Die Vereinigte Norwegische Lutherische Kirche in Amerika (, ), auch kurz Vereinigte Norwegische Kirche (, ) genannt, war eine lutherische Kirche norwegischer Herkunft in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Zwischen der pietistischen Hauge-Synode und der lutherisch-orthodoxen Norwegischen Synode nahm sie eine gemäßigte Stellung ein und wuchs schnell zur größten norwegischen Kirche in Nordamerika heran. Sie vereinigte sich 1917 mit den meisten anderen lutherischen Kirchen norwegischer Herkunft in Nordamerika zur Norwegian Lutheran Church of America. Damit ist sie eine der Vorgängerkirchen der heutigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika.

Geschichte Vorgeschichte mini|Das St. Olaf College war Keimzelle der Anti-Missourischen Bruderschaft. Die ersten Norweger, die ab 1825 in größerer Zahl nach Amerika emigrierten, waren Anhänger des Haugianismus, einer vor allem von Laien getragenen Erweckungsbewegung. Sie organisierten 1846 unter Elling Eielsen die Hauge-Synode als ersten kirchlichen Zusammenschluss norwegischer Gemeinden in den Vereinigten Staaten. 1853 konstituierten auch die hochkirchlich veranlagten Gemeinden unter Herman Amberg Preus eine eigene Synode, die sich eng an die Norwegische Staatskirche anlehnte. Eine dritte Gruppe norwegischer Gemeinden schloss sich mit Lutheranern verschiedener ethnischer Herkunft zusammen und bildete die Nord-Illinois-Synode. Schon 1860 trennten sich jedoch die Skandinavier in dieser Kirche im Einvernehmen mit den übrigen Gemeinden ab und bildeten eine eigene Organisation, die Skandinavische Augustana-Synode. Doch auch in diesem Körper gab es Zerwürfnisse entlang nationaler Linien, sodass sich auf der Synodalversammlung im Juni 1870 in Andover die Norweger und wenigen Dänen von der danach Schwedische Augustana-Synode genannten Kirche abtrennten.

Die norwegischen und dänischen Delegierten trafen sich am 17. August 1870 in St. Ansgar im Bundesstaat Iowa mit weiteren Geistlichen und organisierten dort eine eigene Kirche, der sie den Namen Norwegisch-Dänische Konferenz gaben. Auf dieser Versammlung wurde Claus L. Clausen, einer der Pioniere der norwegischen lutherischen Kirche, zum Kirchenpräsidenten gewählt. Ole Hatlestadt, ein anderer einflussreicher Pfarrer, fühlte sich dabei übergangen und traf sich am 5. Oktober desselben Jahres mit einigen Geistlichen in Jefferson Paririe, Wisconsin. Dieses Treffen erklärte die Zusammenkunft in St. Ansgar für nichtig und konstituierte sich selbst als Norwegische Augustana-Synode. Beide Kirchen standen in Konkurrenz zueinander und den anderen beiden schon bestehenden Synoden, doch vor allem die Konferenz konnte ein starkes Wachstum verzeichnen.

In den 1880er-Jahren gab es auch in der Norwegischen Synode Verwerfungen. Die Synode war Mitglied der Synodalkonferenz geworden und hatte sich in ihrer Lehre stark an die deutschamerikanische Missouri-Synode angelehnt und auch die kontroverse Rechtfertigungslehre C. F. W. Walthers übernommen. Eine große Gruppe von Pfarrern und Gemeinden unter der Führung des Distriktspräsidenten Bernt Muus und der Professoren Friedrich August Schmidt und Thorbjorn Mohn stand diesen Entwicklungen jedoch ablehnend gegenüber. Der Konflikt eskalierte auf der Synodalversammlung 1887 in Stoughton. Unter dem Vorsitz von Mohn zogen sie sich aus der Synode zurück und bildeten die Anti-Missourische Bruderschaft, der sich bis zum Folgejahr gut ein Drittel der Gemeinden der Norwegischen Synode anschloss.

Gründung mini|links|Weil die norwegischen Kirchen zu klein waren, traf sich die Gründungssynode in der schwedischen Augustana Lutheran Church in Minneapolis. Von Anfang an gab es jedoch auch Bestrebungen, Einheit in die zerstrittenen Gruppen zu bringen. 1881 kamen Vertreter aller norwegischen Synoden in St. Ansgar zusammen und im Anschluss wurden jährliche Konferenzen zu Lehrfragen abgehalten. 1888 trafen sich Vertreter der Synoden in Eau Claire, um eine Union vorzubereiten. Im November wurde dieser Entwurf von der Konferenz, der Augustana-Synode und der Bruderschaft angenommen, von der Hauge-Synode jedoch abgelehnt. Die drei zustimmenden Kirchen setzten den Plan jedoch fort und vereinigten sich am 13. Juni 1890 in Minneapolis zur Vereinigten Norwegischen Lutherischen Kirche in Amerika. Gjermund Hoyme wurde zum ersten Kirchenpräsidenten gewählt.

Wachstum und Konflikte Die neu entstandene Kirche wuchs schnell zur größten Kirche norwegischer Herkunft heran, hatte jedoch auch interne Konflikte zu bewältigen. Die Augsburg University, zuvor eine Hochschule der Konferenz, sollte samt ihrem angeschlossenen Verlag Augsburg Publishing House unter die Aufsicht der Vereinigten Kirche gestellt werden, doch das unabhängige Kuratorium weigerte sich. Nach einem Rechtsstreit behielt die Hochschule ihre Unabhängigkeit, der Verlag ging an die Vereinigte Kirche. Eine größere Gruppe an Geistlichen und Gemeinden um den Lehrkörper der Augsburg University sagte sich jedoch von der Vereinigten Kirche los und bildete 1897 die Lutheran Free Church. Drei Jahre später trennte sich eine weitere unzufriedene Gruppe unter der Führung von K. O. Lundeberg ab und bildete die Church of the Lutheran Brethren. Obwohl Lundeberg schon 1911 zur Vereinigten Kirche zurückkehrte, besteht die Kirche bis heute.

Union Die Unionsbewegung, die 1890 zur Gründung der Vereinigten Kirche geführt hatte, setzte sich auch weiterhin fort. Ab 1905 gab es jedoch auf Bestreben der ebenfalls unabhängig gebliebenen Hauge-Synode neue Bemühungen um eine Vereinigung von Hauge-Synode, Norwegischer Synode und Vereinigter Kirche. In den Folgejahren wurden mehrere gemeinsame theologische Erklärungen abgegeben und Unionsverhandlungen aufgenommen, sodass schließlich am 9. Juni 1917 anlässlich des 400-jährigen Reformationsjubiläums in Saint Paul ein aus über 2000 Delegierten bestehender Unionskongress zusammentrat und die Fusion beschloss. Die so entstandene Norwegian Lutheran Church of America umfasste damit fast alle Lutheraner norwegischer Herkunft auf dem amerikanischen Kontinent.

Positionen Die Vereinigte Kirche nahm die lutherischen Bekenntnisschriften, allen voran die Confessio Augustana, sowie den Kleinen Katechismus Luthers und dessen Erklärung von Pontoppidan an. Im Konflikt zwischen der lutherisch-orthodoxen Norwegischen Synode und der pietistischen Hauge-Synode nahm sie eine gemäßigte Position ein. Es gab in ihr sowohl eine größere Zahl Haugianer als auch solche Gemeinden, die eine sehr liturgische Form des Gottesdienstes bevorzugten. Bezüglich der Rechtfertigungslehre übernahm die Vereinigte Kirche die Opposition der Anti-Missourischen Bruderschaft zur Position Walthers. Erst im Vorfeld der Unionsverhandlungen konnte 1912 ein Konsens in dieser Frage erreicht werden.

Organisation und Struktur mini|Die Golden Valley Norwegian Lutheran Church war eine für die Vereinigte Kirche typische Pionierkirche. Die Vereinigte Kirche wurde von einer Synodalversammlung geleitet, die einen Kirchenpräsidenten und weitere Ämter der Kirchenleitung wählte. Sie errichtete keine größeren geographischen Strukturen, sondern gliederte sich in eine Vielzahl von Kirchenkreisen (norwegisch kreds, englisch circuits), die jeweils eine Hand voll Gemeinden umfassten. Bei Gründung wurden 19 solcher Kirchenkreise konstituiert, denen jeweils ein Pfarrer als Visitator zugewiesen war.

Die Vereinigte Kirche war von Anfang an die größte der norwegischen Kirchen in Nordamerika und konnte zum Zeitpunkt ihrer Gründung etwa 60.000 Mitglieder in etwa 750 Gemeinden aufweisen. Durch Immigration und erfolgreiche Innere Mission wuchs sie bis 1916 auf gut 290.000 Mitglieder in 1650 Gemeinden an. Die Zahl der Geistlichen wuchs im selben Zeitraum von 259 auf 519 an. Die Kirche war schon 1893 in 18 US-Bundesstaaten vertreten, die meisten Kirchen bestanden jedoch im oberen Mittleren Westen, vor allem in Minnesota, Wisconsin und Iowa. In den Südstaaten und an der Ostküste gab es nur sehr wenige Gemeinden.

Kirchenpräsidenten 1890–1902 Gjermund Hoyme 1902–1917 Theodor Dahl

Diakonische Werke Die Vereinigte Kirche unterhielt drei Diakonissenanstalten in Brooklyn, Minneapolis (1897 zur Free Church) und Chicago. Außerdem wurden Waisenhäuser, Altenheime und Krankenhäuser finanziert.

Bildungseinrichtungen mini|links|Das Hauptgebäude des Concordia College in Moorhead. Die Vereinigte Kirche übernahm die Bildungseinrichtungen ihrer Vorgängerkirchen. Von der Konferenz wurde die Augsburg University in Minneapolis übernommen, die sich 1897 der Lutheran Free Church anschloss. Die Augustana-Synode brachte die Augustana University ein, die Anti-Missourische Bruderschaft das St. Olaf College. An diesen drei Schulen hatten zuvor auch die Theologischen Seminare der drei Kirchen bestanden, die 1890 zum Luther Seminary in Minneapolis vereinigt wurden. 1891 wurde in Moorhead das Concordia College neu gegründet. Weiterhin unterhielt die Kirche sechs Akademien und eine Normalschule.

Publikationswesen Die Vereinigte Kirche unterhielt mit dem Augsburg Publishing House einen eigenen Verlag mit Sitz in Minneapolis. Die drei norwegischsprachigen Kirchenzeitungen wurden zum Lutherske Kirkeblad vereinigt, 1894 wurde Samfundet neu gegründet. Schon 1895 wurden beide Publikationen zu Lutheraneren zusammengelegt. Ab 1908 wurde mit United Lutheran auch eine Zeitung in englischer Sprache herausgegeben.

Missionsarbeit Die Vereinigte Kirche legte großen Wert auf die Innere Mission, wobei sie in Konkurrenz zu den anderen norwegischen Kirchen stand. In Übersee beteiligte sich die Kirche an den Missionsunternehmungen der norwegischen Staatskirche. Sie unterstützte etwa die Mission in Madagaskar, die schon die Norwegisch-Dänische Konferenz begonnen hatte, und übernahm dieses Missionsfeld später mit der Lutheran Free Church vollständig. 1903 übernahm die Vereinigte Kirche auch die von einer der Hauge-Synode nahestehenden unabhängigen Missionsgesellschaft begonnene Mission in Hunan, China.

Literatur

Einzelnachweise

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