Der Verein Gemeinsam gegen Menschenhandel e. V. ist ein deutsches Netzwerk von über 40 überwiegend evangelikalen Organisationen und Initiativen, die sich gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung einsetzen. Der Verein wurde 2013 gegründet und hat seinen Sitz in Berlin. Erster Vorsitzender des Vereins ist der ehemalige Bundestagsabgeordnete Frank Heinrich.
Geschichte Von 1997 bis 2009 war Frank Heinrich als Pastor der Heilsarmee (Heilsarmeeoffizier) in Chemnitz tätig. Nach eigenen Angaben wurde die Relevanz des Themas Menschenhandel in der Heilsarmee für Heinrich zum Grund, dieses auch als ein Schwerpunktthema in seiner Zeit als Abgeordneter des Bundestags ab 2009 zu wählen. Zusammen mit Thorsten Riewesell, dem Gründer des Kinderhilfswerks Jumpers – Jugend mit Perspektive, wurden Initiativen und Vereine zu einem Erfahrungsaustausch und regelmäßigen Runden Tischen eingeladen. Am 13. Mai 2013 entstand daraus der Verein Gemeinsam gegen Menschenhandel e. V. als ein Bündnis von Organisationen und Initiativen, die sich gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung einsetzen. Das Bündnis besteht mittlerweile aus 45 Mitgliedsorganisationen (Stand 2024).
Netzwerk und Förderer Zu den über 40 Mitgliedsorganisationen von Gemeinsam gegen Menschenhandel gehören internationale Menschenrechtsorganisationen wie SOLWODI oder die International Justice Mission Deutschland, evangelikal geprägte Organisationen wie Mission Freedom, Neustart e. V. oder Karo e. V. und andere Initiativen, die sich gegen Menschenhandel einsetzen. Gemeinsam gegen Menschenhandel arbeitet darüber hinaus mit dem Verein Sisters zusammen.
Für das europaweite Projekt VANGUARD, das auf die Unterbindung von Menschenhandel durch Technologien und Sensibilisierung setzt, erhielt Gemeinsam gegen Menschenhandel eine Förderung durch die Europäische Kommission. Außerdem war die Organisation am EU-geförderten Projekt INTAP beteiligt, das sich mit der Integration von nigerianischen und chinesischen Opfern von Menschenhandel befasste und aus dem eine wissenschaftliche Publikation hervorging.
Positionen Gemeinsam gegen Menschenhandel betont die Strukturen des Menschenhandels und der sexuellen Ausbeutung in der Prostitution. Darüber hinaus sieht der Verein Prostitution allgemein als einen „Verstoß gegen die Würde des Menschen und die Gleichstellung der Geschlechter“. Politisch spricht sich das Bündnis für die Einführung des Nordischen Modells aus.
Im Zusammenhang mit der 2025 veröffentlichten Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes äußerte das Bündnis Kritik an Methodik und Ergebnissen der Untersuchung. In einer Stellungnahme bezeichnete der Vorsitzende Frank Heinrich die Stichprobe der Evaluation als wissenschaftlich mangelhaft, ohne jedoch konkrete methodische Fehler zu benennen. Auch Vertreter aus Mitgliedsorganisationen des Netzwerks äußerten Vorbehalte gegenüber der Herangehensweise der Evaluation.
Fachtagungen Seit 2016 veranstaltet Gemeinsam gegen Menschenhandel zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung internationale Fachtagungen zur Bekämpfung von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Seit 2021 wird die Fachtagung ebenfalls in Kooperation mit dem Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) durchgeführt. Die dritte Fachtagung wurde im Juni 2021 online durchgeführt und verzeichnete nach Angaben der Konrad-Adenauer-Stiftung über 1.250 Teilnehmer und über 30 Referenten aus unterschiedlichen Nationen. Die schwedische Sonderbotschafterin für die Bekämpfung des Menschenhandels, Anna Ekstedt, sowie die Autorin einer Studie zum Schwedischen Modell, Wanjiku Kaime-Atterhög, stellten auf der Fachtagung die Erfahrungen mit der Umsetzung des Nordischen Modells in Schweden dar.
Seit 2022 ist GGMH Mitveranstalterin der alle zwei Jahre von evangelikalen Gruppen ausgerichteten Konferenz Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung im christlichen Schulungszentrum Haus Schönblick.
Kampagnen
SchattenDasein Am 19. September 2020 startete der Verein die Kampagne SchattenDasein mit dem Ziel verdecktes Leid in der Prostitution sichtbar zu machen. Im Zuge der Kampagne wurden Plakate, Postkarten und Kurzfilme produziert, die die Schattenseiten der Prostitution, sowie insbesondere die unfreiwillige Anwerbung junger Frauen durch die Loverboy-Methode darstellen. In Augsburg, Berlin, Essen, Gera und weiteren Städten fanden dazu lokale Aktionen statt.
Walk for Freedom (Deutschland) Die Schweigemärsche unter dem Namen Walk for Freedom wurden 2014 von der internationalen NGO A21 Campaign aus Australien ins Leben gerufen. Nach eigenen Aussagen wurden seitdem in mehreren hundert Städten weltweit Märsche durchgeführt. In Deutschland wird ein Teil der Märsche durch Gemeinsam gegen Menschenhandel koordiniert oder durch Material unterstützt. Über die Märsche berichteten unter anderem der WDR, der SWR, die Stuttgarter Zeitung, die Rhein-Zeitung, die Neue Westfälische und die Ostsee-Zeitung.
Kritik Die Mitgliedsorganisationen von GGMH sind zum großen Teil evangelikal geprägt, was in unterschiedlicher Deutlichkeit öffentlich gemacht wird. So ist die sich insbesondere am Männer richtende Samaritans Purse eine Gründung des US-Predigers Billy Graham, die inzwischen von seinem Sohn geleitet wird. In der professionellen Sozialarbeit werden die von den evangelikalen Organisationen gepflegten Opferzuschreibungen an Sexarbeitende abgelehnt. Die Leiterin der Mitgliedsorganisation Mission Freedom und Beisitzerin im Vorstand von GGMH Lisa Wendtland missionierte mit erfundenen Schicksalsgeschichten angeblicher Missbrauchsopfer und verbreitete die Geschichte auch nach der Widerlegung durch das Hamburger LKA weiter. Einschlägige professionelle Hilfseinrichtungen in Hamburg gaben durchgehend an, nicht mit der Organisation zu kooperieren. Nachdem Jugendliche aus einer Einrichtung der Mission Freedom wegen Kindeswohlgefährdung in Obhut genommen werden musste, trat Mission Freedom aus dem Netzwerk aus, Wendtland wird seitdem nicht mehr im Vorstand des Vereins geführt.
Die regelmäßigen Konferenzen zum Thema Menschenhandel werden im pietistisch geprägten Haus Schönblick in Schwäbisch Gmünd abgehalten, ausgerichtet werden sie von der Evangelischen Allianz zusammen mit der GGMH sowie einzelnen ihrer Unterorganisationen. Die NGO FundiWatch stuft die GGMH als Netzwerk christlich-fundamentalistischer Akteure ein, die Grenzen zwischen professioneller sozialer Arbeit und Mission verwischen. Ihre religiös geprägten und mit fragwürdigen Akteuren besetzten Kongresse richten sich „neben Fachpersonen explizit auch an Politiker*innen, Jurist*innen sowie Polizei- und Kriminalbeamt*innen, die in der Vergangenheit auch in nicht unerheblicher Zahl an den Kongressen teilnahmen.“
Weblinks
Offizielle Website von Gemeinsam gegen Menschenhandel Website zur Kampagne SchattenDasein Website zur Kampagne Walk for Freedom Eintrag im Lobbyregister des Deutschen Bundestages
Einzelnachweise
Kategorie:Verein (Berlin) Kategorie:Menschenhandel Kategorie:Eingetragen im Lobbyregister des Deutschen Bundestags Kategorie:Vereinsgründung 2013 Kategorie:Menschenrechtsorganisation (Deutschland)