Die Probenidentifizierung, auch Probenidentifikation, beschreibt in der Medizin den Prozess der Sicherstellung der Probenidentität. Ziel ist es, dass eine entnommene Probe während des gesamten diagnostischen und analytischen Prozesses eindeutig der Person zugeordnet werden kann, von der sie stammt.

Besondere Bedeutung hat dies in Bereichen, in denen Manipulationsversuche besonders zu erwarten sind, etwa in der Drogenanalytik (siehe auch Drogentest). Hier kann durch die Abgabe von Fremdurin oder synthetischem Urin versucht werden, Drogenfreiheit bzw. Abstinenz vorzutäuschen.

Häufig wird solchen Manipulationsversuchen durch eine Sichtkontrolle während der Urinabgabe begegnet, bei der eine Aufsichtsperson den Vorgang durch direkten Blick auf das Genital überwacht. Diese Vorgehensweise wurde im Juli 2022 vom Bundesverfassungsgericht als schwerwiegender Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen beurteilt.Bundesverfassungsgericht, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 22. Juli 2022 – 2 BvR 1630/21, https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2022/07/rk20220722_2bvr163021.html

Probenidentität Das Aktionsbündnis Patientensicherheit betont in seinen Handlungsempfehlungen zur sicheren Patientenidentifikation:Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (Hrsg.). (2008). Handlungsempfehlungen zur sicheren Patientenidentifikation. Berlin: APS. Verfügbar unter: https://www.aps-ev.de/wp-content/uploads/2024/08/08-03-03_PID_Empfehlung_final_0.pdf "Nur wenn der richtige Patient die richtige, für ihn optimale Behandlung erfährt, kann die medizinische Versorgung erfolgreich sein. Voraussetzung hierfür ist, dass jeder Patient zu jedem Zeitpunkt der Versorgung sicher identifiziert werden kann."Ein wesentlicher Teil dieses Prozesses ist die sichere Identifikation und Zuordnung von Proben, die von diesen Patienten gewonnen wurden. Probengefäße sollen bereits vor der Probennahme eindeutig gekennzeichnet werden und unmittelbar vor der Probenentnahme mit der Identität des Patienten abgeglichen werden, um eine spätere Zuordnung sicherzustellen.

Probenidentität in der Medizin allgemein In der medizinischen Diagnostik (siehe auch Diagnose) kann in der Regel davon ausgegangen werden, dass Behandelnde (z. B. Ärzte) und Behandelte dasselbe Ziel verfolgen: zuverlässige diagnostische Ergebnisse, die zur Beantwortung medizinischer Fragestellungen und damit zur Linderung bzw. Heilung von Krankheiten beitragen. Es liegt im Interesse der behandelten Person, Fehlbehandlungen durch falsch identifizierte Proben zu vermeiden. Probenidentität in der Suchtbehandlung Der DAK Psychreport 2024DAK-Gesundheit (2024). Psychreport 2024. Analyse der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen. Zugriff 23.04.2026 stellt fest, dass Diagnosen im Spektrum F10-F19 im Jahr 2023 für 3,4 % der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen verantwortlich waren. Dabei stellt sich in der Behandlung von Suchterkrankungen (siehe auch Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen) gem. ICD-10 Code F10-F19 die Situation jedoch komplexer dar.

In der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen ist die Testung von Körperflüssigkeiten auf Konsum von Missbrauchssubstanzen ein anerkanntes Werkzeug für die Beurteilung des Therapieverlaufs. Hierbei steht das Therapieziel der Erreichung und Erhaltung von Abstinenz im Vordergrund. Es ist anerkannt, dass der Rückfall zum chronischen Krankheitsgeschehen abhängigkeitskranker Menschen gehört.Vereinbarungen im Suchtbereich, Gemeinsames Rahmenkonzept der deutschen Rentenversicherung und der Gesetzlichen Krankenversicherung, 2. Auflage 8/201 https://www.deutsche-rentenversicherung.de/SharedDocs/Downloads/DE/Experten/infos_reha_einrichtungen/konzepte_systemfragen/konzepte/vereinbarungen_im_suchtbereich.pdf?__blob=publicationFile&v=1, https://doi.org/10.1024/2009.02.11

Die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zu Untersuchungs- und Behandlungsmethoden der vertragsärztlichen Versorgung weist mit Stand Oktober 2022 hierbei besonders auf die Therapieziele Sicherstellung des Überlebens, Reduktion des Konsums unerlaubt erworbener oder erlangter Opioide sowie weiterer Suchtmittel, Abstinenz von unerlaubt erworbenen und erlangten Opioiden und im Weiteren auf die Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität hin. Zur Erreichung dieser Ziele haben entsprechende Therapiekonzepte Verlaufs- und Ergebniskontrollen einschließlich unangekündigter Beigebrauchskontrollen zu beinhalten.Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zu Untersuchungs- und Behandlungsmethoden der vertragsärztlichen Versorgung (Richtlinie Methoden vertragsärztliche Versorgung), zuletzt geändert am 20. Oktober 2022 , S. 11–13

Kontrolle der Probengewinnung Die Probengewinnung für Drogenkontrollen erfolgt auf unterschiedliche Weise. Kapillarblut wird beispielsweise durch einen kleinen Einstich in die Fingerbeere oder das Ohrläppchen gewonnen. Der Vorgang gilt als invasiv, und die gewonnene Probenmenge ist sehr gering. Da es sich nicht um ein geschlossenes System handelt, besteht die Gefahr der Kontamination bzw. der gezielten Manipulation. Sofern die Probennahme nicht an den Patienten bzw. die Patientin delegiert wird, um den invasiven Charakter der Probengewinnung zu umgehen, besteht keine Gefahr der Probenvertauschung.

Die Matrix Speichel bzw. Mundflüssigkeit wird im Bereich des Drogenscreenings meist durch Spucken in ein hierfür vorgesehenes Behältnis gewonnen. Die Manipulationsanfälligkeit ist geringWillfried Schramm, Richard H. Smith, Paul A. Craig, David A. Kidwell: Drugs of Abuse in Saliva: A Review. In: Journal of Analytical Toxicology. Band 16, Nr. 1, 1. Januar 1992, , S. 1–9, doi:10.1093/jat/16.1.1, es besteht jedoch das Risiko der KontaminationDierich, O. (2007). Speichel als alternatives Untersuchungsmaterial zur Drogenanalytik mittels Immunoassay: Ein Vergleich zu verschiedenen Nachweisverfahren im Urin in drogentherapeutischen Einrichtungen (Doctoral dissertation, lmu).. Durch die direkte Entnahme kann eine Vertauschung der Probe ausgeschlossen werden.

Vergleichbares gilt auch für Haar als Probenmaterial. Die Probe wird direkt an der Person durch Abschneiden gewonnen, sodass eine weitere Kontrolle der Probennahme nicht erforderlich ist.

Das am häufigsten verwendete Probenmaterial ist Urin, da dieser leicht und in ausreichender Menge gewonnen werden kann. Gleichzeitig ist eine Manipulation bei Urin möglich. Fremd- oder synthetischer Urin kann in Behältnissen am oder im Körper verbracht werden, die Probe kann durch externe Zugabe von Flüssigkeiten oder vermehrtes Trinken verdünnt oder durch die Zugabe von verschiedenen Chemikalien für die Analyse unbrauchbar gemacht werden. Diese Problematik bedingt, dass insbesondere bei Urinproben im Rahmen der Drogenkontrolle der Probenidentifikation und der Sicherstellung der Probenintegrität besondere Bedeutung zukommt.

Sichtkontrolle bei der Gewinnung von Urinproben Zur Sicherstellung der Probenidentität wird häufig die Sichtkontrolle vorgeschriebenStändige Arbeitsgruppe Beurteilungskriterien (Hrsg.). (2022). Urteilsbildung in der Fahreignungsbegutachtung – Beurteilungskriterien (4. Aufl.). Bonn: Kirschbaum Verlag; Seite 310Nationale Anti-Doping Agentur Deutschland (NADA) (Hrsg.). (2023). Standard für Dopingkontrollen und Ermittlungen (Version 8). Verfügbar unter: https://www.nada.de/fileadmin/nada/SERVICE/Downloads/Standards/2023_Standard_für_Dopingkontrollen_und_Ermittlungen_Version_8.pdf , abgerufen 09.02.2026. Diese beinhaltet das Entblößen des Unterkörpers, um durch freien Blick auf das Genital der probengebenden Person die Quelle der Urinprobe zu verifizieren. Diese Herangehensweise birgt jedoch verschiedene Probleme: Durch das Einführen von Behältnissen mit Fremd- oder synthetischem Urin in Vagina oder Anus oder die Verwendung kommerziell erhältlicher Hilfsgeräte wie z. B. dem Whizzinator kann eine Blasenentleerung simuliert werden. In diesen Bereich fällt auch die Applikation von Fremd- oder synthetischem Urin in die eigene Harnblase via Katheter. Nicht jede Person ist dazu in der Lage, die Urinabgabe zu beobachten oder sich bei der Urinabgabe beobachten zu lassen. Psychogener Harnverhalt oder nur unzureichende Observation können hier zu den Folgen zählenElbe, A. M., Jensen, S. N., Elsborg, P., Wetzke, M., Woldemariam, G. A., Huppertz, B., ... & Butch, A. W. (2016). The urine marker test: an alternative approach to supervised urine collection for doping control. Sports Medicine, 46(1), 15-22. Im Juli 2022 hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass die Sichtkontrolle einen schwerwiegenden Eingriff in die Persönlichkeitsrechte inhaftierter Personen im Strafvollzug darstellt. Die Anwendung dieses Urteils auf alle weiteren Bereiche, in denen die Sichtkontrolle bei der Urinabgabe Anwendung findet, ist fortlaufend.

Urinmarkierung Eine Alternative zur in vielen Leitlinien vorgeschriebenen Sichtkontrolle (vgl. BAS 2023BAS (Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen) (2023). Leitfaden für Ärztinnen und Ärzte zur substitutionsgestützten Behandlung Opiatabhängiger (4. Aufl.). München: BAS. Verfügbar unter: https://www.bas-muenchen.de/wp-content/uploads/BAS_Substitutionsleitfaden_2023.pdf) ist die Markierung des Urins mittels einer Markierungssubstanz. Diese Urinmarkierung wird im Anschluss chromatografisch, z. B. via HPLC, im Labor detektiert und gewährleistet so eine eineindeutige Zuordnung zum PatientenBaum, K., Einwächter, S., Bibl, M., & Huppertz, B. (2017). Urine-kinetics of low molecular polyethylene glycols following an oral capsule ingestion. J Appl Life Sci Int, 15, 1-6. doi:10.9734/JALSI/2017/38741. Somit ist die Probenidentität gesichert. Die Markierungssubstanz wurde von der FDA und der EMA geprüft und weder als Medizinprodukt noch als Arzneimittel eingestuft. Die Substanz ist inert und stellt so einen wirkungsfreien Einsatz sicher. Weitere Untersuchungen für die Toxikologie - zusammengefasst unter der Bezeichnunghttps://marker-test.de/de/verfahren Tox-Ident© - dienen der umfassenden Manipulationsdetektion. Diese beinhalten u. a. die Bestimmung des Kreatininwerts, die Testung auf synthetischen Urin und weitere Probenintegritätstests.

Die Urinmarkierung findet u. a. seit über 20 Jahren national und international in der Suchtbehandlung Anwendung. Im Rahmen eines komplexen Identifikationssystems werden zusätzlich andere Formen der Urin-Adulteration überprüft, wie Kreatininwert, chemische Manipulation oder Dilution. Dieses Verfahren wird seit 2006 zur Manipulationsdetektion in der Substanzmissbrauchskontrolle unter dem Markennamen Ruma Marker-System eingesetzt. Wirksamkeit und Nutzen wurden in einer Studiehttps://ruma-digital-system.de/_Resources/Persistent/a/3/2/1/a32150feaa63984e0b701a04bc219da3e220601a/efficacy-of-a-polyethylene-glycol-marker-system-in-urine-drug-screening-in-an-opiate-substitution-program.pdf Schneider, H. J., Rühl, B., Meyer, K., Keller, R., & Backmund, M. (2008). Efficacy of a polyethylene glycol marker system in urine drug screening in an opiate substitution program. European addiction research, 14(4), 186-189. untersucht. Genutzt werden Polyethylenglykole (PEGs) mit unterschiedlichen Kettenlängen. Diese werden vom Körper nicht verstoffwechselt, sondern unverändert mit dem Urin ausgeschieden. Potenziell manipulationsfähige Lebensmittel und Getränke wurden in einer weiteren StudieEinwächter, S., Huppertz, B., Bibl, M., & Baum, K. (2019). The influence of foods and beverages on polyethylene glycol marker detection in urine. J Addict Res Ther, 10(376), 2. untersucht. Es wurde festgestellt, dass diese ebenfalls keinen Einfluss auf die Nachweisbarkeit von Markersubstanzen im Urin haben.