschaffen wird. mini|200x200px|Banner der Roten Brigaden Ideologische Grundlage war u. a. das 1963 verfasste Pamphlet „Der revolutionäre Krieg“ („La guerra rivoluzionaria“) von Clemente Graziani. In jenem vertrat Graziani die Auffassung, dass es sich beim Kalten Krieg um einen unerklärten, aber aktiven, Krieg gegen den Bolschewismus in Form der Sowjetunion und der Kommunistischen Partei Italiens und deren Unterstützer handele. Dazu müsse man mit Terrorismus und asymmetrischer sowie psychologischer Kriegsführung die Ängste der Bevölkerung schüren und ausnutzen und auch nicht vor dem Töten von Unschuldigen zurückschrecken. Die Neofaschisten sollen zum Erreichen des Ziels auch mit einer Elite wie der CIA kollaborieren.Dario Fiorentino. Clemente Graziani e Ordine Nuovo. September 2024. RCS MediaGroup. S. 83–89

+ Abkürzungen terroristischer Organisationen Auf der politisch linken Seite GAP Gruppi d’Azione Partigiana NAP Nuclei Armati Proletari PL Prima Linea Co.Co.Ri Comitati Comunisti Rivoluzionari PAC Proletari Armati per il Comunismo BR Brigate Rosse Auf der politisch rechten Seite FNR Fronte Nazionale Rivoluzionario NAR Nuclei Armati Rivoluzionari — Ordine Nuovo — Ordine Nero TP Terza Posizione AN Avanguardia Nazionale

Ab den frühen 1960ern entstand in Norditalien die neomarxistische Strömung des Operaismus, die unter marxistischen Theoretikern wie Raniero Panzieri, Antonio Negri und Mario Tronti ausformuliert wurde und die Grundlage für die Arbeitskämpfe der späten 1960er lieferte. Diese legte nicht den Fokus auf das Organisieren in alten Strukturen wie der kommunistischen Partei oder Gewerkschaften, sondern auf die Handlung des arbeitenden Subjekts an sich, und lieferte somit die theoretische Rechtfertigung für viele der Aktionen und Streiks. Aus dieser Denkschule entwickelte sich der Autonomismus mit einem weiteren starken Fokus auf direkte Aktion und Propaganda der Tat. Stark inspiriert war dies auch durch den Pariser Mai-Aufstand 1968, bei der ein Studentenprotest zu einem landesweiten Generalstreik eskalierte, der das gesamte Land zu lahmlegen drohte.

Aus diesen Gründen waren die Taten der Rechtsextremen bzw. Neofaschisten weitaus brutaler und mit mehr Massakern und Toten verbunden, während linksextreme Terrorgruppen eher gezielte und symbolische Anschläge auf Personen aus Staat, Justiz oder Wirtschaft ausführten, die an die Propaganda der Tat erinnerten. Dazu wurden viele der rechtsextremen Anschläge oft mit direkter Unterstützung oder Begünstigung durch abtrünnige Teile des italienischen Staates durchgeführt (einige Vorfälle sind noch nicht vollständig aufgeklärt).

Einige Meinungsmacher und politische Kommentatoren sind der Ansicht, dass es in Bezug auf die bleiernen Jahre nur eine «teilweise, verwirrende und oft widersprüchliche juristische Wahrheit» gibt. Die französischen Kommentatoren Marc Lazar und Marie-Anne Matard-Bonucci haben sich gegen die Definition «Bürgerkrieg geringer Intensität» ausgesprochen, die nach diesen Jahren aufkam.

Historische, politische und wirtschaftliche Ereignisse Weitere Ereignisse dieser Zeit waren die Gewerkschaftsunruhen von 1969 (der sogenannte „heiße Herbst“), die zur Verabschiedung des Arbeitnehmerstatuts (Gesetz Nr. 300 vom 20. Mai 1970) führten, das Fortuna-Baslini-Gesetz (Gesetz Nr. 898 vom 1. Dezember 1970), das die Scheidung in Italien einführte, und das Referendum von 1974, mit dem der Versuch, dieses Gesetz aufzuheben, scheiterte. Ein Ereignis, das etwas untergegangen ist, war die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon vom 15. August 1971, die Konvertibilität des Dollars in Gold auszusetzen und damit das mit den Bretton-Woods-Abkommen erreichte Goldstandard-System faktisch aufzuheben.

Im September 1972, während der Olympischen Spiele in München, tötete eine Gruppe palästinensischer Terroristen der Organisation Schwarzer September zwei israelische Athleten und entführte neun weitere. Sie forderten die Freilassung von 234 inhaftierten „Fedajin“. Bei der anschließenden Schießerei wurden fünf Terroristen, ein Hubschrauberpilot, ein deutscher Polizist und alle neun israelischen Geiseln getötet.

Im Herbst 1973 erhöhte die OPEC den Ölpreis, was zur Energiekrise von 1973 führte, auf die 1979 eine weitere Energiekrise folgte. Italien war gezwungen, eine Politik der Energieeinsparung (im Journalismusjargon "Austerität" genannt) zu verfolgen, die sich auf die täglichen Gewohnheiten der Italiener auswirkte. 1975 wurde das Familienrecht reformiert, wodurch die Gleichstellung der Ehepartner festgeschrieben wurde. Im selben Jahr wurde das Volljährigkeitsalter von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt, wodurch auch 18-Jährige das Wahlrecht erhielten.

Bei den Kommunalwahlen 1975 und den Parlamentswahlen 1976 setzen sich die linken Parteien durch. Die Democrazia Cristiana bleibt zwar die stärkste Partei, aber die Kommunistische Partei Italiens erreicht immerhin 33 % der Stimmen.

Ende 1975 wurde der Vertrag von Osimo unterzeichnet, der die Abtretung der Zone B des ehemaligen Freien Territoriums Triest an Jugoslawien festlegte und damit den nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstandenen Status quo anerkannte. In den 1970er Jahren erreichte Italien einen Rekord bei Entführungen zu Erpressungszwecken, die vor allem von Banden der ’Ndrangheta und der Anonima Sarda verübt wurden: So wurden 1974 insgesamt 40 Entführungen registriert, 1975 waren es 62, 1976 47 und 1977 75. Gegen Ende der 1970er Jahre kam das Wachstum der italienischen Bevölkerung zum Stillstand und stabilisierte sich bei knapp unter 60 Millionen Einwohnern.

Chronologie der wichtigsten Ereignisse Italien Ende der 1960er Jahre Ende der 1960er Jahre war die italienische Wirtschaft rasch gewachsen, und die mit dem italienischen Wirtschaftswunder einsetzende Verbesserung des Lebensstandards war spürbar. Die Kindersterblichkeit war stark zurückgegangen, und Analphabetismus war praktisch verschwunden.

In diesen Jahren kam es auch zu einem kulturellen Aufschwung, der sich positiv auf die Wahlen auswirkte. Gleichzeitig kam es jedoch zu den ersten großen Demonstrationen und sozialen Umwälzungen, wie beispielsweise den Studentenunruhen von 1968 und dem „heißen Herbst“, der Reihe von großen Streiks in den Fabriken und Industriezentren in Norditalien von 1969–70.

Das kontinuierliche Wachstum der Kommunistischen Partei Italiens wurde von den Vereinigten Staaten nicht gerne gesehen, die den Übergang zu wirksameren Interventionsformen gegenüber der bisherigen Finanzierung der nichtkommunistischen Linken in Betracht zogen.

Der Beginn der bleiernen Jahre