Die Rheinkrise 1840 war eine politische Krise zwischen Frankreich und Deutschland. Auslöser waren Forderungen der französischen Öffentlichkeit nach der Rheingrenze, die nach einer diplomatischen Niederlage der Regierung unter Adolphe Thiers in der Orientkrise erhoben wurden. Der Rhein sollte als natürliche Grenze Frankreichs etabliert werden. Als Reaktion flammte in mehreren Staaten des Deutschen Bundes der Nationalismus auf. Auf beiden Flussseiten entstanden nationalistische Gedichte und Rheinlieder, von denen die bekanntesten Die Wacht am Rhein und das Lied der Deutschen sind.
In der historischen Forschung wird die Krise als Durchbruch des deutschen Nationalismus zur Massenbewegung gedeutet. Politisch wurde sie rasch beigelegt, nachdem König Louis-Philippe I. im Oktober 1840 eine kompromissbereitere Regierung eingesetzt hatte.
Vorgeschichte Orientkrise
Durch den Griechischen Unabhängigkeitskrieg und den russisch-türkischen Krieg 1828/29 war das Osmanische Reich empfindlich geschwächt worden. Nachdem sich der osmanische Sultan Mahmud II. geweigert hatte, Muhammad Ali Pascha, den Vizekönig des zum osmanischen Reich gehörenden Ägypten, auch als Statthalter in Syrien einzusetzen, besetzten ägyptische Truppen 1831 Palästina und Syrien und stießen 1832 bis nach Anatolien vor.
Frankreich hatte die türkische Niederlage im griechischen Unabhängigkeitskrieg dazu genutzt, 1830 Algerien zu besetzen. Es sah in Muhammad Ali Pascha einen idealen Verbündeten und unterstützte den ägyptischen Vizekönig, sich endgültig aus der Oberhoheit des Sultans Mahmud II. zu lösen. Ziel der französischen Politik war es, das an das Mittelmeer grenzende Afrika über Sues hinaus zu französischem Einflussgebiet zu machen.
Als 1839 der ägyptische Vizekönig einen weiteren Krieg mit dem Sultan für sich entscheiden konnte, führte dies zur Orientkrise von 1839–1841. Großbritannien, Österreich und Preußen befürchteten, Russland würde eine weitere Schwächung des Osmanischen Reichs ausnutzen, um seinen Einfluss auf Konstantinopel und die Meerengen zu vergrößern. Daher standen sie einer Machtausdehnung Muhammad Ali Paschas ebenso ablehnend gegenüber wie Russland. Als Frankreich jedoch Zwangsmaßnahmen der Großmächte gegen den ägyptischen Pascha ablehnte, entschied sich der britische Außenminister Lord Palmerston, ihm eine Lektion zu erteilen: Die Großmächte würden dessen Wünsche nicht als Gesetz akzeptieren. Großbritannien, Russland, Preußen und Österreich, die im Erhalt des labilen Osmanischen Reiches eine bessere Garantie ihrer Interessen sahen als in seinem Zerfall, der unkalkulierbare Risiken mit sich gebracht hätte, schlossen auf Palmerstons Initiative am 15. Juli 1840 in London den Viermächtevertrag zur Befriedung der Levante und nötigten Frankreich, die Unterstützung Ägyptens aufzugeben.Raymond Poidevin und Jacques Bariéty: Frankreich und Deutschland. Die Geschichte ihrer Beziehungen 1815–1975. C.H. Beck, München 1982, S. 32; Reiner Marcowitz: Großmacht auf Bewährung. Die Interdependenz französischer Innen- und Außenpolitik und ihre Auswirkungen auf Frankreichs Stellung im europäischen Konzert 1814/15–1851/52. (= Beihefte der Francia 53). Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-7995-7447-6, S. 152–157 (online).
Französische Innenpolitik Innenpolitisch befand sich die Julimonarchie am Ende der 1830er Jahre in einer instabilen Lage. Das Regime von König Louis-Philippe I. musste sich auf der rechten Seite mit der Opposition der Legitimisten auseinandersetzen, die das Haus Bourbon zurück auf den Thron bringen wollten. Von links wurde es zudem von Bonapartisten und Republikanern kritisiert, die eine stärker revolutionäre Orientierung und eine entschiedenere Vertretung der französischen Interessen forderten.Reiner Marcowitz: Großmacht auf Bewährung. Die Interdependenz französischer Innen- und Außenpolitik und ihre Auswirkungen auf Frankreichs Stellung im europäischen Konzert 1814/15–1851/52. Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart 2001, S. 175 (online).
mini|Adolphe Thiers. Stahlstich von Luigi Calamatta, um 1840 Offenkundige Korruptionsfälle hatten Neuwahlen zur Abgeordnetenkammer notwendig gemacht, bei denen am 2. März 1839 die linksnationalistische Opposition eine deutliche Mehrheit errang. Nachfolger des glücklosen Ministerpräsidenten Louis-Mathieu Molé wurde im Mai 1839 Nicolas Jean-de-Dieu Soult, der aber seinerseits wegen eines Konflikts zwischen König Louis-Philippe I. und dem Parlament um eine Schenkung an den Prinzen Louis Philippe bereits nach neun Monaten zurücktreten musste. Ihm folgte am 1. März 1840 Adolphe Thiers nach. Dieser entschiedene Vertreter einer stärkeren Parlamentarisierung Frankreichs galt wegen seiner führenden Rolle in der Julirevolution und seiner Geschichtswerke über die Französische Revolution und das Kaiserreich als „Inbegriff der Revolution“. In der Kammerdebatte vom 13. Januar 1840 schlug er deutlich nationalistische Töne an: Wenn Frankreich in der Orientkrise das Motiv der nationalen Ehre in den Vordergrund stelle, werde sich auch die revolutionäre Begeisterung wieder einstellen.Gilbert Ziebura: Frankreich von der Großen Revolution bis zum Sturz Napoleons III. In: Theodor Schieder (Hrsg.): Handbuch der europäischen Geschichte, Bd. 5, Europa von der Französischen Revolution zu den nationalstaatlichen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Klett-Cotta, Stuttgart 1968, S. 274 f.: Reiner Marcowitz: Großmacht auf Bewährung. Die Interdependenz französischer Innen- und Außenpolitik und ihre Auswirkungen auf Frankreichs Stellung im europäischen Konzert 1814/15–1851/52. Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart 2001, S. 158 f. (online, hier die Zitate).
Wie aufgeheizt die innenpolitische Lage war, zeigte sich zudem an mehreren Versuchen von links und rechts, die Regierung zu stürzen: Am 2. und 13. Mai 1839 startete die Geheimgesellschaft Société des saisons des französischen Sozialisten Auguste Blanqui einen Aufstand, der aber rasch niedergeschlagen wurde. Am 6. August 1840 unternahm Louis Napoléon Bonaparte einen ebenfalls erfolglosen Putschversuch. Am 15. Oktober 1840 unternahm ein linksgerichteter Arbeiter ein Attentat auf den König, das gleichfalls misslang.Gilbert Ziebura: Frankreich von der Großen Revolution bis zum Sturz Napoleons III. In: Theodor Schieder (Hrsg.): Handbuch der europäischen Geschichte, Bd. 5, Europa von der Französischen Revolution zu den nationalstaatlichen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Klett-Cotta, Stuttgart 1968, S. 274 f.
Belgisch-luxemburgische Frage Ein weiterer Faktor, der die starken emotionalen Reaktionen zu erklären hilft, die sich in der Rheinkrise zeigten, war die abschließende Klärung der belgisch-luxemburgischen Frage 1839: Als sich 1830 Belgien in der belgischen Revolution vom Königreich der Niederlande getrennt hatte, hatte Luxemburg, ein Mitglied des Deutschen Bundes, mehr als die Hälfte seines Staatsgebietes verloren. Dieser Territorialverlust wurde nach einer Annäherung Großbritanniens an Russland im so genannten Endvertrag festgeschrieben, doch im Deutschen Bund gab es weiterhin Widerstände dagegen.Wolf D. Gruner: Der Deutsche Bund, die deutschen Verfassungsstaaten und die Rheinkrise von 1840. Überlegungen zur deutschen Dimension einer europäischen Krise. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, 53 (1990), S. 51–78, hier S. 54.
Verlauf mini|Der Rhein als französische Ostgrenze 1806 mini|Grenzen des Deutschen Bundes um 1840 Forderungen nach der Rheingrenze In Frankreich wurde der ohne sein Wissen zustande gekommene Viermächtevertrag als Neuauflage der Siegerkoalition von 1814 wahrgenommen. Die außenpolitische Krise schlug in einen nationalistischen Sturm der Öffentlichkeit um: Man fühlte sich übergangen und gedemütigt, von einem „diplomatischen Waterloo“ war die Rede.Heinrich Lutz: Zwischen Habsburg und Preußen. Deutschland 1815–1866. Siedler, Berlin 1994, S. 200 (hier das Zitat); Reiner Marcowitz: Großmacht auf Bewährung. Die Interdependenz französischer Innen- und Außenpolitik und ihre Auswirkungen auf Frankreichs Stellung im europäischen Konzert 1814/15–1851/52. Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart 2001, S. 161 (online). Angefangen mit der liberalen Zeitung Constitutionnel, die am 1. August 1840 einen Vorstoß zum Rhein forderte, breitete sich ein „annexionistischer Chauvinismus“Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Zweiter Band: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen „Deutschen Doppelrevolution“ 1815–1845/1849. C.H. Beck, München 1989, S. 398. aus, der eine Kompensation für die vermeintliche Schmach verlangte: Der bonapartistische Capitole stellte sich am 2. August vor, fast ganz Deutschland warte nur auf ein französisches Eingreifen als Gelegenheit, seine „petits despotes“ loszuwerden. Der regierungsnahe Courrier français drohte am 5. August für den Fall einer russischen Intervention im Osmanischen Reich mit einem Vernichtungskrieg und einem Vormarsch an den Rhein. Ähnliche Forderungen wurden bald auch von legitimistischen Blättern vertreten.Reiner Marcowitz: Großmacht auf Bewährung. Die Interdependenz französischer Innen- und Außenpolitik und ihre Auswirkungen auf Frankreichs Stellung im europäischen Konzert 1814/15–1851/52. Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart 2001, S. 161 (online). Gefordert wurde wie bereits in der Julirevolution von 1830 eine Revision der Verträge von 1815 und eine Wiedereroberung der Rheingrenze: „Man muß die Verträge von 1815 zerreißen […] Auf zum Rhein […] Man setze die nationale Bewegung fort durch den Krieg“.Zitiert bei Heinrich Lutz: Zwischen Habsburg und Preußen. Deutschland 1815–1866. Siedler, Berlin 1994, S. 201.
Um die Empörung der Bevölkerung nicht zu einer Bedrohung der Monarchie anwachsen zu lassen, griff Ministerpräsident Thiers zu einem Bluff: Er demonstrierte Kriegsbereitschaft, indem er am 5. August 1840 Reservisten einberufen ließ, eine Staatsanleihe zu Rüstungszwecken auflegte und Paris befestigen ließ. Dies stachelte die nationalistischen Emotionen im Land nur noch weiter an: Die Regierung wurde des Maulheldentums geziehen, der sozialistische Journalist Louis Blanc erklärte unumwunden: „Was wir brauchen, ist ein Krieg, und um ihn zu führen, ein revolutionäres Regime“.Raymond Poidevin und Jacques Bariéty: Frankreich und Deutschland. Die Geschichte ihrer Beziehungen 1815–1975. C.H. Beck, München 1982, S. 32 f. Dass am 12. Mai 1840, also kurz vor Ausbruch der Krise, beschlossen worden war, die Gebeine Napoleons nach Paris zu überführen, verstärkte den Eindruck, Frankreich kehre zur Expansionspolitik zurück.Gilbert Ziebura: Frankreich von der Großen Revolution bis zum Sturz Napoleons III. In: Theodor Schieder (Hrsg.): Handbuch der europäischen Geschichte, Bd. 5, Europa von der Französischen Revolution zu den nationalstaatlichen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Klett-Cotta, Stuttgart 1968, S. 275. Thiers hoffte, dass Muhammad Ali Pascha sich in Syrien militärisch würde halten können, was sich indes nicht bewahrheitete: Im Herbst mussten sich die Ägypter aus Syrien zurückziehen. Der Ministerpräsident plante nun, in den Alpen und am Rhein militärisch vorzugehen, und versuchte den König zu überzeugen, in seiner Thronrede Ende Oktober einen Krieg nicht auszuschließen. Als der das ablehnte, trat Thiers am 20. Oktober zurück.Reiner Marcowitz: Großmacht auf Bewährung. Die Interdependenz französischer Innen- und Außenpolitik und ihre Auswirkungen auf Frankreichs Stellung im europäischen Konzert 1814/15–1851/52. Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart 2001, S. 162 (online)
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