mini|Die Kirche St-Genest in Lavardin (erbaut zwischen 1040 und 1100) Die römisch-katholische Kirche Saint-Genest ist eine Pfarrkirche in der Gemeinde Lavardin im französischen Département Loir-et-Cher. Die in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts erbaute Kirche besitzt als besondere Merkmale einen Portalturm und romanische bzw. gotische Fresken aus dem 12. bis zum 15. Jahrhundert. Die Kirche ist seit 1862 als Monument historique eingestuft.
Genaue Lage Die Kirche liegt im Zentrum von Lavardin nahe der Kreuzung der Grand Rue mit der Rue de la Barrière und der Rue Pied de Mai.
Geschichte Die Kirche Saint-Genest präsentiert sich als homogenes Bauwerk des 11. Jahrhunderts und ist als Kirche eines Priorats der Abtei von Vendôme zwischen 1040 und 1100 erbaut worden. Dabei ersetzte sie eine Vorgängerkirche aus der merowingischen oder karolingischen Zeit, von der an der nördlichen Außenmauer mehrere Skulpturen, darunter eine Schlange oder ein Drache, in den Neubau integriert wurden. Sie ist besonders gekennzeichnet durch ihren Portalturm, der integraler Bestandteil des ursprünglichen Bauplans ist und von den Seitenschiffen eingefasst wird. Die Kirche ist aus gleichmäßig behauenen Steinen errichtet, außer an der Basis der Apsidiole des nördlichen und am Westende des südlichen Seitenschiffs, wo kleine Feldsteine verwendet wurden.
Im späten 12. Jahrhundert wurde zunächst die Nordseite des Chors mit Wandmalereien ausgestattet, später folgten im 13. Jahrhundert die Chorsüdwand, das Gewölbe und die Apsis. Das südliche Seitenschiff, dessen Apsidiole in gotischer Zeit erneuert wurde, wurde im 15. Jahrhundert ausgemalt und schließlich wurden im 16. Jahrhundert noch die Pfeiler des Hauptschiffs mit Fresken von Heiligenfiguren verziert. Im Jahr 1590 wurde das Oberteil des Portalturms beim Angriff von Truppen Heinrichs IV. auf das Schloss von Lavardin zerstört. Im 17. Jahrhundert wurden alle älteren Fresken mit bis zu fünf Kalkschichten übertüncht und erst 1910 von Pfarrer E. Pilté komplett wiederentdeckt und beschrieben. Trotz eines alarmierenden Zustandsbericht von 1858 und ihrer Aufnahme in die Liste der Monuments historiques 1862 war die Kirche im Jahr 1880 in einem so schlechten baulichen Zustand, dass ihr Einsturz drohte. Trotzdem wurden bis 1900 nur einige Stützen verstärkt. Erst ab 1960 erfolgte die Unterfangung des Chors und die Stärkung seines Tonnengewölbes durch eine Betonklammer. 1973 wurden die Fresken konserviert, 2021 wurde das Kirchendach renoviert und 2022 wurden Arbeiten am Glockenturm und zur Beseitigung von Rissen im südlichen Seitenschiff durchgeführt.
Architektur mini|Innenansicht von St-Genest, Blickrichtung Westen Der romanische Grundriss der Kirche besteht aus einem hohen Haupt- und zwei niedrigeren Seitenschiffen, die jeweils in einer Apsis enden. Diejenige des nördlichen Seitenschiffs endet im ursprünglichen Halbrund und einer Halbkuppel, die des südlichen wurde während der Gotik so verändert, dass sie nun mit einer flachen Stirnwand endet. Das gesamte Gebäude ist aus gleichmäßigen Quadern errichtet, mit Ausnahme des unteren Teils der Zentralapsis. Alexandre de Salies vermutete in dem kleinteiligen Mauerwerk der Apsis, das sich deutlich von dem des übrigen Bauwerks abhebt, Reste des merowingischen Vorgängerbaus.
Im Westen bildet die Basis des Portalturms ein tonnengewölbtes Quadrat von 5 × 5 Metern, südlich davon befindet sich in einem rechteckigen Raum am Ende des Seitenschiffs die aus dem 14. Jahrhundert stammende Treppe zu einer über dem Quadrat liegenden Kapelle im ersten Obergeschoss. Die weist eine Kalotte auf, welche eine Kuppel imitieren soll, sowie zwei vermauerte Öffnungen, die zum Kirchenschiff hin orientiert sind. Zwischen diese ist der Altar platziert. Das Doppelfenster nach Westen hin erleuchtet die Kapelle heute noch. Die Funktion dieser Kapelle ist unbekannt: Wahrscheinlich diente sie der Aufnahme der Hostien während der Kartage und zu einem in karolingischer Zeit üblich gewordenen Art Mysterienspiel des Besuchs der Frauen am Grab Christi, das durch die beiden heute vermauerten Fenster von Kirchenschiff aus verfolgt werden konnte.
Haupt- und Seitenschiffe werden durch zwei Arkaden aus viereckigen Pfeilern mit je fünf Rundbögen voneinander getrennt. Alle drei Schiffe sind mit getäfelten Decken versehen. Ein Querhaus fehlt, und der Chor mit seinem Tonnengewölbe ist gegenüber dem Hauptschiff erniedrigt. Die nochmals niedrigere Zentralapsis weist ein Gewölbe auf und wird von drei Fenstern erhellt, von denen das mittlere lange Zeit vermauert war. Auf beiden Seiten steht der Chor mit den Apsidiolen der Seitenschiffe durch jeweils einen doppelten Rundbogen mit einer gedrungenen, runden Mittelsäule in Verbindung. Die gleiche Massivität der Säulen findet sich auch am Triumphbogen am Übergang vom Chor zum Hauptschiff und ebenso am Übergang vom Chor zur Apsis.
Schmuckelemente der Kirche Wandmalereien Die umfangreichen erhaltenen Wandmalereien sind in drei unterschiedliche zeitliche Gruppen einzuordnen:
Ende des 12. Jahrhunderts: Die beiden ältesten Malereien in St-Genest finden sich rechts am Übergang vom nördlichen Seitenschiff in die entsprechende Apsidiole. Es handelt sich um: den Stammbaum Jesse. Auf dem in Freskotechnik verfertigten Gemälde erheben sich aus dem schlafenden Jesse zwei kunstvolle Ranken, zwischen denen übereinander König David und die Jungfrau Maria thronen. Die Darstellung orientiert sich eng an den illustrierten Psaltern unter Philipp II. die Taufe Jesu: In Freskotechnik auf Kalkmilch ausgeführt, sieht man Jesus nackt in den Wellen des Jordan, die Taube des Heiligen Geists über seinem Kopf, während er vom links stehenden Johannes getauft wird. Rechts steht ein Engel mit einem Tuch zum Abtrocknen bereit. Die Art der Darstellung erinnert an anglo-normannische Buchmalerei, v. a. den Albani-Psalter.
Ende des 13. Jahrhunderts: An der Nordwand des Chors ist die Fußwaschung der Apostel abgebildet, die in langer Reihe warten. Jesus ist ganz rechts mit dem Ersten der Apostel zu sehen. Das gesamte Gewölbe des Chors ist in sechs Reihen von je sieben Feldern aufgeteilt, die rot bzw. ocker grundiert sind. In den Feldern sind abwechselnd Heiligenfiguren oder musizierende Engel zu sehen. Die Südwand des Chors zeigt von rechts nach links Szenen der Passion Jesu. Zunächst ist der Kuss des Judas zu sehen, während Jesus bereits von Soldaten umringt ist. Dann folgen die Geißelung und der Kreuzweg Jesu, auf welchem er seiner Mutter begegnet, die durch einen roten Heiligenschein gekennzeichnet ist. An der Nordwand des südlichen Seitenschiffs ist in mehreren Feldern das Jüngste Gericht zu sehen. Rechts unten wägt der Erzengel Michael die Seelen auf einer Schalenwaage, links davon führen zwei Dämonen eine lange Reihe von Figuren in Richtung Hölle. Darüber geleitet ein Engel fünf Auserwählte in Richtung Paradies, wo der erste von Petrus per Handschlag empfangen wird.
Ende 15. / Anfang 16. Jahrhundert: Aus dieser Zeit stammen die in Temperatechnik auf dünnem Putz ausgeführten Malereien an den verschiedenen Flächen der Pfeiler des Hauptschiffs. Diese werden vom Eingang der Kirche her im Gegenuhrzeigersinn beschrieben. Auf dem 1. Pfeiler der Südseite vom Eingang her sind folgende Darstellungen zu sehen: An der Westseite der hl. Dionysius von Paris im goldenen und roten Bischofsgewand, der seinen abgetrennten Kopf in den Händen trägt, an der Nordseite der hl. Ambrosius von Mailand, ebenfalls als Bischof gekleidet, der in der Linken seinen Bischofsstab hält und mit der Rechten einen Zipfel seines weiten Mantels, sowie an der Ostseite der hl. Jakobus der Ältere in der Kleidung eines Apostels mit einem Brotbeutel, der von seinem linken Arm hängt, nackten Füßen, Buch und Schwert. Zu seinen Füßen kniet links ein als Jakobspilger nach Santiago de Compostela gekleidete Person mit Pilgerstab auf der Schulter. Auf dem 2. Pfeiler der Südseite erkennt man an im Westen den hl. Johannes Evangelist als jüngsten und daher bartlosen Apostel mit langen blonden Haaren, dessen Mantel auf der Brust von einer goldenen Agraffe zusammengehalten wird. Er hält in der Linken einen goldenen Kelch, aus dem er der Legende nach Gift getrunken haben soll, ohne dass es ihm schadete. An der Nordseite dieses Pfeilers sind zwei Heilige abgebildet, links der hl. Liborius im Ornat als Bischof von Le Mans und rechts der Patron der Kirche, der hl. Genesius, Märtyrer in Rom. Letzterer trägt eine runde Mütze auf einer gepflegten Frisur und in der Linken ein Buch, was auf sein Vorleben als Schauspieler anspielt. Der 3. Pfeiler von hinten zeigt auf seiner Westseite ebenfalls zwei Heilige, links den hl. Theobald von Provins und rechts den hl. Maurus. Theobald ist als Pilger in einem kurzen Mantel mit langen Haaren und den Schuhen eines Bauern abgebildet, auf der rechten Hand einen Vogel als Begleiter auf seinen langen, einsamen Pilgerfahrten. Maurus weist die ausgeprägte Tonsur eines benediktinischen Mönchs auf und trägt in der Rechten einen Abtsstab. An der Nordseite finden sich die Abbildungen zweier weiterer Heiliger. Die links stehende Person trägt einen blonden Bart, ist in einen grauen Mantel mit Kapuze gekleidet und hält ein aufgeschlagenes Buch in den Händen. Wahrscheinlich handelt es sich um den hl. Eremiten Godon. Die rechts stehende Person, ebenfalls mit blondem Bart, ist auch in einen grauen Mantel gekleidet, trägt ein geschlossenes, schwarzes Buch unter dem linken Arm und einen Rosenkranz mit sehr großen Perlen in der rechten Hand. Auf der Westseite des 4. südlichen Pfeilers von hinten überlagern sich mehrere Bemalungsschichten. Rechts unten erkennt man den hl. Arnulf von Yvelines, der als Bischof in Vendôme ein Kind wieder zum Leben erweckt haben soll. Der darunter erscheinende Heilige mit dunklen Zügen und Nimbus ist nicht sicher zu deuten. Die Abbildung an der Nordseite zeigt den hl. Antonius den Großen als Eremiten mit wildem, rotem Bart, Stock und einem aufgeschlagenen Buch. Beiderseits des Kopfes des Heiligen hängen an Nägeln zwei Füße, Zeichen, dass man den Heiligen als Schutzpatron gegen das „Antoniusfeuer“ (Ergotismus) anrief. Der 1. Pfeiler der Nordseite vom Chor her gezählt zeigt auf seiner Westseite eine nicht zu deutende Büste einer gekrönten Königin, an der Südseite zwei Szenen aus dem Leben des hl. Petrus. Diese stammen aus derselben Zeit wie die Bemalung des Chors. Unten löst ein Engel die Ketten Petri und befreit ihn aus dem Gefängnis, oben ist seine Kreuzigung dargestellt, die nach seinem Wunsch mit dem Kopf nach unten erfolgte. An der Westseite des 2. nördlichen Pfeilers zeigt die Malerei die legendäre Messe des heiligen Papstes Gregor des Großen. Während er im unteren Teil am Altar der Kirche Santa Croce in Gerusalemme in Rom die Messe zelebriert, erscheint ihm in einer Vision darüber der vom Kreuz abgenommene Leichnam Christi. Dessen Beine ragen vom Schoss Mariens in Richtung des Altars. Die Westseite des 3. nördlichen Pfeilers vom Chor her zeigt die hl. Barbara in einem kostbaren Mantel vor einem Zinnenturm abgebildet. Das Bildnis ist von einem zierlichen Rahmen mit Vierblättern und Dreiblättern umgeben. An der Südseite befindet sich die Abbildung der hl. Emerentiana, einer frühchristlichen Märtyrerin und Schutzpatronin für eine gute Ernte. Am westlichsten Pfeiler der Nordseite ist an der Westseite die stillende Jungfrau Maria in einem Kleid mit dunkelroten Streifen und hellerem Mantel zu sehen. Die Südseite zeigt die Steinigung des hl. Stephanus, der wie ein Mönch gekleidet ist. Neben seinem Kopf sieht man die Türme Jerusalems, das wie eine mittelalterliche Stadt wiedergegeben ist. Der rechte der Täter ist mit Hose, Schuhen und Barett ganz in der Mode zur Zeit Franz I. gekleidet.
Skulpturen der Außenwände