mini|hochkant=0.8|Paul Hollender Paul (Gerhard) Hollender (* 30. Juni 1883 in Krefeld; † 28. September 1950 in Kapstadt) war ein deutscher Rauchwarenkaufmann. In der Pelzbranche galt er als „eine der größten Persönlichkeiten“ des Pelzgewerbes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.In: The Fur Record, Ausgaben 335–341, 1957. Abgerufen am 14. Februar 2026.
Biografie Herkunft und Ausbildung Paul Hollenders Eltern waren Walther Friedrich Hollender und Bertha Marie geb. Junkers, eine Unternehmerfamilie, die seit mehreren Generationen die Pelzseidenweberei G. Hollender Söhne betrieb.Paul Gerhard Hollender. www.ancestry.com, abgerufen am 28. Januar 2026. Sie hatten zwei Söhne, der ältere war Paul Hollender. Zeitlebens blieb er als Gesellschafter beteiligt. Ursprünglich war vorgesehen, dass er dieses Familienunternehmen übernehmen sollte.
Im Jahr 1907 heiratete er die aus einer alten Leipziger Pelzhändlerfamilie Thorer stammende Ella Maria (* 1884; † 1950). Auf Drängen seines Schwiegervaters Paul Thorer trat er am 12. Juli 1907 als Teilhaber in dessen Unternehmen ein.. geneanet.org, abgerufen am 21. Januar 2026 (französisch).Otto Nauen: In Memoriam Dr. h. c. Paul Hollender. (zur Gedenkfeier in der Aula der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt am Main am 15. November 1950) Frankfurt am Main 1950, S. 8. Die beiden Söhne Thorers starben vor ihrem Vater.
Tätigkeit bis zum Ersten Weltkrieg mini|Besuch von König Friedrich August von Sachsen bei Thorer am 20. Februar 1908. Rechts hinter ihm Paul Hollender. Hollenders Einstieg fiel in die Phase in der Leipzigs Rauchwarenhandel besondere internationale Bedeutung erlangte. Paul Thorer nahm ihn frühzeitig auf seine Einkaufsreisen mit, unter anderem nach Nischni Nowgorod, entsandte ihn nach Buchara und übertrug ihm die Vertretung an den wichtigsten internationalen Handelsplätzen. In wenigen Jahren entwickelte sich Hollender zu einem Junior-Geschäftspartner, der schnell in der Pelzbranche Beachtung fand.
Zwischenkriegszeit Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) setzte sich Paul Hollender für eine Zusammenarbeit Deutschlands mit dem jetzt kommunistischen Russland ein, das seine Waren anderen Weltmärkten bereits zuführte. Er gehörte zu den ersten Leipziger Händlern die nach dem Krieg nach Moskau fuhren und er initiierte den Absatz russischer Rauchwaren durch Versteigerungen.
Im Jahr 1930 fand in Leipzig die Internationale Pelzfachausstellung (IPA) statt, die wohl bisher weltweit aufwändigste Selbstdarstellung der Pelzbranche. Paul Hollender, „der Schöpfer der Ausstellung“, hatte als Vorsitzender des vorbereitenden Ausschusses bereits im Vorfeld die Hauptlast der Organisation der IPA übernommen. Zwei Jahre lang war er, mit vielen Reisen, beständig in Kontakt mit Behörden und internationalen Firmen, um sie für dieses Projekt zu überzeugen und es vorzubereiten. Es gelang ihm, die Sowjetunion zu einer „besonders glänzenden Beteiligung“ zu gewinnen. Gleichzeitig fand in Leipzig der maßgeblich von ihm ausgerichtete Welt-Pelz-Kongress statt, auf dem Hollender zum ersten Präsidenten des neu gegründeten Internationalen Verbandes der Pelzindustrien, der Fédération Internationale de le Fourrure, Sitz Leipzig, gewählt wurde.Tagesordnung Weltpelzkongress, erste Seiten. Er galt als hervorragender Redner, die Leitung und Repräsentation lag in seinen Händen, von der Begrüßung der Ehrengäste der internationalen Teilnehmer oder des Welt-Pelz-Kongresses und allen begleitenden Verhandlungen und Veranstaltungen, bis zur Abschiedsrede zur Schlussfeier im Deutschlandsaal der Meisterhalle. Der Medailleur Bruno Eyermann schuf zu diesem Anlass eine Bronzemedaille mit dem Fuchsemblem der IPA sowie einem Bildnis Paul Hollenders.Bild der IPA-Medaille mit dem Porträt Paul Hollender. Abgerufen am 28. Januar 2026.
Im Jahr 1925 wurde die New Yorker Zweigstelle in Thorer & Hollender Inc. umbenannt, 1932 folgte in Leipzig die Gründung der Tochtergesellschaft Thorer & Hollender für den Vertrieb von Fuchsfellen.Theodor Thorer: 325 Jahre Familie Thorer. 75 Jahre Theodor Thorer. Leipzig 1937, S. 150.Thorer & Hollender (Hrsg.): 350 Jahre Thorer. Frankfurt am Main 1962, S. 125, Nachfahrentafel S. 133.
Über Paul Hollender als der Mitinhaber von Theodor Thorer wie Thorer & Co. waren die Thorer’schen Unternehmen in der örtlichen Handelskammer und im Vorstand der Gesellschaft der Freunde der Handelshochschule Leipzig (HHL) vertreten. Im Jahr 1932 wurde Hollender schwedischer Generalkonsul.
In den wirtschaftlich schwierigen 1930er Jahren setzte er sich auf internationaler Ebene für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Pelzwirtschaft ein, unter anderem bei (letztlich erfolglosen) Verhandlungen in London über britische Importzölle.O. N. [Otto Nauen]: Unsere Absatzorganisation. In: 325 Jahre Familie Thorer – 75 Jahre Theodor Thorer. Firma Thorer, Leipzig, Frühjahr 1927, S. 153.
Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verlor Hollender aufgrund „der Ablehnung seiner Person durch die verantwortlichen Stellen“ seine führenden Ämter innerhalb der deutschen Pelzwirtschaft. Die Reichszentrale für Pelztier- und Rauchwarenforschung, deren Anbindung an die Universität Leipzig Hollender unterstützt hatte, blieb zwar unabhängig, verlor jedoch ihre Bedeutung.
Trotzdem blieb Hollender über seine Unternehmertätigkeit hinaus fachlich aktiv, 1937 hielt er in Leipzig einen Lichtbildvortrag über seine Reise nach Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Im selben Jahr erhielt Hollender, der auch Ehrensenator der Handelshochschule Leipzig war, von der Schule die Ehrendoktorwürde verliehen. Zudem wurde eine „Theodor-Thorer-Stiftung“ zu Gunsten von Studierenden eingerichtet.Zur Geschichte der Gesellschaft der Freunde der Handelshochschule Leipzig. Gesellschaft der Freunde der Handelshochschule Leipzig e. V., abgerufen am 23. Januar 2025.
Die Verdrängung jüdischer Händler ab 1933 führte zu einem massiven Bedeutungsverlust des Leipziger Rauchwarenhandels. Ihre geschäftlichen Verbindungen nahmen die Emigranten mit nach England oder in die USA, wo sie neue Unternehmen aufbauten. Typisch für das Pelzhandelszentrum des Leipziger Brühl war trotzdem nicht die Arisierung, sondern die Liquidation der jüdischen Betriebe ohne Übergabe an einen Nachfolger, was den Niedergang beschleunigte. Der Reichsverband der deutschen Rauchwarenfirmen ermittelte seinerzeit, dass bis Ende 1936 insgesamt 113 Rauchwarengroßhandelsfirmen teils nach London, teils nach Paris, Prag, Mailand oder Brüssel abgewandert waren.Karl-Heinz Ehler: Die Entwicklung des Leipziger Rauchwarengroßhandels seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Dissertation der Handels-Hochschule Leipzig, 1938. S. 148. Primärquelle Der Rauchwarenmarkt Nr. 1, 3. Januar 1936: Neujahrsgruß an den Brühl. In der Fachpresse erschien 1939 eine Liste noch bestehender Rauchwarenhandlungen mit 342 Unternehmen, das waren 452 weniger als 1929. Das Minus entsprach der Anzahl der früher existierenden jüdischen Firmen (360), die „Arisierung“ einiger weniger größerer Firmen wurde statistisch ausgeglichen durch die Aufgabe einiger kleinerer Betriebe.Walter Fellmann: Der Leipziger Brühl. VEB Fachbuchverlag, Leipzig 1989, ISBN 3-343-00506-1, S. 174. Robrecht Declercq stellte rückblickend fest, dass das Unternehmen Theodor Thorer damit das größte Unternehmen am Leipziger Brühl und das einzige von internationaler Bedeutung geworden war. Er sah darin die Ursache für den erfolgten Zusammenschluss kleinerer und mittlerer Firmen in der RIAG (Rauchwaren-Import-Actiengesellschaft), um mit Thorer konkurrieren zu können: „Bei allem Respekt vor der Person von Herrn Hollender und seinen Verdiensten um die Pelzindustrie wird die überragende Stellung seines Unternehmens von allen anderen Händlern als unangenehm empfunden“.Robrecht Declercq: The Leipzig Fur Industry as an Industrial District - Collective Action, Lead Firms and World Market Transformation (1870-1939). 11. Februar 2015, S. 115 (englisch). Abgerufen am 1. Februar 2026.
Im Jahr 1935 reiste eine Studienkommission der Kürschner und Rauchwarenhändler in die USA, um im New Yorker Pelzviertel die dortigen Geschäftspraktiken kennenzulernen. Über den mitreisenden Paul Hollender vermerkte Philipp Manes:
Über seine Reisen zur Pelzmesse in Nischni Nowgorod berichtete Hollender, dass der Hauptzweck der Einkauf von bucharischen Persianerfellen war, ein Hauptartikel der Firma, obwohl das Unternehmen zuletzt auch direkt in den Ursprungsländern einkaufte. Überhaupt waren die Lammfelle des Karakulschafes ein Hauptartikel des Leipziger Pelzmarktes. Leipzig war vor 1937 in wenigen Jahrzehnten zum Mittelpunkt und Umschlagplatz für diesen Artikel geworden.P. H. [Paul Hollender]: Unsere Hauptversorgungsgebiete. 1. Russland und Afghanistan. In: 325 Jahre Familie Thorer - 75 Jahre Theodor Thorer, Leipzig 1937, S. 108–109. Eine der letzten bedeutenden Aktionen des Brühl war die Einkaufsreise von Paul Hollender, Walther Kranich und Richard Pohl in die Sowjetunion. Der größere Teil des erheblichen Einkaufs erreichte wegen des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion ihre Empfänger nicht mehr.Walter Fellmann: Der Leipziger Brühl. VEB Fachbuchverlag, Leipzig 1989, ISBN 3-343-00506-1, S. 174.
Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit Im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) fielen drei Söhne der Gesellschafter, alle Anwärter als Mitglieder des Firmenimperiums Thorer. Hollenders Schwager und Partner Arndt Thorer († 9. Juni 1937) starb vorzeitig an den Folgen des Ersten Weltkriegs. Im Jahr 1920 war Paul Thorer gestorben und es galt nach den durch den Ersten Weltkrieg verursachten Verluste und Rückschläge das Haus Thorer neu aufzubauen. Vor allem waren die russischen und asiatischen Niederlassungen verloren gegangen sowie große Werte in den Ländern der Siegermächte.
Paul Hollender, letzter Seniorchef und Gesellschafter des Pelzveredlungsbetriebs Firma Thorer & Co., war nach Ende des Zweiten Weltkriegs zum ersten Berater der Militärregierung berufen worden. Es hieß von Seiten der Firma, „in verständnisvoller Zusammenarbeit mit den leitenden Herren konnte er manches Unsinnige verhüten, manches Nützliche veranlassen“. Er hoffte anfangs, wie andere Firmen- und Branchenmitglieder auch, dass sich die nach dem Krieg darniederliegende Leipziger Pelzwirtschaft wieder erholen würde. Das bewahrheitete sich nicht, der Mitgesellschafter Herbert Schönburg († 1957) leitete das Unternehmen nur noch kurze Zeit, er wurde in der jetzt Sowjetischen Besatzungszone für einige Monate inhaftiert und die seit 63 Jahren in Leipzig bestehende Fabrik am 30. Juni 1946 enteignet.
Da sich in der Bundesrepublik in Frankfurt am Main ein neues Pelzhandelszentrum bildete, errichtete Hollender zusammen mit Otto Nauen für die Firma Thorer & Co. einen neuen Veredlungsbetrieb im benachbarten Offenbach, Mühlheimer Straße 325, einem leerstehenden Fabrikgebäude einer ehemaligen Reptiliengerberei.Kapitel: Die Fabrik in Leipzig muss aufgegeben werden.; Ein neues Beginnen.; In Memoriam Herbert Schönburg und Rudolph Sack. In: 1883–1958 – 75 Jahre Thorerfarbe.Jubiläumsschrift der Firma Thorer & Co., Januar 1985, ohne Seitennummerierung. Die Mehrzahl der qualifizierten Mitarbeiter folgte im Lauf der Jahre 1946 bis 1949.