Die Polizeifliegerstaffel Hessen mit Sitz in Egelsbach ist die Luftunterstützungseinheit der Polizei Hessen. Sie ist dem Hessischen Polizeipräsidium Einsatz unterstellt und hat 37 feste Mitarbeiter. Die Flotte besteht im Jahr 2026 aus drei Polizeihubschraubern des Typs EC145, 2 Polizeiflugzeugen (Beechcraft KingAir 250 und P 68 Observer) und einer zweistelligen Anzahl von Drohnen unterschiedlichen Typs.
Geschichte
1960er Jahre Der damalige hessische Innenminister Heinrich Schneider (SPD) ordnete die Aufstellung der „Flugbereitschaft (FluB) der hessischen Polizei“ an. Sie war damals dem Regierungspräsidium Darmstadt unter dem Regierungspräsidenten Günter Wetzel unterstellt und bildete bundesweit die zweite Polizeifliegerstaffel einer Landespolizei, nachdem das Land Nordrhein-Westfalen bereits 1962 die Hubschrauberstaffel „Rheinland“ mit zwei Hubschraubern des Typs Bell 47 J als Teil seiner Polizeikräfte aufgestellt hatte. Als Heimat der Fliegerstaffel wurde der Flugplatz Egelsbach (ICAO-Code: EDFE) gewählt, der etwa 17 km südlich von Frankfurt am Main gelegen ist. Am 20. Dezember 1964 erfolgte dann die offizielle Aufstellung. Einen Tag später am 21. Dezember 1964 wird der erste Hubschrauber übergeben, eine Alouette II, SA 318 B (Astazou) mit dem Kennzeichen D-HADY. Das Personal der Staffel wurde durch ein vierköpfiges Team gebildet, darunter die beiden Piloten (einer von ihnen in der Funktion des Dienststellenleiters), ein Co-Pilot / Werkstattleiter und ein ziviler Hubschraubertechniker. Erster Staffelleiter war Ernst Preuß, der diese Funktion bis Ende Januar 1986 ausübte. Maßnahmen zur Vorbereitung der Indienststellung der Staffel waren bereits seit Jahresbeginn ergriffen worden. Dabei erwies sich die Suche nach geeignetem Personal als vordringlichste Aufgabe. Entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten für die Piloten und das technische Personal wurden bei Dienststellen des Bundesgrenzschutzes gefunden, der bereits seit 1955 einen eigenen Flugdienst mit Hubschraubern betrieben hatte. mini|269x269px|Alouette II D-HADY am Rebstock-Gelände Bereits 1965 erfolgt die Aufstockung der Flotte. Hinzu kamen zwei weitere Piloten und ein weiterer Hubschrauber vom Typ Alouette II. Die Personalstärke der Staffel erhöhte sich weiter auf 16 Mitarbeiter. Von Beginn an deckte die Flugbereitschaft ein breites Spektrum an Einsatzanforderungen ab. Die Hubschrauber wurden regelmäßig als Führungs- und Einsatzplattform bei polizeilichen Großereignissen und Groß-Demonstrationen verwendet. Fahndungen und Vermisstensuchen gehörten ebenso in das Repertoire wie der Objektschutz und die Verkehrsaufklärung, zumal letztere bei noch nicht vorhandener Verkehrsleitung oder Mobilfunk und stark zunehmenden Individualverkehr einen anderen Stellenwert hatte. Aber auch damals zählten ungewöhnliche Einsätze wie die Windenrettung oder der Transport von dringend notwendigen Blutkonserven zum Gesamtportfolio. Zur Regelmäßigkeit wurden die Kontrollen zum Gewässerschutz zusammen mit der Wasserschutzpolizei. Das Umweltbewusstsein der Anlieger und der Binnenschiffer war damals ein anderes, sodass diese Streifenflüge regelmäßig Feststellungen zu verzeichnen hatten und einen essentiellen Beitrag lieferten, dass man in diesen Gewässern Rhein und Main heutzutage wieder schwimmen kann. Bis zum Start der Luftrettung im April 1968 unterstützten die Flieger auch bei medizinischen Einsätzen. So transportierte man Blutkonserven, flog vereinzelt Patienten ins Krankenhaus oder half mit den verbauten Rettungswinden bei Bergungen. Ab März 1967 stieg bei Streifen mitunter sogar ein Notarzt zu, der schnell zu Unfällen auf Autobahnen gebracht werden konnte.
1970er Jahre mini|Bo 105 mit dem Kennzeichen D-HAWY Den damaligen technischen Neuerungen zugewandt folgte am 25. Juni 1973 schließlich die Indienststellung des ersten Polizeihubschraubers vom Typ MBB Bo 105 (Kennzeichen D-HAIY) und damit auch eine personelle Aufstockung 1974. Ebenso erweiterte sich das Einsatzportfolio um die Zusammenarbeit mit den neu aufgestellten Mobilen- und Spezialeinsatzkommandos. Im Oktober 1979 wurden 20.000 unfallfreie Flugstunden gefeiert. Im November 1979 stürzt eine Bo 105 (Kennzeichen D-HAIY) bei einem tragischen Flugunfall in der Nähe von Nackenheim in den Rhein.https://www.polizei.hessen.de/polizeipraesidien/hessisches-polizeipraesidium-einsatz/polizeifliegerstaffel-hessen Mit Hubschrauber, Flugzeug und Drohne am Himmel über Hessen – Polizei Hessenhttps://www.presseportal.de/blaulicht/pm/43615/5859498 60 Jahre Polizeifliegerstaffel Hessen – Eine Institution am Himmel über Hessen – Presseportal Der Pilot und zwei Bordtechniker kamen ums Leben während der vierte Insasse, ein Gast-Techniker, wie durch ein Wunder überlebte.
1980er und 1990er Jahre mini|D-HAMY im September 2003 Die 1980er und 1990er Jahre sind geprägt durch die Umflottung auf die Bo 105, die Aufstockung des Personals, die Umbenennung in Polizeihubschrauberstation Hessen, sowie den Umzug in das neue Dienstgebäude am Flugplatz Egelsbach am heutigen Standort. 1981 kamen durch die anhaltenden Demonstrationen zum Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen viele Einsätze dazu. Die Bo 105 mit dem Kennzeichen D-HAWY wurde 1982 beschafft und Ende der 1980er Jahre auf den CBS4 Standard angehoben. Dies ging mit erheblichen Umbaumaßnahmen am Rumpf einher, da dieser um ca. 30 cm verlängert werden musste. Im üblichen Tagesbetrieb war immer nur ein Hubschrauber der Staffel auf Luftstreife und nur in Sonderfällen waren zwei Hubschrauber gleichzeitig in der Luft. Drei Hubschrauber wurden zu dieser Zeit in Bereitschaft gehalten und die vierte Maschine jeweils im Wartungsintervall. Die Ausbildung zum Hubschrauberpiloten kostete damals das Bundesland Hessen pro Pilot über 300.000 DM.
2000er Jahre
Der Jahrtausendwechsel verändert die Zugehörigkeit der nun umbenannten „Polizeihubschrauberstaffel Hessen“ vom Regierungspräsidium Darmstadt zum Hessischen Polizeiverkehrsamt hin zum Hessischen Bereitschaftspolizeipräsidium (HBPP), heute Hessische Polizeipräsidium Einsatz (HPE) mini|EC145 D-HHEA im Mai 2002 Im April 2002 lieferte Eurocopter die erste EC145, Seriennummer (c/n) 9004, an die Hubschrauberstaffel in Egelsbach aus. Die Polizeihubschrauberstaffel in Hessen war damit die erste deutsche Polizei, die eine EC145 für Polizeiaufgaben einsetzte. Mit der Einführung des neuen Hubschraubermusters änderte sich die Leistungsfähigkeit und das Pflichtenheft erheblich. Die erste Maschine mit dem Kennzeichen D-HHEA wurde noch mit der grün-weiß gehaltenen Lackierung ausgeliefert. Die beiden nachfolgenden Schwestermaschinen D-HHEB und D-HHEC wurden bereits in blau-weiß bestellt. Im August 2005 wurde die zweite Maschine vom Typ Eurocopter EC145 in die Polizeihubschrauberstaffel aufgenommen. Die Maschine mit dem Kennzeichen D-HHEB verfügt wie ihre Schwestermaschine über die Vorrichtung zur Aufnahme von FLIR (Forward Looking Infrared), SX-16 Hochleistungsscheinwerfer und einer Rettungswinde. Die Maschine trägt die Seriennummer (c/n) 9070. mini|D-HHEA mit blau-weißer Lackierung Mit der sukzessiven Aufstockung des Personals (Piloten und Flugbetriebsassistenten) erfolgte 2007 die Einführung des 24/7 Schichtbetriebes, da die Hubschrauber nun allesamt über Wärmebildtechnik verfügen und die Besatzungen im Flug mit der Restlichtverstärkerbrille geschult sind. Auch im Zusammenwirken mit dem SEK, der Ausstattung mit Feuerlöschbehältern und eine Rettungswinde erlebt die Staffel einen qualitativen Quantensprung. Eigenes Schulungspersonal ist dabei obligatorisch, um die eigenen gesetzten Qualitätsstandards zu generieren und zu halten.
2010er Jahre mini|P68 Observer der Polizei Hessen 2012 betrat die Polizeihubschrauberstaffel Hessen mit der Einführung des deutschlandweit ersten Polizeiflugzeuges vom Typ P68 Observer fliegerisches Neuland. Das Polizeiflugzeug sollte Brandherde im Wald oder Ölfilme auf Flüssen ausfindig machen, Großveranstaltungen und den Verkehr überwachen oder vermisste Personen zu suchen. Mit Rheinland-Pfalz und deren Polizeihubschrauberstaffel hatte Hessen damals eine Zusammenarbeit vereinbart, damit das Flugzeug auch dort für Streifenflüge eingesetzt werden kann. Für die zweimotorige Maschine mit etwa neun Metern Länge und einer Flügelspanne von zwölf Metern sprach damals vor allem der Preis von rund 870.000 Euro. Zum Vergleich kostete ein Hubschrauber von Eurocopter damals knapp 6,5 Millionen Euro. Auch im Betrieb sei eine Flugstunde 700 Euro günstiger als mit dem Polizeihubschrauber.
Im Jahr 2016 beliefen sich die jährlichen Wartungskosten pro Hubschrauber auf etwa 150.000 Euro und die Ausbildung eines Piloten auf rund 200.000 Euro.
2017 wurden rund sieben Millionen Euro in einen Erweiterungsbau der Staffel als auch in neue technische Geräte investiert. Das ursprüngliche Gebäude wurde in den 1980er Jahren für 16 Mitarbeiter konzipiert und war nun deutlich zu klein. Im Erweiterungsbau wurden zudem ein Fitness- und ein Eltern-Kind-Raum eingerichtet. mini|207x207px|Stellv. Leiter Klaus Boida Im Sommer 2018 wurde der stellvertretende Leiter der Polizeifliegerstaffel und Leiter des Fachbereichs Schulung Klaus Boida, von Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) ausgezeichnet. Mit der entwickelten „Hauptflugbuch“-Software kann die Erfassung der Flugzeiten sowie die technische Überwachung der Hubschrauber bis ins Detail und rechtssicher abgebildet werden.
2019 besteht die Fliegerstaffel aus etwa 40 Mitarbeitern, wobei davon 30 fliegendes Personal sind. Die Fliegerstaffel hat damals rund 3000 bis 4000 Einsätze im Jahr, was etwa 2000 Flugstunden entspricht. Das Portfolio hatte sich in den letzten Jahren verändert. Die in den anfangs Jahrzehnten der Fliegerstaffel übliche Verkehrsüberwachung aus der Luft wird nicht mehr durchgeführt, da es technisch nicht mehr nötig ist.
2020er Jahre Bei der Flutkatastrophe im Ahrtal vom 14. bis 17. Juli 2021 konnten von der Fliegerstaffel in den ersten 24 Stunden über 200 Personen aus lebensbedrohlichen Situationen gerettet werden und insbesondere 304 Menschen durch Windenrettungen aus dem Gefahrenbereich evakuiert werden. mini|Beechcraft King Air 250 (D-CHEB) Am 6. September 2021 wurde ein zweites Polizeiflugzeug an Polizeifliegerstaffel übergeben. Das zweimotorige Turboprop-Flugzeug wurde schon Anfang August vom Hersteller Textron Aviation in Wichita an die Atlas Air Service AG übergeben, die das Flugzeug dann nach Egelsbach auslieferte. Die Maschine vom Typ Beechcraft King Air 250 dient der schnellen Unterstützung bei internationalen Fahndungsmaßnahmen, kann Einsatzkräfte und Spezialausrüstung bei Bedrohungen der Sicherheitslage bundesweit schneller zum Einsatzort bringen und im Rahmen des Raumschutzes, beispielsweise bei Großveranstaltungen oder Waldbrandgefahrenlagen, große Landesflächen effizienter überwachen. Das Land Hessen bleibt bislang das einzige Bundesland mit zwei polizeitaktischen Flächenflugzeugen (Stand 2026).
Im Jahr 2022 kam es bei 12 Waldbrandeinsätzen zu 512 Wasserabwürfen mittels Feuerlöschbehältern an den Hubschraubern der Fliegerstaffel.
Am 29. April 2023 fand in der Nähe von Bad Wildungen eine bis zu diesem Zeitpunkt einzigartige Windenrettungsübung statt an welcher die hessische Polizeifliegerstaffel mit zwei Hubschraubern (D-HHEA und D-HHEC) teilnahm. Länder- und organisationsübergreifend wurden im Landkreis Waldeck-Frankenberg an neun verschiedenen Stellen das Retten von Flutopfern mittels Hubschrauber und Rettungswinde geübt. Mehr als 300 Einsatzkräfte beteiligten sich an der Großübung, die unter der Ägide des hessischen Innenministeriums stattfand.
Nebst Nordrhein-Westfalen hat Hessen die einzigen Polizeiflieger, die über ein Flächenflugzeug verfügen. Polizeifliegerstaffel aus NRW setzt ihr Flugzeug jedoch nur zu Schulungszwecken ein, während die hessischen Kollegen damit u. a. Gefangenentransporte aus dem Ausland durchführen (Stand 2024).