Annalies Klophaus (* 6. Dezember 1940 in Bad Oeynhausen als Annalies Deumlich) ist eine deutsche Künstlerin, Autorin (dt. und frz.), Malerin und Grafikerin. Sie gilt als wichtige Vertreterin visueller Poesie und verfolgt einen erweiterten Kunstbegriff, der Konzeptkunst, Aktionskunst und Minimalismus voraussetzt und auf einem persönlichen ganzheitlichen Weltbild beruht.
Ihre experimentellen Ausdrucksformen entfalten sich intuitiv und mit hoher synästhetischer Sensibilität an der Schnittstelle von zeitbasierten zu nicht zeitbasierten Künsten. Sie reichen vom gesprochenen Wort über geschriebenen oder farbig gesetzten Text bis zu großformatigen skriptural-malerischen Bildfindungen, die in den Raum ausgreifen und das Format einer Performance annehmen können. Auch körperliche Bewegungen des Schreibaktes als hörbares, sich wiederholendes, meditatives wie beseelendes Tun spielen hinein, um auf subjektive Weise genormte Zeichen zu materialisieren. Parallel dazu entstehen Fotoarbeiten, in denen sie ihr Schaffen als humanistisch-feministische Selbstbehauptung in einem patriarchalisch geprägten Umfeld dokumentiert und inszeniert.
Über ihr künstlerisches Wirken hinaus engagiert sich Annalies Klophaus gesellschaftspolitisch. Gemeinsam mit Barbara Gross und Barbara Hammann gründete sie 1985 Continuum, einen Verein zur Förderung der Kunst von Frauen, in München. In diesem Arbeitszusammenhang war sie in der Villa Stuck auch kuratorisch für die wegweisende Ausstellung (1986) bestehend – lebend – gegenwärtig tätig. Die Schau präsentierte ausgewählte künstlerische Positionen von Frauen quer durch Generationen und Medien.
Die Künstlerin lebt und arbeitet in München und – seit 1969 – auch in Haut-de-Cagnes.
Leben und Werk Studium in Wuppertal, Bielefeld und München Nach einem Praktikum in den Rheinischen Textil-Fabriken AG (Frowein) nahm Annalies Klophaus 1959 ein Studium an der Werkkunstschule Wuppertal auf. Zunächst besuchte sie die von Albrecht Ade unterrichtete Klasse Grafikdesign. 1961 heiratete sie den Fotografen und Designer Herbert Klophaus und wurde Mutter eines Sohnes. 1962–1963 setzte sie ihr Studium an der Werkkunstschule Bielefeld fort und wechselte in das Fach Textile Flächenkunst. Ihre Dozentin war Thyra Hamann-Hartmann, eine der führenden Textilkünstlerinnen der Nachkriegszeit. 1964 wurde Annalies Klophaus an der Akademie der Bildenden Künste München angenommen. Sie studierte Malerei bei Josef Oberberger und Günter Fruhtrunk, wurde dessen Meisterschülerin und schloss 1970 mit einem Diplom ab. Doch Annalies Klophaus bildete sich neben ihrem Studium auch autodidaktisch. Prägenden Eindruck hatten nicht nur Schriftsysteme verschiedener, teils außereuropäischer Kulturen hinterlassen. Inspirationen bezog sie auch aus der Auseinandersetzung mit nordafrikanischer Berberkunst, mit der sie 1973 in Berührung kam.
Frühe Erfolge und internationale Ausstellungstätigkeiten Schon während ihres Studiums wurde die Künstlerin mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem österreichischen Hugo-von-Montfort-Preis (1965). Früh ergaben sich auch internationale Ausstellungstätigkeiten. In den Jahren 1964–1968 konzentrierte sich ihr Schaffen auf experimentelle Formen der Wortmalerei. In diesem Zusammenhang versuchte die Künstlerin Möglichkeiten komplexer Überlagerungen aus Zeichen, Zeichenkörper, und Zeichenträger durchzuspielen und die dabei aufgerufenen Assoziationen auszuloten. Gezielt setzte sie auf unterschiedliche Materialitäten und Farbgebungen. Worte und Wortfolgen wurden so den Regeln sprachlicher Konventionen, wie Syntax oder Groß- und Kleinschreibung enthoben und über neue sinnliche Dimensionen mit eigener, oft provokanter Wirkungsmacht versehen. Es entstand der Werk-Komplex der Wort-Farben, daneben visuelle Bücher und die sog. Demonstrativlyrik. 1970 erschien ihr Mot-Couleur-Roman in dem von Jochen Gerz und Jean-François Bory in Paris betriebenen, alternativen Künstler- und Autorenverlag Agentzia.Alex Balgiu und Mónica della Torre 2020, S. 471 Auch gilt sie als eine der Initiatorinnen der Mail-Art Bewegung.
Seit 1972 verband Annalies Klophaus ein engerer Kontakt mit dem internationalen Kreis visueller Poetinnen um Mirella Bentivoglio. Mit ihnen stellte sie in Italien an verschiedenen Orten aus.
Größere Bekanntheit erlangte die Künstlerin Ende der 70er Jahre: 1975 erhielt sie gemeinsam mit Bodo Baumgarten den Kunstpreis Berlin. 1976 folgte der angesehene und mit einem Stipendium verbundene Rompreis Villa Massimo. 1977 war sie in der viel beachteten, ausschließlich Frauen vorbehaltenen Ausstellung Künstlerinnen international 1877–1977 vertreten. Von der NGBK in West-Berlin organisiert, wurde die Schau im Anschluss auch im Frankfurter Kunstverein gezeigt. Schließlich präsentierte Mirella Bentivoglio Annalies Klophaus auf der 38. Venedig Biennale (1978) in der epochemachenden Ausstellung Materializzazione del linguaggio, der ersten Ausstellung auf der Biennale, die nur Frauen gewidmet war. Zu sehen waren ihre Pagine di cemento inciso (1970), Betonflächen in Buchseitenformat, in die die Künstlerin Zeichen eingeritzt hatte. Zwei Jahre später holte sie auch Harald Szeemann in die zentrale Ausstellung der 39. Venedig Biennale Aperto.
Die Er+Sie Notationen Mit der 1977 einsetzenden Serie der Er+Sie Notationen begleitete Annalies Klophaus eine intensive Phase der Selbstfindung als Frau: Stimuliert von Musikerfahrungen wählte sie linierte Notenblätter und schrieb auf die so vorformatierten Flächen anstelle von Noten die Personalpronomen Er und Sie. Stellvertretend und zugleich entpersönlicht entfaltete sich in den unabsehbar langen Reihungen immer wieder auf das Neue die Polarität von Weiblichkeit und Männlichkeit. Das insistierende Beharren auf feinen Nuancierung, das Misstrauen gegenüber festgelegter Eindeutigkeit, die Ausdehnung eines räumlich und zeitlich kleinen Wortes, so der Filmwissenschaftler Wolfgang Längsfeld, führte in der fortgeschriebenen Wiederholung zu neuen Wendungen, verschliff die existenzielle Spannung und mündete in die Themen Synergie und Reorganisation. Sehr wahrscheinlich wird die Erfahrung schließlich die falschen Lösungen ausscheiden, zitiert Annalies Klophaus in ihrem Künstlerbuch Rest 1, Rest 2 Maurice Merleau-Ponty.
1982 begann sie, gemeinsam mit ihrem Mann, über mehrere Jahre die Räume einer alten Schmiede in der Thalkirchner Straße München zu einem Kunst-Ort umzubauen, der seither nicht nur als Atelier dient und verschiedenen künstlerischen Projekten beider Ehepartner Raum bietet. Anlässlich städtisch organisierter Kulturtage stehen die Räume gelegentlich zur Besichtigung offen.
Wien: Annalies Klophaus im Zentrum des Feminismus der 80er Jahre Bereits seit den ausgehenden 70er Jahren stand Annalies Klophaus in engerem Austausch mit einer der Schlüsselfiguren des Feminismus in der Kunst in Österreich, der Wiener Galeristin Grita Insam. Mit der Modern Art Galerie hatte diese eine experimentelle Informationsgalerie geschaffen, in der neue Formate zeitgenössischer Kunst zu erproben und zu diskutieren waren. Die Solopräsentation, die sie Mitte der 80er Annalies Klophaus widmete, markiert einen Höhepunkt in der Karriere der Künstlerin:
Ausgelöst durch Forderungen der UN-Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen (1980) war mit starker finanzieller Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia über mehrere Jahre ein internationales Festival zur aktuellen Situation von Frauen in der Kunst in Wien vorbereitet worden. Um die Protagonistinnen dieses Projektes, Silvia Eiblmayr, Valie Export und Grita Insam verdichtete sich ein weitreichendes feministisches Netzwerk; Neben Ausstellungen im Museum des 20. Jahrhunderts Wien (Kunst mit Eigen-Sinn) und in der Wiener Secession konzipierte die Galeristin Insam in ihren Räumen eine Veranstaltung, die den programmatischen Titel Standpunkte (1974–1984) trug. Ihr Ziel war ein Positionsvergleich feministischer Kunst: Werke aus der Zeit um 1974 und 1975, dem internationalen Jahr der Frau, sollten Arbeiten aus dem Jahr 1984 gegenübergestellt werden. Besondere Aufmerksamkeit galt der wachsenden Vielfalt neuer Medien, deren sich Künstlerinnen auch deshalb bedienten, weil sie von Männern weniger besetzt waren. Neben Iole de Freitas, Rebecca Horn, Annette Messager, Anna Oppermann, Friederike Pezold, Ulrike Rosenbach, Carolee Schneemann, und Gina Pane stand Annalies Klophaus auf der Liste geladener Leitfiguren. In etwas veränderter, kleinerer Zusammensetzung, nun aber unter Mitwirkung von Alice Aycock und Miriam Cahn, konnte Grita Insam ihre kuratorische Idee in Form einer Serie von Einzelausstellungen realisieren.
Die Arbeiten von Annalies Klophaus waren vom 30. Januar bis zum 16. Februar 1985 zu sehen. Dabei stellte sie eine collagierte Fotoarbeit (1970) aus, die Porträts ihrer selbst in freier Landschaft zeigte. Ihrer Stirn war das Wort Mensch eingeschrieben. Damit, so kommentierte Klophaus später, wollte sie zeigen, dass wir alle nur ein Teil der Menschheit seien. Ihr Anliegen korrespondierte mit zeitgleichen Äußerungen Friederike Hassauers: der Mann ist selbstverständlich Mensch. Daß derselbe Mensch sich genauso in der Frau realisieren können soll, versteht sich nicht von selbst. Bis heute nicht.
Diese frühe Fotoarbeit kontrastierte Klophaus mit Papierbahnen, die den gesamten Galerie-Raum auskleideten. In der Entgrenzung gewann das Werk den Anschein einer Rauminstallation. Mit dem Pinsel überzog sie dann die weißen Flächen mit farbigen, kalligraphisch stilisierten Schriftzeichen des Wortes Mensch. Die Arbeit, die sie auch in späteren Jahren weiterentwickelte, umkreist die Themen Sprache, Körper und Geschlechterdefinitionen und berührt damit Kernfragen humanistisch-feministischer Gegenwartsdiskurse.
München: kulturpolitisches Engagement für die Förderung von Kunst im Allgemeinen, von Frauen im Besonderen Für in München lebende Künstler und Künstlerinnen entwickelte sich die Situation in den 80er Jahren weniger fortschrittlich als in Wien. Ein allmählicher Schulterschluss zwischen Institutionen, öffentlichen Geldern und privaten Kulturträgern gelang selten und verlief oft nicht friktionsfrei. International anschlussfähige Diskussionen wurden vorwiegend im Rahmen privater Galerien geführt. Annalies Klophaus zählte zu den wichtigen Protagonistinnen: Mit Ugo Dossi, Hetum Gruber, Nikolaus Lang, Gerhard Merz, Friederike Pezold, Pino Poggi und Rainer Wittenborn beteiligte sie sich 1978 an einem offenen Brief an das Kulturreferat der Stadt. Die Autoren und Autorinnen analysierten darin ihre schwierigen Lebensbedingungen als Kunstschaffende und äußerten Verbesserungsvorschläge.
Auf die sich seit Ende der siebziger Jahre in vielen Bereichen Bahn brechende Emanzipation von Frauen reagierten die Münchner Institutionen ähnlich verhalten. Einen wichtigen Auftakt setzte allerdings Helmut Friedel mit der Veranstaltungsreihe Performances 79 im Lenbachhaus. Für das Frauenthema sensibilisiert, fanden nun auch im Münchner Kunstverein, wie in Galerien entsprechende Ausstellungen statt: So zeigte Barbara Gross 1981 mit Frauenbilder eine Auswahl aus den von ihr produzierten Künstlerinneneditionen, darunter auch Annalies Klophaus.
Die Akademie der bildenden Künste, in dessen Lehrkörper erst 1995 eine Professorin Aufnahme finden sollte, ließ schließlich 1982 ein Symposium zur Kunst und/von Frauen mit verschiedenen Präsentations- und Begegnungsformaten zu. Künstlerinnen, Kunsthistorikerin, Kritikerinnen, Kuratorinnen und Theoretikerinnen kamen zu einem lebendigen Austausch zusammen, auch Annalies Klophaus nahm teil. Die Resonanz war trotz der Bedeutung des Symposiums wenig nachhaltig.