mini |Hunt-Lenox-Globus |alt=Farbfoto eines Globus mit metallisch glänzender, brauner Oberfläche und graviertem Kartenbild. Die Ozeane haben eine Textur durch Wellen darstellende Gravuren, während die Landflächen spiegelnd glatt und beschriftet sind. Die Globuskugel wird in einem metallischen Gestell gehalten, an dem sie an den Polen der Erdkugel befestigt ist. Am Äquator ist deutlich eine Fuge zwischen den zwei Halbkugeln, aus denen der Globus zusammengesetzt ist, zu sehen. Der Hunt-Lenox-Globus (, auch ) ist ein Erdglobus aus der Renaissance. Das in der New York Public Library verwahrte, etwa grapefruitgroße Objekt aus einer Kupferlegierung stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert und ist einer der ältesten bekannten Globen, die auch die Neue Welt zeigen. Benannt ist der Hunt-Lenox-Globus nach zwei ehemaligen Besitzern.
Beschreibung
mini |Asien-Seite des Hunt-Lenox-Globus |alt=Schwarzweißfoto des Globus, offenbar nach Entfernung eines Teils des metallischen Gestells. Kameraposition offenbar in der Äquatorialebene. Zu sehen ist der asiatische Kontinent. Auf einer Landfläche, die oberhalb des Äquators mit „India deserta“ beschriftet ist, steht unmittelbar südlich des Äquators „H[i]c sunt dracones“
Der Hunt-Lenox-Globus (HLG) hat einen Durchmesser von etwa 112 mm (nach anderen Angaben 127 mm) und besteht aus zwei Hälften, die jeweils die Nord- und Südhalbkugel der Erde darstellen. Sie sind am Äquator zusammengesteckt, wozu eine im Rand der südlichen Hemisphäre (vermutlich durch Einlöten) befestigte Fassung (Zarge) dient. Der HLG wird in einem 1937 hergestellten, historisierenden Gestell aufbewahrt und gezeigt, in dem er ekliptisch geneigt montiert ist. Zur Montage werden zwei Löcher im Globus verwendet, die sich an den beiden Polen befinden.
mini |Nachzeichnung des Kartenbilds (Magazine of American History, 1879)
Das Kartenbild ist sehr fein in die Oberfläche des Globus eingraviert. Es reicht auf jeder der beiden Hälften exakt bis zum Äquator. Die Karte zeigt unter anderem die heute als Kuba und Hispaniola bekannten karibischen Inseln (als Isabel bzw. Spagnolia bezeichnet) und einen Teil des südamerikanischen Kontinents. Mittel- und Nordamerika fehlen auf ihr. Die Neue Welt wird als Mundus novus, Terra sanctae crucis und Terra de Brazil bezeichnet. Brasilien war 1500 entdeckt worden. Die Bezeichnung America kommt nicht vor.
Der Großteil des geographischen Längenbereichs der Erdkugel wird von der Alten Welt eingenommen, so dass nur relativ wenig Platz für Atlantik und Pazifik bleibt. Europa ist eher grob skizziert. Auch die Proportionen des afrikanischen Kontinents sind nicht sehr wirklichkeitsnah. Allerdings ist die Südspitze Afrikas von Asien getrennt, was in ptolemäischen Weltkarten nicht der Fall war. Das Kap der Guten Hoffnung ist klar zu erkennen. Die Darstellung Asiens entspricht traditionellen europäischen Vorstellungen. Die meisten Beschriftungen entsprechen dem mittelalterlichen Asienbild und entsprechenden Legenden. Im östlichen Teil Asiens erscheint etwas südlich des Äquators die Phrase Hic sunt dracones.
Ozeane und Meere sind durch Wellen dargestellt, die ihnen auch eine charakteristische, von der glatten Oberfläche der Landmassen unterschiedliche Textur verleihen. Besonders gefährliche Strömungen sind durch Riesenwellen oder ähnlich gekennzeichnet. Der Ozean ist weiterhin mit Schiffen und einem Seeungeheuer versehen.
Ein Gradnetz ist in Ansätzen vorhanden, jedoch nicht konsequent ausgeführt. An manchen Stellen fehlt es ganz, ebenso wie Gradangaben in Zahlen. Umbrüche und Spatien bei der Beschriftung wurden offenbar von einer Segmentkarte übernommen, erscheinen jedoch wegen des fehlenden Netzes der Breiten- und Längengradlinien unmotiviert. Die Illustration des Seegangs ändert sich unvermittelt am Ferro-Meridian, was ebenfalls für eine Segmentkarte als Vorlage spricht.
Provenienz
mini |Nachzeichnung des Kartenbilds (Encyclopædia Britannica, 1879) Der HLG tauchte Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Um 1855 erwarb ihn der amerikanische Architekt Richard Morris Hunt (1827–1895) als junger Mann in Paris am Quai Voltaire. Hunt, der in der französischen Hauptstadt Bildhauerei und Malerei studierte, nahm den Globus bei der Rückkehr in die USA dorthin mit. Erstmals erwähnt wurde das Objekt 1869. Der Bibliograph Henry Stevens (1819–1886) hatte es bei einem Besuch bei Hunt gesehen und seine mögliche Bedeutung erkannt. Er lieh es sich einige Wochen aus und datierte es auf die Zeit zwischen 1505 und 1510. Stevens präsentierte den Globus dem Geographen Julius Hilgard vom United States Coast Survey in der Hauptstadt Washington. Dort wurde das Kartenbild als hemisphärische Weltkarte umgezeichnet, die 1879 einen Eintrag zu Globen in der Encyclopædia Britannica illustrierte. Ebenfalls 1879 wurden weitere Nachzeichnungen in einer ersten wissenschaftlichen Studie zu dem Objekt von dem Kleriker Benjamin Franklin DeCosta (1831–1904) im Magazine of American History und in dem Bulletin de la Société normande de Géographie veröffentlicht. Der Globus kam so zu weiterer Bekanntheit und wurde in den 1880er und 1890er Jahren in mehreren amerikanischen, aber auch deutschen Veröffentlichungen erwähnt.
Hunt schenkte den Globus dem New Yorker Sammler und Mäzen James Lenox (1800–1880), für den er ein 1870 erbautes Bibliotheksgebäude an der Fifth Avenue zwischen 70. und 71. Straße geplant hatte. Die Lenox Library wurde 1895 durch Fusion mit zwei weiteren Bibliotheken zur New York Public Library (NYPL). 1911 wurde der HLG in das neu errichtete, ebenfalls an der Fifth Avenue gelegene Gebäude der NYPL verbracht.
Ursprung, Funktion, Datierung
In der Epoche des Historismus, in der Hunt den Globus in Paris erworben hatte, entstanden zahlreiche Nachahmungen und Fälschungen frühneuzeitlicher Objekte. Dennoch wird der HLG von Wissenschaftlern als authentisches Artefakt der Renaissance angesehen. Unter anderem wird als wichtiger Hinweis auf die Authentizität des HLG gewertet, dass sein Kartenbild demjenigen des Globus Jagellonicus, einem ebenfalls auf Anfang des 16. Jahrhunderts datierten, in der Jagiellonen-Universität im polnischen Krakau aufbewahrten Globus mit kleinerem Durchmesser (etwa 73,5 mm), gleicht, dessen Kartenbild erst 1901 veröffentlicht wurde. Beide Globen ähneln sich bezüglich des Fehlens Mittel- und Nordamerikas, der Größe und Form Südamerikas sowie Hispaniolas und Kubas sowie der als im Indischen Ozean isoliert als Insel dargestellten Malaiischen Halbinsel. Daraus wird geschlossen, dass die Graveure beider Globen unabhängig voneinander dasselbe Kartenmaterial verwendet haben, möglicherweise eine Segmentkarte von Louis Boulengier († 1546).
Die ursprüngliche Funktion des HLG ist unbekannt. Eine Verwendung als Trinkgefäß – wie etwa die von Ende des 16. Jahrhunderts bekannten Globuspokale – ist zwar angesichts der Konstruktion als eine Art Dose mit Öffnungsmöglichkeit am Äquator denkbar. Dagegen spricht jedoch das Material Kupfer. Möglich ist, dass der HLG mit einem Himmelsglobus ein Paar bildete. Nicht ganz auszuschließen, aber angesichts des Fehlens von Gradangaben auch wenig wahrscheinlich, ist die Funktion als Zentrum einer Armillarsphäre. Das unvollständige Gradnetz und das Fehlen von Gradzahlen lassen die Nutzung als wissenschaftliches Instrument unwahrscheinlich erscheinen. Eine Verwendung als Uhrengehäuse in einer Globusuhr kann ausgeschlossen werden, weil weder Schalllöcher noch eine Öffnung zum Aufziehen einer Mechanik existieren.
Datierungen im 19. und 20. Jahrhundert ordneten den Globus allgemein den 1510er Jahren zu, teilweise auch einige Jahre früher. Wesentlich war dabei, dass das Kartenbild angesichts der Entdeckungsgeschichte der Neuen Welt einem engen Zeitraum um das Jahr 1510 entspricht. Allerdings geben Pippal et al. (2025) zu bedenken, dass für dieses Datum ein erstaunlich großer Teil Südamerikas auf dem Globus abgebildet sei, zudem seien Erkenntnisse aus Expeditionen von den Kartographen dieser Zeit bisweilen mit Verzögerung übernommen worden. Kunstgeschichtliche Betrachtungen bringen Pippal et al. zu dem Schluss, der HLG sei trotz seines kartographischen Standes um 1510 erst deutlich später entstanden, etwa 1530. Unter anderem führen sie dafür die differenzierte Wiedergabe unterschiedlich starker Meeresströmungen – ein Merkmal von Erdkarten ab den 1530er Jahren –, das dem Manierismus zuzuordnende Auftauchen von Seeungeheuern sowie den Umstand an, dass Schiffe und Seeungeheuer auf der Südhalbkugel mit der Unterseite nach oben gerichtet dargestellt sind.
Als Ursprungsregion des HLG wird Frankreich vermutet, wofür neben dem Ort der Entdeckung die kartographische Verwandtschaft zum Globus Jagellonicus, dessen Ursprung ebenfalls in Frankreich vermutet wird, sowie stilistische Gemeinsamkeiten mit den ab den 1530er Jahren am Hof von Franz I. in Blois entwickelten Globusuhren sprechen.
Nachbildungen
Kampagnen zur Herstellung von Faksimiles
Seit der Hunt-Lenox-Globus sich im Besitz der NYPL befindet, sind in deren Akten vier Kampagnen festgehalten, in denen Faksimiles hergestellt wurden. Jedes Mal wurde dabei eine andere Technik angewendet.
1958 fertigte die New Yorker Kunsthandwerkerin Nancy R. Pease (1926–2015) ein Einzelexemplar aus Gips mit bronzeartiger Oberfläche an; es diente als Abschiedsgeschenk für den scheidenden Präsidenten der Bibliothek, Morris Hadley.
1970 wurde die Gießerei Ball & Ball in Exton (Pennsylvania) mit der Herstellung von Nachbildungen beauftragt. Das Projekt wurde 1972 aufgegeben, weil das verwendete Berylliumkupfer sich als ungeeignet für die Reproduktion der feinen Oberflächenstrukturen erwies. Silikonnegative, Gussformen und Endprodukte sind allerdings erhalten.
Im Sommer 1984 begann eine erneute Kampagne zur Herstellung von Nachbildungen aus Kupfer. Diesmal wählte die NYPL als Kooperationspartner das New Yorker Metropolitan Museum of Art (MMA), das über die technischen Kompetenzen und Infrastruktur verfügte. Die Herstellung erfolgte in einem mehrstufigen Prozess durch Galvanoformen auf einer Negativform aus Silikon; es handelt sich also um Hohlgalvanoplastiken. Nach erfolgreicher Produktion wurden die Faksimiles in den Verkaufsläden beider Einrichtungen angeboten, und zwar in einem Lederköfferchen. Als Untersatz für die Globuskugel wurde ein zylindrischer Block aus Acrylglas mitgeliefert. Jeweils ein Exemplar befinden sich mit Stand von 2025 im Archiv der NYPL und in der Public Library von Cincinnati im Bundesstaat Ohio.
Eine vierte Aktion folgte 2022 mittels 3D-Druck auf Basis eines digitalen 3D-Modells des HLG. Das zugrundeliegende 3D-Modell war 2020 von Forschern der University of Rochester erstellt worden.
„Weiße Globen“ und „Da-Vinci-Globus“
Als Zwischenschritt bei der Anfertigung der Kupferfaksimiles 1984–1985 wurden auch per Gussverfahren einige Positive aus Kunstharz gefertigt. Eines davon ist vermutlich der Globus eines Privatsammlers in Österreich, für den der Besitzer indessen beansprucht, er bestehe aus zwei Straußenei-Hälften und sei von Leonardo Da Vinci hergestellt worden.
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Globus Kategorie:Werk (16. Jahrhundert) Kategorie:Museumsbestand Kategorie:New York Public Library Kategorie:Kupferprodukt Kategorie:Kunstwerk der Renaissance