mini|Fondation Custodia, 121 rue de Lille, Paris (7. Arrondissement) Die Fondation Custodia / Collection Frits Lugt ist eine private Kunststiftung im 7. Arrondissement von Paris, die sich auf europäische Altmeister, vor allem Arbeiten auf Papier, Handzeichnungen und Druckgrafiken, spezialisiert hat. Sie befindet sich in der 121 Rue de Lille, nicht weit von der Assemblée nationale entfernt, und gilt als die bedeutendste private Institution für altmeisterliche Werke auf Papier in der Welt.
Geschichte mini|Frits Lugt und Jacoba Klever Die 1947 vom niederländischen Kunsthistoriker und Sammler Frits Lugt und seiner Ehefrau Jacoba Klever gegründete Fondation Custodia beherbergt ihre umfangreiche Sammlung von Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken. Frits Lugt wurde am 4. Mai 1884 in Amsterdam geboren und starb am 15. Juli 1970 in Paris. Er arbeitete von 1901 bis 1915 beim Amsterdamer Kunstauktionshaus Frederik Muller und heiratete 1910 Jacoba Klever. In den 1920er-Jahren erhielt er den Auftrag, die Zeichnungen und Drucke der Pariser Museen und Bibliotheken zu katalogisieren. Sein bekanntestes wissenschaftliches Werk ist der Katalog Les Marques de collections de dessins & d’estampes (Vereenigde Drukkerijen, Amsterdam 1921), der bis heute ein Standardwerk darstellt und fortlaufend als Online-Datenbank erweitert wird. Jacoba Lugt trat 1935 ein beträchtliches Erbe an, das es dem Paar ermöglichte, als Kunstsammler aufzutreten. Aufgrund ihres mennonitischen Glaubens mussten sie nach der deutschen Besetzung der Niederlande über die Schweiz in die USA fliehen. Frits Lugt konnte am Oberlin College arbeiten. Der Teil ihrer Sammlung, der in den Niederlanden verblieben war, wurde von Kajetan Mühlmann (Dienststelle Mühlmann) geraubt.
Nach dem Krieg ließ sich das Ehepaar Lugt in Paris nieder. Von privaten amerikanischen Stiftungen, die er während seines Aufenthalts in den USA besucht hatte, inspiriert, entschloss sich Lugt im Jahr 1947 zur Gründung der Fondation Custodia und zur Übertragung seiner Sammlung und seines Vermögens auf diese. Die beiden Gebäude (Hôtel Turgot und das Hôtel Lévis-Mirepoix) an der Rue de Lille wurden 1953 erworben. Lugt ließ das Hôtel Turgot umfangreich umbauen und brachte dekorative Einrichtungsgegenstände aus den Niederlanden für die verschiedenen Räume mit. 1957 gründete Lugt zusätzlich das Institut Néerlandais als niederländisches Kulturzentrum. Es wurde im benachbarten Hôtel Lévis-Mirepoix untergebracht. Dieses Kulturzentrum wurde in Zusammenarbeit mit der niederländischen Regierung finanziert. Im Jahr 2013 zog die niederländische Regierung ihre Subventionen zurück, woraufhin das Institut Néerlandais zum Jahresende 2013 endgültig seine Türen schloss. Daraufhin trat die Fondation Custodia stärker in die Öffentlichkeit und begann unter ihrem damaligen Direktor Ger Luijten mit umfangreichen Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten im Hôtel Turgot. Im selben Jahr gründete die Fondation Custodia den Fonds de Dotation Frits Lugt, um Schenkungen und Vermächtnisse von Privatpersonen in Frankreich zu erleichtern. Die Stiftung ist finanziell und ideell mit dem Nederlands Interuniversitair Kunsthistorisch Instituut (NIKI) in Florenz und dem RKD (Niederländisches Institut für Kunstgeschichte) in Den Haag verbunden.
Architektur Die Fondation Custodia besteht aus zwei historischen Gebäuden. Das Hôtel Turgot ist ein Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert. Es verdankt seinen Namen Anne-Robert-Jacques Turgot, dem Finanzminister Ludwigs XVI., der dort am 17. März 1781 verstarb. Turgot war der Sohn von Michel-Etienne Turgot, dem Auftraggeber des berühmten Pariser Stadtplans von 1734. Das Erdgeschoss enthielt ursprünglich zwei Vorzimmer, einen Salon, ein Schlafzimmer sowie Nebenräume. Diese Raumaufteilung hat sich bis heute kaum verändert. Im Innenhof hinter der Fassade zur Rue de Lille ist das Gebäude durch einen Garten von der Rue de l'Université getrennt. Frits Lugt ließ die Innenräume aufwendig restaurieren und mit niederländischen Einrichtungsgegenständen ausstatten. Das benachbarte Hôtel Lévis-Mirepoix wurde 1895 vom Architekten Louis Parent im Auftrag des Comte de Lévis-Mirepoix als fünfstöckiges Gebäude errichtet. 1928 wurden beide Häuser an die Duchesse d'Estissac de la Rochefoucauld verkauft, bevor Lugt sie 1953 erwarb. Heute befinden sich im Erdgeschoss und im Untergeschoss des Hôtel Lévis-Mirepoix die Ausstellungsgalerien und im vierten Stockwerk die Kunstbibliothek. Das zweite Obergeschoss wird von der Terra Foundation for American Art genutzt. Im Hôtel Turgot sind die Sammlungsräume untergebracht.
Sammlung Die Sammlung Frits Lugt ist eine der bedeutendsten und umfassendsten Privatsammlungen von Altmeisterzeichnungen und -druckgrafiken weltweit. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf niederländischer und flämischer Kunst. Sie umfasst mehr als 7000 Zeichnungen, rund 15.000 Druckgrafiken, etwa 450 Gemälde sowie mehr als 50.000 Künstlerbriefe und -dokumente. Darüber hinaus enthält die Sammlung seltene Bücher, Porträtminiaturen, indische Miniaturen, Antiquitäten, Bleiglasfenster aus dem 16. Jahrhundert, antike Rahmen sowie chinesisches Porzellan.
Die Zeichnungssammlung datiert vom 15. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und konzentriert sich hauptsächlich auf die niederländische und flämische Schule des 17. Jahrhunderts. Sie enthält Werke von Rembrandt, Samuel van Hoogstraten, Lambert Doomer und Ferdinand Bol. Daneben sind französische Blätter von Claude Lorrain, Antoine Watteau und François Boucher sowie italienische Zeichnungen von Domenico Beccafumi, Sebastiano Ricci und den Tiepolos vertreten. Auch bedeutende Zeichner des 16. Jahrhunderts wie Jan Gossaert, Lucas van Leyden, Pieter Bruegel, Hendrick Goltzius und Jacques de Gheyn sind vertreten. Zudem sammelte Lugt, angeregt durch Rembrandts Interesse an indischen Miniaturen, auch in diesem Bereich. Die daraus entstandene Sammlung zählt zu den bedeutendsten indischen Miniatursammlungen Frankreichs nach denen des Musée Guimet und der Bibliothèque nationale de France.
Handzeichnungen in der Fondation Custodia
Die Druckgrafiksammlung gilt als eine der herausragendsten Privatsammlungen des 20. Jahrhunderts auf diesem Gebiet. Ihre Schwerpunkte sind niederländische und flämische Meister des 16. und 17. Jahrhunderts sowie Porträtgrafik. Zu den Höhepunkten zählen die französischen Porträtstiche von Robert Nanteuil sowie die Ikonografie-Porträtserie von Anthonis van Dyck. Von besonderer Bedeutung sind der nahezu vollständige Bestand von Rembrandts Radierwerk sowie seltene Stiche von Lucas van Leyden, Wenzel Hollar, Jacques Callot und Adriaen van Ostade.
Der Bestand an Künstlerbriefen und -dokumenten entstand um die beiden Rembrandt-Briefe, die Lugt ursprünglich erwarb. Von den nur sieben bekannten Rembrandt-Briefen befinden sich zwei in der Sammlung. Lugts Nachfolger als Direktor, Carlos van Hasselt (im Amt von 1970 bis 1994), erweiterte diesen Bereich zu einem umfassenden Archiv mit Dokumenten aus allen Ländern und Epochen. Der Bestand umfasst heute mehr als 50.000 Einzelstücke aus der Zeit vom späten 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Die Gemäldesammlung von rund 450 Werken enthält vor allem holländische und flämische Bilder des 16. und 17. Jahrhunderts aller Genres – vom Porträt über das Stillleben bis zur Genreszenen und Landschaftsmalerei.
Ölgemälde in der Fondation Custodia
Die Bibliothek der Fondation Custodia umfasst rund 130.000 Bände und zählt zu den größten kunsthistorischen Spezialbibliotheken Frankreichs. Ihr Schwerpunkt liegt auf westlicher bildender Kunst von 1450 bis 1900, wobei sie im Bereich der Grafik und der Kunst der nördlichen Schulen des Goldenen Zeitalters besonders umfangreich ist.
Ausstellungstätigkeit Viele Werke sind nicht ständig ausgestellt, sondern wechseln in thematischen Präsentationen mehrmals im Jahr. Die Fondation Custodia organisiert mehrmals jährlich größere Ausstellungen im Hôtel Lévis-Mirepoix, in denen Werke aus der eigenen Sammlung sowie Leihgaben anderer Institutionen präsentiert werden. Dazu zählen monografische und thematische Ausstellungen von kunsthistorischer Bedeutung. Führungen durch das Hôtel Turgot werden regelmäßig angeboten. Die Stiftung verleiht Werke für Ausstellungen in Frankreich und im Ausland und unterstützt auf Anfrage französische Museen bei der Katalogisierung ihrer flämischen und niederländischen Kunstsammlungen. Die Sammlung ist für Forscher und Kunstliebhaber nach vorheriger Terminvereinbarung zugänglich. Ein Teil der Sammlung ist online einsehbar, darunter italienische und französische Zeichnungen des 19. Jahrhunderts sowie Zeichnungen von Rembrandt und seinem Umfeld.
Literatur
J. F. Heijbroek: Frits Lugt 1884–1970, living for art. A biography. Thoth, Bussum / Fondation Custodia, Paris 2012, ISBN 978-90-6868-592-3. Peter Schatborn: Rembrandt and his Circle. Fondation Custodia, Paris 2010 (2 Bde.). K. G. Boon: The Netherlandish and German drawings of the XVth and XVIth centuries of the Frits Lugt collection. Paris 1992. Quentin Buvelot, Hans Buijs, Ella Reitsma: A choice collection. Seventeenth-century Dutch paintings from the Frits Lugt collection. Zwolle 2002. Erik Hinterding: Rembrandt etchings from the Frits Lugt collection. Bussum 2008. Carlos van Hasselt, Mària van Berge-Gerbaud: Éloge de la navigation hollandaise au XVIIe siècle. Paris 1989.
Weblinks
Website der Institution Collection Online Hôtels Turgot et Lévis-Mirepoix Présentation CODART
Einzelnachweise
Kategorie:Kunstmuseum in Paris Kategorie:Bibliothek in Paris Kategorie:7. Arrondissement (Paris)