Die FECRIS (französisch: Fédération Européenne des Centres de Recherche et d'Information sur le Sectarisme; englisch: European Federation of Centres of Research and Information on Sectarianism, deutsch Europäische Föderation der Zentren für Forschung und Information über das Sektenwesen) ist ein französischer gemeinnütziger Verein mit Sitz in Marseille. Als europäischer Dachverband bündelt die Organisation nationale Gruppierungen, die sich mit der Beobachtung und Aufklärung über Bewegungen befassen, die von ihnen als Sekten oder sogenannte „destruktive Kulte“ eingestuft werden.
Geschichte Die FECRIS wurde am 30. Juni 1994 als französischer gemeinnütziger Verein in Paris gegründet. Die Initiative zur Gründung ging von der französischen Organisation UNADFI (Union nationale des associations de défense des familles et de l'individu) aus, nachdem 1993 ein Kongress über das Sektenwesen in Barcelona stattgefunden hatte. Die Organisation fungiert als Dachverband für europäische Gruppen, die sich kritisch mit den Aktivitäten von Gruppierungen auseinandersetzen, die sie als Sekten (cults) einstufen. FECRIS selbst bezeichnet sich als politisch, weltanschaulich und religiös neutral.Dericquebourg, Regis. "FECRIS: European Federation of Research and Information Centers on Sectarianism". In Freedom of Religion or Belief Anti-Sect Movements and State Neutrality: A Case Study: FECRIS, edited by Corinna Schwarzer and Danny Schäfer, 183–196. Religion – Staat – Gesellschaft. Dresden: Technische Universitat Dresden, 2012.
Frühe Entwicklung und Organisation Erster Präsident der Organisation war Jacques Richard, auf den Friedrich Griess folgte. Zum Zeitpunkt der Gründung im Jahr 1994 waren Vertreter aus zehn europäischen Ländern beteiligt.
Nach dem ersten Treffen im Oktober 1994 in Paris wurde auf der Folgesitzung im April 1995 beschlossen, einen Schwerpunkt auf die Forschung zu legen. Insbesondere sollten die rechtlichen Aspekte der Beziehungen zwischen Familien und Sekten durch universitäre oder professionelle Stellen untersucht werden. Auf einer Konferenz in Deutschland (1996) empfahl die Organisation 1996 die Auswertung aktueller Gerichtsentscheidungen als Hilfestellung für Betroffene. Bis 1999 nahm der Verband seine Website in Betrieb. Im April 2000 erfolgte eine internationale Kooperation mit der US-amerikanischen American Family Foundation (heute International Cultic Studies Association). Bis Mai 2001 wuchs der Dachverband auf 36 Mitgliedsorganisationen in 24 Ländern an.
Internationale Anerkennung und Finanzierung In den frühen 2000er Jahren weitete die FECRIS ihre thematische Arbeit aus, unter anderem mit Konferenzen zu den Auswirkungen von Mitgliedschaften in umstrittenen religiösen Gruppen (2001) und zum Thema „Kinder und Sekten“ (2002).
Seit 2003 erhält die Organisation finanzielle Unterstützung durch die französische Regierung. In den folgenden Jahren erlangte die FECRIS offiziellen Status bei internationalen Institutionen:
Der Ständige Ausschuss der Parlamentarischen Versammlung des Europarates gewährte 2005 der FECRIS den Beraterstatus. Die Vereinten Nationen erkannten der Organisation 2009 den speziellen Konsultativstatus beim ECOSOC (Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen) zu. Die European Federation of Centres for Research and Information on Sectarianism (FECRIS) wird in der Fachliteratur primär als transnationales Netzwerk von Organisationen der Antikultbewegung (Anti-Cult Movement) eingeordnet.
Strukturelle Einordnung: Verschiedene Autoren, darunter George D. Chryssides und Eileen Barker, beschreiben die FECRIS als eine Dachorganisation, die gegründet wurde, um eine Vielzahl nationaler Gruppen zusammenzuführen, die sich kritisch mit neuen religiösen Bewegungen auseinandersetzen. Funktion: Laut dem Werk Non-State Actors in the Human Rights Universe fungiert die FECRIS als Netzwerk für Verbände, die sich der Beobachtung und Bekämpfung von „Sektenfragen“ widmen, wobei teilweise auch staatliche Stellen involviert sind. Mitgliedsorganisationen: Paul A. Marshall weist darauf hin, dass zahlreiche „Cult-Awareness Groups“ (CAGs) Mitglieder der Föderation sind. In Frankreich gilt die UNADFI (Union nationale des associations de défense des familles et de l'individu) als einer der maßgeblichen Akteure innerhalb dieses Netzwerks.
Kritik Die Tätigkeit der FECRIS ist Gegenstand kontroverser Debatten, insbesondere im Hinblick auf Religionsfreiheit und staatliche Neutralität.
Wissenschaftliche und menschenrechtliche Einordnung Im Jahr 2012 widmete die Fachzeitschrift Religion – Staat – Gesellschaft der FECRIS eine Schwerpunktausgabe. In den darin enthaltenen Fallstudien zu verschiedenen europäischen Ländern wurde der Organisation vorgeworfen, religiöse Minderheiten zu pathologisieren und pauschal als „Sekten“ zu stigmatisieren. Der Soziologe Régis Dericquebourg kritisierte in diesem Zusammenhang eine Kriminalisierung der Mitglieder solcher Gruppierungen.
Die Nichtregierungsorganisation CAP Liberté de Conscience kam 2014 in einem Bericht zu dem Schluss, dass die Aktivitäten der FECRIS den Prinzipien der Toleranz sowie der Europäischen Menschenrechtskonvention widersprechen würden. Die Juristin Patricia Duval ergänzte, dass französische Mitgliedsorganisationen der FECRIS Informationen oft auf Basis unbewiesener Gerüchte sammelten und durch staatliche Fördergelder die religiöse Neutralität des französischen Staates infrage stellten.
Verbindungen zu religiösen Institutionen Willy Fautré (HRWF) wies darauf hin, dass die FECRIS trotz ihrer Wurzeln im französischen Laizismus in anderen Ländern eng mit etablierten Kirchen zusammenarbeite – etwa mit der orthodoxen Kirche in Russland oder der katholischen und lutherischen Kirche in Deutschland und Österreich. Laut Fautré diene diese Kooperation auch dazu, den Mitgliederschwund der Großkirchen zu bremsen und neue religiöse Bewegungen zu diskreditieren.
Kontroversen um russische Mitgliedsorganisationen Besondere Kritik erfuhr die FECRIS im Zusammenhang mit ihren russischen Vertretern und deren Haltung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine:
Alexander Nowopaschin: Das langjährige FECRIS-Mitglied bezeichnete Ukrainer öffentlich als „Satanisten“. Diese Rhetorik wurde später von staatlichen russischen Stellen aufgegriffen, um eine „Desatanisierung“ der Ukraine zu fordern. Alexander Dworkin: Der ehemalige Vizepräsident (2009–2021) und Board-Mitglied wird beschieden, die russische Invasion religiös legitimiert zu haben. Er machte westliche Gruppierungen (u. a. Baptisten, Pfingstkirchen und Scientologen) für den Konflikt verantwortlich und soll Dissidenten bei russischen Behörden denunziert haben.
In Reaktion auf die mediale Kritik veröffentlichte die FECRIS Ende 2022 eine Solidaritätsbekundung für die Ukraine und entfernte Verweise auf ihre russischen Mitgliedsorganisationen von ihrer Website. Eine explizite öffentliche Distanzierung von den handelnden Personen oder ein Ausschluss Dvorkins aus dem Vorstand wurde zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht kommuniziert.
Verhältnis zum französischen Staat Die enge Bindung der FECRIS an französische Regierungsstellen ist ein Alleinstellungsmerkmal, das unterschiedlich bewertet wird:
Staatliche Förderung: Die FECRIS wird maßgeblich durch französische Steuergelder finanziert, oft koordiniert durch die MIVILUDES (Mission interministérielle de vigilance et de lutte contre les dérives sectaires). Im Jahr 2019 erfolgte eine grundlegende institutionelle Neuausrichtung der Miviludes. Die Behörde wurde als eigenständige interministerielle Mission aufgelöst und in das Generalsekretariat des Interministeriellen Ausschusses zur Kriminalitätsprävention und Radikalisierungsbekämpfung (Comité interministériel de prévention de la délinquance et de la radicalisation, CIPDR) integriert. Damit einher ging der Wechsel der organisatorischen Zuständigkeit vom Premierminister in den Geschäftsbereich des Innenministeriums. Diskussion: Während Befürworter dies als notwendigen Schutz der Bürger vor psychischer Manipulation sehen, betrachten Kritiker und einige Völkerrechtler dies als Verletzung der religiösen Neutralität des Staates. Sie argumentieren, dass der Staat durch die Finanzierung eines „Anti-Sekten-Dachverbandes“ indirekt Einfluss auf den religiösen Markt nehme. Die Kontroverse über die staatliche Neutralität wird oft von internationalen Menschenrechtsberichten aufgegriffen.
Religiöse Neutralität & Kritik durch die USCIRF: Die U.S. Commission on International Religious Freedom (USCIRF) kritisiert regelmäßig, dass die staatliche Förderung der FECRIS durch Frankreich die Neutralität des Staates untergräbt. Kritik durch Völkerrechtler: Wissenschaftliche Arbeiten setzen sich mit dem französischen Modell der Laïcité und dessen Grenzen bei „Sekten“ auseinander.
Juristische Auseinandersetzung mit den Zeugen Jehovas (2020–2024) Ein bemerkenswerter juristischer Vorfall war ein Urteil in Deutschland (Landgericht Hamburg, 2020), bei dem der FECRIS untersagt wurde, bestimmte ehrenrührige Behauptungen über die Zeugen Jehovas zu verbreiten, die während einer Konferenz aufgestellt worden waren. Das Gericht wertete eine Vielzahl der Aussagen als unbewiesene Tatsachenbehauptungen oder Schmähkritik.
2024 stellte das Gericht fest, dass der Miviludes ein „sachlicher Irrtum“ unterlaufen war. Die Behörde hatte dem „Ältestenrat“ fälschlich vorgeworfen, Mitgliedern der Zeugen Jehovas zu empfehlen, auch bei schweren Straftaten keine Rechtsmittel einzulegen. In einem weiteren Abschnitt des Berichts wurde zudem die Behauptung aufgestellt, die Gemeinschaft halte Kinder davon ab, eine höhere Bildung anzustreben.
Weitere gerichtliche Auseinandersetzungen Am 21. Februar 2025 wurde Miviludes verurteilt, weil er einen Kibbuz als „sektiererische Strömung“ bezeichnete.
Am 15. Mai 2025 wurde die französische Beobachtungsstelle MIVILUDES (Mission interministérielle de vigilance et de lutte contre les dérives sectaires) vom Verwaltungsgericht Paris in zwei Fällen verurteilt. Die Klagen waren von der Vereinigung CAP Liberté de Conscience eingereicht worden. Das Gericht verpflichtete die staatliche Behörde zur Zahlung einer Entschädigungssumme von insgesamt 3.000 Euro (jeweils 1.500 Euro pro Fall) an den Kläger.
Namhafte Vertreter André Frédéric – Präsident von FECRIS seit 2022 Marie Drilhon – Vizepräsidentin von FECRIS seit 2025 Luigi Corvaglia – Mitglied des Verwaltungsrats (seit 2016) und des wissenschaftlichen Beirats (seit 2015) Janja Lalich – Mitglied des wissenschaftlichen Komitees seit 2015
Siehe auch MIVILUDES
Weblinks Cult Information Centre Dialogue Ireland Decult Conference Info-Cult International Cultic Studies Association The Family Survival Trust Official site About FECRIS LIBERO CREDO Human Rights Without Frontiers International Claustrofobia - Report on the geopolitics of cults
Einzelnachweise
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