mini|Doppelseite eines koreanischen Holzblockdrucks Das Plattform-Sutra des Sechsten Patriarchen, Goryeo, c. 1310. Bibliothèque nationale de France. Das Plattform-Sutra des Sechsten Patriarchen (chinesisch: 六祖壇經; Pinyin: Liùzǔ Tánjīng oder einfach: 壇經 Tánjīng) ist eine buddhistische Schrift des frühen Chan/Zen-Buddhismus, die im 7. bis 10. Jahrhundert in China entstanden ist. Als legendärer Autor und Redner tritt Dàjiàn Huìnéng, der sechste und letzte Patriarch des Chan-Buddhismus, auf. Plattform (施法壇) bezieht sich auf das Podium, auf dem ein buddhistischer Lehrer spricht.
Die Schrift beschreibt das Leben Huinengs und seine Lehren. Sie ist der einzige Text im Chan-Buddhismus, der ausdrücklich als Sutra bezeichnet wird, um seine große Bedeutung hervorzuheben. Dadurch steht sie in der Tradition des Diamant-Sutras, welches für Huinengs Erleuchtungserfahrung maßgeblich gewesen sein soll. Das Plattform-Sutra ist die Grundlage der Südlichen Schule des Chan-Buddhismus, die sich die Erleuchtung als spontan und plötzlich eintretendes Erlebnis vorstellt.
Allgemeines Der Mönch Bodhidharma brachte den Buddhismus nach China und wird als erster Patriarch des Chan angesehen. Mit dem Sechsten Patriarchen Huineng und dem ihm zugeschriebenen Plattform-Sutra beginnt die Geschichte des Zen im engeren Sinne.Kuno Lorenz: Zen. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Zweite Auflage. Band 8, Metzler, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-476-02107-6, S. 658–661 hier S. 659. Huineng erhielt nach der Legende die Dharma-Übertragung vom fünften Patriarchen heimlich – und im Streit um die legitime Nachfolge entstand eine Spaltung in eine Nord- und eine Südschule. Huineng gilt als Initiator der Südschule und sein Plattform-Sutra stellt deren Ansichten dar. Die Nordschule begriff Erleuchtung (chinesisch wu, sanskrit bodhi, japanisch satori) als einen allmählichen Prozess, der durch beständiges Üben der Meditation zu verwirklichen sei, während die Südschule betonte, dass Erleuchtung ein plötzliches Erwachen sei.
Patriarch ist der traditionell übliche Ausdruck für die Dharma-Nachfolger. Der Ausdruck Sutra ist im Zusammenhang mit China sehr ungewöhnlich, denn dieses Sanskrit-Wort stammt aus der indischen Literatur.Johannes Bronkhorst: Sūtras. In: Knut A. Jacobsen et al. (Hrsg.): Brill’s Encyclopedia of Hinduism Online, 30. Januar 2019. Für diese Schrift wird trotzdem der Begriff Sutra verwendet, um den für den Buddhismus außergewöhnlichen Rang dieser Lehrschrift zu betonen und sie in die Tradition der buddhistischen Schriften Buddhas zu stellen.Philip B. Yampolski: The platform sutra of the sixth patriarch: the text of the Tun-huang manuscript with translation, introduction, and notes. Columbia University Press, New York 1967, ISBN 0-231-08361-0, S. 125.
Entstehung und Textgeschichte Das Plattform-Sutra beginnt mit einer legendenhaften biographischen Erzählung und besteht dann aus etlichen predigtartigen Vorträgen, einer Reihe von Gedichten und Anekdoten.Frank N. Magill: Masterpieces of World Philosophy. HarperCollins Publishers, New York 1990, ISBN 0-06-270051-0, S. 150–156. Seine Entstehung liegt im Dunkel der Geschichte; historisch greifbare Anhaltspunkte fehlen. Der Legende nach war Huineng Analphabet; der Text des Sutra sei von seinem Schüler Fahai aufgeschrieben und während der Tang-Dynastie (617/18 bis 907) herausgegeben worden.
Zwei Exemplare aus der Zeit zwischen 830 und 860 wurden im Jahr 1900 in den Mogao-Grotten in Dunhuang gefunden. Der Sechste Patriarch Huineng hatte neben Fahai etliche weitere Schüler: Shenhui, der die Heze-Schule gründete, werden die frühen Dunhuang-Versionen zugeschrieben, Mazu Daoyi dagegen die späteren.Plattform-Sutra. Deutsch von Guido Keller und Taro Yamada. Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-943839-54-8, S. 4.
Ein Mönch namens Huixin überarbeitete im Jahr 967 das Plattform-Sutra, wobei ihm eine Fassung als Ausgangspunkt diente, die den heute aus Dunhuang bekannten Fassungen ähnlich, aber nicht mit ihnen identisch war. In diesem Rahmen unterteilte Huixin das Werk zudem in elf Kapitel und zwei Bände.Morten Schlütter: Transmission and Enlightenment in Chan Buddhism Seen Through the Platform Sūtra. In: Chung-hwa Buddhist Journal. Nummer 20, 2007, S. 379–410, hier S. 385.
Im Jahr 1291 (während der Yuan-Dynastie) produzierte der chinesische Herausgeber Zongbao eine Ausgabe, in die er Teile der so genannten Laternenchronik Jingde Chuandeng Lu einarbeitete.Deutsch etwa Bericht von der Übertragung der Lampe aus der Regierungsperiode Jing-de (景德傳燈錄; Pinyin Jǐngdé Chuándēnglù; japanisch Keitoku dentōroku). Siehe Daoyuan: Records of the Transmission of the Lamp. Translated from the original Chinese by Randolph S. Whitfield. 8 Bände, Books on Demand, Norderstedt 2015–2020. In dieser Version wurde das Plattform-Sutra Teil des chinesischen buddhistischen Kanons der Ming-Dynastie (1368–1644).John Jorgensen: The Platform Sūtra. In: Revue bibliographique de Sinologie. Band 20, 2002, S. 399–438. Diese kanonische Version ist etwa ein Drittel länger als die Versionen aus den Mogao-Grotten und anders strukturiert.
Der Religionswissenschaftler Morten Schlütter (* 1956) hat basierend auf textgeschichtlichen Vorarbeiten von 1989Morten Schlütter: A Study in the Genealogy of the Platform Sūtra. In: Studies in Central and East Asian Religions. Band 2, 1989, S. 53–114. im Jahr 2007 die Entstehung des Plattform-Sutras wissenschaftlich dargestellt.Morten Schlütter: Transmission and Enlightenment in Chan Buddhism Seen Through the Platform Sūtra. In: Chung-hwa Buddhist Journal. Nummer 20, 2007, S. 379–410.
Inhalt Die historische Person Huineng und die legendäre Person, die im Plattform-Sutra als Huineng spricht und auftritt, fallen selbstverständlich auseinander. Für die historische Person Huineng gibt es allerdings keine Quellen, die sich erkennbar vom Legendenhaften unterscheiden.Morten Schlütter: Transmission and Enlightenment in Chan Buddhism Seen Through the Platform Sūtra. In: Chung-hwa Buddhist Journal. Nummer 20, 2007, S. 379–410, hier S. 386. Hier wird der Einfachheit halber nicht zwischen den beiden Personensichten unterschieden, auch weil die historische Person Huineng kaum greifbar ist.
In der im Folgenden zugrunde gelegten Zongbao-Fassung besteht das Plattform-Sutra aus zehn Kapiteln.Die hier für den Inhalt des Sutra zugrunde gelegte Fassung basiert auf dem Zongbao-Text, der als englische Übersetzung der Buddhist Society seit den 1950er Jahren vorliegt. Deren erstes stellt eine Art Selbstbiographie Huinengs dar, während die restlichen Kapitel aus Vorträgen, Dialogen und Belehrungen bestehen und zudem Gedichte beinhalten.
Selbstbiographie mini|Gatha des Huineng In der angeblichen Selbstbiographie berichtet Huineng als Ich-Erzähler, wie er im Kloster des Fünften Patriarchen als Hilfskraft arbeitete. Dorthin war er aufgebrochen, nachdem er in seinem Heimatdorf von einem Gast das Rezitieren des Diamant-Sutras gehört hatte und sich dabei sein „Geist in Erleuchtung“ öffnete.Plattform-Sutra. Deutsch von Guido Keller und Taro Yamada. Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-943839-54-8, S. 6.
Hongren, der Fünfte Patriarch, forderte eines Tages seine Mönche auf, ihr Verständnis von WeisheitPlattform-Sutra. Deutsch von Guido Keller und Taro Yamada. Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-943839-54-8, S. 8. in einem Gedicht (Gatha) zum Ausdruck zu bringen. Er würde demjenigen die Insignien des Meisters übergeben, der das Verständnis der Essenz der Lehre manifestieren könne. Alle Mönche waren überzeugt, dass Shenxiu, der Hauptmönch, das fundierteste Verständnis hätte, und verzichteten darauf, ein Gedicht zu verfassen.
Shenxiu schrieb folgenden Vers an die Klostermauern: Unser Körper kann mit dem Bodhi-Baum verglichen werden, Und unser Geist mit einem klaren Spiegel, Sorgsam wischen wir ihn von Stunde zu Stunde ab, Und lassen keinen Staub auf ihn fallen.Deutsch von Raoul von Muralt: Wei-Lang: Das Sutra des Sechsten Patriarchen. Origo-Verlag, Bern 1958, S. 24.
Huineng bat einen vorbeikommenden OffizierPlattform-Sutra. Deutsch von Guido Keller und Taro Yamada. Angkor Verlag, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-943839-54-8, S. 12f. das folgende Gatha dazuschreiben: Da gibt es keinen Bodhibaum, Noch einen klaren Spiegel. Da alles leer ist, Wo könnte sich da Staub ansammeln?Deutsch von Raoul von Muralt: Wei-Lang: Das Sutra des Sechsten Patriarchen. Origo-Verlag, Bern 1958, S. 27.
Nachts im Geheimen, so die Legende, überreichte Hongren Huineng die Robe der Dharma-Übertragung zum Sechsten Patriarchen, nachdem er ihn durch das Gedicht als Nachfolger erkannt hatte.
Daraufhin verließ Huineng das Kloster, floh vor Mönchen, die seine Wahl als Sechsten Patriarch nicht anerkannten, und schloss sich – so wird berichtet – fünfzehn Jahre einer Gruppe von Jägern an. Schließlich folgte er jedoch seiner Berufung, die Dharma-Lehre zu verbreiten und wurde vom Meister des Klosters Faxing in Zhangzi als Lehrer erkannt und eingesetzt.
Prajñā und Samādhi Ab dem zweiten Kapitel wird fortlaufend nur noch in der dritten Person über Huineng und seine Lehren berichtet.
Im zweiten Kapitel geht es um eine Predigt Huinengs über Prajñā, eine umfassende Weisheit. Das große (Maha) Prajnaparamita, das Wissen zur Erlangung des transzendenten Ufers, bekomme man nicht durch Aufsagen des Herz-Sutras (Mahaprajnaparamita), sondern indem man das Gesetz des Prajñā richtig erfasst und es ausübt.Wei-Lang: Das Sutra des Sechsten Patriarchen. Origo-Verlag, Bern 1958, S. 39.
Huineng prägte dabei die paradoxe Formel: Klesha (Irrtum des gewöhnlichen Menschen) ist Bodhi (Erleuchtung des Buddha).Wei-Lang: Das Sutra des Sechsten Patriarchen. Origo-Verlag, Bern 1958, S. 40.
Huineng lehrte: „Wenn unser Geist ohne jegliches Hindernis arbeitet und sich frei fühlt, ‚zu kommen‘ oder ‚zu gehen‘, dann erreichen wir Prajna-Samadhi, welches Befreiung ist. Ein solcher Zustand heißt Wirkung der ‚Gedankenleere‘. Aber das Denken an irgendetwas zu unterdrücken im Sinne des Ausschaltens aller Gedanken nennt man Dharma-verblendet sein, und dies ist eine ganz falsche Ansicht.“Deutsch von Raoul von Muralt: Wei-Lang: Das Sutra des Sechsten Patriarchen. Origo-Verlag, Bern 1958, S. 45 f. Erklärungen des Herausgebers in einfachen Klammern sind weggelassen.
Samādhi ist ein Meditationszustand, ähnlich dem späteren Hishiryō, bei dem man durch Aufhören des diskursiven Denkens im jeweiligen Objekt aufgeht. Huineng lehrte einen Befreiungszustand, bei dem Prajñā und Samādhi zusammenfallen.
Im dritten Kapitel werden Dialoge geschildert. Huineng erörterte die berühmte Geschichte, in der Bodhidharma Kaiser Wu von Liang sagt, dass seine guten Taten ihm keinen Verdienst einbringen würden. Dazu sagt der Sechste Patriarch, dass die Taten (Bauen von Tempeln oder ähnliches) nur Glückseligkeit hervorbringen. Die Verwirklichung der Geistessenz durch gute Verdienste (Kung) und die Ausgeglichenheit des Geistes durch gute Eigenschaften (Tak) seien etwas anderes.
Als Nächstes sprach er über das Reine Land des Westens und betonte, dass der innere Zustand eines Menschen wichtiger sei als sein physischer Aufenthaltsort. Dies führte zu einer Schlussfolgerung, in der Huineng behauptete, dass die Praxis als Laie außerhalb eines Klosters der Form der klösterlichen Entsagung ohne innere Praxis vorzuziehen sei.Wei-Lang: Das Sutra des Sechsten Patriarchen. Origo-Verlag, Bern 1958, S. 51. „Bodhi kann nur in unserem eigenen Geist gefunden werden.“Deutsch von Raoul von Muralt: Wei-Lang: Das Sutra des Sechsten Patriarchen. Origo-Verlag, Bern 1958, S. 57.