Der hl. Sebastian an der Säule oder einfach nur Hl. Sebastian (fr. Saint Sébastien) ist ein Gemälde in Öl auf Pappelholz von Pietro Perugino (* um 1450; † 1523), entstanden am Ende des 15. Jahrhunderts und im Bestand der Gemäldegalerie des Louvre in Paris.

Motiv Das Gemälde zeigt den heiligen Sebastian mit den für seine Darstellung typischen Attributen: Er wird als junger, schöner Mann dargestellt, in seinem an eine Säule oder einen Baum gefesselten und fast nackten Körper sind mehrere Pfeile eingedrungen; gleichwohl ist er am Leben. Zu den Hintergründen des Motivs s. unten.

Bildbeschreibung In der Bildmitte steht der junge Heilige, seine Unterarme sind – mutmaßlich gefesselt – hinter seinem Rücken gekreuzt. Er scheint allein zu sein, seine Peiniger sind offenbar bereits fort. Seinen Kopf hält er leicht nach hinten in Richtung seiner rechten Schulter geneigt, sein Blick ist zum Himmel gerichtet. Seine langen, lockigen Haare fallen auf seine Schultern. Obwohl zwei Pfeile in seinen Körper eingedrungen sind – einer in die linke Seite der Brust, der andere in den rechten Oberarm –, scheint ihn dies körperlich nicht zu beeinträchtigen; er steht aufrecht im Kontrapost, und seine Gesichtszüge zeigen keinen Schmerz. Von der Wunde in seiner Brust tropft etwas Blut. Als einziges Kleidungsstück trägt er ein hellblaues Lendentuch mit roten Verzierungen, das knapp oberhalb der Schamregion verknotet ist.

Er steht dicht vor einer Säule, an die vermutlich seine gefesselten Unterarme gebunden sind. Die Säule ist aus einem rötlichen Gestein gefertigt, ihr oberes Ende reicht über den Bildrand hinaus. Der Boden besteht aus großen Kacheln, wie sie Perugino auch in anderen Gemälden zeigt (etwa in seiner berühmten Schlüsselübergabe). Er bildet den Grund für eine Terrasse unbestimmter Breite, die sich bis in eine Tiefe von vielleicht zehn Metern hinter dem Heiligen erstreckt und durch eine Brüstung aus grauem Gestein mit eingelegten Schmuckplatten einer anderen Gesteinsart abgeschlossen wird.

Die Fliesen des Terrassenbodens lassen die perspektivische Anordnung erkennen, in der die beiden Pfeiler mit rechteckigem, vermutlich quadratischem Querschnitt links und rechts der Säule in der Mitte aufgestellt sind. Ihre zum Betrachter gerichteten Seitenflächen sind reich mit Grotesken (eine Ornamentform) verziert, auf beiden Pfeilern zeigt sich ein fast identisches Muster. Ihre Kapitelle (oberer Säulen- oder Pfeilerabschluss) stützen einen Gewölbebogen mit kannelierter Stirnseite, dem sich nach links und rechts jeweils ein weiterer gleichartiger Bogen anschließt. Der Scheitel des mittleren Bogens liegt gerade noch innerhalb der Bildfläche, wird allerdings durch die Säule verdeckt.

Die Symmetrie der Bildarchitektur wird verletzt durch einen dritten Pfeiler, genaugenommen einen Pfeilerstumpf, der zwischen der Bildebene und dem Pfeiler links steht. Gleichzeitig ist an dem intakten Pfeiler links eine Bruchfläche erkennbar; offenbar war dieser Pfeiler mit dem jetzigen Pfeilerstumpf durch einen Bogen quer zur Sichtebene verbunden, der eingestürzt ist. Ein solches Motiv wurde – nicht nur von Perugino – in der zeitgenössischen Kunst oft gebracht; es symbolisierte den Zusammenbruch der früheren heidnischen Kultur zusammen mit ihren Bauwerken.

Der Fluchtpunkt der durch die Bodenfliesen und die Pfeiler definierten Perspektive liegt ungefähr in Höhe der Knie Sebastians, der Betrachter schaut sozusagen von dort zu ihm auf. Jenseits der Balustrade entwickelt Perugino eine für ihn typische Landschaft: Sanft gewellte Züge, zu den Seiten leicht ansteigende Hügel, bewachsen von grünenden Bäumen. Charakteristisch für sein Werk sind die dünnbelaubten zarten Bäumchen, die auch in diesem Bild links und rechts zu erblicken sind. Dahinter scheint sich ein breiter Taleinschnitt anzuschließen, an dessen fernem Ende durch die Luft bläulich gefärbte Berge (Luftperspektive) ansteigen und den Horizont gegen den hellblauen Himmel bilden.

Auffällig ist der stilistische Bruch in der dargestellten Architektur. Die Loggia ruht auf quadratischen Pfeilern, davor und außerhalb des durch die Pfeiler definierten Rasters steht die dazu stilistisch nicht passende runde Säule, deren bauliche Funktion nicht recht einleuchten will. Vielleicht muss man sie sich eher als eine freistehende Schandsäule vorstellen.

Die im Bild gezeigte Architektur wurde von Perugino oft in ähnlicher Weise wiederholt, wobei er immer individuelle Anpassungen an die Bedürfnisse des jeweiligen Bildmotivs vornahm, vgl. etwa die Bildarchitektur im Albani-Torlonia-Polyptychon. Hier mag Perugino sie als formales Mittel zur Gestaltung des Bildmittelgrundes eingesetzt haben, des Übergangs zwischen Vorder- und Hintergrund. Bedeutsamer ist vielleicht, dass sie einen imaginären Raum schafft, der das abgebildete Geschehen aus seinem historischen Zusammenhang löst und damit „pointiert gesagt, eine Funktion der traditionellen Goldgründe übernimmt“. Noch einen weiteren Grund für die gezeigte Architektur sieht der Kunsthistoriker Bernard Berenson: Der Heilige sei eingerahmt unter einen Bogen, der die monumentale Präsenz der Figur betont. Hätte Perugino ihn unmittelbar in einen Garten Eden versetzt, wäre er nur eine „Winzigkeit gegenüber der Unendlichkeit“ („a mite against infinity“), hier hingegen werde er als Herr über die Schöpfung gezeigt.

Am unteren Rand des Gemäldes befindet sich die Inschrift , ein Textfragment aus der lateinischsprachigen Vulgata. Psalm 37,3 lautet dort „quia sagittae tuae infixae sunt mihi et tetigit me manus tua“, in der Einheitsübersetzung „Denn in mich herabgefahren sind deine Pfeile und deine Hand fuhr auf mich nieder“ (Psalm 37 der Vulgata entspricht Psalm 38 in der Einheitsübersetzung).

Entstehungszeit und Provenienz Eine Auftragsvergabe für dieses Gemälde ist nicht dokumentiert, entsprechend sind Datierungsversuche mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Der Louvre gibt nur den Zeitraum „1475–1500“ an. Spezifischer sind die Angaben der Galleria Borghese, die von einer Entstehung in den 1490er Jahren ausgeht. Der Kunsthistoriker Walter Bombe legte sich 1914 sogar auf ein konkretes Jahr fest („um 1494“), doch diese vermeintliche Präzision scheint nicht rezipiert worden zu sein.

Dem Louvre zufolge wurde das Gemälde erstmals in einem Inventar des Palazzo Barberini in Rom aus den Jahren 1648/1649 aufgeführt, später noch mehrmals bis 1704. Zu einem nicht näher bestimmten Zeitpunkt erwarb Prinz M. Barberini Colonna di Sciarra das Gemälde und verbrachte es in den Palazzo Sciarra. Im Jahre 1896 schließlich kaufte der Louvre das Bild an; zu dem Zeitpunkt wurde es noch als Werk Raffaels (* 1483; † 1520) angesehen.

Ähnliche Darstellungen des hl. Sebastian von Perugino Der hl. Sebastian war im Italien der Renaissance ein sehr populärer Heiliger; Perugino malte ihn oft, entweder allein oder mit anderen Heiligen.

Eines der frühesten Gemälde, das mit Sicherheit Perugino zugeordnet werden kann, ist ein Fresko in der Basilika Santa Maria Magdalena in Cerqueto (ein Ortsteil von Marsciano, ca. 25 km von Perugia), entstanden 1478. Das erheblich beschädigte Gemälde zeigt Sebastian mit den Hll. Rochus, der wie der hl. Sebastian (s. u.) als Pestheiliger gilt, und Petrus.

Im Zusammenhang mit dem Hl. Sebastian an der Säule ist auch das Gemälde Madonna mit Hll. Johannes der Täufer und Sebastian aus dem Jahr 1493 von Interesse, das sich jetzt in den Uffizien in Florenz befindet. Mit Ausnahme der Lokalisierung der Pfeilwunden entspricht der hl. Sebastian genau der Darstellung im Gemälde des Louvre.

Es gibt eine fast identische Version des Werkes im Museu de Arte in São Paulo in Brasilien, das sich formal nur durch das Fehlen der Inschrift und der zerfallenen Architektur unterscheidet. Der Louvre beschreibt es als von geringerer Qualität als das Original. Gemäß den Angaben der Galleria Borghese ist es „in ausschließlicher Zusammenarbeit mit Perugino“ entstanden („stata realizzata solo in collaborazione con Perugino“).

Schließlich sei noch der Hl. Sebastian von Perugino in der Galleria Borghese in Rom genannt, auch dieses Gemälde wird vom Louvre als schwächere Kopie eingestuft. Die formalen Unterschiede zum Exemplar des Louvre sind größer als beim vorgenannten Bild in São Paulo: Der Körper Sebastians wirkt muskulöser, statt zwei sind vier Pfeile in seinen Körper eingedrungen und die Armfesseln sind deutlich erkennbar wiedergegeben. Auch hier fehlen Inschrift und zerfallene Architektur.

Das Gemälde im Louvre scheint allgemein als die beste Einzeldarstellung des Heiligen durch Perugino zu gelten; Matteo Burioni bezeichnet es als „vielleicht anspruchsvollste[n] Sebastian“ des Meisters.

Der hl. Sebastian in der Renaissance

mini|Der hl. Sebastian von Andrea Mantegna Der hl. Sebastian wird in der Kunst der Renaissance fast ausschließlich als Opfer grausamer Folter dargestellt. Besonders verstörend ist dabei, dass er stets als noch am Leben gezeigt wird, auch wenn die Pfeile ganz offensichtlich in lebenswichtige Organe eingedrungen sind.

Die Passion des hl. Sebastian wurde zu Beginn des 5. Jahrhunderts aufgezeichnet. Danach war er in der zweiten Hälfte des 3. nachchristlichen Jahrhunderts Offizier der Leibgarde des Kaisers Diokletian, unter dem eine erbitterte Christenverfolgung einsetzte. Sebastian war zum Christentum übergetreten und missionierte, worauf ihn Diokletian zum Tode durch Erschießen mit Pfeilen verurteilte. Er überlebte trotz zahlreicher Wunden und wurde von der heiligen Irene gesundgepflegt, woraufhin er Diokletian wegen dessen Anordnungen gegen Christen zur Rede stellte. Diokletian ließ ihn abermals gefangen nehmen und mit Keulen erschlagen. Seinen Leichnam warf man in die Cloaca maxima, wo er von Mitgläubigen gefunden und anschließend in den Katakomben bestattet wurde.

In der Legenda Aurea (Goldene Legende), einer Sammlung von Heiligenlegenden aus dem 13. Jahrhundert, wird berichtet, dass man während eines Ausbruchs der Pest, die heftig in Rom und Pavia wütete, dort auf göttliche Offenbarung Altäre zu Ehren des Sebastian errichtete, worauf die Seuche dort zum Stillstand gekommen sei. In der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom befindet sich ein Mosaik aus dem Jahre 680, das daran erinnert; Sebastian wird dort als gereifter älterer Mann dargestellt.

Als 1348 erneut die Pest in Italien ausbrach und jahrzehntelang immer wieder aufflackerte, erinnerte man sich der Wirkungskraft der Fürbitte Sebastians. Unzählige Darstellungen des Heiligen wurden in Auftrag gegeben. In früheren Martyrologien hatten sich bereits die Pfeile als Attribut Sebastians etabliert, ohne eine herausragende Stellung einzunehmen. Durch das Aufflammen der Pest wurde ihnen eine wiedererinnerte Bedeutung beigelegt: Schon in der Bibel galten sie als Symbol plötzlicher Krankheit , ein von Pfeilwunden übersäter Körper gleicht überdies dem Körper eines Pestkranken. Auch in der griechischen Mythologie symbolisiert der Pfeil den Überträger der Pest: Von dem den Griechen feindlich gesinnten Gott Apollon abgeschossen, hatten sie in der Ilias verheerende Auswirkungen auf die getroffenen Griechen, die erkrankten und starben.