Die Gesellschaft für Reform des Sexualrechts e. V. (Abkürzung GfRdS) war eine in den 1950er-Jahren tätige Organisation in West-Berlin, die sich für die Abschaffung des § 175 Strafgesetzbuch (Bestrafung männlicher homosexueller Handlungen) und eine Liberalisierung des Sexualstrafrechts einsetzte.
Geschichte Am 19. Oktober 1949 rief der in Frankfurt am Main praktizierende Arzt Hans Giese zusammen mit Hermann Weber (1882–1955) eine Neugründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) ins Leben. Auch Kurt Hiller arbeitete zunächst mit, doch endete die Kooperation durch Konkurrenzgefühle und innere Distanz der zentralen Beteiligten nach wenigen Monaten. Inhaltliche Auseinandersetzungen entzündeten sich an unterschiedlichen Vorstellungen zum Schutzalter. In Berlin-Zehlendorf wurde eine Gruppe Groß-Berlin des WhK von Werner Hesse, Werner Becker und Hans Borgward konstituiert. Dem WhK wurde der Eintrag ins Vereinsregister vom West-Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter verweigert, und Giese erklärte das Nachkriegs-WhK Ende 1949 oder Anfang 1950 für aufgelöst.Raimund Wolfert: Homosexuellenpolitik in der jungen Bundesrepublik. Kurt Hiller, Hans Giese und das Frankfurter Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (Hirschfeld-Lectures 8). Göttingen, Wallstein 2015.
Die Berliner Gruppe des „Giese-WhK“ gründete schließlich 1950 die Gesellschaft für Reform des Sexualrechts e. V., die 1951 ins Vereinsregister aufgenommen wurde.Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann. Ein biographisches Lexikon (surhkamp taschenbuch, 3266). Suhrkamp, [Berlin] 2001 ISBN 3-518-39766-4, ISBN 3-928983-65-2. Einträge für Hans Giese S. 278 und Kurt Hiller S. 357 (Zitate). Die Gesellschaft für Reform des Sexualrechts war damit in den 1950er Jahren die einzige Vereinigung Homosexueller in Deutschland (siehe auch Homophilenbewegung), die den offiziellen Rechtsstatus des Vereins erreichte.
Die Gesellschaft für Reform des Sexualrechts setzte sich politisch vor allem für die Abschaffung oder zumindest eine Reform des § 175 ein, der auch nach 1945 weiterhin in der 1935 von den Nationalsozialisten verschärften Fassung galt. Außerdem trat sie für eine einheitliche Schutzaltersgrenze von 16 Jahren bei einvernehmlichen sexuellen Kontakten ein. Ab 1951 wirkte sie im International Committee for Sexual Equality (ICSE) mit. 1954 wurde sie zudem kooperatives Mitglied der Gesellschaft für Menschenrechte (GfM) in Hamburg. Neben dieser politischen Arbeit bot die GfRdS ihren Mitgliedern Rechtsberatung und Rechtsbeistand an und pflegte zugleich ein ausgeprägtes Vereins- und Clubleben. Werner Becker, der sich zuvor im Whk engagiert hatte, sah in der GfRdS in erster Linie einen „Geselligkeitsverein“ ohne weitergehenden politischen Anspruch und beteiligte sich nicht mehr.
Den Vorsitz der GfRdS hatte bis zur Auflösung im Jahr 1960 Hans Borgward inne, der zuvor bereits zu den Vorsitzenden des Berliner Nachkriegs-WhK gehört hatte. Auch der Text- und Schlagerdichter Bruno Balz war Mitglied des Vereins, ebenso wie der Herausgeber des Amicus-Briefbunds Martin Knop. Ende der 1950er-Jahre zählte die Gruppe noch etwa 50 Mitglieder. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1957 und einer verschärften Repression gegen Homosexuelle und ihre Organisationen in Westdeutschland kam es 1958 zu einer Hausdurchsuchung bei Borgward. Im selben Jahr war die GfRdS durch Kurt Gerhard noch auf dem ICSE-Kongress in Brüssel vertreten. Im Oktober 1959 beschloss der Vorstand die Auflösung der Gesellschaft; am 13. Januar 1960 bestätigten die Mitglieder diesen Schritt auf der Generalversammlung. Im Sommer 1960 veranlasste Borgward die Löschung des Vereins im Vereinsregister. Die Vereinsunterlagen wurden der am 22. September 1951 gegründeten (jedoch nie ins Vereinsregister eingetragenen) Internationalen Freundschaftsloge (IFLO) in Bremen übergeben. Dort wurden sie bei der Sturmflut 1962 zerstört; im selben Jahr löste sich auch die IFLO auf.
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Geschichte der Homosexualität Kategorie:LGBT-Bürgerrechtsorganisation Kategorie:Homosexualität in Deutschland Kategorie:Politische Organisation (Berlin) Kategorie:Ehemaliger Verein (Berlin) Kategorie:Vereinsgründung 1951 Kategorie:Aufgelöst 1960