Muhammad Ahmad ad-Dandarāwī ( geb. 1839/40 in Dendera; gest. 20. Februar 1909) war ein ägyptischer Sufi-Scheich. Er gründete einen neuen Zweig des von Ahmad ibn Idrīs (gest. 1839) gegründeten Ahmadīya-Ordens, der als Ahmadīya-Raschīdīya-Dandarāwīya oder Dandarāwīya bezeichnet wird, in manchen Gebieten aber auch nur Ahmadīya genannt wird. Er verbreitete sich in Sudan, Ägypten, Syrien, an der ostafrikanischen Küste und auf der Malaiischen Halbinsel.Knut S. Vikør: "Dandarāwiyya " in K. Fleet, G. Krämer, D. Matringe, J. Nawas and D. J. Stewart (Hrsg.): Encyclopaedia of Islam, THREE: Brill, Leiden 2013. Brill online Ad-Dandarāwī wurde selbst in Mekka von Ahmad ibn Idrīs' Schüler Ibrāhīm ar-Raschīd (gest. 1874) in die Ordenstradition der Ahmadīya eingeführt und lebte nach dessen Tod eine Zeitlang im Sudan, wo er die Anhängerschaft seines Lehrers neu organisierte. Nach unangenehmen Erfahrungen mit den Mahdisten kehrte er Mitte der 1880er Jahre in den Hedschas zurück und ließ sich in Medina nieder. Von dort aus baute er sich ab Mitte der 1880er Jahre eine internationale Anhängerschaft auf.

Im Gegensatz zu Ibn Idrīs und Ibrāhīm al-Rashīd war ad-Dandarāwī kein Gelehrter, sondern ein einfacher Mann, der kaum schreiben konnte.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 85, 91. Deswegen hinterließ er auch keine eigenen Schriften.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 95. Trotz seines Status als Ungebildeter schlossen sich ihm auch Gelehrte an. Diese soll er vor allem durch Vollbringung von Wundern (karāmāt) überzeugt haben.

Familiärer Hintergrund und frühes Leben Muhammad Ahmad ad-Dandarāwī wurde 1839/40 in die Familie des Vorstehers (raʾīs) von Dendera hineingeboren, einem kleinen Dorf in Oberägypten, wenige Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Qena.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 92. Die Familie war religiös und berief sich auf scherifische Abstammung.Karrar: The Sufi brotherhoods in the Sudan. 1992, S. 114. Nachdem Muhammad Ahmad die Koranschule seiner Familie besucht hatte, wurde er zum Militärdienst eingezogen. 1851 oder irgendwann zwischen 1854 und 1863 wurde er der Eskorte zugeteilt, die die jährliche Pilgerkarawane mit dem Mahmal nach Mekka begleitete.R. S. O'Fahey: Enigmatic Saint. Ahmad Ibn Idrisi Tradition. Northwestern University Press, Evanston, Illinois 1990. S. 165.

Einführung in die Ahmadīya in Mekka In Mekka lernte ad-Dandarāwī den Sufi-Lehrer Ibrāhīm ar-Raschīd (gest. 1874) kennen, der der jüngste Schüler des marokkanischen Sufi-Gelehrten Ahmad ibn Idrīs (gest. 1839) war, ließ sich von ihm in die Tarīqa Ahmadīya aufnehmen und in den Lehren von Ahmad ibn Idrīs unterweisen. Ibrāhīm ar-Raschīd beauftragte ihn aber, zu seiner Militäreinheit zurückzukehren und erst wiederzukommen, wenn er seine Mission erfüllt hatte. Ad-Dandarāwī verließ daraufhin mit seiner Militäreinheit Mekka in Richtung Medina. Unterwegs wurde seine Einheit jedoch von Beduinen angegriffen, und ad-Dandarāwī wurde von den Militärbehörden fälschlicherweise für tot erklärt. Nachdem er seine Mission so gewissermaßen „erledigt“ hatte, kehrte er zu ar-Raschīd nach Mekka zurück.

Danach arbeitete ad-Dandarāwī mehrere Jahre als Wasserträger im Haram, eine einfache Tätigkeit, von der man jedoch glaubte, dass sie viel Baraka einbringe. Nach einer Erzählung, die Hans Alexander Winkler in den frühen 1930er Jahren in Oberägypten aufzeichnete, erlangte ad-Dandarāwī die Erleuchtung, als er den Besuchern ar-Raschīds Wasser brachte. Eines Tages stürzte er nämlich auf den Stufen von ar-Raschīds Zāwiya. Als dieser hörte, dass ad-Dandarāwī gestürzt war, ging er zu ihm hinaus und fragte: „Hast du dein Ziel erreicht?“ Ad-Dandarāwī antwortete: „Gott hat mich zu meinem Ziel geführt.“ Ar-Raschīd teilte ihm daraufhin mit, dass seine Dienstzeit beendet sei.Winkler: Die Reitenden Geister der Toten. 1936. S. 36, zitiert in Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 92 f.

Aufbau einer Anhängerschaft im Sudan Nach dem Tod ar-Raschīds im Jahre 1874 verließ ad-Dandarāwī Mekka und reiste in dessen Heimat Sudan. Dort bereitete ihm die Familie seines Lehrers in al-Kurū in der Schāyiqīya-Region einen herzlichen Empfang, und einige Einheimische schenkten ihm Landstücke und Palmen. Ad-Dandarāwī lebte einige Zeit in al-Kurū und heiratete eine Frau aus dem benachbarten Dorf Duwaim Wad Hāddsch. Hier errichtete er über dem Grab des Vorfahren seines Meisters, Muhammad ibn ʿAbd ar-Rahmān, genannt Wad Hāddsch, eine Qubba und legte mit seinen Anhängern eine große Moschee mit einem Grundriss von 40 × 50 Meter an.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 94. Mit den Verwandten ar-Raschīds pflegte er auch später noch ein gutes Verhältnis. So ließ sich ar-Raschīds Enkel ar-Raschīd ibn Abī Bakr von ihm in die Ahmadīya einführen.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 93.

Um 1880 zog ad-Dandarāwī von al-Kurū nach Barbar, einer Stadt nahe des Zusammenflusses von Atbara und Nil in einer Region, die größtenteils vom Stamm der Dschaʿlīyīn bewohnt wurde. Dort wohnte er bei einem einheimischen Schüler von ihm, ʿAbd al-Mādschid al-Ahmadī (1861–1931).Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 95. In Barbar baute ad-Dandarāwī erneut eine Moschee und zog verschiedene Anhänger an, darunter zwei der damals prominentesten Gelehrten der Stadt, Muhammad as-Saiyid, ein Schafiit, und ʿAlī Humaida, der Malikit war. Nach der lokalen mündlichen Überlieferung lehnte letzterer ad-Dandarāwīs Einladung zur Aufnahme in seine Tarīqa zunächst ab, wahrscheinlich wegen seines ungebildeten Status, nahm sie aber schließlich doch an, nachdem ihm ad-Dandarāwī die Hand auf seine Brust gelegt hatte, die bei ihm eine Vision auslöste, die ihm die wahren Verhältnisse offenbarte. Daraufhin soll er ein hagiographisches Werk über ad-Dandarāwī verfasst haben.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 96.

Im missionarischen Geist der Schule von Ahmad ibn Idrīs unternahm ad-Dandarāwī eine ausgedehnte Predigtreise im nördlichen Sudan, die ihn nach Mansūrkuti, Karīma, ad-Dahāsira und al-Kāsindscher führte, wo er zahlreiche Anhänger gewann. In al-Kāsindscher ließ er über dem Grab von al-Hāddsch al-Māhī, einem Schüler von ar-Raschīd, eine Qubba errichten.Karrar: The Sufi brotherhoods in the Sudan. 1992, S. 115. Wie sein indirekter Lehrer Ahmad ibn Idrīs wandte er sich jedoch gegen den Brauch, um die Gräber von muslimischen Heiligen Bäume zu pflanzen, und ließ solche Bäume fällen.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 105. Ad-Dandarāwī ließ an verschiedenen Orten auch Moscheen errichten, wobei er selbst Hand anlegte und in einem Fall wahrscheinlich auch die finanzielle Unterstützung der Ägyptischen Auqāf-Behörde (dīwān al-auqāf) erhielt, die im nördlichen Sudan zum Teil Verantwortung für die Finanzierung von Moscheen trug. Danach kehrte ad-Dandarāwī in die Schāyiqīya-Region zurück, wo er sich zum spirituellen Nachfolger von Ibrāhīm al-Raschīd erklärte. Dieser Schritt rief bei vielen Unmut hervor, insbesondere bei jenen, die von al-Raschīd selbst initiiert worden waren. So schrieb Muhammad at-Tuwaym, ein Schüler al-Raschīd, aus seinem Heimatdorf Salawa an ad-Dandarāwī und rügte ihn für diesen Schritt.

Im Mai 1884 wurde Barbar von den Mahdisten belagert. Ad-Dandarāwī war wahrscheinlich schon vorher in die Schāyiqīya-Region zurückgekehrt. Von dort suchte er den Ausgleich mit den Mahdisten. Dafür reiste er mit einer Gruppe seiner Anhänger nach Omdurman, um den Mahdi zu treffen. Bei ihrer Ankunft in Schandi wurden sie aber von einigen Ansār feindselig empfangen, und ihr Hab und Gut wurde von Amīr Wad Hamza, dem Vertreter des Mahdi in der Region, beschlagnahmt. Ad-Dandarāwī gelang es aber, ʿAbdullāhi ad-Dufāri, einen sudanesischen Anhänger seines Lehrers, zu benachrichtigen, dessen Bruder ʿAbd al-Karīm ein Mahdistenkommandant war. Dieser sandte einen Brief einen Brief an Wad Hamza, in dem er sich für ad-Dandarāwī einsetzte, woraufhin sich Wad Hamza bei ad-Dandarāwī für die erlittene Behandlung entschuldigte und ihm und seinen Anhängern ihre Habseligkeiten zurückgab.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 97. Nach diesem Erlebnis reiste ad-Dandarāwī nicht weiter nach Omdurman. Ad-Dufāri leistete jedoch stellvertretend für ihn den Treueid auf den Mahdi und erklärte, dass ad-Dandarāwī aufgrund einer Krankheit nicht persönlich anreisen könne.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 98. Wad Hamzas Erblindung infolge eines Familienstreits wurde später als ein Wunder von ad-Dandarāwī angesehen.

Internationale Verbreitung des Ordens von Medina aus Einige Zeit später verließ ad-Dandarāwī den Sudan, um sich in Medina niederzulassen. Die weitere Verbreitung der Dandarāwīya erfolgte hauptsächlich von hier aus. Spätere Autoren betonen, dass ad-Dandarāwī die Menschen, darunter auch viele Fremde, vor allem durch liebevolle und freundliche Behandlung für sich einzunehmen verstand.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 104. Außerdem setzte er seine Moscheebauprojekte fort. So ließ er in Medina, Mekka, Dschidda und im Wādī Fātima zwischen Mekka und Medina Moscheen errichten.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 109.

Nach Ostafrika Um seinen Orden zu verbreiten, ernannte ad-Dandarāwī Gesandte. Dafür suchte er in der Regel Personen aus, die in dem Land, in das sie entsandt wurden, Fremde waren, vermutlich um ihre lokalen Verstrickungen zu begrenzen und ihre anhaltende Verbundenheit mit ihm sicherzustellen. Sie wurden teilweise auch mit schriftlichen Idschāzas ausgestattet. Neue Anhänger gewann er vor allem dort, wo die Ahmadīya bereits verbreitet war. Allerdings trat unter ihm der Orden auch zum ersten Mal in Dschibuti, Aden und Sansibar in Erscheinung.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 108. Nach Sansibar gelangte die Ahmadīya durch seinen Schüler Saiyid Mahmūd ibn Hāmid. Er setzte dort als Chalīfa einen Scheich Ilyās ein.August H. Nimtz: Islam and Politics in East Africa: The Sufi Order in Tanzania. University of Minnesota Press, Minneapolis, MN 1980. S. 61.

Ādan Ahmad, ein Somalier, den ad-Dandarāwī in Mekka in seine Tarīqa einführte, gründete 1885 in Britisch-Somaliland die landwirtschaftliche Siedlung Sheikh.Ioan M. Lewis: A Pastoral Democracy: A Study of Pastoralism and Politics among the Northern Somalis of the Horn of Africa. Oxford University Press, London 1961. S. 96 f. Ad-Dandarāwī reiste später auch selbst in diese Region. Während seines Aufenthalts in Berbera, aus dem eine weitere Siedlung hervorging, führte er einen Somalier arabischer Herkunft, Ahmad Abū Bakr, in seinen Orden ein und beauftragte ihn, wie üblich, mit dem Bau einer Moschee.Sedgwick: Saints and sons. The making and remaking of the Rashīdī Aḥmadī Sufi order, 1799–2000. 2005, S. 108 f. Während des Aufstands von Mohammed Abdullah Hassan standen ad-Dandarāwī und seine Anhänger auf der Seite der britischen Kolonialverwaltung und unterstützten sie gegen Mohammeds Anhänger aus dem Salihiyya-Orden.

Nach Syrien und Ägypten