mini| László Krasznahorkai (1990) Satanstango (ungarisch Sátántangó) ist der Titel des 1985 publizierten ersten Romans des ungarischen Schriftstellers László Krasznahorkai. Erzählt wird die Geschichte einer durch die Auflösung des landwirtschaftlichen Kombinats verarmten Dorfgesellschaft, die durch die Aufstiegs-Prophezeiungen des plötzlich auftauchenden ehemaligen Kollegen Irimiás verführt wird, ihm ihr Geld anzuvertrauen. Die deutsche Übersetzung von Hans Skirecki erschien 1990.im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Inhalt Überblick Die an drei Oktobertagen in einem Dorf in der ungarischen Tiefebene nahe der rumänischen Grenze spielendeIm Roman werden zur geographischen Einordnung u. a. eine Abzweigung nach Elek und die Burgruine Széchenyi-Wenckheim in Póstelek genannt. (László Krasznahorkai: Satanstango. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main, 2025, S. 54, 156.). In dieser Region, in Gyula, vielleicht Vorbild der nicht namentlich genannten Romanstadt, wurde der Autor geboren und sozialisiert. und vom Doktor in seinem „magische[n] Beschreiben“László Krasznahorkai: Satanstango. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main, 2025, S. 310. Hinweis auf die metafiktionale Erzählweise des Autors. verfasste Handlung läuft vor dem Hintergrund der in den 1950er Jahren beginnenden Umstrukturierung der Agrarwirtschaft ab. Die meisten Personen des Romans sind direkt oder indirekt von der Schließung ihres unrentablen, landwirtschaftlichen Kombinats betroffen. Sie leben in einer Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit in baufälligen Häusern ihrer Siedlung, verdienen ihren Lebensunterhalt auf benachbarten Schaffarmen und ertränken ihren Kummer in János‘ Kneipe.

Mit dem plötzlichen Auftauchen ihres tot geglaubten, ehemaligen Kollegen und Chefs der Maschinenwerksatt Irimiás kehrt die Hoffnung auf ein Ende ihres ereignislos, monoton verlaufenden Alltags zurück. Er stellt ihnen sein Projekt der Sanierung eines Almássy-Gehöfts vor, warnt sie zwar vor der Gefahr eines Scheiterns, bringt aber durch seine geschickte Redestrategie seine Zuhörer dazu, ihn als Heilsbringer anzusehen und ihm ihr erspartes Geld für seinen „Kapitalbedarf“ aufzudrängen. Sie verlassen sofort ihre Wohnungen, zerstören das Mobiliar und ziehen mit ihrem Gepäck über verschlammte Wege zum Gehöft. Dort erkennen sie den Betrug, lassen sich aber von ihrem „Meister“ ein zweites Mal verführen. Er bringt sie vorübergehend, wie er ihnen suggeriert, als Arbeitskräfte, und zugleich als Spitzel seines Geheimdienstes, in verschiedenen Geschäften unter.

Der Roman ist in zwei Teile mit jeweils sechs Kapiteln aufgeteilt, wobei die zeitlich parallel spielenden Kapitel des ersten Teils mit aufsteigender Nummerierung versehen sind, die Kapitel im zweiten Teil mit absteigender.Filmemacher Béla Tarr zufolge soll dies die Schritte bei einem Tango widerspiegeln. Béla Tarr on Sátántangó at 30: The length of a movie all depends on what you want to say. I don’t care what is acceptable, 6 Januar 2026. https://www.bfi.org.uk/interviews/bela-tarr-satantango-werckmeister-harmonies Am Schluss beginnt der Doktor den Roman zu schreiben (II, 1: Der Kreis schließt sich).

Erster Teil

I. Die Nachricht, daß sie kommen Die „Siedler“ Futaki, Kráner und Schmidt verdienen nach der Schließung des landwirtschaftlichen Kombinats ihren Lebensunterhalt durch Arbeiten in einer benachbarten Schaffarm auf dem Salzfeld. Am ersten Tag der Handlung holen Schmidt und Kráner dort ihren Lohn für acht Monate ab und planen, nachts aus dem Dorf zu verschwinden und ihre sechzigtausend Forint in die Pacht eines Einödhofs zu investieren. Allerdings stoßen sie bei ihren Partnern auf Widerstand. Futaki und Frau Schmidt, seine Geliebte, wollen lieber dableiben und Schmidt versucht Futaki vergeblich zu überreden, ihm seinen Anteil für ein Jahr zu leihen. Inzwischen hat sich die Nachricht von der Rückkehr des verstorben geglaubten Irimiás herumgesprochen. Sie versprechen sich von ihm die Rettung aus ihrer Armut, schöpfen wieder Hoffnung für die Zukunft des Dorfes, verschieben ihren Plan und gehen in János‘ Kneipe, um bei Wein und Schnaps seine Ankunft zu erwarten.

II. Wir erstehen auf Im zweiten Kapitel werden Irimiás und Petrina in der Stadt wegen „gemeingefährlicher Arbeitsscheu“ von einem Geheimdienst-Offizier vorgeladen. Mit dem Verweis auf ihre Vergangenheit, für die sie „bekommen“ haben, „was [sie] verdient“ haben, d. h. sie waren offenbar in Haft, setzt sie der Hauptmann unter Druck, wieder für seine Behörde zu arbeiten. Er beschimpft sie als „dreckige Stromer“ und „Scheißer“ und fordert von ihnen die Anpassung an die „neue Lage“: Trotz innerem Frieden sei „die Lage außerhalb“ kritisch und man erwarte nach dem Gesetz „des Stärkeren […] Das des Landes. Das des Volkes“ von ihnen, dass sie für die Behörde arbeiten, wie sie es bereits früher getan haben. Obwohl sich Irimiás anfänglich wehrt, muss er schließlich einwilligen: „[W]ir sind Bürger, die das Gesetz respektieren. Wir wissen, was Pflichten bedeuten. Ich möchte Sie daran erinnern, wie oft wir das unter Beweis gestellt haben.“László Krasznahorkai: Satanstango. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main, 2025, S. 46. 47, 48. Die beiden gehen anschließend in eine Kneipe und drohen in ihrer Verärgerung über den Hauptmann, die ganze Stadt in die Luft zu sprengen. Dann wandert Irimiás mit Petrina zum Dorf: „Ich knöpfe denen das Geld ab, dann verpissen wir uns.“László Krasznahorkai: Satanstango. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main, 2025, S. 55.. Unterwegs werden sie vom Fuhrmann Kelemen zusammen mit dem Jungen Sanyi Horgos gesehen und die Nachricht von ihrer baldigen Ankunft verbreitet sich schnell in der Siedlung.

III. Etwas wissen Neben den Siedlern und dem arbeitslosen Direktor, dessen Schule mit dem Ende der Siedlung geschlossen wurde, blieb auch der Doktor im Dorf und wartet auf die Aufhebung seiner Suspension. Er ist Alkoholiker und die Bewohner haben ihr Vertrauen in seine medizinischen Kenntnisse verloren. Während er in einem Buch über die Geologie der ungarischen Tiefebene liest, kämpft er in psychisch-geistiger Verwirrung gegen das Chaos in und um ihn. Er sammelt von seinem Beobachterposten am Fenster Informationen über seine Nachbarn und legt Akten über sie an. Zugleich versucht er durch Organisationsmaximierungen in seinem Zimmer im Kleinen den Überblick zu behalten, indem er die Gegenstände (Streichholzschachtel, Schnapsglas), in einem von Tag zu Tag verfeinerten System, auf immer neue Plätze setzt, alles bis zur Erstarrung der Ordnung arrangiert und in seinem Tagebuch festhält. Im Großen hat er dagegen bereits die Kontrolle und den Blick für die Strukturen verloren: die Zimmer sind verschmutzt, die Wasserspülung funktioniert nicht und die Schäden werden nicht mehr repariert. Seine Einkäufe erledigt bis zu ihrer Kündigung Rozika Kráner. Jetzt muss er sich im Dauerregen selbst auf den Weg zur Kneipe machen, um die Alkohollieferungen mit dem Wirt zu besprechen. Er macht Station in der verlassenen Mühle, wo die die sich prostituierenden Schwestern Mari und Juli Horgos auf Kunden warten. Während in der Kneipe gezecht wird, stößt der Doktor vor dem Haus auf die hilfesuchende und Estike. Kurz treffen die beiden Vereinsamten aufeinander: der herumirrende Alkoholiker und das von ihrem Bruder enttäuschte Mädchen kurz vor ihrem Suizid. Anstatt die Kneipe zu betreten, sucht der Doktor den Weg zur Stadt, begegnet den ins Dorf zurückkehrenden Irimiás und Petrina, begleitet von Sanyi Horgos, und wird von Kelemen mit seinem Fuhrwerk aufgelesen und, wie aus dem letzten Kapitel hervorgeht, in eine Klinik gebracht.Nach drei Wochen kehrt er, mit Nahrungsmitteln, Schnaps und Medikamenten bis zum Frühjahr versorgt, ins verlassene Dorf zurück, glaubt die Bewohner in ihrem Winterschlaf, nagelt die Tür zu und beginnt aus seiner Erinnerung und Phantasie die Romanhandlung aufzuschreiben (Kap. II, 1: Der Kreis schließt sich)

IV. Das Werk der Spinne (1) Liegende Acht Der Einödbauer Kerekes und Lajos Halics zechen in Janós’ Dorfkneipe. Kelemen kommt dazu und berichtet von der Wiederkehr Irimiás’ und Petrinas. Nach und nach treffen die Siedler und ihre Frauen ein und warten auf die Ankunft der beiden. Während der Wirt die Folgen für sein Geschäft befürchtet, hofft Frau Schmidt auf die Wiederblebung ihrer Beziehung zu Irimiás und ihre Rettung aus dem Dorf.

V. Das Netz zerreißt Die in ihrer Entwicklung zurückgebliebene und von ihren Geschwistern und ihrer Mutter vernachlässigte Estike Horgos zieht sich in ihr Refugium im Dachraum des Hauses zurück. Sie denkt an den ihr versprochenen Geldbaum, den ihr Bruder Sanyi mit ihren Ersparnissen als Dung gepflanzt hat, und über den Tod nach. Sie quält ihre schwarze Katze, vergiftet sie mit Rattengift und geht mit der Leiche zum Geldbaum. Dort findet sie den Boden aufgewühlt. Ihr Geld ist verschwunden. Sanyi, den sie bisher als ihren Helfer angesehen hat, gibt den Betrug offen zu und spottet über die Dummheit der Schwester und das Rattengift in ihrer Tasche. Estike ist durch den Missbrauch ihres Vertrauens tief verletzt und irrt durch das Dorf zu den Ruinen des Weinkheimschen Schlosses. Dort schluckt sie das Rattengift. Nach der Beerdigung ihres Vaters hat ihr Sanyi die Ursache seines Todes verraten und sie hat begriffen, dass „der Tod, dieser einzige Weg zu den Engeln, nicht nur dem Willen Gottes entspringen, sondern auch frei gewählt werden kann“.László Krasznahorkai: Satanstango. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main, 2025, S. 134. Jetzt glaubt sie, „ihre Engel [seien] schon unterwegs, sie zu holen“.László Krasznahorkai: Satanstango. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main, 2025, S. 156.

VI. Das Werk der Spinne (2) Teufelszitzen, Satanstango In der Kneipe tauschen die Siedler ihre Meinungen über den Grund von Irimiás‘ Besuch aus. Die Erwartungen sind unterschiedlich. Der Wirt fürchtet die Veränderungen. Er hat Waren gehortet und verdient gut am Besäufnis der durch das ärmliche Leben frustrierten Siedler. Frau Halics dagegen holt ihre Bibel und spricht von „Auferstehung“. Frau Schmidt, die erotische Traumfrau der Männer im Dorf, hofft auf eine Wiederaufnahme der Beziehung und auf ihre Rettung aus der Eintönigkeit und Hoffnungslosigkeit. Futaki denkt, dass Irimiás für alle „die einmalige Chance sein würde“. Ohne ihn würden sie „weiter blind und hilflos, zusammengedrängt und einander anschnaubend umherstolpern wie Pferde vor dem Tod im Schlachthof. […] die bloße Hoffnung, Irimiás werde die Dinge in die Hand nehmen, sei mehr wert als alle gelegentlichen Möglichkeiten, denn Irimiás sei als einziger dazu imstande, zusammenzuhalten, was in ihren Händen auseinanderfalle.“ Denn das sei sicher, „die sich Woche für Woche, Monat für Monat wiederholenden Niederlagen, die plötzlich verglimmenden, immer wirreren Pläne und die ständig schrumpfende Hoffnung auf Befreiung bedeuten keine Gefahr“. Die eigentliche Gefahr scheine „unter der Erde hervor über sie zu kommen“. Aber „ihre Quelle“ sei „immer ungewiss“: „[A]uf einmal empfindet man die Stille als erschreckend, man rührt sich nicht, man hockt sich in die Ecke, wo man Schutz erhofft, das Kauen wird zur Qual, das schlucken zur Pein, dann fällt einem gar nicht mehr auf dass alles rundherum langsamer wird und der Raum immer enger, und in diesem Rückzug tritt schließlich das Furchtbarste ein: die Erstarrung.“László Krasznahorkai: Satanstango. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main, 2025, S. 158 ff. Durch den Alkohol angeheizt, steigern sich die Erwartungen zu Träumen von einer besseren Zukunft. Der Einödbauer Kerekes spielt mit der Tangoharmonika zum ausgelassenen Satanstango-Tanz auf.

Zweiter Teil

VI. Irimiás hält eine Rede