mini|Die Bibliothek ist in Räumen über der Marienkirche auf der Nordseite des Klosters untergebracht Die Bibliothek der Benediktinerabtei Disentis im Schweizer Kanton Graubünden umfasst mehrere Bibliotheken und Sammlungen, die dem Kloster Disentis gehören. Neben der eigentlichen Klosterbibliothek gibt es im Benediktinerkloster eine Kapuzinerbibliothek, die Rätoromanische Bibliothek, die Musikbibliothek und das Archiv. Die Bibliotheken sind nicht-öffentliche Hausbibliotheken.
Aufgrund mehrerer Brände im Kloster gingen viele frühe Manuskripte und Dokumente verloren. Trotzdem gehört die Bibliothek zum Kulturgut von nationaler Bedeutung. Sie wird als nach der Kantonsbibliothek Graubünden bezeichnet.
Geschichte mini|Codex Sangallensis 403 aus dem Kloster Disentis, S. 89 Skriptorium und Bibliothek waren Bestandteile von jedem Benediktinerkloster des Mittelalters. Die Regula Benedicti fordern die Mönche auf, in der Fastenzeit während mehrerer Stunden ein Buch aus der Bibliothek zu lesen (Kapitel 48), wobei das Wort Bibliothek aber als Synonym für die Bibel zu verstehen ist. Die lectio wurde aber bald breiter ausgelegt. So entstand bei den Benediktinern eine bedeutende monastische Buchkultur, auch im Kloster Disentis: sammelten und hüteten die Mönche eigenes und fremdes Kulturschaffen sowie Raritäten.
Die Bestände der Klosterbibliothek wurden über die Jahrhunderte immer wieder geschmälert durch kriegerische Truppen und Brände. Als um das Jahr 940 Sarazenen gegen Disentis zogen, retteten die Mönche unter anderem zwei Evangeliare und neun Handschriften nach Zürich. Später kam es in den Jahren 1387, 1514, 1621, 1799 und 1846 zu Bränden im Kloster.
Besonders verlustreich war der 6. Mai 1799. Bibliothek und Archiv des Klosters wurden zu grossen Teilen vernichtet, als französische Truppen Dorf und Kloster Disentis in Brand setzten. Rund 160 Bücher blieben jedoch erhalten, wie Besitzeinträge der Klosterbibliothek in den Büchern aufzeigen. Beim Brand wurde nicht das ganze Kloster zerstört, darunter einige Zellen der Mönche, die dort Bücher genutzt und aufbewahrt haben. Weitere Bücher wurden ausserhalb des Klosters aufbewahrt. Dabei dürfte es sich vor allem um Bücher für den täglichen Gebrauch – wie das Verfassen von Predigten – gehandelt haben, während wissenschaftliche «Forschungsliteratur», die in der Bibliothek lagerte, mehrheitlich verbrannte. Etliche Bücher, die erhalten blieben, weisen Brandspuren auf. Unklar ist heute, wie viel wirklich durch den Brand zerstört worden ist. Es ist nur überliefert, dass mehrere Äbte gezielt die Bibliothek ausgebaut hatten und sie viele wichtige Codices enthielt. Gewisse Quellen sprechen von 300 Büchern, die zerstört worden seien.
In der Stiftsbibliothek Einsiedeln sind zwei Codices aus der Schreibstube in Disentis des 9. Jahrhunderts erhalten (Codex 126, Codex 164). Der Codex 403 aus dem späten 12. Jahrhundert, der sich heute in der Stiftsbibliothek St. Gallen befindet, gilt als einziges erhaltenes Werk des Hochmittelalters aus Disentis.
Die Reformationszeit, in der mehrere Mönche das Kloster verliessen, sowie die Unruhen zu Beginn des 17. Jahrhunderts führten zum Verlust zahlreicher Bücher. In der Folge war es vor allem Abt Augustin Stöcklin (1634–1641), der den Aufbau einer umfassenden barocken Bibliothek durch Erwerbungen vorantrieb und der bereits in der Funktion des Administrators des Klosters Nachlässe erworben hatte.
Ab dem späten 17. Jahrhundert wurden im Kloster Disentis auch Bücher gedruckt. Über 70 Werke auf Deutsch, Latein und Romanisch aus der Klosterdruckerei sind bekannt, das älteste aus dem Jahr 1685. Die Druckerei wurde ebenfalls beim Feuer von 1799 zerstört. Die Reste der Drucklettern wurden später beim Wiederaufbau der Klosterkirche St. Martin für die Orgelpfeifen verwendet.
mini|Altbestände in der Romanischen BibliothekNach dem Brand von 1799 erlebte das Kloster um die Mitte des 19. Jahrhunderts einen Aufschwung. Die Klosterschule setzte den Fokus auf weiterführende Bildung, und auch die Bibliothek wurde wieder erweitert: Pater Mainrad Bircher (1775–1846) baute die Bibliothek nach dem Brand wieder auf. Es wurden auch ältere Bücher angeschafft, darunter Altbestände aus den Benediktinerklöstern Einsiedeln, Engelberg, Pfäfers, Rheinau und Ottobeuren. Mit der Zeit kamen Buchsammlungen von Geistlichen aus der Region hinzu. Darunter waren auch die Bestände von rund 70 Büchern der Kapelle Sogn Antoni da Padua in Rumein (bei Degen GR) sowie verschiedener Kapuzinerhospize.
Die 1860er und 1870er Jahre waren für das Kloster wieder schwieriger, was auch mit Rückschlägen für die Bibliothek verbunden war. Der Ankauf des Nachlasses von Caspar Decurtins (1855–1916) aus Trun bereicherte die Sammlung des Klosters wesentlich.
Ab 1925 wurden die rund 20'000 Bestände durch Pater Edmund Brosy bibliothekarisch geordnet und mit Etiketten versehen. Arbeiten für eine richtige Katalogisierung begannen aber erst in den 1960er Jahren.
Sammlungen
Klosterbibliothek Die Sammlung der heutigen Klosterbibliothek umfasst theologische, monastische und historische Werke. Die 160 Bücher, die den Brand überstanden haben, waren ausnahmslos religiöse Werke: Dogmatik, Moraltheologie, Predigt- sowie Frömmigkeitsliteratur, Bibeln, Manualia, Breviere, katechetische Literatur, kontrovers-theologische und hagiographische Bücher. Sie waren insbesondere unter vier Äbten in den Jahren 1655 bis 1763 angeschafft worden.
Auch die theologische Tätigkeit von Mönchen des Klosters bereicherte die Bibliothek immer wieder. Sehr umfangreich war beispielsweise der Nachlass exegetischer Literatur von Notker Füglister (1931–1996), der Professor für alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Salzburg war.
Platzmangel belastete die Bibliothekare immer wieder. Die Klosterbibliothek ist in fünf Räumen oberhalb der Marienkirche im Kloster untergebracht, die durch Umbauten der Kirche in den Jahren 1980 bis 1984 entstanden sind, als das Kirchengewölbe umgenutzt wurde. Die neuen Räume der Bibliothek wurden am 21. April 1995 eingeweiht, ein paar Jahre nach dem darunterliegenden Klostermuseum.
Romanische Bibliothek mini|Abt Vigeli Monn mit Wikipedia-Autoren in der Romanischen Bibliothek Die Romanische Bibliothek des Klosters Disentis () ist eine eigenständige Spezialbibliothek des Klosters. Sie umfasst Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und weitere Archivbestände wie Kalender, Nachlässe, Handschriften, Spiele und Prospekte in allen Idiomen.
Als Grundstock der Bibliothek dient eine Sammlung von rätoromanischen Büchern und rätoromanischer Literatur, die Bruder Basil Berther (1858–1931) angelegt hat. Beim Brand von 1799 waren auch rätoromanische Bücher verloren gegangen, worauf Pater Placidus a Spescha aus dem Gedächtnis ein Verzeichnis der zerstörten Bücher erstellte – eine Art . Berther führte erstmals die romanischen Bücher des Klosters zusammen und sammelte dann im ganzen Land weitere Druckerzeugnisse. 1938 wurde ihr Bestand mit 2000 Titeln inklusive Periodica angegeben.
Heute ist die Romanische Bibliothek des Klosters eine der bedeutendsten rätoromanischen Bibliotheken. Zu den wertvollsten Büchern gehören 680 Handschriften und Handschriftenkonglomerate. Die Bücher stammen zum Teil aus dem späten 16. Jahrhundert. Sie gehörten zur Sammlung von Caspar Decurtins, der anhand dieses Materials die «Rätoromanische Chrestomathie» erstellt hatte.
Rund zwei Drittel der Bücher sind in Sursilvan verfasst; ab den 1930er Jahren wurden auch gezielt Bücher in Putér und Vallader gesammelt. Rund 300 Bücher zählen zum Altbestand (vor 1815). Viele dieser Bücher befassen sich mit religiösen Themen: Bibeln, Katechismen, Gesangsbücher und Erbauungsliteratur.
Ab 1988 dienten die Räume im Erdgeschoss des Klosters unweit der Klosterpforte (heute die Pilgerstube). Aktuell ist die Bibliothek im alten Militärspital untergebracht. Betreut wird sie seit 1994 von Abt Vigeli Monn.
Bibliothek der rätischen Kapuzinermission in Tiefencastel In Tiefencastel bestand von 1635 bis 1945 oder 1955 eine Mission von Kapuzinermönchen aus Italien, die sich um die Seelsorge im Albulatal kümmerte und so die Gegenreformation förderte. Bei der Auflösung der Mission – das Kloster nennt das Jahr 1921 – wurden 1850 Bücher, die älter als 1815 sind, vom Kloster Disentis übernommen. Klösterliche Quellen sprechen sogar von 6000 Büchern, die bis zur Jahrtausendwende nie katalogisiert und nach dem Erwerb in einem Kirchturm eingelagert worden seien. Auch über 20 Jahre später war ein Grossteil noch nicht katalogisiert.
Musikbibliothek Die Musikbibliothek des Klosters Disentis ist eine Sammlung von Musiknoten, musikwissenschaftlicher Literatur, Biographien von Komponisten und verschiedenen Tonträgern. Rund 75 Handschriften aus dem 18. bis 20. Jahrhundert gehören dazu. Sie steht in der langen Musiktradition im Kloster.
Die Musikbibliothek hat ihren eigenen elektronischen Katalog.
Grafische Sammlungen Pater Notker Curti, ein Volkskundler und Kunsthistoriker, trug von 1880 bis 1948 Veduten mit Darstellungen der Region sowie Andachtsbilder der Mönche zusammen. Zu den speziellen Andachtsbildern gehört beispielsweise ein Kupferstich von Conrad Meyer aus dem Jahr 1640 mit den Klosterheiligen Placidus und Sigisbert. Die umfangreiche Sammlung kleiner Andachtsbildchen – mehrere Zehntausend Stück – wurde in den 1950er Jahren von Pater Clemens Feurer geordnet, katalogisiert und erweitert. Pater Daniel Schönbächler ergänzte die Sammlung später um Exlibris, die er erwarb und katalogisierte. Den Zustand der Stiche mit Bündner Landschaften bezeichnete er 1997 als .
Schulbibliothek Für den Unterricht am Gymnasium und das Internat gab es auch eine Schulbibliothek, die nicht direkt zu den anderen Sammelgebieten passte, darunter Bücher zu Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte und Literatur. Neben der Schülerbibliothek führten einzelne Lehrer ihre eigenen Sammlungen. Die 2018 zentralisierte Schülerbibliothek, die rund 5000 Titel umfasste, wurde zwischenzeitlich aufgelöst.
Archiv Beim Brand von 1799 wurden auch viele Urkunden, Akten, Verträge und Codices aus dem Mittelalter zerstört. Das heute im Archiv erhaltene Material enthält wichtige Quellen für die Klostergeschichte. Zu den alten Werken gehört ein Missale romanum des Abtes Augustin Stöcklin von 1630 oder eine Synopsis von Abt Adalbert III. Defuns von 1696.
Auch die Baugeschichte des Klosters und die Klosterschule sind im Archiv dokumentiert, unter anderem mit Jahresberichten, die bis ins Schuljahr 1892/93 zurückgehen.
Weitere Mönche haben Sammlungen von Briefmarken, Münzen, Gebetsbüchern, Medaillen und Schützenabzeichen angelegt. Eine weitere bedeutende Sammlung ist das Klostermuseum.
Umfang Da nicht alle Kataloge digitalisiert sind – es gab bei diesem Unterfangen immer wieder Rückschläge –, sind genaue Aussagen zum Bestand der Bibliothek schwierig. Allmählich schreitet aber auch die digitale Erfassung der Hauptbibliothek voran. Die Musikbibliothek ist vollständig elektronisch katalogisiert, was auch einmal für die Romanischen Bibliothek zutraf. Hier fehlen aber Neuzugänge der letzten Jahre.
Der Bestand wurde für das Jahr 2022 auf rund 70'000 Bücher geschätzt. Der Altbestand dürfte 5500 Bücher umfassen. Diese Bücher sind mehrheitlich nach dem Brand erworben oder dem Kloster vermacht worden. Rund 4000 bis 5000 Bücher stammen aus der Zeit des Ancien Régime.
Literatur
Weblinks
e-codices: Digitalisate der Romanischen Bibliothek Disentis ISIL-Verzeichnis: Klosterbibliothek Disentis ISIL-Verzeichnis: Biblioteca Romontscha ISIL-Verzeichnis: Stiftsarchiv
Einzelnachweise
Kategorie:Kloster Disentis Kategorie:Bibliothek in der Schweiz Kategorie:Kulturgut von nationaler Bedeutung im Kanton Graubünden Kategorie:Klosterbibliothek Kategorie:Christentum im Kanton Graubünden Kategorie:Organisation (rätoromanische Sprache)