Seit dem Winter 2025/2026 wurden mehrere Fälle der Vetternwirtschaft, Veruntreuung von Geldern sowie mutmaßlichen Verstößen gegen das Parteiengesetz innerhalb der AfD auf Landes-, Bundes- und Europaebene bekannt. Auslöser war ein parteiinterner Konflikt in der AfD Sachsen-Anhalt. Der Bundestagsabgeordnete Jan Wenzel Schmidt machte zunächst auf „Filz“ im Landesverband aufmerksam und bezeichnete die AfD-internen Strukturen als „Beutegemeinschaft“. In der Folge wurden etliche weitere, teils ähnliche Fälle berichtet. Die Bundestagsfraktion der AfD schloss Schmidt am 3. März 2026 wegen „parteischädigenden Verhaltens“ aus der Fraktion aus.
Der Spiegel berichtete über Vorwürfe im Landesverband Niedersachsen, darunter persönliche Bereicherung, familiäre Seilschaften und mutmaßliche Korruption. Mehrere AfD-Politiker, darunter die Europaabgeordnete Anja Arndt, stellten demnach Dossiers zusammen und forderten Ordnungsmaßnahmen gegen Landesvorstände.Mandy Sarti, Sebastian Pittelkow: Vorwürfe der Vetternwirtschaft und Bereicherung: Wie die AfD Niedersachsen sich öffentlich zerlegt. In: NDR, 16. Februar 2026.Ann-Katrin Müller: AfD in der Krise: Zahlreiche Vorwürfe erschüttern die Partei. In: Der Spiegel, 10. Februar 2026. In mehreren Medien wurde auf das Selbstbild der AfD als Anti-Establishment-Partei verwiesen, welches durch die Vorfälle beeinträchtigt werde.Überkreuzbeschäftigungen in der AfD: Legal, aber legitim? Experte über Vetternwirtschaft und Vertrauen. In: MDR, 2026.Vorwurf der Vetternwirtschaft: AfD diskutiert über Anstellung von Familienangehörigen von Parteifreunden. In: Deutschlandfunk, 14. Februar 2026.Tim Frehler: AfD-Verwandtenaffäre: Eine wirkliche Gefahr für die Partei? In: Süddeutsche Zeitung, 15. Februar 2026.
In Sachsen-Anhalt wurde unter anderem als Reaktion auf die Affäre im April 2026 eine Parlamentsreform beschlossen, die derartige Anstellungen verbietet.
Hintergrund Regelungen In allen Parlamenten ist es Abgeordneten untersagt, Familienangehörige direkt zu beschäftigen.
Die sogenannte „Über-Kreuz-Beschäftigung“ wird als rechtliche Grauzone bezeichnet und ist im Bundestag und im Landtag Sachsen-Anhalt nicht ausdrücklich verboten. Dabei werden Verwandte von Abgeordneten bei Parteikollegen angestellt, um Regelungen zu umgehen, die die Beschäftigung eigener Familienangehöriger im eigenen Büro untersagt. Kritisiert werden die daraus resultierenden Abhängigkeitsverhältnisse und eine Versorgungsmentalität auf Kosten der öffentlichen Hand.
Die Landtagsverwaltung in Sachsen-Anhalt kündigte nach Bekanntwerden der Strukturen innerhalb der AfD-Fraktion im Februar 2026 an, die Beschäftigungsverhältnisse der Abgeordneten einer Überprüfung zu unterziehen. Die schwarz-rot-gelbe Landeskoalition erwog eine Verschärfung der geltenden Regelungen; als Vorbild wurde der Bayerische Landtag genannt, der nach der dortigen Verwandtenaffäre im Jahr 2013 Überkreuzbeschäftigungen ausdrücklich untersagt hatte.
AfD-Mitarbeiter Für die Mitarbeiter von Parlamentsfraktionen der Parteien gilt das Verwandtenverbot nicht. Sie können abhängig von ihrer Größe auf Mittel der öffentlichen Hand zugreifen, um damit Mitarbeiter anzustellen.Carsten Janz; Annika Leister; Jonas Mueller-Töwe; Lars Wienand: Steuergeld für Ehefrau und Ex: Nächster AfD-Landeschef ist in Erklärungsnot. In: t-online, 16. Februar 2026.
Nach Recherchen von t-online beschäftigen AfD-Abgeordnete im Bundestag wie auch im Landtag von Sachsen-Anhalt im Schnitt mehr Mitarbeiter als alle anderen Fraktionen. Laut Stern schätzte der AfD-Fraktionsvorstand, dass bis zu 72 der 151 AfD-Bundestagsabgeordneten – etwa die Hälfte der Fraktion – direkt oder indirekt in Überkreuzanstellungen involviert sein könnten. Die genaue Methodik dieser Schätzung ist allerdings unklar.Joscha Frahm: Mehr Vetternwirtschaft geht nicht: Stoppt dieser Skandal die AfD? In: der Freitag, 19. Februar 2026.Vetternwirtschaft bei der AfD: Parteiaffäre weitet sich aus. In: Hersfelder Zeitung (Ippen.Media), 18. Februar 2026.
Verlauf Die ersten Vorwürfe der breit angelegten Vetternwirtschaft standen im Zusammenhang mit einem eskalierenden Machtkampf zwischen Parteifunktionären innerhalb der AfD Sachsen-Anhalt.
Dem sachsen-anhaltischen Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt wurden 2025 unlautere Abrechnungspraktiken und dubiose Beschäftigungsverhältnisse im Zusammenhang mit privatwirtschaftlichen Aktivitäten neben seiner Abgeordnetentätigkeit vorgeworfen. Gegen Schmidt und Matthias Lieschke läuft ein Parteiausschlussverfahren.Sachsen-Anhalt: Matthias Lieschke aus AfD-Fraktion ausgeschlossen. In: MDR, 2026.
Der Landtagsabgeordnete Lieschke soll eine parteiinterne Videokonferenz aufgezeichnet und den Mitschnitt dem ebenfalls aus Sachsen-Anhalt stammenden AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt geschickt haben. Die AfD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt schloss Lieschke daraufhin wegen aus ihrer Sicht schwer partei- und fraktionsschädigenden Verhaltens aus der Fraktion aus.
Schmidt selbst erhob Mitte Dezember 2025 in einer Mail an den Landesvorstand der AfD Sachsen-Anhalt schwere Vorwürfe gegen eine Führungsgruppe des Landesverbands. „Einige Akteure gehören auf die Anklagebank und nicht auf die Regierungsbank“, schrieb er laut Der Spiegel in einer internen Mail und warf dem Landesvorstand zudem „parteischädigendes Verhalten“ vor.Sachsen-Anhalt: AfD-Politiker zoffen sich um dubiose Geschäfte und Disneyland-Dienstreisen. In: Der Spiegel, 18. Dezember 2025.
Neben unsauberen Fahrtkosten- und Reiseabrechnungen, Privatreisen unter dem Vorwand parlamentarischer Tätigkeit sowie Besuchen der Spielbank Berlin auf Dienstreisen warf er Mitgliedern der Gruppe auch systematische Vetternwirtschaft vor. Dazu zähle die Beschäftigung von Ehepartnern, Kindern und Geschwistern über Abgeordnetenstellen. Zudem erhob er Vorwürfe zu wirtschaftlichen Verflechtungen, Privatinsolvenzen sowie möglichen Falschangaben bei Wahlen und Mitgliederaufnahmen. Namentlich beschuldigte er in den Schreiben Martin Reichardt, Oliver Kirchner, Hans-Thomas Tillschneider, Tobias Rausch, Jan Moldenhauer, Matthias Büttner, Gordon Köhler und Phillipp-Anders Rau. Diese sogenannte „Pokerrunde“ gehe laut Schmidt seit Monaten systematisch rufschädigend gegen ihn und seine Familie vor. Politisch werde das Vorgehen der Gruppe durch den Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026, Ulrich Siegmund, gedeckt und unterstützt.Sperrfeuer aus den eigenen Reihen gegen die Mission AfD-Alleinregierung. In: t-online, 26. Dezember 2025.
Schmidt drohte, ab der zweiten Januarwoche wöchentlich strukturierte Mails an Bundes- und Landesvorstand mit Belegen zu senden.Gareth Joswig; David Muschenich: Streit in AfD Sachsen-Anhalt eskaliert: Abgeordneter des Bundestags erhebt Vorwürfe gegen „Pokerrunde“. In: taz, 18. Dezember 2025. Auf dem Portal „NIUS“ berichtete Schmidt ausführlich über seine Einschätzung der Situation im AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt. Er habe dem Landesvorstand ein Angebot gemacht; laut Tagesschau sagte er dazu: „Da schlummert was, lasst uns das gemeinsam parteiintern abbauen. Das hat man nicht gemacht, stattdessen hat man gesagt, da hauen wir nochmal mit dem Hammer drauf (…) und jetzt wundert man sich, was passiert ist.“Kilian Pfeffer: Die AfD-Spitze greift ein - und steckt im Dilemma. In: tagesschau.de, 2026.
Das Bundesvorstandsmitglied Kay Gottschalk hatte sich zunächst als Vermittler angeboten, dies scheiterte allerdings am Widerstand des AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt sowie an terminlichen Gründen, da Gottschalk erst noch Karneval feiern wollte. Gottschalk sagte der Mitteldeutschen Zeitung später: „In der jetzigen Situation könnte nicht einmal der Papst vermitteln.“
Nach den Veröffentlichungen Anfang Februar 2026 berichteten zunächst Tagesschau und ZDF über Fälle von Vetternwirtschaft in der AfD.Helene Fröhmcke; Katja Riedel; Mandy Sarti: Vorwurf der Vetternwirtschaft - AfD-Verwandtenaffäre in Sachsen-Anhalt weitet sich aus. In: tagesschau.de, 2026.David Gebhard: Sachsen-Anhalt: Vorwurf der Vetternwirtschaft spaltet die AfD. In: ZDFheute, 9. Februar 2026. Daraufhin wurden auch auf Bundesebene weitere Vorwürfe publik. In den folgenden Wochen kamen etliche weitere Fälle auf Kommunal-, Landes-, Bundes- und Europa-Ebene der Partei ans Licht.
Am 16. Februar 2026 beriet der AfD-Bundesvorstand in einer Telefonkonferenz über das Thema. Laut Medien wurde beschlossen, dass künftig für AfD-Politiker in Parlamenten von Bund und Ländern einheitliche Regelungen zur Anstellung von Familienangehörigen gelten sollen. Zudem wurden Konsequenzen gegen den Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt diskutiert; sein Verhalten sei als „schwer parteischädigend“ bewertet worden.Mey Dudin: Vorwürfe im Wahljahr: AfD-Jobs für Familienmitglieder werden zur Belastungsprobe. In: RP Online, 16. Februar 2026. Für den AfD-Bundesvorstand sei Jan Wenzel Schmidt derjenige, der für die Eskalation in Sachsen-Anhalt verantwortlich sei, schrieb die Tagesschau.
Am 19. Februar 2026 berichtete der Tagesspiegel, Schmidt wehre sich gegen den drohenden Ausschluss aus der Bundestagsfraktion. Er ließ durch einen Sprecher erklären, er stehe „inhaltlich weiterhin klar zur AfD“ und werde offensichtlich dafür sanktioniert, dass er auf Missstände hingewiesen habe. Ob bereits in der folgenden Woche über den Ausschluss abgestimmt werde, sei formal nicht entschieden.Vorwürfe der Vetternwirtschaft: AfD-Abgeordneter Schmidt will Rauswurf aus Fraktion verhindern. In: Der Tagesspiegel, 19. Februar 2026.
Entgegen der Forderung einiger Mitglieder des Landesverbandes rief die AfD Sachsen-Anhalt keinen Sonderparteitag ein, um die Vorwürfe der Vetternwirtschaft aufzuarbeiten. Der Landesvorstand teilte mit, es liege dazu kein satzungsgemäßer Antrag mehrerer Kreisverbände vor. Landesgeschäftsführer Martin Reichardt sagte, nur eine sehr kleine Gruppe von Mitgliedern habe einen Sonderparteitag gefordert. Stattdessen habe die AfD Sachsen-Anhalt eine interne Kommission eingesetzt, die sich mit den Anstellungsverhältnissen bei Abgeordneten beschäftigen solle. Das Gremium solle Empfehlungen vorlegen und über gesetzliche Änderungen beraten, die einen möglichen Missbrauch bei der Anstellungspraxis verhindern sollen. Reichardt beklagte eine „politisch-mediale“ Kampagne gegen die Partei.Vorwürfe um Anstellung von Verwandten: AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt setzt interne Kommission ein. In: Deutschlandfunk, 24. Februar 2026. Die Leitung dieser Kommission soll der Landtagsabgeordnete Gordon Köhler übernehmen, welcher laut Informationen der Rechercheplattform Correctiv den beteiligten Abgeordneten Tobias Rausch, Ulrich Siegmund und Martin Reichardt nahesteht.
Angesichts der Vorwürfe der Vetternwirtschaft rief die AfD-Co-Vorsitzende Weidel laut „Bild“-Zeitung nach personellen Konsequenzen. Sie habe Stefan Keuter, Personalchef der AfD-Bundestagsfraktion aus dem Fraktionsvorstand, zum Rücktritt aufgefordert. Der Abgeordnete Jan Wenzel Schmidt solle nach Willen des Fraktionsvorstandes die Fraktion laut „Bild“ ganz verlassen. Keuter verlor seine Position als Personalchef laut Pressemeldungen am 3. März. Schmidts Ausschluss aus der Fraktion wurde am selben Tag bekanntgegeben.
Am 2. März 2026 wurde von der AfD-Bundesspitze eine sogenannte Vertrauensgruppe eingesetzt, die insbesondere die Vorwürfen gegen den Landesvorstand Niedersachsen aufarbeiten soll. Mitglieder der Gruppe sind der ehemalige Sprecher des Landesverbands Baden-Württemberg Lothar Maier, der ehemalige Vorsitzende der Satzungskommission Albrecht Glaser und der sächsische Ex-Richter Jens Maier. Insbesondere die Personalie Jens Maier wurde parteiintern kritisiert, da dieser in der Vergangenheit durch rechtsextreme Aussagen der AfD zahlreiche Skandale eingehandelt hatte und ebenso wie Chrupalla als der niedersächsischen Landesspitze nahestehend gilt.