Das internationale Fußballspiel zwischen England und dem „Rest der Welt“ – praktisch eine Vertretung Kontinentaleuropas – fand am 21. Oktober 1953 aus Anlass des 90. jährigen Bestehens des englischen Verbandes The Football Association (FA) vor 96.000 Zuschauern im Wembley-Stadion in London statt. Das Spiel war als Geburtstagsgeschenk der FIFA an ihren ältesten und historisch wichtigsten Verband zu betrachten.W. Meisl. In: Kicker. Verlag Martens & Co. München. Nr. 36, 1953. 7. September 1953. S. 22.

Vorgeschichte Kritik an der Spielerauswahl und dem voraussichtlichen System Bereits das Spieleraufgebot der FIFA für das Probespiel am 30. September in Amsterdam gegen den FC Barcelona (5:2) war in der Presse heftig umstritten. Hinzu kam auch noch die Systemproblematik mit der Frage Offensives System oder WM-System. Berater der FIFA-Kommission waren der Franzose Gaston Barreau und der österreichische Verbandskapitän Walter Nausch. Aus Ungarn waren für den Angriff Sándor Kocsis und Ferenc Puskás vorgesehen, wurden jedoch vom Verband nicht für das Spiel in London freigegeben. Aus Frankreich wurden deshalb für den Angriff noch Fritz Walter, Max Morlock und Joseph Ujlaki vorgeschlagen, für die Abwehr tendierten die Franzosen für ihren Landsmann Roger Marche und den Mailänder Attilio Giovannini.Kicker. Verlag Martens & Co. München. Nr. 36, 1953. 7. September 1953. S. 2

Die Ablehnung des WM-Systems von Nausch spukte durch alle Gazetten. Allein die Tatsache, dass beim Probespiel am 30. September in Amsterdam gegen den FC Barcelona eine Halbzeit so etwas ähnliches wie „offensive Wiener Schule“ gespielt werden sollte, wurde als ein „Verdienst“ des österreichischen Verbandskapitäns gewertet. Das Amsterdamer Probespiel brachte also zumindest in einer Spielhälfte einen Aufeinanderprall der beiden Spielsysteme: Wiener Schule gegen WM oder, wie die Italiener sagen würden: Methode gegen Systema. Erst danach sollte entschieden werden, mit welcher taktischen Maßgabe die Mannschaft der FIFA gegen England spielen würde.Sport Magazin. Olympia Verlag. Nürnberg. Nr. 5/53 Ausgabe B. 3. September 1953. S. 2

Im Interview mit dem Sport Magazin nahm Ferdinand Daucik, Trainer des FC Barcelona und Schwiegervater des Stürmers Laszlo Kubala, am 24. September Stellung zum Personal und dem System für das Spiel England gegen die FIFA, trug seine deutliche Befürwortung des modernen WM-Systems vor und favorisierte eine mehr oder weniger ungarisch-spanische Kombination als Mannschaft. Das Amsterdamer Probespiel vom 30. September sollte die notwendige Klärung bringen, ansonsten befürchtete Daucik, dass „mit Nausch‘s Taktik Wembley zum Schlachthof des Kontinents“ werden könnte.Sport Magazin. Olympia Verlag. Nürnberg. Nr. 8/53 Ausgabe B. 24. September 1953. S. 6/7

Probespiel in Amsterdam gegen den FC Barcelona 5:2 (1:1) In Amsterdam trat der „Rest der Welt“ vor 60.000 Zuschauern in der ersten Halbzeit (1:1) mit folgenden Spielern an: Zeman; Stotz, Happel; Hanappi, Ocwirk, Brinek (alle Österreich); Boniperti, Lorenzi (beide Italien), Vukas (Jugoslawien), Kubala (Spanien), Zebec (Jugoslawien).

Die Aufstellung der Weltelf für die zweite Halbzeit war: (Einwechslungen mit * gekennzeichnet) Zeman; Novarra* (Spanien), Hanappi; Cajkovski* (Jugoslawien), Posipal* (Deutschland), Ocwirk; Coppens* (Belgien), Boniperti, Nordahl* (Schweden), Vukas, Zebec. Mit Treffern von Boniperti (50.), Zebec (52.), Coppens (58.) und Nordahl in der 83. Minute und dem zweiten Gegentreffer der Spanier durch Moreno in der 75. Minute stellte die Kontinentauswahl das Endergebnis von 5:2 her.

Im Sport Magazin war zum Spielverlauf unter anderem notiert:

Auf Seite vier wurde zu Ocwirks Leistung als Außenläufer in der zweiten Halbzeit notiert: „Es ist beinahe unwahrscheinlich, wie sich Ocwirk in das WM-System als Außenläufer einpasste, wie er das Spiel aufbaute. Immer wieder wurde die spanische Deckung aufgerissen.“

In diesem Zeitraum, am 11. Oktober, fand in Wien auch noch das Länderspiel zwischen Österreich und Ungarn statt. Das war von hohem Interesse zur Findung der Kontinentauswahl für das Spiel am 21. Oktober in London gegen England. Ungarn setzte sich nach einem harten Spiel mit 3:2 durch und Bozsik wurde als stärker als Ocwirk herausgestellt. Als entscheidend für den Sieg der Magyaren wurde ihre Leistung unmittelbar nach dem österreichischen Führungstor durch Happel mit einem verwandelten Freistoß in der 55. Minute beschrieben. Ungarn machte innerhalb von 15 Minuten aus dem 0:1 durch Tore von Csordas und zweimal Hidegkuti ein 3:1 und war in dieser Zeit der österreichischen Mannschaft einwandfrei überlegen.Kicker. Verlag Martens & Co. München. Nr. 41, 1953. 12. Oktober 1953. S. 19

Bis unmittelbar vor dem Spiel in London wurden die Debatten um die Aufstellung der FIFA-Elf geführt, mit einem Hauptthema, ob mit oder ohne Stopper gegen Englands Jubiläumself gespielt würde. Man vermutete, die Zeit des „offensiven Mittelläufers“ könnte vorbei sein. Die Hauptlast der Aufstellung von der FIFA-Elf lag bei dem Holländer Karel Lotsy; unterstützt wurde er von Ernst Thommen (Schweiz) und Calero (Spanien) sowie von den technischen Beratern Walter Nausch (Österreich) und Gaston Barreau (Frankreich).Kicker. Verlag Martens & Co. München. Nr. 42, 1953. 19. Oktober 1953. S. 4

Spiel England gegen Rest der Welt (4:4) am 21. Oktober 1953 in London Tatsächlich lief die FIFA-Auswahl in London vor 96.000 Zuschauern in der personellen Formation mit Torhüter Walter Zeman, dem Verteidigerpaar Juan Navarro/Gerhard Hanappi, der Läuferreihe Zlatko Cajkovski, Josef Posipal, Ernst Ocwirk und dem Angriff mit Giampiero Boniperti, Ladislav Kubala, Gunnar Nordahl, Bernard Vukas und Branko Zebec auf und spielte im WM-System. In der zweiten Halbzeit wurde im Tor gewechselt und der Jugoslawe Vladimir Beara ersetzte den verletzten Zeman. Als Trainer agierte Karel Lotsy.

Dagegen stellte Gastgeber England unter Trainer Walter Winterbottom die Formation: Merrick; Ramsey, Eckersley; Wright, Ufton, Dickinson; Matthews, Mortensen, Lofthouse, Quixall und Mullen.

Das Spiel stand unter der Leitung des walisischen Schiedsrichters Mervyn Griffiths; die Mannschaften wurden von den Kapitänen Wright und Ocwirk angeführt und von Feldmarschall Bernard Montgomery mit Handschlag begrüßt. England trat in der bekannten schwarz-weißen Spielkleidung, die Kontinent-Mannschaft im blauen Trikot und weißen Hosen an.

England hatte Anstoß. Bereits in der 6. Minute verwandelt Kubala einen an Vukas verwirkten Elfmeter zur 1:0-Führung für die Kontinentelf. Mortensen erzielt aber im direkten Gegenzug das 1:1. Hanappi deckte überraschend den bekannten Dribbler Matthews am rechten Flügel und verfolgte ihn auch quer über den Platz. Eine Kombination über Nordahl und Zebec schoss Boniperti in der 16. Minute aus zentraler Position und frei vor dem Tor zum 2:1 für den Kontinent ein. Die Auswahl fand sich immer besser zusammen, spielte ehrgeizig und zuweilen beinahe wie eine Vereinsmannschaft. Es war für die Zuschauer kaum zu fassen – der Kontinent führt 2:1 und spielte danach weit zwingender und zügiger als die Engländer. Dies wurde nur unterbrochen durch Aktionen des Stürmers Matthews, der Hanappi narrte und zur Mitte flankte. Zeman verfehlte den Ball, welcher an die Latte prallte. In der 40. Minute gelang Boniperti nach Vorarbeit von Vukas das 3:1. In der 43. Minute spielte Navarro einen Ball zu schwach zurück und Zeman giff nicht schnell genug ein, sodass Linksaußen Mullen am leeren Tor den Anschluss zum 2:3 Halbzeitstand erzielen konnte.

Nach Flanke von Matthews zu dem völlig freistehenden Mullen erzielt dieser kurz nach Wiederanpfiff (47. Minute) für die Engländer den 3:3-Ausgleichstreffer. In der 60. Minute schoss Kubala seine Mannschaft mit 4:3 in Führung.

Zum weiteren Ablauf schrieb Hans Fiederer:

Ein FilmberichtWembley - England V The Rest Of The World (1953). (YouTube, be 2:53 min.) In: British Pathé, 13. April 2014. beschreibt eine Kollision zwischen Posipal und Mortensen im „internationalen“ Strafraum, gefolgt von der Elfmeterentscheidung und dem Tor.

Fiederer fasste das Spiel wie folgt zusammen:

Das Sturmspiel des Kontinents lobte er in einem späteren Artikel überschwänglich. „Worte für die Schaustellung der zweiten 45 Minuten zu finden, fällt schwer. Es klingt alles so eckig und ungeschliffen gegen dieses elegante, geschmeidige, kunstvolle Ballgeschiebe. Fünf Individualisten, fünf Jongleure, fünf verschiedenartige Stürmer fanden zu der größten mannschaftlichen Leistung zusammen, die England je antraf. Nein, ich sah so etwas noch nicht!“Sport Magazin. Olympia Verlag. Nürnberg. Nr. 44/53, grüne Ausgabe, Ausgabe A, Datum 28. Oktober 1953. S. 2/3

Pressestimmen Internationale Presse (Quelle: KickerKicker. Verlag Martens & Co. München. Jahrgang 1953. Nr. 43. Datum 26. Oktober 1953. S. 2) Sport (Zürich) Großartig war der FIFA-Sturm mit seinen verschiedenartigen Kombinationen: Scheiberln und Filigran, Vor-, Rück- und Steilpässen.

Les Sports (Brüssel) Die englischen Abwehrspieler schienen durch die Kunst der Platzwechsel im FIFA-Sturm völlig verzaubert. Wäre die Abwehr des Kontinents an Klasse auf der Höhe ihres Sturmes gewesen, hätten die Engländer eine so arge Niederlage erlitten, dass alle Elfmeter der Erde dies hätten aufhalten können.

L’Equipe (Paris) … Was aber nicht verhinderte, dass während 90 Minuten der stolze Fußball Albions in seinen Grundfesten erzitterte. Die Engländer waren die meiste Zeit dazu verurteilt, in jeder Richtung des Platzes herumgejagt zu werden. Das moderne Spiel des „Restes der Welt“ beherrschte die britische Überlieferung.

Daily Telegraph Die Kontenentaleuropäer haben uns nicht nur taktisch überholt.

Daily Express Das Unentschieden war eine glatte Ungerechtigkeit diesen Kontinentalstars gegenüber. Einst waren Englands Fußballer die Meister des Spiels. Nun wurde deutlich, dass sie – bis auf zwei Ausnahmen: Matthews und Merrick – die Schüler sind.

Nationale Presse Kicker-Herausgeber Friedebert Becker hielt unter der Überschrift „Schauspiel! Lehrspiel! Festspiel!“ fest:

Von Kicker-Autor Willy Meisl ist folgendes Fazit abgedruckt:

Literatur Bernd Rohr, Günter Simon: Fußball-Lexikon. Copress-Verlag. München 1993. ISBN 3-7679-0410-1. S. 148/149. 11. Zeitschrift für internationale Fußball-Geschichte und Statistik. N. 5 (1986). Alle Spiele der Kontinent und Welt-Auswahlteams. Von Karl-Heinz Jens, Nürnberg. International Federation of Football History & Statistics (Hrsg.). Journal-Leitung Dr. Alfredo Pöge, Wiesbaden. Der Kicker, Nr. 42, 19.10. 1953; Nr. 43, 26.10.1953; Nr. 13/53, Ausgabe B, 29. Oktober 1953. Sport Magazin, Nr. 12/53, Ausgabe B, 22. Oktober 1953; Nr. 44/53, 28. Oktober 1953; Nr. 45/53, 4. November 1953.

Weblinks Football Association 90th Anniversary Celebration Match. Spielbericht auf englandfootballonline.com (englisch) Wembley - England V The Rest Of The World (1953). (YouTube) In: British Pathé, 13. April 2014.

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