Der tribunus voluptatum („Tribun der Vergnügungen“) war ein spätantiker Amtsträger im Rang eines Offiziers (tribunus), der die Oberaufsicht über die Theaterschauspiele und Schauspieler hatte, vielleicht auch über andere Spiele. Bezeugt ist das Amt vom Anfang des 5. Jahrhunderts bis ins 6. Jahrhundert für die wichtigen weströmischen bzw. ostgotischen Städte Rom, Karthago und Mediolanum (Mailand). Es wird nur in zehn antiken Quellen genannt: von einem kaiserlichen Gesetz des weströmischen Kaisers Honorius 414 über zwei Inschriften von Amtsträgern bis zu Material aus der Kanzlei des Ostgotenkönigs Theoderich aus dem ersten Viertel des 6. Jahrhunderts. Aufgrund der mangelnden Quellen sind viele Eckpunkte der Entwicklung des Amtes unsicher und die Lücken nur mit wissenschaftlicher Spekulation zu füllen.
Hintergrund
mini|Auch in der Spätantike wurde das Kolosseum in Rom noch als wichtige Spielstätte verwendet
Die römischen spectacula (oft mit „Spielewesen“ übersetzt) umfassten die Zirkusspiele (ludi circenses, vor allem Wagenrennen), die Bühnenschauspiele (ludi scaenici, in der Spätantike vor allem Mimen und Pantomimen) und Arenaschauspiele (munera, einerseits munera gladiatoria, Gladiatorenkämpfe, andererseits venationes, Tierhetzen). Diese spectacula hießen in der Spätantike auch voluptates („Vergnügungen“, „Gelüste“).Alexander Puk: Das römische Spielewesen in der Spätantike. Walter de Gruyter, Berlin/München/Boston 2014, S. 2, zu voluptas auch S. 68–75. Beginnend mit Tertullians De spectaculis (um 200 n. Chr.) wurden die Spiele von christlichen Kirchenvätern polemisch kritisiert. Gleichwohl erfreuten sich die Spiele auch in der Spätantike – trotz der voranschreitenden Christianisierung des Römischen Reiches – weiterhin enormer Beliebtheit. Dies zeigen sowohl literarische und archäologische Zeugnisse als auch die fortgesetzte Vehemenz der christlichen Polemik.
Der Kalender des Philocalus etwa verzeichnet für 354 in Rom 177 Tage mit Spielen im Jahr.Alexander Puk: Das römische Spielewesen in der Spätantike. Walter de Gruyter, Berlin/München/Boston 2014, S. 21–23; Juan Antonio Jiménez Sánchez: Le tribunus voluptatum, un fonctionnaire au service du plaisir populaire. In: Antiquité Tardive. Band 15, Nr. 1, Januar 2007, S. 89–98 (freies PDF), hier S. 89 mit Anmerkung; Alexander Puk: A Success Story: Why did the Late Ancient Theatre Continue? In: Karin Schlapbach (Hrsg.): New Perspectives on Late Antique spectacula (= Studia Patristica. Band 60). Peeters, Löwen/Paris/Walpole, MA 2013, S. 21–38. Besonders die spätantiken Kaiser legten Wert darauf, die voluptates der spätantiken Stadtbevölkerungen zu berücksichtigen, wie etwa aus zahlreichen überlieferten Gesetzen hervorgeht.Alexander Puk: Das römische Spielewesen in der Spätantike. Walter de Gruyter, Berlin/München/Boston 2014, S. 68–75.
Zeugnisse
mini|Römische Theaterszene: links sitzend ein Theaterautor mit Schriftrollen und Theatermaske, rechts ein Komödienschauspieler mit einer Maske. Mosaik im Archäologischen Museum Sousse, 3. Jahrhundert n. Chr.
Der tribunus voluptatum wird in insgesamt 10 Quellen erwähnt. Dazu gehört ein Gesetz und eine Erwähnung im Codex Theodosianus sowie Grabinschriften für ehemalige Inhaber des Amtes, deren Namen jedoch nicht mehr lesbar sind.Codex Theodosianus 1,19 (hier ist leider nur der Titel erhalten, De officio tribuni voluptatum, die zugehörigen Gesetze fehlen); 15,7,13 (gegeben am 8. Februar 414 in Ravenna); (aus dem Jahr 523); (aus dem Jahr 526). Außerdem finden sich mehrere Erwähnungen in den von Cassiodor zusammengestellten variae, einer Sammlung von Erlassen und Anweisungen der italienischen Ostgotenkönige, denen Cassiodor als hoher Beamter diente. Darunter ist auch eine formula tribuni voluptatum, ein Musterschreiben für die Ernennung eines tribunus voluptatum.Cassiodor, variae 5,25 (Brief Theoderichs an Bacauda, 523/526); 1,43,3 (Brief Theoderichs an den Senat von Rom, 509); 6,19 (Kurzerwähnung); 7,10 (formula).
So direkt ist das Amt nur für den Westen des Reiches bezeugt (beziehungsweise das Ostgotenreich in Italien, das zahlreiche römische Ämter übernahm), speziell für die wichtigen Städte Rom, Karthago und Mediolanum (Mailand). Vielleicht wurde es im Osten des Reiches nicht verwendet.Richard Lim: The “Tribunus Voluptatum” in the Later Roman Empire. In: Memoirs of the American Academy in Rome. Band 41, 1996, S. 163–173, hier S. 173 mit Anm. 55. Allerdings weist Alexander Puk auf eine Stelle im Werk de mensibus („Über die Monate“) des oströmischen Beamten und Schriftstellers Johannes Lydos (um 490–560) hin, der von einem τριβοῦνος τῶν βολουπτάτων, triboûnos tôn bolouptátōn spricht. Johannes zufolge sei ein Tribun für die Ausführung der Wagenrennen zuständig gewesen, „und deswegen leitet ein Tribun auch noch heute die voluptates, das bedeutet die Vergnügungen“. Ob sich Johannes mit diesem heute jedoch auf Konstantinopel bezieht, die Hauptstadt des Oströmischen Reiches, in der er schrieb, ist ebenso ungewiss wie der historische Quellenwert seines antiquarischen Werkes de mensibus für seine Jetztzeit.Johannes Lydos, de mensibus 4,30. Alexander Puk: Das römische Spielewesen in der Spätantike. Walter de Gruyter, Berlin/München/Boston 2014, S. 109 f., der dafür plädiert, Johannes Lydos mit in den Quellenkorpus zum tribunus voluptatum aufzunehmen. Hierauf wurde bereits hingewiesen von Alan Cameron: Circus factions. Blues and Greens at Rome and Byzantium. Oxford 1976, S. 220. Dagegen Juan Antonio Jiménez Sánchez: Le tribunus voluptatum, un fonctionnaire au service du plaisir populaire. In: Antiquité Tardive. Band 15, Nr. 1, Januar 2007, S. 89–98 (freies PDF), hier S. 90 f. Vgl. zu de mensibus auch M. Maas: John Lydus and the Roman past: Antiquarianism and politics in the age of Justinian. London/New York 1991, S. 64 f.
Dank der wenigen Belegstellen in zwei Jahrhunderten (414–526) lässt sich über das Amt trefflich spekulieren.
Entstehung in Karthago 414/415?
Der Ursprung des Amtes liegt im Ungewissen. Während die Funktion, die es erfüllte, auch schon früher von verwandten Ämtern wie dem des procurator a voluptatibus übernommen wurde, handelte es sich laut Richard Lim bei dem Amt des tribunus voluptatum um eine spezifische Konstruktion der Spätantike.Richard Lim: The “Tribunus Voluptatum” in the Later Roman Empire. In: Memoirs of the American Academy in Rome. Band 41, 1996, S. 163–173, hier S. 163 f. mit Skepsis bezüglich der Kontinuitäten. Alexander Puk vermutet dagegen eine Kontinuität mit dem kaiserzeitlichen procurator voluptatum (der zuletzt in hadrianischer Zeit nachgewiesen istHermann Dessau: Inscriptiones Latinae selectae (ILS), Nr. 8849.) und erblickt in dem spätantiken tribunus voluptatum einen Beamten, „der im speziellen Auftrag des Kaisers für die Organisation von Spielen in seinem Umkreis zuständig war“. Er könnte sowohl für Wagenrennen als auch für Bühnenschauspiele zuständig gewesen sein.Alexander Puk: Das römische Spielewesen in der Spätantike. Walter de Gruyter, Berlin/München/Boston 2014, S. 110 f. (Zitat S. 110). Richard Lim und Juan Antonio Jiménez Sánchez gehen jedoch davon aus, dass er nur für die Theaterschauspiele (ludi scaenici) zuständig war, weil nur dies direkt bezeugt ist.Richard Lim: The “Tribunus Voluptatum” in the Later Roman Empire. In: Memoirs of the American Academy in Rome. Band 41, 1996, S. 163–173; Juan Antonio Jiménez Sánchez: Le tribunus voluptatum, un fonctionnaire au service du plaisir populaire. In: Antiquité Tardive. Band 15, Nr. 1, Januar 2007, S. 89–98, hier S. 92, 93.
Das Amt ist erst für das 5. Jahrhundert nachgewiesen, könnte aber auch schon früher geschaffen worden sein. M. E. Cosenza nahm 1905 noch ohne nähere Begründung an, das Amt sei wie viele andere schon von Konstantin dem Großen im 4. Jahrhundert begründet worden.M. E. Cosenza: Official Positions after the Time of Constantine. Lancaster, Pa. 1905, S. 42–43. André Chastagnol argumentierte hingegen, dass die Nichterwähnung des Amtes in dem Amtsverzeichnis Notitia dignitatum (425–433) für eine spätere Entstehung (nach 428/430) spreche.André Chastagnol: La prefecture urbaine d’Rome sous le Bas-Empire. Paris 1960, S. 5, 265 f., 280.
mini|Überreste des Amphitheaters von Karthago
Allerdings stammt das früheste der erhaltenen Gesetze an einen tribunus voluptatum, den vir clarissimus Diogenianus, der in Karthago amtierte, bereits aus dem Jahr 414. Darin fordert der weströmische Kaiser Honorius Diogenianus auf, die offenbar zwischenzeitlich entlassenen (weiblichen) Mimenschauspielerinnen (mimae) wieder zu den Spielen zuzulassen, um für den gewohnten „Schmuck“ zu sorgen. Das Gesetz wurde Anfang des Jahres 414 in Ravenna von Honorius gegeben, aber erst ein Jahr später in Karthago an Diogenianus zugestellt.Codex Theodosianus 15,7,13. Vielleicht, so glaubt Richard Lim, ist das Amt um diese Zeit in Karthago entstanden. Hintergrund war nach Lim eine seit dem Ende des 4. Jahrhunderts wachsende Knappheit an Schauspielern und Schauspielerinnen, die sich aus einem Verbot für getaufte Christen ergab, sich als Schauspieler (scaenici) zu betätigen. Nimmt man das Gesetz des Honorius als Ausgangspunkt für das Amt des tribunus voluptatum, wäre es zum Erhalt der einfachen Freuden des Volkes ins Leben gerufen worden, speziell auch derjenigen der römischen und italienischen Flüchtlinge, die vor den westgotischen Truppen Alarichs, der Rom 410 hatte plündern lassen, nach Karthago geflüchtet waren und nun ihre gewohnten Spiele in gewohnter hoher Frequenz auch in Karthago einforderten.Richard Lim: The “Tribunus Voluptatum” in the Later Roman Empire. In: Memoirs of the American Academy in Rome. Band 41, 1996, S. 163–173, hier S. 165–168.
Allerdings bleibt Lims Vermutung eine Spekulation.Alexander Puk: Das römische Spielewesen in der Spätantike. Walter de Gruyter, Berlin/München/Boston 2014, S. 109. Juan Antonio Jiménez Sánchez glaubt dagegen, bei dem in Karthago eingesetzten Diogenianus habe es sich um einen Beamten aus Rom gehandelt, der speziell für den genannten Zweck als eine Art Sonderbeauftragter vom Kaiser nach Karthago geschickt worden sei. Der Hintergrund für die Schaffung des Amtes sei in der Krise des Weströmischen Reiches zu suchen (u. a. Usurpation Konstantins III. 407–411, Einfall der Westgoten in Italien). In dieser Situation habe Honorius auf eine Wiederherstellung der Spiele gedrungen, insbesondere der im Vergleich recht billigen Theaterspiele (ludi scaenici), um das Volk ruhigzustellen. Um die dafür nötigen Schauspieler und Schauspielerinnen zusammenzubekommen, die durch das christliche Verbot des Schauspielens dezimiert worden waren, habe Honorius das Amt des tribunus voluptatum geschaffen. Dies sei als Teil von Honorius’ Bemühen zu sehen, die ursprünglich heidnischen Spiele unter christlichen Vorzeichen weiter betreiben zu können. Da seit dem Ende des 4. Jahrhunderts nur noch Christen Beamte werden konnten, war mit dem tribunus nun ein Christ für die Ausrichtung und Überwachung der Theaterspiele zuständig.Juan Antonio Jiménez Sánchez: Le tribunus voluptatum, un fonctionnaire au service du plaisir populaire. In: Antiquité Tardive. Band 15, Nr. 1, Januar 2007, S. 89–98, hier S. 92.
Italien im 6. Jahrhundert
mini|Münzporträt des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen