Die Tötung Quentin Deranques bezeichnet den gewaltsamen Tod eines 23-jährigen französischen Studenten und rechtsextremen Aktivisten. Während einer Auseinandersetzung zwischen Rechts- und Linksextremisten am 12. Februar 2026 in Lyon erlitt Deranque Verletzungen, an deren Folgen er am 14. Februar 2026 verstarb. Die Tat ereignete sich am Rande einer Konferenz der Europaabgeordneten Rima Hassan von der Partei La France insoumise (LFI) an der Sciences Po Lyon. Die Staatsanwaltschaft Lyon leitete ein Ermittlungsverfahren wegen vorsätzlicher Tötung (homicide volontaire) sowie schwerer Gewalt (violences aggravées) ein.
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] } Am 12. Februar 2026 hielt die LFI-Europaabgeordnete Rima Hassan am Institut d’études politiques de Lyon eine Konferenz ab. Sieben Anhängerinnen der rechtsradikalen Frauengruppe Collectif Némésis protestierten am Rande der Veranstaltung mit einem Transparent; hierbei kam es gegen 17.30 Uhr zu Rangeleien mit Antifaschisten. Eine weitere Gruppe rechtsradikaler Aktivisten, darunter Deranque, hielt sich in knapp 300 Meter Entfernung an einer Unterführung auf, griff aber nicht ein. Die nach Deranques Tod verbreitete Begründung, die Männer hätten die Aktion des Collectif Némésis absichern wollen, wird deshalb in Zweifel gezogen.
Deranques Gruppe bestand aus etwa 15 bis 20 überwiegend schwarz gekleideten und zum Teil vermummten Personen, von denen einige Schutzhandschuhe trugen. Etwa 17:53 Uhr kam es – wie das Video eines Anwohners dokumentiert – zu einer Auseinandersetzung mit einer etwa gleich großen Gruppe linksradikaler Antifaschisten. Im Video ist zu sehen, wie die Rechtsradikalen einen roten Feuerwerkskörper auf ihre Gegner werfen und ihnen entgegen stürmen. In der anschließenden Schlägerei setzten die Rechtsradikalen Tränengas, eine Gehhilfe und einen Stockschirm ein; die Linksradikalen waren anscheinend unbewaffnet. Deranque, den Kopf mit der Kapuze seines blauen Anoraks bedeckt, stand in Kampfhaltung in der ersten Reihe seiner Gruppe und beteiligte sich aktiv an der Auseinandersetzung. Wenig später ergriffen die Rechtsradikalen die Flucht. Etwa einhundert Meter weiter wurden Deranque und zwei weitere Personen aus seiner Gruppe kurz nach 18 Uhr von den nachsetzenden Linksradikalen attackiert und auf dem Bürgersteig zu Boden gebracht. Mindestens sechs Personen schlugen auf Deranque ein und versetzten ihm zahlreiche Tritte gegen den Kopf. Nachdem die Linksradikalen sich entfernt hatten, erhob sich Deranque und wurde – wie ein weiteres Video zeigt – von Passanten gedrängt, ein Krankenhaus aufzusuchen. Das lehnte er ab und entfernte sich mit einem weiteren Mitglied seiner Gruppe vom Ort der Auseinandersetzung. Erst als sich nach etwa einer Stunde – die beiden hatten inzwischen über einen Kilometer zurückgelegt – sein Zustand verschlechterte, rief sein Begleiter die Rettungskräfte, die ihn sofort ins Krankenhaus brachten. Zwei Tage später starb Deranque an den Verletzungen. Eine Autopsie ergab ein „schweres Schädel-Hirn-Trauma“ und eine Fraktur des rechten Schläfenbeins, die „auf kurze Sicht tödlich“ gewesen seien. Auch mit sofortiger medizinischer Versorgung hätte Deranque die Verletzungen nicht überlebt.
Opfer Quentin Eusebio Claude Deranque, Sohn einer Peruanerin und eines Franzosen, war am 13. Juli 2002 in Perpignan geboren und zum Zeitpunkt seines Todes damit 23 Jahre alt. Er studierte Mathematik und Data Science an der Universität Lyon II. Er war ein identitärer nationalistischer Aktivist, Mitglied neofaschistischer Gruppen und Anhänger einer rechts-katholischen Strömung; mehrfach nahm er an rechtsradikalen Kampfsporttrainings teil. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP behauptete der Anwalt der Familie, Deranque „verteidigte seine Überzeugungen gewaltlos, trat für einen friedlichen Aktivismus ein“ und „war in der Vergangenheit nie angeklagt worden“.
Die Action française behauptete zunächst eine Mitgliedschaft Deranques in ihrer Gruppe, zog dies aber später wieder zurück. Im Mai 2025 gründete Deranque gemeinsam mit anderen in der etwa 50 km südöstlich von Lyon gelegenen Stadt Bourgoin-Jallieu die neofaschistische Gruppierung Les Allobroges Bourgoin, benannt nach dem gallischen Stamm der Allobroger. Gemeinsam mit dieser Gruppe nahm Deranque am 10. Mai an einer Versammlung von Neonazis und Neofaschisten des „Komitee des 9. Mai“ teil. Die lokalen Aktivitäten der Allobroges waren beschränkt und konzentrierten sich vor allem auf das Anbringen von Plakaten und Graffiti.
Die aus der Lyoner rechtsextremen Szene hervorgegangene Gruppe Audace Lyon würdigte auf Instagram „[ihren] Kameraden Quentin, bekannt unter [ihren] Aktivisten“ und bestätigte gegenüber der AFP, dass dieser an mehreren Box- und Joggingtrainings der Gruppe teilgenommen habe. Laut der Tageszeitung Le Monde ist für die Gruppe, die gegründet wurde, um „die Interessen der Franzosen europäischer Abstammung zu verteidigen“, das Training zur – in eigenen Worten – „weißen Selbstverteidigung“ ein Schwerpunkt ihrer „Verteidigung“ des Gebiets von Lyon gegen Antifaschisten.
Die Onlinezeitung Mediapart bringt einen großen Teil seines sozialen Umfelds mit der extremen Rechten in Verbindung. Einer seiner Mitbewohner war 2018 an einem gewaltsamen Überfall der neofaschistischen Bastion social auf Mitglieder einer antifaschistischen Gruppe während eines Konzerts beteiligt. Zu Deranques engsten Freunden zählte Vincent Claudin, ein neofaschistischer Aktivist, der Hitler und Goebbels liest und zum Zeitpunkt der Ereignisse bei Lisette Pollet, einer Abgeordneten des Rassemblement National (RN), als parlamentarischer Mitarbeiter angestellt war.
Weitere Recherchen von Mediapart im März 2026 identifizierten mehrere von Deranque auf dem Kurznachrichtendienst Twitter/X verwendete Konten. Von 2023 bis 2026 versendete er dort eine Vielzahl an unter anderem rassistischen, antisemitischen, holocaustleugnenden und den Nationalsozialismus glorifizierenden Nachrichten, darunter etwa: „On veut le fascisme“ („Wir wollen den Faschismus“), „Moi je soutiens Adolf mais chacun son truc“ („Ich stehe zu Adolf, aber jedem sein Ding“) und „TND“ (Akronym für „Total Nigger Death“). Deranque lobte die Aussage, dass der RN von SS-Mitgliedern gegründet sei, als „sehr gut so“. Die Holocaust-Überlebende und Politikerin Simone Veil, mit deren Namen die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Frankreich verbunden ist, sei, schrieb er, eine „salope meurtrière“ („mörderische Schlampe“). Politische Gewalt sei kein Alleinstellungsmerkmal von Faschisten, sondern „untrennbar mit der Politik verbunden, wenn man ein wenig Charakter hat“. Adolf Hitlers Buch Mein Kampf sollte laut Deranque an allen weiterführenden Schulen gelesen werden, er rühmte sich auch damit, die meisten der in einer Studie des CRIF aufgeführten antisemitischen Vorurteile zu teilen. Ein Vertrauter von Deranque bestätigte, dass dieser die Nachrichten verfasst hatte.
Von Deranque ist lediglich das von seiner Familie der Tageszeitung Le Figaro zur Verfügung gestellte Porträtfoto bekannt; Rechtsradikale hatten direkt nach den Ereignissen irrtümlich falsche und mit KI bearbeitete Bilder verwendet, u. a. ein Foto von Dylan Guichaoua, Mitglied der Jugendorganisation des Rassemblement National im Departement Pyrénées-Atlantiques.
Religion Deranque wurde als Kind getauft und wuchs in einer wenig religiösen Familie auf, konvertierte aber später zum katholischen Traditionalismus. Er war Anhänger mehrerer traditionalistischer katholischer Gemeinschaften. Laut einer Freundin konvertierte Deranque aus rechtsradikaler Überzeugung: Nationalismus und die Liebe zu Gott seien für ihn miteinander verbunden gewesen. Obwohl er kein formelles Mitglied der traditionalistischen und identitären Academia Christiana war, nahm er regelmäßig an Veranstaltungen der Organisation teil. Die Academia Christiana wurde 2013 von einem Mitgründer der Identitären Bewegung gegründet und lehnt jegliche Beschränkung des christlichen Glaubens auf das private Leben ab, laut der Tageszeitung Libération propagiert sie einen „virulenten Antisemitismus“.
Ermittlungen und Festnahmen Am 17. Februar 2026 meldete die Tageszeitung Le Parisien neun Festnahmen und berichtete, die Ermittlungen seien als „vorsätzliche Tötung“, „schwere Körperverletzung“ und „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ neu eingestuft worden. Zu den Festgenommenen zählte Jacques-Élie Favrot, parlamentarischer Mitarbeiter des Abgeordneten Raphaël Arnault (LFI). Die Präsidentin der Nationalversammlung Yaël Braun-Pivet ließ Favrots Zugang zum Palais Bourbon vorsorglich aufheben. Die BBC berichtete am 18. Februar 2026 von insgesamt elf Personen in Polizeigewahrsam. Die Justiz ermittelte zu diesem Zeitpunkt gegen sechs Verdächtige wegen Totschlags; zudem wurde gegen einen parlamentarischen Mitarbeiter Arnaults wegen Beihilfe ermittelt. Am 4. März 2026 wurden zwei weitere Personen unter dem Verdacht festgenommen, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Es handelte sich um zwei Männer im Alter von 23 bzw. 26 Jahren, von denen einer im Großraum Lyon und ein weiterer in Vendeuvre-sur-Barse bei Troyes im Département Aube ergriffen wurden.
Politische Gewalt in Lyon und in Frankreich Die Tötung von Quentin Deranque steht im Kontext gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen den in Lyon sehr präsenten rechtsradikalen Gruppen und linken bzw. linksradikalen antifaschistischen Zusammenschlüssen. Die Tageszeitung Libération beschrieb die Stadt als „Hauptstadt der politischen Gewalt“ in Frankreich; Lyon gilt jedoch vor allem als „Wiege“ bzw. „Hochburg des Rechtsextremismus“. Die Journalismusplattform Rue89 Lyon zählt über 102 von Rechtsextremen begangene Straftaten in Lyon seit 2000, wovon 70 % ungeahndet geblieben seien. Mehrere der rechtsradikalen Gruppen in Lyon wurden durch Erlasse des Innenministeriums verboten. In Frankreich wurden laut dem Historiker Nicolas Lebourg zwischen 1986 und 2026 59 Menschen von Rechtsradikalen sowie 6 von Linksradikalen getötet. In von der Zeitung l'Humanité geleakten Telegram-Chats zwischen einer Führungsfigur des Collectif Némésis und Calixte Guy, Anführer der rechtsradikalen Zelle Audace Lyon, vom 14. Oktober 2025 wurde der Vorschlag diskutiert, die Némésis-Frauen als „Köder“ zu benutzen, um politischen Gegnern aufzulauern.
Die linksextreme antifaschistische Gruppe Jeune Garde antifasciste (auch Jeune Garde) wurde 2018 in Lyon als Reaktion auf die Präsenz und Gewalttaten rechtsextremer Vereinigungen gegründet. Zu ihren Gründern gehört Raphaël Arnault, seit 2024 Parlamentsabgeordneter der Partei La France insoumise (LFI). Das Innenministerium verbot die Gruppe am 12. Juni 2025 und verfügte ihre Auflösung. Mitglieder der Jeune Garde wurden wegen Gewalttaten verurteilt, darunter 2022 auch Arnault selbst.
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