Glück und Verstand ist ein Märchen (AaTh 945). Es steht in Ulrich Jahns Volksmärchen aus Pommern und Rügen an Stelle 15. Paul Zaunert bearbeitete es im zweiten Band von Deutsche Märchen seit Grimm 1923 ebenfalls als Glück und Verstand an Stelle 1.
Inhalt Der Verstand sagt zum Glück, wem er helfe, dem gelinge es. Er fährt in einen Bauernjungen. Der schaut auf seine Ackerfurchen und ist auf einmal zu klug dafür, sagt der Mutter, er will ein Handwerk lernen, kriegt aber nur Schläge. Er läuft fort, durch den Wald, erreicht ausgehungert die Stadt und weint. Ein Goldschmied nimmt ihn in Dienst. Lesen und Schreiben lernt er schnell, ist aber nur der Laufbursche der Gesellen. Er darf benutzen, was sie wegwerfen und macht daraus eine schöne Halskette. Da wird der Meister böse und jagt ihn fort. Bei einem Uhrmacher für Singuhren geht es ähnlich. Er will Uhren machen, der Meister gibt ihm eine, die schon Großvater nicht richten konnte. Er schafft es und darf als Geselle die Werkstatt leiten. Des Königs Singuhr geht kaputt. Wer sie repariert, darf sich etwas wünschen, bringt er es aber nicht fertig, muss er sterben. Der Meister holt ihn dazu. Er will aber den Lohn selbst haben, der Meister haut ihn, wird aber vom König weggeschickt. Er repariert die Uhr, darf fortan Prinz Karl heißen und reitet mit Prinz Friedrich täglich aus. Nur das siebte Stadttor nehmen sie nie. Er erfährt, dort sitzt die Königstochter im Turm. Wer sie zum Reden bringt, bekommt sie, wem es aber misslingt, muss sterben. Friedrich weiß auch, dass sie einen Spiegel hat. Karl geht hinein und schreit den Spiegel an, er solle antworten, oder er werde ihn zerschlagen. Die Königstochter nimmt den Spiegel in Schutz, er könne ja nicht reden. Die Wachleute aber fürchten um ihre Posten und melden dem König, sie habe nichts gesagt. Karl soll gehenkt werden. Der Verstand gesteht dem Glück, dass er nicht weiter weiß. Ab da hilft das Glück: Er äußert einen letzten Wunsch, bringt die Prinzessin wieder zum Reden und der König und Karl hören zu. Er erzählt ihr noch, er sei mit einem Bildhauer und einem Schneider im Wald gewesen, der Bildhauer habe eine schöne Frau geschaffen, der Schneider sie angezogen und er, als Uhrmacher, habe ihr eine Stimme gemacht.
Herkunft Jahn gibt an: „Mündlich aus Petznick, Kreis Pyritz.“ In „Grambin, Kreis Ueckermünde“ habe man ihm ein ähnliches Märchen erzählt.Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen. Hofenberg / Contumax. Berlin 2014, ISBN 978-3-8430-7238-0 (Erstdruck: Diedr. Soltau’s Verlag, Norden/Leipzig 1891), S. 390. Die Rahmenhandlung vom Wettstreit von Glück und Verstand scheint eine rationalisierte Version des verbreiteten Motivs der Götter auf Wanderschaft, vgl. Grimms Der Arme und der Reiche, Jahns Nr. 47 Schmied Siegfried und der Teufel, Nr. 48 Sankt Peter und der Schmied, Nr. 49 Schmied Günther. Goldschmied und Uhrmacher sind für ein Märchen moderne Berufe.
Nicht immer gewinnt den Wettstreit der Verstand, wenngleich die Übermacht des Glücks auch in anderen Volkserzählungen anklingt. Auch Geschichten von Belebungen oder Wiederbelebungen im Rahmen der Freierprobe ist dem Erzähltyp AaTh 945 eigen. Die stumme Prinzessin stammt anscheinend aus Indien, wo auch Geschichten von belebten Holzpuppen verbreitet sind.Elisheva Schoenfeld: Glück und Verstand. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 5. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1987, S. 1312–1318. In anderen Märchen wird die Prinzessin zum Lachen gebracht, so in Grimms Die goldene Gans, Jahns Nr. 44 Das Märchen vom Himphamp. Friedrich und Karl heißen auch die Prinzen in Nr. 52 Die russische Finetee und die russische Galethee.
Die Bearbeitung Paul Zaunerts in Deutsche Märchen seit Grimm hält sich 1923 an die kürzere Handlung von Josef Haltrichs Verstand und Glück in Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen (1856),Paul Zaunert: Glück und Verstand. In: Paul Zaunert, Elfriede Moser-Rath: Deutsche Märchen seit Grimm. Diederichs, Düsseldorf / Köln 1964, S. 239–242, 350. übernimmt aber auch Formulierungen Jahns, etwa wie der Verstand eingangs zum Glück sagt: „Wem ich helfe, dem gelingt’s,“ wie des Königs Singuhr eines Tages „schnurrr“ macht und nachher schöner singt als vorher, aber auch, wie die drei in des Jungen Parabel sich im Wald vor den Tieren fürchten und Wache halten.Paul Zaunert: Deutsche Märchen seit Grimm. Band 2. Diederichs, Jena 1923, S. 1–4 (= Die Märchen der Weltliteratur Nr. 23).
Literatur Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen. Hofenberg / Contumax. Berlin 2014, ISBN 978-3-8430-7238-0 (Erstdruck: Diedr. Soltau’s Verlag, Norden/Leipzig 1891), S. 105–113, 390. Paul Zaunert: Deutsche Märchen seit Grimm. Band 2. Diederichs, Jena 1923, S. 1–4 (= Die Märchen der Weltliteratur Nr. 23). Paul Zaunert: Glück und Verstand. In: Paul Zaunert, Elfriede Moser-Rath: Deutsche Märchen seit Grimm. Diederichs, Düsseldorf / Köln 1964, S. 239–242, 350. Elisheva Schoenfeld: Glück und Verstand. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 5. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1987, S. 1312–1318.
Weblinks Zeno.org: Jahns Glück und Verstand
Einzelnachweise
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