Das Tafelgemälde „Das ungleiche Paar“ wurde um 1530 von Lukas Cranach dem Älteren in Wittenberg angefertigt. Dargestellt ist ein umschlungenes Paar, bestehend aus einem alten Greis und einer jungen Frau.
Es handelt sich um eine Ölmalerei auf Lindenholz, von 86,7 cm Höhe und 58,5 cm Breite. Das Werk wird aktuell im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg in der Sammlung „Gemälde bis 1800“ ausgestellt, als Leihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen / Wittelsbacher Ausgleichsfonds.
Werkbeschreibung Im Mittel- und Vordergrund des Werks befindet sich ein umschlungenes Paar, ein Mann und eine Frau, bis oberhalb der Oberschenkel dargestellt. Die Frau, rechts, ist jung und attraktiv. Sie besitzt einen blassen Teint mit rosigen Wangen und ihr rötlich-blondes Haar ist in einer ebenfalls rötlichen, mit Edelsteinen bestickten Haube hochgesteckt. Sie trägt ein rotes Kleid mit Blumenmuster auf den Ärmeln, Schultern und dem Bustier. An den Ellenbogen tritt weißer Stoff hervor, der von schwarzen Fäden gehalten wird, ebenso an der Taille. Das Kleid wird von geflochtenen Strängen gehalten. Zusätzlich trägt sie am Kragen eine breite Halskette aus Metall mit Gravuren und Edelsteinen. Ihre linke Hand ist mit der des Mannes verschränkt, die rechte liegt auf seinen Schultern. Ihr Kopf ist in die Richtung ihres Partners geneigt, doch das Gesicht hat sie dem Publikum zugewandt. Ihre Augen sind leicht zusammen gekniffen und sie lächelt verschmitzt.
Der Mann, links, ist von sichtbar höherem Alter als die Frau. Er hat ein faltiges Gesicht, besonders um seine blauen Augen herum, und ergrautes, lockiges Haar. Dieses beginnt auf dem Kopf bereits auszudünnen, sein Bart wächst ihm bis auf Achselhöhe und ist voll und dicht, einschließlich eines Schnurrbarts. Er trägt einen dicken, braunen Mantel mit ebenfalls braunem Pelzkragen. Er steht ein wenig gebuckelt, sein Kopf und Gesicht seiner Partnerin zugewandt. Sein Rücken ist schon nicht mehr ganz auf dem Bild zu sehen. Er trägt einen fast schon andächtigen Gesichtsausdruck, während er seine jüngere Partnerin anlächelt, wobei er einen einzelnen Zahn zeigt. Seine linke Hand hat er um den Rücken der Frau gelegt, die rechte ist mit ihrer verschränkt.
Sie befinden sich nicht in der Bildmitte, sondern sind stattdessen leicht nach links verschoben; rechts von der Frau bleibt der Raum leer. Der Hintergrund besteht aus braunen, senkrechten Holzpaneelen. In der rechten oberen Ecke ist ein Teil eines Fensters zu sehen, ohne erkennbaren Rahmen. Der Blick fällt in die Natur, dargestellt sind zwei Laubbäume; der eine karg und mager, der andere buschig und voller Blätter. Zu ihren Wurzeln sind weitere Sträucher erkennbar, ansonsten stehen die Bäume vor wolkenlosem Himmel und einem weiter entfernten Ufer. Die Aussicht ist in Teilen von der Frau verdeckt, aber dennoch gut erkennbar.
Deutung/Interpretation Der Mann und die Frau sind ein Paar, doch während er ganz auf seine junge Partnerin fixiert ist, hat diese womöglich Hintergedanken. Sie lächelt schelmisch in die Richtung des Betrachters, als würde sie ihn in ein Geheimnis einweihen wollen. Ihr Partner hat währenddessen nur Augen für ihr Antlitz.
Die beiden Bäume im Hintergrund unterscheiden sich stark im Aussehen, weshalb man dies als Spiegelung des Paares deuten könnte, wobei ein Partner sich in der Fülle des Lebens befindet, während der andere bereits kargt und welkt. Dass die Natur so in die Darstellung und das Narrativ mit einbezogen wird, drückt Cranachs „Lust an der Natur“ aus, die in seinen Werken zwischen 1518 und 1532 typisch ist.
Im Sinne des Humanismus nutzt Cranach das Gemälde als Ausdruck eines moralischen Ideals, das als „abschreckendes Beispiel“ dienen soll. Die zu dieser Zeit beliebten humanistischen Tugendallegorien sollten unter anderem eine erzieherische Funktion für den Betrachter haben und die öffentliche Meinung beeinflussen.
Typus des ungleichen Paares Das Thema des ungleichen Paares ist ein populäres Bildmotiv, das sich nach 1500 im europäischen Raum verbreitet; Cranach selbst malt über 40 Variationen. Die meisten Darstellungen zeigen einen alten Mann und eine junge Frau, doch auch umgekehrt gibt es Ausführungen.
Erste Exemplare der „Ungleiche[n] Liebespaare“ entstehen als Druckgraphiken Ende des 15. Jahrhunderts. Sie beschäftigen sich mit dem Thema der kaufbaren Liebe. Cranachs Werkstatt war es, die das Thema weiterentwickelte und ab 1520 in die Tafelmalerei übertrug. Aspekten wie dem Altersunterschied oder dem unterschiedlichen gesellschaftlichen Stand wurde nun visuell mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Diese Gegensätzlichkeiten werden über die 40 Werke Cranachs immer ausgeprägter. Besonders das Gesicht des älteren Partners wird immer grotesker, der Gesichtsausdruck verzerrter. Ein Merkmal dabei ist die überspitzt lange und gehakte Nase, was in damaliger Bildersprache als „Zeichen der Lüsternheit“ gelesen wurde.
Die Darstellung des „Verliebten Alten“ ist eine allegorische, sittenbildliche Darstellung, d. h. die Bilder gelten nicht nur dem Ausdruck ästhetischer, sondern auch moralischer Werte. Es ist die „karikierende Darstellung“ einer Partnerschaft mit Altersunterschied, die je nach Exemplar mehr oder weniger grotesk ausgeführt wird. Unabhängig von Geschlecht werden die Alten vor „Liebestorheit“ gewarnt. „Liebesverlangen im Greisenalter“ war und ist ein beliebtes Thema im Moraldiskurs und wird auch in der bildenden Kunst häufig aufgegriffen. Dabei gelten die Darstellungen größtenteils als mahnende Spottbilder. Der alte Mensch gilt als Sinnbild der „Vergänglichkeit des Irdischen“ und wird grotesk dargestellt. Ehepaare mit beachtlichem Altersunterschied oder die Wiedervermählung von Witwen und Witwern sind zwar kirchlich erlaubt, werden im sozialen Umfeld der frühen Neuzeit aber verspottet. Eine „gesunde“ Ehe soll nach damaligen Vorstellungen aus zwei jungen Partnern bestehen, die in der Lage sind Kinder zu bekommen, und so einen Beitrag zur Gesellschaft leisten.
Als Cranach d.Ä. zu einem der beliebtesten Maler seiner Zeit wurde, lies er einige der erfolgreichsten Motive mehrfach wiederholen, was die vielen Exemplare des ungleichen Paares erklärt. In Cranachs Werkstatt war es bei häufig wiederholten Motiven üblich, dass einzelne Werke Themenvariationen aufwiesen. Die Version im Germanischen Nationalmuseum, sowie ihre Kopien, scheint eine der einzigen Bildfindungen zu sein, die einen detailreicheren Hintergrund aufweist.
Obwohl Cranachs Interpretationen der ungleichen Paare allesamt als Kritik des älteren Gegenparts wirken sollen, gibt es doch Unterschiede in der Darstellung der Greise je nach Geschlecht. Während die jungen Frauen ihren älteren Partnern gegenüber ein verstohlenes, schelmisches Verhalten zeigen, entlohnt die alte Frau den Jüngling bereitwillig. Viele, vor allem frühere, Interpretationen zeigen, wie die jungen Frauen in Richtung von Geldtaschen langen, während die Greise an die Brust der Frauen greifen. Gegensätze werden genutzt, um moralische Wertigkeiten zu konfrontieren. Diese Frauen tragen kostbare, in einigen Fällen freizügige, Kleidung und Schmuck. Manche Forscherinnen und Forscher sehen im Lächeln der Partnerinnen einen Ausdruck der „Macht der Frauen über die Männer“.
Stilistische Merkmale Das Gemälde wurde, wie viele aus Cranachs Werkstatt stammende Werke, auf einer geglätteten Lindenholz-Paneele gemalt, ein weit verbreitetes Material bei europäischen Künstlern. Oft wurde auf die Paneelen als erste Grundierung eine weiße Schicht aus Leim und Kreide aufgetragen, was man bei diesem Gemälde an eineigen Stellen erkennen kann, insbesondere am hinter dem Rahmen verborgenen Rand.
An den Ärmeln und den Trägern des Kleides der Frau, sowie ihrer Halskette, sind die erleuchtendsten Stellen durch helle, gestrichelte Linien dargestellt, was ein Beispiel der feinen, detailreichen Arbeit Cranachs ist. In den Ellenbogen des Kleides hat der Stoff eine „knittrige“ Struktur, was typisch für die Faltengebung des Malers zu dieser Zeit ist. Weiterhin kann man in Cranachs Werken eine „Übertreibung der menschlichen Gliedmaßen“ erkennen, was sich in diesem in der körperlichen Differenzierung zwischen Alt und Jung oder Männlich und Weiblich äußert. Ebenfalls typisch ist die leicht „gezwungene Fingerhaltung“.
Ab 1525 erarbeitet Cranach eine Art Idealtypus höfischer jungen Damen. Diese „Idealbildnisse“ haben nicht den Zweck eine reale Person und ihre Charakteristika darzustellen, sondern werden auf ihren „ästhetische Repräsentation“ reduziert und sind so ideale Trägerinnen für die Botschaften eines Bildes. Der Frauentypus, den Cranach in den Jahren zwischen 1518 und 1532 entwickelt, spiegelt sich auch in diesem Gemälde wieder. Dazu gehören breitere Schädel mit einer gewölbten und höheren Stirn, einer stumpfe Nasenkuppe und spitzen Zügen, wie schmale, lange, etwas schräg gestellte Augen. Oft halten diese jungen Frauen ihre Köpfe seitlich geneigt und blicken dem Betrachter schräg aus dem Augenwinkel entgegen, wobei sie ein leichtes, schelmisches Lächeln tragen. Weiterhin tragen die junge Frauen häufig einen „rosigen Hauch auf ihren Wangen“.
Obwohl der stärkeren physischen Präsenz des Mannes, überschattet er die junge Frau nicht. Das liegt an der Komposition Cranachs, die den Greis teilweise außerhalb des Rahmens positioniert und neben der Frau ein Stück Platz frei lässt, was eine Ausgewogenheit im Gemälde schafft.
Auf dem ganzen Gemälde scheint ein goldgelber Schimmer zu liegen, doch ob das an einem göldlichen Gesamtton liegt, den Cranach öfter seinen Gemälden gab, oder einem leicht vergilbten Firniss, ist schwer zu sagen. Die Farben des Werks sind dennoch leuchtend und gut erhalten.
Provenienz Das Gemälde ist um 1530 in Cranachs Werkstatt entstanden, der zu dieser Zeit als Dienstmaler in der Residenzstadt Wittenberg angestellt war. Aufgrund des Prozesses der Arbeitsteilung in der Werkstatt Cranachs gibt es teilweise Schwierigkeiten bei der eindeutigen Zuordnung von Gemälden. Zwischen Werken von Cranach d.Ä. und anderen Malern in seiner Werkstatt lässt sich zumindest in Material und Technik oft kein Unterschied feststellen, eher in Qualität und Können. Der allgemeine Konsens besteht darin, die ursprünglichen Bildmotive und die hochwertigsten Werke dem Meister selbst zuzuordnen. Die übliche Signatur Cranachs besteht aus L.C. oder einer geflügelten Schlangen-Form; auf diesem Werk ist jedoch offenbar keine zu erkennen.
Das Gemälde wurde im Jahr 1828 aus der Sammlung des Fürsten von Oettingen-Wallerstein für die Sammlung von König Ludwig I. von Bayern erworben. Seit 1882 befindet es sich im Germanischen Nationalmuseum unter der Inventarnummer Gm218, wo es neben anderen Werken Cranachs ausgestellt ist.
Literatur
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