Kütschlüg († 1218 in Badachschan) war ein Angehöriger des Stammes der Naiman und der letzte Herrscher des Reichs der Kara Kitai in Zentralasien. Nach dem Sieg Dschingis Khans über die Naiman im Jahr 1204 floh Kütschlüg nach Westen zu den Kara Kitai und wurde Berater und Schwiegersohn von deren Khan Yelü Zhilugu. 1210 rebellierte er und usurpierte den Thron. Später wurde er durch ein gegen ihn gesandtes Heer der Mongolen besiegt und 1218 auf der Flucht getötet. Dschingis Khan annektierte daraufhin das Gebiet der Kara Khitai.

Leben Abstammung; frühes Leben Kütschlüg war ein Sohn von Tayang Khan, Herrscher der Naiman. 1204 floh Jamukha, ein Rivale Temüdschins (des späteren Dschingis Khan), zu den Naiman. Als die daraus resultierende militärische Konfrontation zwischen den Naiman und den Truppen Temüdschins bevorstand, zögerte Tayang Khan zunächst und hielt den Rückzug ins Altai-Gebirge für ratsamer, um von dort aus die Mongolen zu attackieren. Kütschlüg bezeichnete seinen Vater als feige, trat für den direkten Angriff in einer offenen Feldschlacht ein und setzte sich mit dieser Meinung durch. Die Naiman unterlagen jedoch. Jamukha floh, Tayang Khan wurde tödlich verwundet und sein wichtigster Befehlshaber fiel. Die Reste des Stamms kapitulierten, während Kütschlüg mit einer kleineren Gruppe von Kriegern der Naiman nach Westen zum Schwarzen Irtysch floh.Michal Biran: The Empire of the Qara Khitai in Eurasian History: Between China and the Islamic World, 2005, S. 77 f. Temüdschin nahm 1206 den Namen Dschingis Khan an. Er war über die von Kütschlüg ausgehende Gefahr besorgt und drängte ihn 1208 bei einem neuerlichen Zusammenstoß weiter westwärts ins Siebenstromland zurück. Nach einer weiteren Niederlage gegen die Mongolen suchte Kütschlüg in Balasagun bei den Kara Kitai Zuflucht.

Herrscher der Kara Kitai mini|Karte des Reichs der Kara Kitai mit den Naiman im Nordosten Yelü Zhilugu, Gur Khan (d. h. „Universeller Khan“) der Kara Kitai, nahm Kütschlüg freundlich auf. Dieser wurde Berater von Yelü Zhilugu, heiratete eine von dessen Töchtern, Prinzessin Hunhu, und durfte aus seinen Naiman-Kriegern eine eigene Militäreinheit bilden. Jedoch erwies sich Kütschlüg seinem Gastgeber gegenüber als undankbar. Er schloss ein Bündnis mit dem Choresm-Schah Muhammad II., der ein Vasall der Kara Kitai war, nun aber seinen Lehnsherrn bekriegte.Reinhold Neumann-Hoditz: Dschingis Khan, 1995, S. 82. Während Yelü Zhilugu 1210 mit einem Aufstand der Karachaniden in Samarkand konfrontiert war, erhob sich Kütschlüg gegen ihn und erbeutete in Ösgön die Reichskasse. Yelü Zhilugu zog von Samarkand aus gegen seinen Schwiegersohn. Der Choresm-Schah besetzte inzwischen Samarkand sowie anschließend Transoxanien und schlug die Kara Kitai bei Talas. Als Yelü Zhilugu in seiner Hauptstadt Balasagun eintraf, besiegte er Kütschlüg, der ostwärts floh. 1211 konnte Kütschlüg seinen Schwiegervater während einer Jagd durch einen Hinterhalt gefangen nehmen und unterwarf sich mit Hilfe des Choresm-Schahs das Reich der Kara Kitai. Er wurde nun deren Herrscher, ließ aber Yelü Zhilugu am Leben. Letzterer starb 1213.

Der Choresm-Schah forderte als Belohnung für seine Unterstützung Kütschlügs die Übergabe einer Prinzessin sowie die Auslieferung von Yelü Zhilugu. Kütschlüg spielte auf Zeit, drohte aber schließlich wegen des zunehmend aggressiveren Verhaltens Muhammads II. mit Krieg. Der Schah gab daraufhin die Region am oberen Jaxartes auf und zerstörte die dortigen Siedlungen, um eine Pufferzone zwischen seinem Reich und jenem Kütschlügs zu schaffen.Michal Biran: The Empire of the Qara Khitai in Eurasian History: Between China and the Islamic World, 2005, S. 82. Der Jaxartes bildete nun die Grenze zwischen den beiden Reichen.

Kütschlüg konnte Ost-Turkestan unter seine Kontrolle bringen, deren Bevölkerung überwiegend dem Islam anhing. In seiner Religionspolitik war Kütschlüg nicht so tolerant wie frühere Herrscher der Kara Kitai. Wie viele Naiman war er nestorianischer Christ, trat aber unter dem Einfluss seiner Gattin, der Tochter von Yelü Zhilugu, zum Buddhismus über. Er forderte von den Muslimen, sich entweder zur Lehre Buddhas oder zum Nestorianismus zu bekennen. Da die Muslime den Glaubenswechsel verweigerten, verordnete er gegen sie Unterdrückungsmaßnahmen. Der persische Historiker Ata al-Mulk Dschuwaini berichtete darüber in seiner Geschichte des Welteroberers. So soll Kütschlüg den Imam von Hotan an die Tür seiner Madrasa kreuzigen lassen haben.

Niederlage gegen die Mongolen und Tod Als Kütschlüg die Stadt Almaliq angriff, ersuchten die dort ansässigen Karluken Dschingis Khan um Hilfe, der 1216 seinen Feldherrn J̌ebe zur Bekämpfung Kütschlügs entsandte. J̌ebe zog mit einem Mongolenheer über Almaliq vor Kütschlügs Hauptstadt Balasagun und besiegte in deren Nähe eine 30.000 Mann starke Armee der Kara Kitai. Kütschlüg floh ins südlich gelegene Kaschgar. Seine früheren Plünderungen und die Verbrennung der Ernte nach der Eroberung Kaschgars, seine antimuslimische Politik und die Einquartierung seiner Truppen in Privathäusern hatten ihn bei den Einwohnern der Stadt verhasst gemacht.Michal Biran: The Empire of the Qara Khitai in Eurasian History: Between China and the Islamic World, 2005, S. 195 f. Da er infolgedessen keine Unterstützung in Kaschgar erhielt, musste er beim Anmarsch der Mongolen erneut fliehen. Südwärts über den Pamir ziehend gelangte er 1218 an die Grenze zwischen den Landschaften Badachschan und Wachan.Michal Biran: The Empire of the Qara Khitai in Eurasian History: Between China and the Islamic World, 2005, S. 83. Dort wurde er von Jägern gefangen genommen und den Mongolen ausgeliefert. Nach seiner Enthauptung wurde sein Kopf laut dem chinesischen Geschichtswerk Yuan Shi in seinem ehemaligen Reich zur Schau gestellt.Yuan Shi, Kapitel 120. Die muslimischen Einwohner begrüßten hingegen die Mongolen als Befreier. J̌ebe verkündete Dschingis Khans Politik religiöser Toleranz und verbot seinen Reitern Plünderungen.Reinhold Neumann-Hoditz: Dschingis Khan, 1995, S. 83. Kütschlügs Tochter Lingqun Khatun wurde mit Dschingis Khans Sohn Tolui verheiratet und gebar ihm seinen Sohn Kutuqtu.Anne F. Broadbridge: Women and the Making of the Mongol Empire. Cambridge 2018, ISBN 9781108424899, S. 233.

Literatur Michal Biran: The Empire of the Qara Khitai in Eurasian History: Between China and the Islamic World. Cambridge University Press, Cambridge/New York 2005, ISBN 0521842263. Ralph Kauz: Die Gründung des mongolischen Weltreiches - Zentralasien. In: Angela Schottenhammer, Peter Feldbauer (Hrsg.): Die Welt 1000–1250. Mandelbaum Verlag, Wien 2011, ISBN 978-3-85476-322-2, S. 124. Reinhold Neumann-Hoditz: Dschingis Khan. 3. Auflage, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, ISBN 3-499-50345-X, S. 82 f.

Anmerkungen

Kategorie:Liao-Dynastie Kategorie:Geboren im 12. Jahrhundert Kategorie:Gestorben 1218 Kategorie:Mann Kategorie:Herrscher (Asien) Kategorie:Zentralasiatische Geschichte