Die Sanmen-Bucht-Krise 1899 war eine Reihe diplomatischer Konfrontationen zwischen dem Königreich Italien und dem Qing-Reich um die Sanmen-Bucht sowie die angrenzenden Gebiete und Inseln. Sie gilt als der einzige Fall, in dem das Qing-Reich sich weigerte, einer europäischen Kolonialmacht eine Konzession zu gewähren.
Hintergrund
Erste Sino-Italienische Kontakte (1860–1878) In Shanghai lebten Angehörige verschiedener Nationen, darunter auch Italiener. Eine italienische politische Präsenz in China bestand jedoch erst seit den 1860er Jahren. Der erste italienische Staat, der in China ein Konsulat einrichtete, war das Königreich Sardinien-Piemont im Jahr 1860. In der Folge unterhielt dessen Nachfolgestaat, das Königreich Italien, in den darauffolgenden Jahrzehnten weiterhin diplomatische Beziehungen zur Qing-Dynastie.
Trotz der bestehenden Beziehungen zwischen beiden Staaten waren viele italienische Unternehmen unzufrieden und strebten eine Intensivierung der wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Italien und China an, um ihre Gewinne zu steigern. Aus diesem Grund unterzeichnete Italien, inspiriert vom sino-dänischen Vertrag von 1863, den sino-italienischen Vertrag von 1866.
Trotz der Ratifizierung des Vertrags erzielte das Königreich Italien jedoch nicht die erhofften Ergebnisse. Aufgrund der internationalen Schwäche Italiens konnten die Handels- und Einflussmöglichkeiten, die man sich 1866 vorgestellt hatte, nicht verwirklicht werden.
Es ist zudem hervorzuheben, dass Italien bis 1898 keine weiteren direkten Schritte unternahm, um seinen Einfluss in China auszuweiten. Dies lag unter anderem an mangelnden geographischen Kenntnissen der Region und an administrativen Schwierigkeiten innerhalb der italienischen Bürokratie.
Zunehmendes italienisches Interesse an China (1878–1898)
Die Einrichtung des ersten ständigen Konsulats in China Italien begann sich gegen Ende des Jahres 1878 ernsthaft für chinesische Angelegenheiten und für den „Wettlauf um China“ zu interessieren. Nach dem Aufstieg Japans infolge der Meiji-Restauration sah das italienische Außenministerium die Notwendigkeit, seine Beziehungen zu China und Japan getrennt zu behandeln (zuvor waren sie innerhalb desselben „diplomatischen Rahmens“ geführt worden).
In diesem Zusammenhang entsandte Italien den Konsul Ferdinando de Luca nach Shanghai, der als erster ständiger Konsul Italiens in China fungierte. Während seiner Amtszeit spielte Italien erstmals eine direkte Rolle in der chinesischen Politik, indem es etwa die Rechte der in China tätigen Jesuitenmissionare schützte und dabei auf die Unterstützung Frankreichs zählen konnte.
Das Peking-Syndikat und die britische Unterstützung Die italienischen Interessen entwickelten sich insbesondere nach dem Sturz der Regierung Crispi weiter, der auf die Niederlage bei Adua folgte. Die erste Regierung Pelloux sowie die zweite Regierung Pelloux förderten in erheblichem Maße italienische Initiativen und Interessen innerhalb des Qing-Reiches und unterstützten die Aktivitäten des britisch-italienisch finanzierten „Peking-Syndikats“
Das Peking-Syndikat wurde 1897 vom Ritter des Zivilverdienstorden von Savoyen Angelo Luzzatti sowie von Carlo Starabba di Rudinì gegründet, einem konservativen Politiker, der sich nach der „Ohrfeige von Tunis“ und der Schlacht von Adua entschieden gegen weitere koloniale „Abenteuer“ in Afrika aussprach.
Ziel des Syndikats war es, vom Qing-Reich Konzessionen zu erlangen, um vom Eisenbahnbau zu profitieren, eine lokale sino-anglo-italienische Bank zu gründen, ausbeutbare Ressourcen zu erschließen und eine Lieferkette aufzubauen, um, angesichts des gestiegenen Interesses der Qing an Rüstungsgütern, den Absatz von Waffen zu erhöhen.
Das Unternehmen erzielte anfängliche Erfolge dank Luzzattis enger Beziehungen zu Kien-chang, der in früheren Jahren eine bedeutende politische Karriere als Vertreter des Qing-Reiches in Korea gemacht hatte und zudem zu den leitenden Persönlichkeiten der „China Handels Gesellschaft“ gehörte. Kien-chang stand Li Hongzhang nahe und legte ihm Luzzattis Vorschlag persönlich vor, der auf dessen Interesse stieß. Die ambitionierten Pläne des Unternehmens wurden von Investoren aus dem Vereinigten Königreich unterstützt, die in der Expansion nach China eine gewinnbringende Gelegenheit sahen. Dazu gehörte auch Druck auf die italienische Regierung, eine Konzession in China anzustreben. Obwohl das Britische Empire dem Vorhaben mit Skepsis begegnete, unterstützte es Italiens Ansprüche in China teilweise unter der Voraussetzung, dass diese auf diplomatischem Wege verfolgt würden.
Der Sanmen-Bucht-Zwischenfall
Vorbereitungen Im Jahr 1898, nach der Übernahme des Pachtgebiets Kiautschou durch das Deutsche Reich, gewann Außenminister Felice Napoleone Canevaro Vertrauen in das Projekt des Peking-Syndikats. Er wies daher den italienischen Gesandten in Peking, Renato De Martino, an, entsprechende Initiativen vorzubereiten, um eine geeignete Bucht an der chinesischen Küste zu identifizieren und zu erwerben. Renato De Martino unterstützte die Initiative, insbesondere nachdem er ein weiteres einschneidendes Ereignis der späten Qing-Zeit miterlebt hatte, den Staatsstreich im Anschluss an die Hundert-Tage-Reform. In der Folge äußerte er die Ansicht, die Qing-Dynastie sei schwach und handlungsunfähig geworden; das Land werde gegenwärtig von „inkompetenten Schwachköpfen“ geführt. Auch Edoardo Incoronato, der Kapitän des italienischen Schiffes „Marco Polo“, unterstützte die Initiative. Er befürwortete insbesondere die Umwandlung der Sanmen-Bucht in eine Kohlestation unter direkter italienischer Kontrolle und äußerte die Ansicht, die Qing-Dynastie werde sich zwar anfänglich zögerlich zeigen, italienische Forderungen jedoch keinesfalls kategorisch zurückweisen.
Obwohl es breite Unterstützung gab, regten sich bereits vor der Einleitung konkreter Maßnahmen erste kritische Stimmen. So wies beispielsweise Giuseppe Salvago Raggi darauf hin, dass das Deutsche Reich, anders als Italien, auf eine intensivere Geschichte der Beziehungen zu China zurückblicken könne, über größeren Einfluss verfüge und seine eigene Operation über Jahre hinweg sorgfältig vorbereitet habe. Auch der Generalstab des Königlichen Heeres stand dem Vorhaben ablehnend gegenüber und warnte die Marine sowie das Außenministerium vor den Gefahren einer solchen Initiative.
De Martino beauftragte schließlich Incoronato damit, die Küstenregion zu untersuchen und einen geeigneten Ort für eine Kolonisierung zu ermitteln. Dabei wurden verschiedene Standorte geprüft. Schließlich entschied er sich für Sanmen und bemerkte:
Nachdem der geeignete Standort bestimmt worden war, bemühte sich Italien um die Unterstützung Frankreichs und ersuchte das Vereinigte Königreich erneut um eine Bestätigung seiner Rückendeckung. In einem Schreiben an Großbritannien legte Canevaro den ausgewählten Standort offen und schlug zudem die Einrichtung einer wirtschaftlichen Exklusivzone in der Provinz Zhejiang sowie den Bau einer Eisenbahnlinie vor, die von Sanmen bis zum Poyang-See führen sollte.
Großbritannien bestätigte seine diplomatische (nicht jedoch militärische) Unterstützung unter der Bedingung, dass Italien seine wirtschaftliche Exklusivzone nicht auf die Ufer des Jangtse ausdehne und dass sich die direkt von Italien kontrollierten Gebiete nicht über die Sanmen-Bucht hinaus erweiterten.
In der Folge erhielt Italien zudem die Zustimmung, wenn auch keine ausdrückliche Unterstützung, der Vereinigten Staaten und Japans, während es zugleich die offene Unterstützung des Deutschen Reiches erhielt.
Unterdessen forderten in der Abgeordnetenkammer verschiedene Mitglieder, darunter Carlo di Rudinì, ein sofortiges direktes Eingreifen gegen das Qing-Reich. Aufgrund der britischen Vorgaben hinsichtlich des Vorgehens gegenüber China, sowie der vorangegangenen Demütigungen in anderen Kolonien sprach sich Emilio Visconti Venosta jedoch gegen einen solchen Schritt aus. Er argumentierte, es liege nicht im Interesse Italiens, militärisch gegen die Qing-Dynastie vorzugehen.
Das italienische Gesuch an das Zongli Yamen Italien übermittelte seine Forderungen am 28. Februar 1899 durch seine Diplomaten an das Zongli Yamen, das Außenministerium der Qing-Dynastie und reichte auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin am 2. März 1899 zusätzlich eine schriftliche Fassung der Forderungen ein.
Aufgrund von Viscontis Ablehnung eines militärischen Vorgehens gegen die Qing-Dynastie war das gemeinsam mit der italienischen diplomatischen Mission entsandte Militärpersonal zahlenmäßig begrenzt und erhielt hauptsächlich den Auftrag, die italienischen Staatsangehörigen beim Gang zum Zongli Yamen zu schützen.
Dies hatte zur Folge, dass zum Zeitpunkt der Übermittlung der Forderungen an die Behörden des Qing-Reiches lediglich einige wenige Schiffe, Matrosen und Soldaten entsandt worden waren.
Das am 2. März übermittelte Schreiben wurde der italienischen Delegation später mit einer kühlen und direkten Zurückweisung zurückgesandt. Dem abgelehnten Vorschlag war zudem eine kurze Mitteilung beigefügt, in der es hieß, man sei „nach reiflicher Überlegung“ zu der Überzeugung gelangt, dass eine wahrheitsgemäße Darlegung der eigenen Einschätzung des Vorschlags die Beziehungen zwischen den beiden Staaten beeinträchtigen würde. Besonders demütigend für Italien war der Umstand, dass sich das zurückgewiesene Schreiben bei seiner Rückgabe noch immer im verschlossenen Umschlag befand, was den Eindruck erweckte, die chinesischen Beamten hätten sich nicht einmal die Mühe gemacht, es zu lesen.
De Martino reagierte erzürnt und wandte sich wegen des Vorfalls an seinen britischen Amtskollegen MacDonald. Anschließend erstattete er den italienischen Stellen Bericht, darunter auch Incoronato, der De Martino dafür tadelte, den britischen Behörden sämtliche Einzelheiten mitgeteilt zu haben, da er dies als schwerwiegende nationale Blamage betrachtete.
Unterdessen hatte in China eine offizielle Kampagne der Verhöhnung eingesetzt: Es kursierten Gerüchte, der italienische Diplomat sei während seines ersten persönlichen Besuchs mitten in den Verhandlungen allein im Besprechungsraum zurückgelassen worden. Zugleich wurde Italien als „rückständige Nation“ verspottet.
De Martino erklärte, verärgert über die ihm und Italien zugefügte Demütigung, ein derartiger Affront könne einen Kriegsgrund darstellen und ein militärisches Eingreifen gegen das Qing-Reich rechtfertigen; damit stellte er sich ausdrücklich gegen Venostas diplomatischen Ansatz.
Die italienische Regierung stimmte dieser Einschätzung zu und erkundigte sich bei ihm, ob ausreichend Truppen und Ausrüstung vorhanden seien, um einen Krieg gegen die Qing-Dynastie führen zu können. Nach Rücksprache mit dem in Peking stationierten italienischen Kommando bestätigte De Martino, dass ein militärisches Vorgehen gegen das Qing-Reich grundsätzlich möglich sei.
Das Ultimatum Am 8. März 1899 um 12:30 Uhr ermächtigte Canevaro De Martino, der Qing-Dynastie ein viertägiges Ultimatum zu übermitteln.
Kurz nach Absendung des entsprechenden Telegramms sah sich Canevaro jedoch mit unmittelbarem Widerstand konfrontiert: Sowohl in der Abgeordnetenkammer als auch im britischen diplomatischen Korps in Italien regte sich erhebliche Kritik. Ein beträchtlicher Teil der Abgeordneten wie auch der britischen Vertreter drängte ihn, entweder Italien nicht weiter zu kompromittieren oder nicht als Aggressor aufzutreten.
Nachdem Canevaro seine Haltung geändert hatte, sandte er um 16:20 Uhr ein weiteres Telegramm, in dem er anwies, sein vorheriges Telegramm zu ignorieren und die Angelegenheit weiterhin auf diplomatischem Wege zu verfolgen.
Offenbar traf jedoch das zweite Telegramm vor dem ersten ein, wodurch dessen Inhalt rechtlich gegenstandslos wurde. De Martino wiederum ignorierte die Anweisungen des zweiten Telegramms bewusst aus eigenem Entschluss.