mini|Versiun interlineara im Codex 199, S. 452. Die Versiun interlineara da Nossadunnaun (deutsch: Einsiedler Interlinearversion) ist eine rätoromanische Interlinearübersetzung in einem Codex der Bibliothek des Klosters Einsiedeln. Sie gilt als zweitältestes Schriftzeugnis in rätoromanischer Sprache und wurde Ende des 11. Jahrhunderts verfasst.
Geschichte Der Codex Einsiedeln 199 wurde im rätisch-lombardischen Raum in der Zeit der Wende vom achten zum neunten Jahrhundert erstellt. Die Lesevermerke des Bibliothekars Heinrich von Ligerz bezeugen, dass der Codex schon im 14. Jahrhundert nach Einsiedeln gelangt ist.Codex 199 (638) bei e-codices.unifr.ch. Abgerufen am 24. Februar 2026. Der dritte Teil «Tractatus ascetici» der Handschrift war ursprünglich der mittlere Teil des Codex Einsiedeln 281 und wurde im 14. Jahrhundert irrtümlich in den Codex 199 eingebunden. Er wurde in einer rätischen oder alemannischen Minuskel mit schwarzer Tinte geschrieben. Die bunte, rätische Initiale S(atis) gilt als «irisch beeinflusst».Odo Lang OSB: Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Codex 199 (638), Beschreibung bei e-codices.unifr.ch. Abgerufen am 24. Februar 2026. Als Entstehungsorte der Handschrift kommen die Klöster Disentis (Mustér), Müstair oder Pfäfers (Faveras) in Frage.
Die rätoromanische Interlinearversion einer lateinischen Predigt des heiligen Pirmin auf Seite 452 gilt als zweitältestes Beispiel einer schriftlichen Überlieferung, nach einer 200 Jahre älteren Marginalie.Cronica. In: liarumantscha.ch. Abgerufen am 24. Februar 2026. Die Übersetzung zwischen den Zeilen des Codex stammt aus dem späten 11. oder von Anfang des 12. Jahrhunderts. Ein unbekannter Pfarrer hat einen Teil der Predigt in die Volkssprache übersetzt.
Der lateinische Text:
Satis nos oportit timere tres causas karissimi fraters, per quem tottus mundus perit …
In Deutsch: Wir sollten drei Ursachen fürchten, liebe Brüder, durch die die ganze Welt zugrunde geht …
Übersetzung des 11. Jahrhunderts: Afunda nos des time tres causas | kare frares per aquilla tutilo seulo perdudo Im aktuellen Bündnerromanisch: Avunda deschi a nus da temair trais chaussas, chars frars, per las qualas tut il mund va sutsura
Spätere Zeugnisse rätoromanischer Literatur wurden mündlich weitergegeben und sind nur in späteren Abschriften des 16. Jahrhunderts überliefert. Jachiam Tütschett Bifruns «L’g Nuof Sainc Testamaint» von 1560 gilt als der erste erhaltene gedruckte Text in Rätoromanisch. Der Übergang zur Schriftlichkeit vollzog sich vor allem unter dem Einfluss der Reformation und weiterer Reformen.
Literatur Bernhard Bischoff, Iso Müller: Eine rätoromanische Sprachprobe aus dem 10./11. Jahrhundert. In: Vox Romanica. Band 14 (1954/1955). S. 137–146. Gerold Hilty: Zu einer Stelle der Einsiedler Interlinearversion. In: Vox Romanica. Band 28 (1969). S. 237 ff. Ricarda Liver: Zur Einsiedler Interlinearversion. In: Vox Romanica. Band 28 (1969). S. 209–236. Robert von Planta: Ein rätoromanisches Sprachdenkmal aus dem zwölften Jahrhundert. In: Archiv für lateinische Lexikographie und Grammatik. Band 15. Leipzig 1906. S. 391–399; In: Schweizerische Hochschulzeitung. Band 11 (1937/1938). S. 373. Ludwig Traube: Das älteste rätoromanische Sprachdenkmal. Codex Einsiedeln 199. In: SBAW.PPH, Band 37 (1907). S. 71–75; In: Vorlesungen und Abhandlungen. Band 3. Kleine Schriften. München 1920 – Nachdruck München 1965. S. 246–249.
Weblinks Abbildung der Seite 452 bei e-codices.unifr.ch.
Belege
Kategorie:Historisches Dokument (Mittelalter) * Kategorie:Rätoromanische Sprache Kategorie:Handschrift (11. Jahrhundert) Kategorie:Christliche Literatur